Ganz ruhig, Sixie.
Ich zucke zusammen. Niemand nennt mich so. Niemand außer ihm.
Ich schlage die Augen auf. Wo zum Teufel bin ich? Ein Schrank, ein Fernseher, ein Bett, dessen linke Seite ich gerade besetze. Ich schlafe immer auf der linken Seite. Egal, in wessen Bett. Durch graue Jalousien fällt das Licht einer fahlen Wintersonne, die sich schon längst hätte verpissen müssen. Kein Wunder, dass man zur Alkoholikerin wird, wenn der Frühling und die Liebe so lange auf sich warten lassen. Mit einem pelzigen Geschmack auf der Zunge drehe ich mich auf die Seite und greife dankbar nach dem Wasserglas, das auf dem fremden Nachttisch steht. Wer auch immer das dahin gestellt hat, war ein weiser Mensch. Ein weiser Mann, nehme ich mal an. Nehme meinen Mut zusammen und drehe mich nach rechts.
Verdammte Scheiße, das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich glaube, ich habe das laut gesagt, so schockiert bin ich. Und jetzt habe ich ihn geweckt. Scheiße. Nur für Sekundenbruchteile starre ich in spöttische braune Augen, dann komme ich in Bewegung. Völlig nüchtern springe ich auf (Aua! Wo kommen all die blauen Flecken her? Keine Zeit für Fragen, nicht mal für vorwurfsvolle Blicke), kontrolliere flüchtig, ob er nackt ist (ist er), ob ich nackt bin (bin ich nicht), wie spät es ist und - oh Gott, meine Handtasche! Wo ich die wohl angebaut habe? Egal, ich muss weg hier. Hektisch suche ich nach meinen Kleidern, will aufspringen, da schießt seine Hand vor und hält mich fest. Zieht mich zurück aufs Bett.
"Ganz ruhig, Sixie."
Ich zucke zusammen. Niemand nennt mich so. Niemand außer ihm.
Ich hole tief Luft: "Was zum Teufel mache ich hier?"
Er lacht.
"Wie komme ich überhaupt hierher? Und wo kommst du überhaupt her?"
"Na hör mal, ich wohne hier. Hergekommen sind wir mit dem Fahrrad. Weil du unbedingt wolltest."
Punkt eins leuchtet mir ein, an Punkt zwei kann ich mich undeutlich erinnern, unter anderem, dass wir mit besagtem Fahrrad einen kleineren Unfall hatten, daher die blauen Flecken. Punkt drei ist ausgeschlossen.
"Ich wollte ganz sicher nicht mit dir hierher."
Das geht ihm gegen den Strich, dem Mann mit dem größten Ego, das ich je zu spüren gekriegt habe. Dem Mann, der, als ich mit ihm Schluss gemacht hatte, gemeint hatte: "Wenn dich jemand fragt, könntest du dann bitte sagen, ich hätte dich abgesägt?" Jetzt schmollt er.
"Sag mal, wo ist eigentlich deine Freundin? Ich dachte, ihr wohnt zusammen?"
"Ausgezogen. Schon lange."
"A propos ausziehen. Könntest du dir bitte was überwerfen?"
Er lacht wieder. Ich fluche.
Verdammt. Ich mache ihn scharf. Er war schon immer gut darin, im begehrlichen Blicken, hartnäckigen Jagen und sinnlichen Erlegen. Ein Mann, der einer Frau das Gefühl gibt, die Einzige zu sein, die ihn interessiert. Der all die Dinge macht, von denen Frauen romantische Träume hegen, die sie nach zig Betamännchen begraben. Ein Mann, der nachts vor der Tür wartet, um seine Angebetete zu sehen, der einem Rosen schenkt, der eine Frau beschützt, nach Hause begleitet, verführt und ihr nicht nachläuft wie ein Hund, sondern sie erobert wie ein Held. Ein Mann, der einen nach einer langen Nacht um sechs Uhr morgens auf seinen starken Armen nach Hause trägt, weil die Füße so schmerzen von den Stöckelschuhen. Ich erinnere mich, dass er küssen kann wie ein Weltmeister.
"Wo wir schon mal da sind, auch wenn wir beide nicht mehr wissen, wie genau das passieren konnte..."
"...was? Können wir auch Sex haben, meinst du?"
Er lacht wieder. "Ja. Eigentlich schon."
Auf dem Nachhauseweg muss ich an den Abend zuvor denken. Ich erinnere mich an vieles, außer daran, wie ich ausgerechnet an ihn geraten konnte. Sixie. Ich erinnere mich an den Übermut. An den Rausch. An freche Küsse mit einem kleinen blonden Scherzkeks. An bewundernde Blicke und geschwollene Worte von einem glutäugigen Adonis. An einen harmlosen Flirt mit einem Kumpel.
An die Hoffnung, dich zu treffen. Durch den strömenden Regen die fahlen Umrisse deiner Flügel an der nächsten Straßenecke auszumachen. Wie viele Andere muss ich denn noch küssen? Ich bin es unendlich leid. Den Regen, die Kälte, die Männer. Dir beweisen zu müssen, dass ich das auch kann. So wie du sein. Ich bin müde. Mir ist kalt.
Ich will nach Hause. Lass mich rein.




Kommentare
ich hab grad tränen in den augen?
13.05.2008, 18:37 von kekskrumenheeeey, DAS gefällt mir sehr sehr gut =) empfehlung. punkt.
07.05.2008, 18:02 von salzstange.danke für das viele lob :)
23.04.2008, 08:49 von misspringleWunderschön. Einfach wunderschön.
23.04.2008, 01:20 von das_schokodil