Miss-Aufziehvogel 17.11.2006, 12:11 Uhr 3 3

further down the spiral

Ich habe Angst. Angststörung nannte die Therapeutin das. In der Klinik, in der wir Psychos saßen und versuchten, unser Leben wieder gerade zu biegen

“Toll”, dachte ich, “die gesellt sich ja gut zu den Depressionen, die sie mir schon bescheinigt hat.”
Und die beiden waren wirklich ein gutes Team. Schwächelte ein Part, konnte man sicher sein, dass er vom anderen inspiriert wurde und neue Blüten trieb. Ein neues Objekt, auf das sich die Angst fixieren kann, ist leicht gefunden, und dass das nächste Loch, in das man über seine Ängste stürzen kann, nicht weit ist, ist wohl kaum weiter erwähnenswert.

Aber das war später. Die Diagnose machte manches erträglicher, denn Dinge, die einen Namen haben, sind leichter zu bekämpfen. Und auch leichter zu akzeptieren. Es heißt, dass es da noch mehr Menschen gibt, die sich so dämlich verhalten wie man selbst. Man ist also nicht der einzige, der ohne Anlass zusammenschreckt, sich umdreht und einfach rennt. Der schreit und heult, während die Menschen umher verdutzt schauen und in ihrer Hilflosigkeit die Welt nicht mehr verstehen.
Es gibt einen Namen. Namen kann man festhalten. Sie geben Sicherheit. Und selbst wenn dieser Name heißt, dass ein großer Stempel auf der Stirn prangt, ein Stempel mit der Aufschrift “Psychisch krank”, klammert man sich fest an ihm, denn er ist ein Anker in einem Meer aus Angst, Angst vor der Angst, Angst davor, was um Himmels Willen mit einem los ist.

Als die ersten Zusammenbrüche kamen, war ich sicher, verrückt zu werden. Es gab keinen Anlass, auf einmal brach die Welt weg, es war nichts mehr da. Nur das Gefühl, zu fallen. Und eine alles umfassende Angst. Eine Angst, die sagte “du stirbst jetzt”. Der zugeschnürte Hals, das hämmernde Herz. Atmen wurde zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe, gierig zog ich die Luft ein in viel zu kurzen, viel zu schnellen Atemzügen. Und dann kamen die Tränen, unaufhaltbare Sturzbäche, an denen ich mich immer wieder verschluckte, die hysterischer wurden mit jedem Schluchzer. Und immer tiefer drehte sich die Spirale, immer höher türmte sich die Welt und das Wissen, ihr nicht gewachsen zu sein. Nichts wert zu sein, nichts zu können. VERSAGER schrie es in mir, immer wieder, immer lauter, in grellen Buchstaben. Und ich konnte nichts mehr sehen, nichts verstehen. Es gab keine Welt mehr. Nur noch die Verzweiflung, diese nackte Angst, die Kälte, die alles zittern ließ.
Mitunter dauerte es über zehn Minuten, bis ich wahrnahm, dass mich jemand ansprach. Dass ich wahrnahm, dass da jemand war, der versuchte, mich zurückzuholen, mir meine Welt wiederzugeben.
Es waren unendlich scheinende Zeitspannen, bis das Schluchzen verebbte, der Atem ruhiger wurde. Und nur dieses Gefühl des Ausgebranntseins zurückließ, diese trockene Verzweiflung, die keine Worte und keine Tränen kannte.
Der Gang zum Psychiater und die kleinen, wundersamen Pillen, die versprachen, dass diese Zustände aufhörten.
Und das mir. Psychopillen. Antidepressiva, mit angsthemmender Wirkung. Ich hatte dieses Zeug immer verteufelt, es abgelehnt, denn zu groß schien mir der Eingriff in die Persönlichkeit, die Gefahr, die die Nebenwirkungen mit sich bringen.
Und nun war ich in einer Situation, in der dieser Eingriff in meine Persönlichkeit der einzige Weg war, der mir eine Chance gab, zu überleben. Mir nicht in einem Angstanfall das Leben zu nehmen.
Und sie wirkten tatsächlich. Die Angst blieb, die Verzweiflung, aber ich bekam Boden unter den Füßen. Sie gaben mir die Perspektive, dieser Angst vielleicht begegnen zu können.
Aber damit kam auch die Müdigkeit. Diese bleierne Schwere, die meinen Körper überfiel und dazu führte, dass ich an manchen Tagen 20 Stunden schlief. Vielleicht glaubte auch einfach ein Teil von mir, mich so vor mir schützen zu können. Auch wenn es oft genug geschah, dass ich panisch aus Albträumen aufschreckte und in lähmender Angst liegen blieb und versuchte, den Weg aus der Traumwelt zu finden.

Es folgten acht Wochen in einer psychosomatischen Klinik. Acht Wochen, in denen ich sehen durfte, dass es anderen ebenso geht, dass ich kein Monster bin. Dass ich vielleicht gestört, aber trotzdem ein Mensch bin. Eine Zeit, in der ich mich ein bisschen besser verstehen lernte, in der mir Wege gezeigt wurden, trotz und mit der Angst zu leben. Acht Wochen, in denen ich mein Lachen wieder fand. Und lernte, auch über die Angst zu lachen. Ihr einen etwas normaleren Stellenwert in meinem Leben zuzuweisen.

Ich habe einen Weg zurück ins Leben gefunden. In eine Form von Normalität. Ich bin wieder ausgezogen daheim. Ich gehe wieder in die Uni. Ich habe sogar die Tabletten abgesetzt.
Ohne Angst werde ich vielleicht nie leben. Es gibt immer Tage, an denen ich die Augen aufmache und die Panik sitzt da, an meinem Bett und schlägt mir mitten ins Gesicht. Dann fängt die Spirale wieder an, sich zu drehen, abwärts. Und ich falle wieder, weine und schwitze und friere und hyperventiliere. Aber im Hinterkopf sitzt jetzt eine Stimme, die weiß, dass es aufhören wird. Dass es nur ein Moment ist.
Es schränkt ein, natürlich. Ich vermeide es, Samstags einkaufen zu gehen. Wenn ich auf ein Konzert gehe, stehe ich möglichst hinten, damit mir niemand zu nah kommt. Ich mag es nicht, wenn ich on Fremden umzingelt bin. Ich brauche das Gefühl, atmen zu können. Ich fürchte mich vor Menschen.

Aber trotzdem führe ich ein fast normales Leben. Und was heißt schon normal? Und doch, wenn ich Menschen erzähle, dass ich krank bin, dass ich mich manchmal vielleicht etwas seltsam verhalte, können sie damit nicht umgehen. Gehen auf Abstand, wollen es nicht hören. Nichts damit zu tun haben.
Und dann möchte ich schreien. Denn ich stecke niemanden an. Ich bin keine Zeitbombe, die jeden Augenblick explodiert. Ich werde nicht gleich vor deinen Augen völlig durchdrehen und mich in ein Ungeheuer verwandeln. Ich bin vielleicht ein bisschen trauriger, ein bisschen schreckhafter. Ein bisschen seltsamer.
Und doch, eigentlich bin ich doch wie du. Ich will einfach nur leben.

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Kommentare

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    @odradek: einige, ja. Bloß nichts davon wissen wollen, alles ausblenden.
    Aber nicht alle und die Menschen, die mir wirklich nahe stehen, haben eine Art gefunden, damit umzugehen. Und sind erleichtert, wieviel besser es mir seit dem Klinikaufenthalt geht.

    @parademaedchen: klar ist das nicht einfach. Ich kenne das auch aus der "Freund-Perspektive" und obwohl ich es ja von mir selbst kenne, ist es schwer, damit umzugehen. Umso wertvoller ist die Bereitschaft dazu.
    Und ich bin unendlich dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die das mit mir aushalten.

    09.02.2007, 16:02 von Miss-Aufziehvogel
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    Es ist aber auch verdammt schwierig, mit Menschen zu leben, die schwere Ängste haben. Das kann einen ziemlich fertig machen und runterziehen.Man merkt, dass es der Person, die man so sehr liebt,verdammt scheiße geht. Aber hey: wenn man die Person echt liebt, geht das. Das größte, was ich gelernt habe, ist: ich bin kein arzt, kein psychiater und auch kein Engel.

    ich hoffe für dich, dass sich die einstellung zu dem satz "ich will einfach nur leben" nicht ändert.
    lg

    09.02.2007, 14:55 von parademaedchen
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    Kenn ich, bis auf die Psychatrie habe ich das alles auch schon durch.

    Aber: Haben deine Bekannten wirklich so reagiert?! Bei meinen hatte ich eher das Gefühl, sie waren erleichtert, weil sie endlich eine Erklärung hatten, warum ich minutenlang stocksteif dasaß und schließlich plötzlich aus der Kneipe gerannt bin.

    08.02.2007, 21:45 von odradek
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