0816 10.04.2012, 22:20 Uhr 61 94

Für den Ersten von uns

Wie sehr ich dich gehasst und dir den Tod gewünscht habe.

Qualvoll sollte er sein, blutig, gnadenlos und sich in die Länge ziehen. Die Leute sollten sich fragen, warum du hattest sterben müssen, nur um dann zu entdecken, dass dein Tod berechtigt gewesen war. Zumindest in meinen Gedanken, in denen ich manchmal aus Wut und Verzweiflung Amok lief. Du warst einer der Gründe, eins meiner liebsten Opfer.

Das ist nun mehr als zehn Jahre her. Damals gingen wir noch in eine Klasse und waren für einander bestimmt. Bestimmt, uns nicht auszustehen. Ich mit meinen zwei geflochtenen Zöpfen und meiner altmodischen Kleidung. Ich, eine zweite Hermine Granger, besserwisserisch, zickig, mit einer großen Klappe, immer bereit mich und mein Klugscheißerwissen zu beweisen und es jedem unter die Nase zu reiben. Vor allem dir und den anderen coolen Jungs aus unserer Klasse. Du mit deinen Fishbone-Klamotten, Baggy Hosen und hochgegelten Haaren. Mit deinen blöden Sprüchen und deiner Scheiß-egal-Einstellung.

Ich weiß nicht mehr, wie es passiert war. Es muss wohl Momente geben, die über die Hackordnung in einer Klasse entscheiden. An ihn kann ich mich nicht mehr erinnern, nur daran, dass ich den Status einer Außenseiterin hatte und du den des coolen, aber nicht wirklich ernstzunehmenden Jungen.

Wir haben uns gegenseitig fertig gemacht. Beleidigt, beschimpft, bloß gestellt und im Nachhinein weiß ich, dass es Mobbing war. Damals war ich einfach nur unglaublich sauer und verletzt. Dir habe ich es allerdings nie gezeigt. Zuhause habe ich geheult und am nächsten Tag dann versucht es dir auf meine Art und Weise heimzuzahlen.

Nach drei oder vier Jahren des gegenseitigen Quälens bist du dann endlich sitzen geblieben. Wie ich mich gefreut habe und das alles als gerechte Strafe empfand. Als ich am ersten Tag nach den Sommerferien in die Klasse kam, konnte ich es kaum glauben. Danach bist du irgendwie aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ich traf dich noch auf dem Schulhof oder auf den Fluren, aber dein Sitzenbleiben hatte unser Verhältnis auf den Kopf gestellt und deine Sprüche prallten an mir ab. Wir beide wussten, wer nun der wirkliche Außenseiter war.

Jetzt habe ich erfahren, dass mein Wunsch von damals in Erfüllung gegangen ist. Du bist tot. Vor einigen Wochen hast du dir das Leben genommen. Ein großes Messer sollst du dir in dein armes Herz gerammt haben. Wie symbolträchtig und entschlossen. Als ob du mit dieser letzten Handlung zeigen wolltest, wie sehr du dir weh tun wolltest und gleichzeitig wie sehr es weh tat – dein Herz.

Ich fühle mich nicht schuldig, dir den Tod gewünscht zu haben, denn meine Gedanken und meine Wut waren damals berechtigt. 

Aber ich schäle mich aus der Haut einer 13–Jährigen und sehe plötzlich die vielen Male, die du dich im Unterricht selbst verletzt hast. Wir empfanden das damals als ekelig, als Provokation und irgendwann nur noch als nervig, wenn du mit dem spitzen Ende des Zirkels Löcher in deine Arme und Oberschenkel bohrtest. Ich höre auf einmal auch, dass deine Eltern in einem dreckigen Scheidungskrieg steckten und beide angeblich nur noch über ihre Anwälte miteinander redeten. Ich sehe dich im Unterricht und in den Pausen und entdecke deine verzweifelte Suche nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Ich sehe die Enttäuschung, die dir ins Gesicht geschrieben stand, als du von der Klassenfahrt ausgeschlossen wurdest und nicht mehr meine Schadenfreude.

Ich weiß jetzt auch, dass Kinder nicht ohne Grund zu Peinigern werden. Aus dem Gequälten wurde ein Quäler und letztendlich wieder ein Gequälter. So schließt sich der verdammte Kreis. Und ich frage mich, was in dir vorgegangen sein muss, dass du nur noch die Kraft und Entschlossenheit hattest dir dieses riesige Messer in dein Herz zu rammen. Was hat dich so verzweifeln lassen, dass du nicht mehr um Hilfe hast bitten können. Wahrscheinlich hast du so viel öfter darum gebeten, nur dass es niemand verstanden hat. Schon damals nicht.

Und nun weine ich leise Tränen um den Ersten von uns. Frage mich, ob ich überhaupt um dich trauern darf, da ich dich doch eigentlich kaum gekannt habe. Weder damals, noch heute.

Nächsten Monat hast du Geburtstag, auch das fällt mir auf einmal wieder ein. Genau wie die Tatsache, dass ich dich eigentlich ganz am Anfang – vor meinen Amokläufen – mochte, deine blonden Haare und deine kratzige Stimme. Aber dieses Jahr wird es nichts zu feiern geben.

Was bleibt und mich und die Zeit überdauert wird, sind dein ewig junges Ich und die Geheimnisse deiner geschundenen Seele, die du mitgenommen hast.  

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61 Antworten

Kommentare

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    wow...


    06.05.2012, 20:31 von Adam76
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    ich finds riesig! hat mich zum nachdenken gebracht!

    06.05.2012, 12:23 von dieFee
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    krass...sehr berührend

    15.04.2012, 18:19 von FinchenMagLachen
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    irgendwie ergreifend...

    13.04.2012, 17:01 von instead-of
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    ganzganz echt. und ich denke das ist das wichtigste. 

    13.04.2012, 10:57 von bunteschaos
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    die nackte Wahrheit... traurig und schön..

    12.04.2012, 20:50 von MissErfolg
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    Jeder kennt wohl diese Situation. Wunderbare Geschichte, wenn auch traurig zu gleich!

    12.04.2012, 15:33 von nickilicious
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  • 1

    Ein sehr intensives Leseerlebnis. Ich überlege grad wie viele "Peiniger" auf meiner ehemaligen Schule wohl im alltagsfernen Leben einfach nur geschundene Seelen sind. 

    Ein guter Text.

    12.04.2012, 12:50 von kidcalledmalice
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