hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 37 33

Freund Blase

Eines Tages passierte etwas Unvorhergesehenes. In seinem Briefkasten fand er einen weißen Umschlag ohne Absender. „Für Elias“ stand darauf.

Jeden Morgen um sechs Uhr spielte Elias’ Wecker Musik. Es war eine gute Zeit um aufzustehen. Nicht für die meisten Menschen, aber für ihn schon. Er war ja nicht so normal wie die anderen, aber dafür konnte er nichts. Der Tag war um die Uhrzeit schon da und auch wieder nicht. Er war schon laut und trotzdem noch hinter den Fenstern. Er war in Bewegung, allerdings noch in Zeitlupe. Irgendwo da draußen bei Rot an einer Ampel stand er und es dampfte nur ein wenig heiße Luft aus seinem Auspuffrohr. Sein Wecker spielte immer die gleiche Melodie, seit Jahren. Sie war vom Werk aus so voreingestellt. Elias hatte nie daran gedacht, eine andere auszuwählen. Sie funktionierte und er hatte sich an sie gewöhnt. Sie störte ihn nicht. Sonst störte ihn alles. Es war eine Synthie-Version von Howard Carpendales „Hello Again“, mit so einer Art Gesang dazu. Es war der Song, den er wohl am häufigsten im Leben gehört hatte. Aber er kannte nur die ersten zehn Sekunden davon. Dann nämlich drückte er immer den Knopf. Einmal hatte er im Fernsehen einen Auftritt von Haui gesehen, wie ihn seine Fans nannten. Das war im Untertitel eingeblendet gewesen: Howard Carpendale – wird von seinen Fans Howie genannt.“ Aber Elias fand, dass er wie Gerard Depardieu aussah und hatte schnell umgeschaltet. Den Ton am Fernseher hatte er sowieso fast nie an, oder wenn dann nur ganz leise.

 

Das Beste an dieser morgendlichen Uhrzeit war, dass noch niemand etwas erwartete. Kein Amt rief an. Keine Rechnung wurde zugestellt. Im Haus standen alle später auf, er wohnte in einer gut bürgerlichen Gegend, hier arbeitete niemand vor Neun. Im Sommer öffnete er manchmal morgens das Fenster, wenn er mutig war. Vorher schaute er rechts und links die Straße runter und hinterließ dabei immer einen kleinen Fettfleck am Glas. Wenn die Luft rein war öffnete er den Sicherheitsverschluss und meistens hörte er ein paar Vögel zwitschern in der Platane vor dem Haus. Autos rauschten über den glatten Asphalt. Überhaupt war der glatte Asphalt einer der Hauptgründe gewesen, warum er hierhergezogen war. Nur wenn es geregnet hatte, war es laut. Dann zog er die Vorhänge zu. Generell waren ihm die meisten Dinge, die Menschen machten, entweder zu laut, zu hell oder sie rochen unangenehm. Dagegen hatte er ja aber seine Blase. Die lag zusammengelegt auf der Lehne seines alten Sofas, die Pumpe dafür direkt daneben. Da ihn nie jemand besuchte brauchte er die Blase auch nicht wegzuräumen. Früher, als er noch eine Putzfrau gehabt hatte, musste er das Ding immer verstecken, damit sie sie nicht anfasste und vielleicht sogar mit einem nach Zitrone riechenden Lappen sauber wischte. Einmal hatte die alte Frau die Blase natürlich doch gefunden und ihn gefragt, ob er sie irgendwie sexuell nutzen würde. Er hatte sich irgendwie raus geredet und der Frau später einen Brief geschrieben, dass sie nicht mehr kommen brauchte. Seitdem war es zwar immer ein wenig staubig in seiner Wohnung, aber dafür ruhiger in seinem Kopf.

 

Die Pumpe für die Blase war elektrisch, sie hatte früher zu einer großen Luftmatratze gehört. So eine, auf der Gäste schlafen konnten. Aber seit Elias beschlossen hatte, niemanden mehr hereinzulassen, war sie überflüssig geworden. Dabei war er eigentlich ein geselliges Kerlchen. Nur waren ihm die Menschen zu nah, wenn sie bei ihm in der Wohnung waren. Er musste dann ungeschriebenen Gesetzen folgen, solchen Gesetzen, die nie jemand machte und an die sich trotzdem alle hielten. So durfte man ja beispielsweise niemanden einfach vor die Tür setzen, weil er zu laut redete. Oder auch keinen raus schmeißen, der an den Fingernägeln pulte, während man sich über die aktuelle politische Lage unterhielt. Auch musste man immer nett sein zu Gästen, sie bewirten, fragen, ob alles okay war. Einzig und allein aus dem Grund, dass sie sich die Mühe gemacht hatten, vorbeizukommen. Wirklich sehr nett. Kommen vorbei, reden laut, pulen an sich herum und wollen auch noch Kuchen dafür oder Wein. So viel Dankbarkeit für Besucher konnte Elias nicht aufbringen, beim besten Willen nicht. Er verstand, dass das nicht nett war, aber es war ihm zu viel. Sie konnten ja nichts dafür, dass er so war. Aber er wollte auch niemanden mehr vor den Kopf stoßen, keinen Gast mehr hektisch in den Flur drücken und die Tür hinter ihm zuziehen mit einem Knall. Deshalb lud er einfach niemanden mehr ein und ging nicht zur Tür, wenn es klingelte. Manchmal verpasste er deshalb wichtige Pakete, neues Isolierband für seine Blase zum Beispiel oder bessere Ohrenstöpsel für die Nacht. Dafür war er jetzt bei einer Packstation um die Ecke angemeldet. Die klingelte nicht und fragte auch nicht, warum er so war. So sensibel, dass er an schlechten Tagen nicht mal eine Unterschrift für den Postboten hinbekam.

 

Immer wenn Elias doch mal raus musste, steckte er die Pumpe an den Strom, stülpte ihr Ventil in die Blase und innerhalb von drei Minuten war das Ding einsatzbereit. Oben zwei Löcher für die Augen, abgeklebt mit einer durchsichtigen, leicht getönten Folie. Unten gab es zwei Öffnungen für die Beine, rechts und links guckten die Arme raus. Die Löcher hatten alle jeweils einen engen Gummizug innen, der ihm das Blut abschnürte aber die Luft im Inneren hielt. Für den Gang zum Supermarkt reichte der Vorrat immer. Die Blase war nicht völlig dicht, er konnte hören, wenn jemand laut mit ihm redete. „OB SIE DIE TREUEHERZEN SAMMLEN“ fragte ihn die Kassiererin im Supermarkt immer so laut, dass alle den Kopf nach ihnen drehten. Sie musste es fragen, jedes Mal. Das schrieb der Verhaltenscodex der Kette so vor. Die Frage konnte er hören. Er schüttelte dann den Kopf in seiner Blase und sie guckte ihn ganz komisch an. Das stille Gerede der Leute in der Schlange hinter ihm hörte er nicht. Er kannte die Sprüche, er konnte sie durch das Latex hindurch spüren. Deshalb duschte er immer, wenn er von seinen Ausflügen wiederkam. Weil es warm war unter dem Latex, weil das Latex roch, aber auch wegen dem, was von den anderen an ihm hängen blieb. Er hatte sich daran gewöhnt, allein zu sein. Es war nicht schön, aber es war schön ruhig in seiner Blase. Und darauf kam es an. Veränderung war nicht so seine Sache.   

 

Eines Tages Ende Januar aber passierte etwas Unvorhergesehenes. Da kam Elias von der Paketstation zurück, unten an der Haustür musste er immer umständlich beide Flügel öffnen, weil er sonst stecken blieb. Er schaute in seinen Briefkasten und fand darin einen weißen Briefumschlag ohne Absender. „Für Elias“ stand vorn drauf. Oben in seiner Wohnung ließ er die Luft aus dem Latex, legte die Blase zusammen mit der Pumpe auf die Lehne und setzte sich mit dem Brief an seinen großen glatten Schreibtisch. „Für Elias“ war handgeschrieben, mit blauer Tinte, die an den Seiten der Buchstaben ein wenig ausgelaufen war. Er nahm sich seinen Hobbit-Dolch (Tauriels Brieföffner) und schlitzte das Papier oben in einer schnurgeraden Kante auf: „Einladung zur Karnevalsparty“ stand da. „Am 02.02. ab 21.00 Uhr in der Buschdorfer Straße 12. Bei Millow klingeln.“ Das war in zwei Tagen. Unterschrieben war der Brief nicht. „Bitte komm.“ Stand da unter dem Datum. Elias legte den Brief zur Seite und starrte an die weiße Wand hinter seinem Schreibtisch. Das musste ein Witz sein. Jemand wollte ihn wohl auf den Arm nehmen. Ach was auf den Arm, verscheißern wollten sie ihn. Es gab ein paar Kids in seinem Viertel, die immer versuchten, ihn umzuschubsen, wenn er einkaufen ging. Die hatten eine richtige Taktik. Einer lenkte ihn von vorn ab, die anderen kamen plötzlich von der Seite. Ein paar Mal hatten sie es auch schon geschafft, ihn umzuwerfen. Er rollte dann immer etwas hilflos auf dem Rücken herum, dann ab auf die Seite, stemmte sich mit den Armen wieder hoch und putze sich den Dreck von der Blase. Elias hatte jedes Mal Angst, dass das Latex dabei kaputt gehen könnte. Bis jetzt war es immer gut gegangen, aber irgendwann würde er über einen spitzen Ast abrollen, das war ihm klar. Vermutlich war der Brief von den Kindern. Allerdings waren die höchstens 13, eher jünger. Elias nahm den Brief und schaute ihn noch einmal genau an. Das „Bitte komm“ haute ihn am meisten um. „Bitte.“ Jemand wollte gern, dass er da war und wollte ihn nicht zwingen. Das Gefühl war ihm fremd geworden. Er beschloss ins Bett zu gehen und eine Nacht darüber zu schlafen. Jetzt war er sowieso viel zu aufgeregt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Als er dann am nächsten Morgen aufwachte hatte die Vorsicht gesiegt. Er würde nicht gehen. Warum auch. Er hatte doch hier drinnen alles.

 

Als er dann später wie immer gegen Mittag vom Einkaufen zurück kam lag wieder etwas im Briefkasten. Dieses Mal war es nur ein Zettel. Wieder weiß, wieder mit blauer, verlaufener Schrift, wieder ohne Absender. „Hab keine Angst“ stand darauf. Das war’s. Elias wurde wütend. Die Folie vor seinen Augen beschlug etwas. Als ob er Angst hätte. Als ob es um Angst gehen würde. Auch wenn sie nichts dafür konnten, so verstanden sie es eben einfach nicht. Warum er so war. Er hatte doch keine Angst. Er zerknüllte den Zettel und waberte die Treppen hoch in seine Wohnung. Die Blase hatte ein paar Dellen bekommen. Nachdem er sich ausgezogen hatte, setzte er sich auf seine Couch und nahm wie immer das große Kissen vor den Bauch. Aus dem Bauch heraus war nicht so seine Sache, das Kissen hielt die Wärme innen. Hinten unter dem Tisch konnte er den Zettel liegen sehen, den er beim Betreten der Wohnung dahin geworfen hatte. Er lag da und schien sich allmählich zu entknüllen. Er konnte das Knistern des Papiers förmlich hören, langsam wurde die Schrift wieder lesbar. Elias stand auf, nahm den Zettel, öffnete das Fenster und warf das Papier im hohen Bogen hinaus. Der Wind wehte es ein Stück die Straße hinunter, kurze Zeit später verschwand die Kugel rollernd um die nächste Häuserecke. Zufrieden setzte er sich zurück auf sein Sofa und schaute auf sein Aquarium. Der Scheibenputzer klebte an der Vorderseite und machte dicke Backen. Für einen kleinen Moment glaubte er, dass der Putzer ihn auslachte. Elias stand auf und lief zum Aquarium. Er ging in die Knie und schaute dem kleinen Schuppending in die Augen. Der Wels fuchtelte hektisch mit seinen Antennen, seine Lippen bewegten sich, als ob er etwas sagen wollte. Ja wirklich, sie formten Wörter. Unsinn, dachte Elias und drückte seine Nase an das Glas. Da glotzte der Wels blöd und sagte zu ihm: „Jetzt stell dich halt nicht so an.“ Elias ging verdutzt zwei Schritte zurück. Jetzt lachten ihn schon Tiere ohne Wirbelsäule aus. Verstört legte er sich ins Bett, zog seine Wollmütze über die Ohren und bewegte sich erst wieder, als die Sonne längst untergangen war. Wer konnte eigentlich etwas dafür, dass es so war, wie es war?

 

Am Tag der Party gegen 18 Uhr klingelte es an der Tür. Elias machte nicht auf. Es klingelte noch einmal und dann noch einmal sehr lang. Elias rührte sich nicht auf seiner Couch. Er bildete sich nämlich ein, dass man seine Bewegungen durch die Tür hindurch hören konnte. Deshalb war er ein Meister im Stillhalten geworden. Er konnte sogar seine Atmung für einige Zeit aussetzen. Nachdem das Poltern der Schritte im Erdgeschoss verschwunden war, ging er auf spitzen Zehen zur Tür und schaute durch den Spion. Völlig schwarz, nichts zu sehen. Jemand hatte scheinbar etwas darüber geklebt. Eine Frechheit. Er horchte eine gefühlte Ewigkeit mit dem rechten Ohr an der Tür, dann mit dem linken. Erst als er sicher war, dass niemand davor war, öffnete er vorsichtig die Tür und lugte um die Ecke. Ein Zettel klebte da. Elias schaute misstrauisch von rechts nach links und wieder zurück. Niemand zu sehen. Dann fischte er das Papier vom Spion und schloss schnell die Tür. Sein Herz schlug durch seinen Rücken hindurch heftig gegen das Holz. „Es wird gut.“ stand auf dem Zettel. Und: „Vergiss die Blase nicht.“ Das war zu viel Chaos für seine geordneten Verhältnisse. Elias sank wie erschossen an der Tür hinab und setze sich auf den Boden. Gut. Er würde also gehen. Er würde schon deshalb gehen, um dem Urheber dieses Zettels und des Briefs und der Klingelei die Meinung zu sagen. Darüber, dass er keine Angst hatte. Darüber, dass es eine Frechheit war, einfach in sein Leben einzudringen und seinen Briefkasten mit verwirrenden Nachrichten zu blockieren. Darüber, dass man um 18 Uhr nicht mehr ohne Anmeldung zu Besuch kam. Und dass er nichts dafür konnte, dass er so war. Elias stand auf, ging zur Blase, steckte die Pumpe an und die Familie Bischoff, die unter ihm wohnte, wunderte sich in der nächsten halben Stunde darüber, dass Elias so aktiv war um die Uhrzeit und mit festen Schritten ihre Wohnzimmerlampe zum Wackeln brachte.

 

Die Adresse aus dem Brief war nicht weit entfernt von seiner Wohnung. Elias musste nur zwei Stationen mit dem Bus fahren. Es war schon dunkel, als er auf die Straße trat und Richtung Haltestelle lief. Die Blase war prall voll mit frischer Luft, die Folie vor seinen Augen frisch verklebt, sein Herz protestierte rumpelnd gegen die ungewohnte Aufregung. Mit Mühe quetschte er sich durch die enge Bustür, eine ältere Frau drückte ihn von hinten hinein und bot netterweise sofort an, ihn nachher wieder hinauszuschieben. Vermutlich hörte die Dame schwer, jedenfalls redete sie so laut, dass Elias sie verstehen konnte. Er hob seinen rechten Arm und streckte seinen Daumen. Die Frau verstand und blieb direkt neben ihm stehen. Es war ewig her, dass er mit dem Bus gefahren war. Er drehte sich so, dass er aus dem Fenster blicken konnte und die Leute nicht anschauen musste. Aber in der Scheibe spiegelten sich die Blicke der anderen ohne Gnade und in kaltem Licht, das einen fiesen Blaustich hatte. Elias sah sich selbst im Fenster, vielleicht zum ersten Mal aus direkter Nähe. Auf der Oberfläche der Latexkugel spiegelte sich das kalte Deckenlicht des Busses. An den Seiten guckten seine Arme heraus wie zwei satte Würmer aus einer matschigen Birne. Er musste plötzlich an seine Mutter denken, und dass sie ihn früher manchmal Freund Blase genannt hatte, wenn sie böse mit ihm gewesen war. „Mein lieber Freund Blase, was hast du dir nur dabei gedacht.“ Eine Zeichentrickfigur war das gewesen, einer laufende Wärmflasche. Totaler Zufall. Seine Haltestelle kam. Er drückte auf den Türöffner, die alte Frau drückte höflich von hinten und so ploppte er mehr oder weniger souverän auf die leere Straße hinaus. Die Türen schlossen sich, die ältere Dame ging ihres Weges und das leuchtende Aquarium mit den lachenden Antennenwelsen fuhr davon. Das Haus mit der Nummer 12 lag direkt gegenüber der Haltestelle, nur im dritten Stock brannte Licht und offensichtlich war die Party bereits in vollem Gange. Am Fenster sah er einen rauchenden Pirat, der sich mit einer Art Brokkoli unterhielt, der wohl ein Clown sein wollte. Dahinter sah er seltsame Schatten und Umrisse tanzen und umhergehen. Elias war froh, dass er keinem Betrug auf den Leim gegangen war. Immerhin war hier wirklich was los. Für einen Moment blieb er stehen und schaute zum Fenster nach oben. Eine Straßenlaterne legte einen hellen Kreis um ihn herum in die Dunkelheit. Da oben, das schien eine andere Welt zu sein. Seine Nackenhaare stellten sich auf bei dem Gedanken, dort oben nicht raus zu können, wenn er es wollte. Sich verabschieden und erklären zu müssen. Diese Welt hatte sich schon so weit von ihm fort gedreht, dass er nicht sicher war, ob er sie wieder einholen konnte. Sein Herz wurde laut und protestierte heftig, als er sich in Richtung Haustür in Bewegung setzte. Er klingelte wie im Brief verlangt bei Millow. In Gedanken übte er seinen Satz, den er zum Verfasser der Briefe und Zettel sagen würde: „Hallo ich bin Elias und sie haben kein Recht, mich durcheinander zu bringen.“

 

Eine Stimme krächzte durch die Gegensprechanlage. Elias verstand nichts, vermutete aber, dass gleich der Summer gehen würde und lehnte sich gegen die Tür. Das Schloss klickte unter seiner Hand und er ging langsam die Treppen nach oben. Im dritten Stock standen sehr viele Schuhe vor der Tür, hier musste es sein. Elias sah die feinen Pumps und Turnlatschen mit ihren dreckigen Schnürsenkeln und bekam Panik. Die gehörten Menschen, vielen Menschen mit klammen Socken, verschwitzten Haaren und viel zu weichem Händedruck. Ihm wurde klar, dass er nicht wusste, ob seine Blase so lang aushielt, ob die Luft reichte, ob er überhaupt etwas sehen konnte durch seine beschlagene Sichtfolie. Elias beschloss wieder umzudrehen, was hatte er sich nur dabei gedacht. Er konnte nicht ändern, wer er war.

 

Er drehte sich also mit Schwung zur Seite und fühlte sich erleichtert, das wäre doch alles ganz schön viel gewesen. Sein rechtes Bein stand schon auf der obersten Stufe, bereit ihn und seine kleine Welt nach Hause zu drehen. Da fiel ihm ein Zettel auf, der über die Klingel neben der Wohnungstür geklebt war. Weißes Papier, blaue Schrift, an den Seiten leicht verlaufen. „Geh nicht. Einfach klingeln.“ Elias erstarrte mitten in der Bewegung. Das Licht im Treppenhaus ging aus und es war völlig dunkel. Mit einem erhobenen Bein stand er regungslos im Schwarz. Eine Hand schon am Geländer. Diese Zettel waren eine Pest. Sie waren genau da, wo sie sein sollten. Und das konnte einfach nicht wahr sein. Es war fast, als hätte er sie selbst dorthin geklebt. Irgendjemand schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, ihn nicht so sein zu lassen, wie er nun mal war. Dann ging die Wohnungstür auf. Etwas Licht fiel in den Hausflur und ein langer dünner Schatten stand im Türrahmen. Elias drehte seine Gucklöcher zur Seite um besser sehen zu können. Der Schatten trat hinaus in den Flur und machte das Licht an. Es war eine junge Frau, ihr Gesicht schaute aus einem kreisrunden Loch heraus. Sie kam ihm bekannt vor. Es war die Kassiererin, die ihn immer nach Treueherzen fragte. Elias setzte endlich sein Bein wieder auf den Boden und drehte seine Blase zur Tür. Er hob die rechte Hand zum Gruß. Die Frau im hohen grauen Kostüm lächelte und hob ebenfalls die Hand. Und dann erkannte Elias, was ihr Kostüm darstellen sollte: Es war eine Nadel. Elias musste ein bisschen lachen, seine Blase bekam dabei eine große Delle.

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37 Antworten

Kommentare

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  • 1

    ich mag es einfach.

    29.11.2015, 14:52 von iowlyou
    • 0

      find ich gut. :)

      19.12.2015, 18:52 von hib
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  • 3

    Gefällt mir sehr gut. Chapeau!

    Einzig am Ende geht's mir irgendwie zu schnell. Die Kassiererin, die Nadel... hmmm... ich finde, das hatte der Text gar nicht nötig. ich hätte lieber weiter herumgesponnen, wer die netten Klebezettel geschrieben hat. Das ist aber ganz subjektiv.

    Bitte, mehr davon!

    20.10.2015, 11:01 von Freulein_Taktlos
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  • 5

    Hib, schreib mal viele Bücher, bitte.

    19.10.2015, 23:45 von JackBlack
    • 0

      oha!

      20.10.2015, 11:55 von hib
    • 1

      das zeug dazu hat er - schliff fehlt und ein lektor.

      20.10.2015, 12:13 von Xspellbound
    • 1

      her damit. 

      20.10.2015, 16:59 von hib
    • 0

      ab in die Journalistenschule / Berlin

      20.10.2015, 17:43 von Xspellbound
    • 2

      schliff und lektoren - sind das nicht die wirtschaftsflüchtlinge unter den schreiberkrankheiten?

      20.10.2015, 18:07 von JackBlack
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  • 1

    Zuerst dachte ich, ist das ein laaanger Text. Aber ich hielt stand.

    Dann dachte ich, die Erzählweise ist anstrengend, der Typ ist es aber aus meiner Sicht nicht. Und ich finde auch nicht, dass er nervt. Er schafft sich seine eigene Welt, in die nur jemand hereinkommen kann, wenn er es will. Bezeichnend für unsere Smartphone-Generation, die in ihrer eigenen Welt lebt.

    Nun, das Ende irritiert mich ein wenig, denn was bewegt ihn dazu, so zu reagieren, wo er sich doch abschottet. Ein Gefühl? Mir persönlich fehlt da was.

    18.10.2015, 13:02 von marco_frohberger
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      er soll ein wenig nerven. hat das geklappt?

      17.10.2015, 08:17 von hib
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Das Ende ist mir fast etwas zu kitschig. Die Wandlung zu schnell. Sonst mag ich es sehr gerne! Etwas straffen kann man vielleicht an manchen Stellen, denn zwischendrin ist - für mich etwas - die Luft raus. (Hahaha! Passend zur Blase!)

    16.10.2015, 20:52 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      wie endet es für dich?

      17.10.2015, 08:18 von hib
    • 0

      So, zum Beispiel:

      Elias setzte endlich sein Bein wieder auf den Boden und drehte seine Blase zur Tür. Er hob die rechte Hand zum Gruß. Die Frau im hohen grauen Kostüm lächelte und hob ebenfalls die Hand. Und dann erkannte Elias, was ihr Kostüm darstellen sollte: Es war eine Nadel. Elias musste ein bisschen lachen, seine Blase bekam dabei eine große Delle.
      Vorsichtig setzte er einen Fuß vor dem anderen und verschwand in der Öffnung.

      Also, so könntest du z.B. die Spannung erhalten, was jetzt eigentlich mit ihm passiert. Alternativ wird er zwar etwas mutiger, aber es ist noch nicht so "heile Welt", wie du es oben beschrieben hast. Ich glaube, dadurch, dass der Text Spannung aufbaut, fände ich es am schönsten, wenn er am Ende nicht erlöst wird, sondern es einfach offen bleibt, ob das hinter der Tür gut oder böse für ihn ist (ähnlich wie jetzt von mir oben geschrieben).

      Was meinst du?

      17.10.2015, 09:57 von TheCaptainsFiancee
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  • 3

    wenn schon hib nur 6 herzen innerhalb eines tages..

    16.10.2015, 12:04 von MaasJan
    • 2

      es ist irgendwie ein kompliment, oder? aber bei dem satzbau bin ich raus. :) 

      16.10.2015, 14:46 von hib
    • 1

      mehr so als "Kompliment" für Neon..negativer Weise


      16.10.2015, 14:49 von MaasJan
    • 1

      puah... JETZT hats geklingelt. :) 

      16.10.2015, 16:57 von hib
    • 1

      Der Titel ist ja nicht gerade ansprechend, zumindest für mich nicht. (auch nur eine Hypothese...)

      16.10.2015, 20:51 von yuhi
    • 3

      mehr so als "Kompliment" für Neon..negativer Weise
      Spätestens die Aktion "Wir schaffen die zufälligen Benutzer oben in der Ecke ab, weil wir einen dicken neuen Header haben, und außerdem trägt dieses Benutzer-Ecken-Ding eh nicht zur Verbreitung von Magazin-Links auf Facebook bei" hat der Plattform hier vermutlich einen enormen Giftdolchstoß verpasst.

      17.10.2015, 16:58 von b12boy
    • 4

      Glaube ich nicht, sondern u.a. vor allem deshalb, weil die Redaktion  sich überhaupt nicht zu ähm gewissen Ereignissen hier der negativen Art, was User betraf positioniert, geschweige denn sich hinter die Community gestellt hat. Anscheinend sind die neue Zielgruppe nicht gute Autoren, sondern 20jährige Liebeskranke

      17.10.2015, 20:14 von yuhi
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Haha, das mit der Technik glaub ich auch. Meine techn. Fragen wurden in letzter Zeit weder gelöst noch weitergeleitet...

      18.10.2015, 09:53 von yuhi
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 2

      Ertappt! Nein, im Ernst: Wir geben uns natürlich Mühe, alle Texte zu lesen und die Kommentare zu überblicken, nicht anders als das bisher schon immer unser Anspruch war. Die Technischen Probleme werden ebenso weitergeleitet und bearbeitet. Nur dass ihr der Technikabteilung eben leider nicht mehr direkt schreiben könnt, wie das früher mit Heiko der Fall war.


      Was unsere Zielgruppe angeht, ist die um einiges vielschichtiger als man das manchmal von außen überblicken kann. Da gehören Liebestexte genauso dazu wie spannende Alltagsgeschichten oder berührende Erzählungen. Muss uns als Redaktion natürlich überzeugen.

      19.10.2015, 19:59 von miriam_dahlinger
    • 3

      @Jan: Vielleicht hat es die üblichen Fans ja einfach nicht angesprochen. (Auch wenn ich den Text mag.)


      @Miriam: Die Zufallsuser rechts oben sind wirklich ein großer Verlust, weil sie einem erlaubt haben, auch mit mit Leuten zu chatten, die online sind, die man sonst nicht kannte. Bitte führt sowas wieder ein!

      19.10.2015, 21:15 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      Früher gab es am unteren Rand auch sehr viel größere Userbilder, die, sobald sich jemand neu eingeloggt hatte aktualisiert wurden, das ist auch schon länger weg, leider.

      Ich bin bzw. eher war auch ein großer "Hib" Fan, aber die letzten Texte sprachen mich überhaupt nicht mehr an. Schade.

      19.10.2015, 21:18 von yuhi
    • 1

      Na HIB hat schon arg vom ungenierten Superschmalz gelebt, das "erwachsene" Surrogat dafür ist noch nicht so richtig gefunden - und die Zeit für betreutes Wohnen im Netz halt einfach irgendwie vorbei. Leider fehlt im Umgang damit ein bisschen die Ehrlichkeit.

      20.10.2015, 04:06 von Boahmaschine
    • 0

      ich werte das als gutes zeichen.


      20.10.2015, 09:10 von MaasJan
    • 0

      Ja genau so wirkt es auf mich, Umbruch, neuer Stil, Thematik noch nicht gefunden...

      20.10.2015, 09:16 von yuhi
    • 0

      Die zweite Hälfte des Satzes bezieht sich auf Miriam Dahlinger, nicht hib, lieber MaasJan.

      20.10.2015, 09:26 von Boahmaschine
    • 0

      mein kompletter satz bezieht sich auf yuhi, liebe boahmaschine. 

      20.10.2015, 09:30 von MaasJan
    • 1

      Hihi.

      20.10.2015, 09:33 von Boahmaschine
    • 0

      Schau mer mal ;)

      20.10.2015, 09:34 von yuhi
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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