Annabel_Dillig 09.06.2011, 11:12 Uhr 0 9

Freud-los glücklich

Licht und Schatten: Hat die Freundin etwa eine bipolare Störung? Promis leiden unter Sexsucht, und die Freundin hat einen Waschzwang: Küchenpsychologie ist allgegenwärtig. Schluss damit!

Um Lindsay Lohans Seele zu ergründen, muss man nicht ihre beste Freundin sein und auch nicht ihr Psychologe. Man muss noch nicht einmal mit ihr gesprochen haben. Es reicht, im Wartezimmer ein Klatschblatt zu lesen, dann weiß man, warum sie ziemlich dünne Ärmchen hat (Essstörung), über angebliche Stalker twittert (narzisstische Persönlichkeitsstörung) oder sich radikal die Haare verlängern ließ (Identitätskrise). Schon seit längerem klingen Promizeitschriften wie das Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Wir leben in einer Zeit, in der Haustiere therapiert werden und Pflanzen psychisch leiden (»Umpflanzen ist Stress«). In der Börsenkursen, Verkehrsampeln und dem Sturm des FC Bayern München ein Eigenleben attestiert werden. Und eine ganze Industrie darauf gründet, über das Innenleben anderer Menschen zu spekulieren: Talkshows, Therapeuten, Ratgeber, Psychoportale im Internet. Woody Allen wäre ohne Psychologie undenkbar, aber auch Frauke Ludowig, »Zwei bei Kallwass« und »Beckmann«.

Man muss sich nicht aufregen über die Ferndiagnosen von »Bild« und »Bunte« - wir Leser sind keinen Deut besser. Ohne es zu merken, schmeißen wir mit Psychourteilen um uns, mit Syndromen und Störungen, wir psychologisieren alles und jeden, im Büro, beim Einkaufen und Ausgehen. Wir sind »InTouch«. Zugenommen? Trennungsschmerz. Eine 45- Jährige mit pinkem Oberteil? Klarer Fall von Jugendwahn. Akne im Gesicht? Essstörung, Depression, Drogen (die Haut ist der Spiegel der Seele!). Wir sagen: Freundin Soundso ist chronisch bindungsunfähig, weil sie ein Scheidungskind ist und die Muster ihrer Eltern übernimmt. Zwei Monate später, die Freundin ist nun liiert und - wie man hört - ein wenig eifersüchtig, sagen wir: Kein Wunder, sie ist ein Scheidungskind und hat deshalb große Verlustangst. Das ist das Erfolgsrezept der Küchenpsychologie: Wer uns zuhört, ist zum Abnicken unserer ebenso kühnen wie beliebigen Ferndiagnosen verdammt, weil er kaum die Möglichkeit haben wird, sie auf ihre Haltbarkeit zu prüfen.

Oft erklären wir andere gleich für richtig gestört und behandlungswürdig: Das aufgedrehte Kind von nebenan hat ADHS. Die schüchterne Freundin eine soziale Phobie. Den Kommilitonen, der immer konzentriert arbeitet, aber nie ein Wort sagt, schimpfen wir Autist. Auf der Couch von Dr. Laie ist immer alles ganz einfach. Der Mensch ist das Produkt der Erfahrungen, die er macht, so war das doch bei Freud. Erzählt einer, dass er früher Leistungssportler gewesen / in einen Amoklauf verwickelt / in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen sei, fängt es in unserem Oberstübchen an zu rattern: Ja, klar, er ist sehr diszipliniert (Leistungssport) / kann Menschen schlecht vertrauen (Verbrechensopfer) / hat einen Minderwertigkeitskomplex (soziale Herkunft). »Einfach gestrickt« - auch so eine Lieblingsvokabel der Küchenpsychologen. Dabei trifft der Begriff eher auf ihre Diagnosen zu als auf die wahre Psyche ihrer »Patienten«.

Doch es gibt nicht nur den Drang, andere zu analysieren, es herrscht auch der Zwang zur Innenschau. Wer das »Wie ich wurde was ich bin«-Spiel nicht mitspielen mag und keine Lust hat, sich selbst zu analysieren, gilt als unreflektierter Klotz, der nicht zur Selbstkritik fähig ist. Die Soziologin Eva Illouz erzählt in ihrem Buch »Die Errettung der modernen Seele« von Abraham Lincoln, der 1860 auf die Frage nach seiner Kindheit antwortete: »Es wäre eine einzige Eselei, wenn man aus meinen frühen Jahren irgendetwas machen wollte.« Der erste Befreiungsschlag in der Frühgeschichte der Küchenpsychologie.

Ihren Boom erlebt sie heute, da sich das medizinische Wissen wie jede andere Form von Expertentum demokratisiert hat. Lauschte man früher baff Männern im weißen Kittel und akzeptierte alle Fachbegriffe und Diagnosen, schaut man jetzt kurz vor dem Arztbesuch im Internet nach, legt dem Arzt neueste Studien unter die Nase und besteht auf alternativen Behandlungsmethoden.

Doch woher kommt der Wunsch, andere dauernd in Psychoschubladen zu stecken? Ferndiagnosen anzustellen und den Hau gleich am Küchentisch zu therapieren?

»Eigentlich sind wir heute psychologisch gesehen permanent überfordert«, sagt Markus Schroer, Soziologe an der Universität Marburg: Wir haben zwanzig Minuten, um in Vorstellungsgesprächen zu performen. Fünfzehn Minuten, um bei einem Besichtigungstermin zu entscheiden, ob die WG mit der Germanistin oder dem Grafiker lustiger wird. Fünf Minuten an der Bar, um zu erkennen, ob der Typ ein Vollpfosten oder ein Volltreffer ist. Anders als frühere Generationen werden wir ständig mit neuen Menschen konfrontiert, in anderen Städten, neuen Jobs, fernen Ländern. Hinzu kommen die Menschen, denen wir nie begegnen werden, die bizarrerweise aber trotzdem eine Rolle in unserem Leben spielen: Prinz William, Angela Merkel, Lady Gaga.

Dieser psychologischen Überforderung versuchen wir Herr zu werden, indem wir schematisieren. »Wir können nicht jedem Einzelnen in seiner biografischen Ich-Werdung folgen und daher in einem Urteil gar nicht gerecht werden«, sagt der Soziologe Schroer.

Und es ist ja nichts dabei, das Pathologische ist längst kein Stigma mehr. Was ist heute normal? Es gibt Lehrer, die ihre Berufsunfähigkeit mit »Multiple Chemical Sensitivity« begründen, einer Überempfindlichkeit auf Stoffe in ihrer Umgebung, sprich: Schule, und die Gesellschaft erkennt diese Krankheit an, indem sie ihnen eine Pension bezahlt. Oder Messies: »Schon die zärtliche Bezeichnung, die sich für sie eingebürgert hat«, schreibt Magnus Klaue in »Jungle World«, »bezeugt, dass sie von den besser sortierten Durchschnittsbürgern wie niedliche, aber bemitleidenswerte Haustiere angesehen werden, denen man beizubringen versucht, ins Klo statt ins Kinderzimmer zu pinkeln, wobei ihre Halsstarrigkeit mit einer gewissen Rührung zur Kenntnis genommen wird. Gerade ihr ?Defizit? ist es nämlich, das die Messies in den Augen ihrer psychologisch versierten Fans so ungemein sympathisch macht.«

Insofern ist das permanente Pathologisieren anderer nicht unbedingt ein Akt der Abgrenzung oder Sanktionierung. Wir machen es der Einfachheit halber. Weil es uns überfordert, nach differenzierteren Erklärungen zu suchen. Der praktische Nebeneffekt: Die Krankheit macht aus der Verhaltensauffälligkeit eine Zwangsläufigkeit. Tiger Woods hat nicht nach Lust und Laune herumgehurt, er konnte nicht anders, denn: Er leidet unter Sexsucht. Auch die Frage nach Schuld (Ehebruch) und Sühne (Einlieferung in Sexsuchtklinik) wird neu verhandelt.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Es geht hier nicht um Erfolge der klinischen Psychologie. Es ist ein eminenter Fortschritt, dass etwa Depression heute als Krankheit anerkannt ist. Aber es ist ebenso unbestritten, dass immer mehr Verhaltensauffälligkeiten sich in »Syndrome« und »Störungen« verwandeln. Verzeichnete das erste »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« (DSM), das von der Vereinigung amerikanischer Psychiater herausgegebene Handbuch, das alle anerkannten psychischen Störungen auflistet, 1952 noch 106 verschiedene Störungen, waren es in der zweiten Ausgabe 1968 schon 182, in der dritten 265 und in der bislang letzten im Jahr 1994 knapp dreihundert, darunter der schwache Sexualtrieb und »koffeinbedingte Schlafstörung «.

Derzeit wird am fünften »Manual« gearbeitet - und es ist zu befürchten, dass es auch diesmal dicker wird als sein Vorgänger. Zwei amerikanische Psychiater, Robert Spitzer und Allen Frances, die selbst an der dritten und vierten Fassung des DSM mitgearbeitet haben, sorgten kürzlich in ihrer Fachwelt für Aufruhr. In einem Artikel kritisierten sie, dass die Arbeitsgruppen des Handbuchs zu Verschwiegenheit verpflichtet wurden. So könnten unter Ausschluss der Öffentlichkeit ungehemmt immer neue Krankheiten definiert werden. »Ob absichtlich oder nicht, trägt das DSM dazu bei, neue Kundensegmente auf dem Gebiet der geistigen Gesundheit zu erschließen, was wiederum dem Wachstum der Pharmaunternehmen zugutekommt«, meint die Soziologin Eva Illouz.

Die gefährlichste Folge der Psychopathologisierung des Alltags: Indem jede Verhaltensauffälligkeit zur Krankheit erhoben wird, trivialisieren wir tatsächliche psychische Leiden. Eine andere Konsequenz des »therapeutischen Diskurses « (Eva Illouz) - so die kulturkritische Sicht - ist, dass sie soziale Wesen zu apolitischen Einzelkämpfern macht. Wenn jeder vor allem der Psychoanalytiker des anderen ist, verschwindet die Perspektive auf das Verbindende, quasi: Freud statt Marx. In eine ähnliche Richtung stieß der Altkanzler und »Zeit«- Herausgeber Helmut Schmidt, der die fortschreitende Psychologisierung von Politikern durch Journalisten kürzlich mit dem Satz abstrafte: »Nicht der Hintergrund der Seele steht zur Debatte, sondern die Politik.«

Was unsere Freunde und Kollegen angeht, so halten wir das Herumstochern in ihrer Seele fälschlicherweise für eine Form von emotionaler Intelligenz. Der US-Psychologe Daniel Goleman hatte das Paradigma Mitte der Neunzigerjahre mit seinem gleichnamigen Buch populär gemacht. Dankbar wurde die Vorstellung vom EQ aufgenommen - übrigens vor allem von Feministinnen. Sein Siegeszug reichte bis in die Personalabteilungen großer Unternehmen. Dahinter steht die Überzeugung, dass Gefühle auf fachliche und soziale Kompetenz schließen lassen, beziehungsweise noch besser: dass diese sogar quantifizierbar ist. Seinen IQ konnte man nicht steigern, wohl aber seinen EQ. Vielleicht sind wir deshalb so eifrige Küchenpsychologen.

Nur ist es irrig zu glauben, es sei ein Zeichen von Einfühlsamkeit, der Freundin eine bipolare Störung, chronische Bindungsunfähigkeit oder einen Waschzwang anzudichten. Es ist eine Respektlosigkeit. Weil wir sie damit ein für alle Mal in einer Schublade gefangen halten, die wir selbst aufgemacht haben. »Sag, dass ich verrückt bin, und ich schwör dir, du kriegst eine geschmiert«, singen Element Of Crime in dem schönen Lied »Finger weg von meiner Paranoia«. Genauso sollte es sein.

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