quatzat 03.07.2009, 11:48 Uhr 8 8

Frage nicht nach dem Warum

Schnell nach hause, denke ich, ins Warme und dann eine Tasse Tee.

Gedankenverloren laufe ich die pechschwarze Straße bergab. Der Regen kam so plötzlich, alles wirkt dunkel und gespenstig, Autos fahren zu schnell durch zu tiefe Pfützen. Ich ziehe mir die Kapuze tief in das Gesicht. Schnell nach hause, denke ich, ins Warme und dann eine Tasse Tee.

Ein Auto fährt viel zu nah an mir vorbei und mich trifft ein ordentlicher Schwall Gosse. Blöder Wichser, schreie ich dem Lieferwagen hinterher. Er hält an. Nur zwei Meter von mir entfernt öffnet sich die Schiebetür mit einem kreischenden Geräusch. Zwei vermummte Gestalten springen heraus und kommen wortlos und zügigen Schrittes auf mich zu. Mir rutscht das Herz in die Hose, wie angewurzelt bleibe ich stehen. Das hab ich jetzt gar nicht so gemeint, sage ich kurz bevor mich die Faust der einen Gestalt direkt an der Kinnlade trifft. Ich taumele nach hinten, Blitze in den Augen. Ich spüre ihre Hände an meinem Körper und bemerke erstaunt, dass sie mir einen Sack über den Kopf ziehen und mich in den Lieferwagen verfrachten. Auch wenn mir jeder Augenblick gelängt erscheint, kann die Aktion nicht länger als fünf Sekunden gedauert haben.

Die Tür rollt an und schlägt zu. Ich höre das Blinkerrelais klicken und Scheibenwischer rutschen quietschend über die Windschutzscheibe. Der Wagen beschleunigt. Ruhe. Mein Herz überschlägt sich. Was passiert hier. Was machen die mit mir. Was haben die vor. Ich versuche anhand der Kurven nachzuvollziehen, wohin der Wagen fährt, muss aber schon nach kurzer Zeit aufgeben. Einer der beiden Gestalten hält mich weiterhin in einer Art Klammergriff. Er hat grobe Hände und Kraft wie zehn Tonnen Eisen. Jetzt bindet der andere mir die Handgelenke zusammen. Ich rieche Tabak, Schweiß und Alkohol. Außerdem scheinen irgendwelche Chemikalien in dem Lieferwagen zu sein. Leises Tuscheln. Der Wagen hat angehalten. Ich kann aus den Zischlauten kein Wort entnehmen, aber anscheinend war der Fahrer sich nicht mehr über die Richtung im klaren. Der Wagen beschleunigt wieder.

Ich denke verkrampft nach. Was soll ich machen? Soll ich versuchen, mit diesen Typen zu reden? Aus der Umklammerung des Eisenungeheuers, das mich immer noch in Schach hält, sich dabei aber wohl entspannt zurücklehnen kann, habe ich keine Chance zu entkommen. Ich entscheide mich zur Konversation. Vielleicht kann ich das Mißverständnis klarstellen, denn nur darum kann es sich hier handeln. Was habe ich mit diesen Typen zu tun? Nichts! Ähm, Entschuldigung, sage ich, aber es muss sich hier um ein Miß... Ein Blitz durchzuckt meinen ganzen Körper und aus dem Bereich meines Wangenknochen scheint ein Knacken von einem frischen Bruch zu berichten. Augenblicklich wird mir speiübel. Ich muss mich in meinen Pastiksack übergeben. Eine Hand fährt mir ins Gesicht und reißt den Sack unterhalb der Nase etwas auf. Dabei graben sich die zu langen Fingernägel in die Haut oberhalb der Lippe. Ich kann Blut schmecken. Mein Schädel beginnt unvorstellbar weh zu tun.

Irgendwann hält das Auto an. Der Eisenmann schleift mich aus dem Wagen. Mein Körper schlägt an Wände und bleibt an Ecken hängen. Die Hose reißt auf. Trotzdem dominiert der Schmerz meines gebrochenen Jochbeins. Durch den Schlitz in dem Plastiksack kann ich Linoleumboden erkennen. Es riecht nach Chemikalien. In einem Raum hält Eisenmann an. Er wirft mich kopfüber auf den Boden, so dass ich mit meinem gebrochenen Teil des Gesichts aufschlage und ohnmächtig werde.

Als ich wieder zu mir komme, kann ich den Boden sehen. Bei dem Versuch den Kopf zu drehen durchfährt mich der bekannte Schmetz unter dem Auge. Er bleibt ein wenig im Hinterkopf hängen und formt sich zu einem Dröhnen. Mein Kopf ist fixiert. Er liegt in einer Art Polster wie bei einer Massagebank. Auch meine Gliedmaße sind fixiert. Ich knie mit den Händen nach hinten, wenn ich die Augen zur Seite verdrehe, sehe ich Stiefel. Zwei Paar. Mir wird kalt. Ich muss nackt sein.

Einer der beiden Männer fängt an zu sprechen, kurze, abgehackte Worte, die ich nicht verstehen kann. Vielleicht russisch. Oder polnisch. Pause. Soll ich antworten? Ein beißender Schmerz über den ganzen Rücken gibt mir die Antwort. Das Knallen einer Peitsche begleitet ihn wie ein Offenbarung. Ich weiß nicht wer ihr seid, schreie ich. Meine Schädel brüllt im Gleichtakt und in der Nervenbahn meines Jochbeins scheint ein glühender Draht zu stecken. Worte. Peitsche. In meinem Kopf zerbricht etwas. Ich fange an zu heulen. Ich kann nicht mehr. Einer der Männer brüllt mich an. In einer Mischung aus Tränen, Blut, Schweiß und Rotz versuche ich zu antworten. Ich dringe nicht durch den Schleier aus Schmerz, Betäubung und Linoleum. Mit dem linken Auge erkenne ich, dass mein Magen wieder Inhalt freigibt. Das Licht geht aus.

Physische Stille. Psychischer Kontrollverlust. Tausende Informationen erreichen mein kollabierendes Hirn gleichzeitig. Schmerz wird zur Nebensache. Instinkte rebellieren gegen den schwachen Geist, aus meinem Unterbewußtsein regt sie sich. Die Urangst. Sie steht auf, dunkel und groß und füllt mich aus. Mutter. Sie umschlingt mich. Mutter. Sie presst meine Lungenflügel zusammen. MUTTER. Ich bemerke, dass ich in gleißender, flachatmiger Panik diese Wort schreie. Immer wieder und immer wieder. Bis mir rot vor Augen wird. Ich habe keine Kontrolle mehr über meine Funktionen. Mein Urin rinnt meine Beine hinab.

Die Tür geht auf. Ich höre Schritte und mir wird eine Digitalkamera unter meine Bank geschoben. Sie beobachten mein Gesicht. Ich schließe die Augen. Der Befehl der Peitsche öffnet sie sofort wieder. Frage. Ich kann kein russisch, lalle ich. Peitsche. Sterne. Es wird mir egal. Frage. Ich sage nichts. Von weit her dringt wieder Gemurmel. Eine weitere Person scheint den Raum zu betreten. Ich fühle, wie ich beginne, meinen Körper zu verlassen. Es fühlt sich an, als würde man ewig fallen. Ganz langsam rutsche ich kopfseitig aus meiner Hülle.

Ein kaltes Gefühl holt mich zurück. Zwei Hände haben meine Pobacken gefasst und halten sie auseinander. Etwas eisiges dringt in mich ein. Es scheint ein Stück Metall zu sein. Gleichzeitig befestigen die Männer an jedem meiner Hoden eine Art Metallklammer. Sie sagen kein Wort dabei. Ein Frösteln überzieht meinen Körper, auch wenn dieser schon seit Stunden in der Kälte zu zittern scheint. Wieder schreit einer der Männer eine Frage. Ich antworte irgendwas. Ich resigniere. Ich will weg. Ich will raus. Frage. Mutter. Der Metallstift wird wärmer. Frage, Frage, Frage. Die Spannung der Ringe um meine Hoden nimmt zu. Der Mann schreit und ich wimmere. Mein Inneres gleicht einer glühenden Schlange. Ich übergebe mich zwischen dem Wimmern, ohne weitere Substanz freigeben zu können. Ich nehme kaum wahr, dass der erste Hoden nachgibt. Hyperventilierend verliere ich die Sinne. Kurz vor der Ohnmacht erreicht mich die Information über den Bruch meines linken Oberschenkels wie eine Jahrmillion entfernte Supernova.

In einer Lache aus Blut, Tränen und Schmerz liege ich im Dunkeln. Mein Körper ist unnatürlich gekrümmt und schreit fortwährend. Die Tür geht auf. Ich erkenne einen der Männer. Er hat das Gesicht meiner Mutter. Sie lächelt und sagt, schau, was ich dir mitgebracht habe, hebt eine Pistole und richtet sie auf mich; danke, denke ich, und sie schießt.

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8 Antworten

Kommentare

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    Rockt

    06.04.2012, 23:21 von EliasRafael
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    total psycho....

    06.04.2012, 23:01 von Faraduna
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    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Genau das ist die Frage ... nicht warum, sondern wo.

      07.07.2009, 10:25 von Cyro
  • 0

    woah – das ist dick.

    06.07.2009, 23:36 von frl_smilla
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    erschreckend, aber sehr gute darstellung

    03.07.2009, 22:04 von LightlyColored
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    Krass und gut.

    03.07.2009, 13:23 von Honigmelone
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