Fleischfressende Schwäne
Ich schaue ein paar Minuten, wie sich die dicken Wolken über den Himmel schieben und als ich wieder auf das Wasser blicke bist du verschwunden.
"Du darst es nicht hinterfragen.", sagst du, als wir auf dem Steg sitzen und der Wind über unsere Köpfe tanzt. "Was?", frage ich und beobachte zwei Schwäne, die geradewegs auf meine im Wasser hängenden Füße zusteuern. "Das Leben.", sagst du und schweigst ein paar Sekunden ehe du weiter sprichst. "Da wird man verrückt, so wie mein Onkel Walter. Habe ich dir schon mal erzählt, was mit ihm passiert ist?" "Nein.", sage ich und verschweige in diesem Moment, dass ich noch nicht einmal von der Existenz deines Onkel Walters weiß. Ich bin sicher, dass du ihn mir gegenüber schon einmal erwähnt hast und ich es vergessen habe. Ich bin nicht die beste Zuhörerin, weil die Gedanken in meinem Kopf immer wahnsinnig laut sind. Aber das weißt du eigentlich.
Ich schaue wieder auf das Wasser, aber die beiden Schwäne, die dort eben noch trieben sind verschwunden. Das beunruhigt mich etwas. Ich traue Schwänen nicht über den Weg, weil sie so unberechenbar sind. Ich weiß nie was in ihnen vorgeht. Sie treiben ganz niedlich auf dem Wasser und plötzlich greifen sie an. Sie erinnern mich ein bisschen an dich, aber das spreche ich nicht aus. "Na, jetzt erzähl schon die Geschichte von deinem Onkel Walter.", sage ich etwas spöttisch und spritze dir mit meiner Hand etwas Wasser ins Gesicht. Du siehst mich mit diesem strafenden Blick an, den ich so an dir liebe und sagst: "Ist aber eine traurige Geschichte." "Ich mag traurige Geschichten, weiß du doch.", sage ich und die Ungeduld fängt an sich in meinem Bauch zu drehen.
"Mein Onkel der hatte alles. Ein Haus, eine Frau, Kinder, einen Job. Er war glücklich, das hat er mir zumindest einmal gesagt. Aber irgendwan hat er angefangen sein Leben zu hinterfragen, er wollte Dinge wissen, wie was mit uns passiert, wenn wir tot sind, oder wie das Leben überhaupt entstanden ist. Evolutionstheorie und so einen Kram. Er hat sich Lebensfragen gestellt, die gleichen wie du. Irgendwann hat er aufgehört an den Himmel zu glauben und auch an ein Leben nach dem Tod, weil das physikalisch angeblich unmöglich sei. Er ist dann zu dem Entschluss gekommen, dass sein Leben zu kurz ist, um Sachen zu machen, die er nicht machen will. Er ist eines Tages einfach in sein Auto gestiegen, ist zum Flughafen gefahren und hat alles hinter sich gelassen. Seine Frau, seine Kinder, alle und das war eine schlimme Zeit für uns. Wir haben bestimmt fünf Jahre nichts von ihm gehört und eines Tages bekamen wir dann die Nachricht, dass er in Australien von einem Krokodil gefressen wurde. Er ist ohne Führer durch die Wildnis gelaufen und wollte sich an einem kleinen Bach erfrischen und anstatt erfrischt zu werden, wurde er gefressen. Von einem Krokodil. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist er gestorben. Ich weiß nicht ob es das wert war."
Als du deinen kleinen Monolog beendet hast bin ich mir sicher, dass du keinen Onkel Walter hast, sondern deine Weisheiten in einer kleinen dramatischen Gechichte verpacken wolltest, um sie mir näher zu bringen. "Mh, na wenigstens hatte er fünf schöne Jahre.", sage ich und genau in diesem Moment beißt mich dieser blöde Schwan direkt in meinen kleinen Zeh und ich bekomme vor Schreck fast einen Herzinfarkt. Ich entscheide mich meine Füße nicht mehr in das Wasser zu hängen, sonden sie mit meinen Händen fest zu umklammern. "Das ist die gerechte Strafe, für diese absolut unpassende Bemerkung.", sagst du, diesmal wieder mit ernster Miene.
"Ich sollte also keine Fragen über das Leben stellen, weil ich sonst von einem Krokodil gefressen werde.", sage ich und verdrehe die Augen. Ich sehe schon an deinem Blick, dass ich dir wieder einmal tierisch auf die Nerven gehe, weil es unmöglich ist ein tiefsinniges Gespräch mit mir zu führen. "Nein, du solltest das Leben einfach so akzeptieren wie es ist, weil du niemals die Antworten bekommen wirst, nach denen du suchst." und dann ziehst du dein T-Shirt aus und springst mit einem Satz ins Wasser. Ich schaue dir eine Weile nach und als die Schwäne dich beobachten, erkenne ich an ihrem Blick, wie gerne sie dich fressen würden, wenn sie Zähne hätten. Ich schaue ein paar Minuten, wie sich die dicken Wolken über den Himmel schieben und als ich wieder auf das Wasser blicke bist du verschwunden.





Kommentare
Die Überschrift hatte mich irritiert, jetzt habe ich den Text doch gelesen.
20.06.2012, 12:45 von CyroSelbstverständlich kann und darf man das Leben hinterfragen und seine Antworten finden. Wer Meister im Verdrängen ist und diese Fragen von sich schieben, kann, nun gut, niemand wird dazu gezwungen.
Mal abgesehen davon stimme ich pockets Kommetar zu.
Ich kann leider an dem Text weder etwas Schönes noch etwas Schauriges entdecken. Der Titel hat etwas suggeriert, auf das ich leider vergeblich gewartet habe. Keinerlei Spannung, keinerlei "verrücktes" Ende und irgendwie auch blödsinnig.
12.06.2012, 13:23 von JustaffZum Inhalt:
11.06.2012, 10:58 von PhilantropFragen sind natürlich nichts schlechtes; man muss eben für sich die richtigen Schlüsse, Konsequenzen und Antworten ziehen.
Genau diese Antworten werden immer egoistischer. Selbstverwirklichung steht an erster Stelle. Wir haben Eltern die ihren Liebesbedarf aus symbiotischen Beziehungen zu ihren Kindern ziehen, Menschen die als einzige Verpflichtung die Verwirklichung ihrer Gelüste und Bedürfnisse sehen, Beziehungsunfähigkeit ist "en vogue".
Partnerschaft? Werte? Soziale Gefüge?
Fragen ist gut ... aber wir finden immer mehr die falschen Antworten.
Du hast echt n klasse Schreibstil!
sehr schöner text, vorallem weil spontan aus dem leben gegriffen ist und ziemlich realistisch herüberkommt :)
09.06.2012, 20:17 von underclassherodafür gibt's 'nen fetten daumen! :))
"Ich sehe schon an deinem Blick, dass ich dir wieder einmal tierisch auf die Nerven gehe, weil es unmöglich ist ein tiefsinniges Gespräch mit mir zu führen."
mir gefällt diese ironische, unverdrehte Art und Ansichtsweise, schöner Text! :)
09.06.2012, 13:59 von cupid.SIch mag jeden Satz!
09.06.2012, 09:03 von Jackie_GreySchwäne sind wie das Leben:
Sie treiben ganz niedlich auf dem Wasser und plötzlich greifen sie an.
Großartiger Text, PONY.
Du bist so gut zu mir :*
10.06.2012, 09:12 von PONY.Jeder wie er's verdient...
10.06.2012, 09:57 von Jackie_Greywer sich selbst keine fragen stellt, den frisst das leben!
09.06.2012, 08:32 von pocketOkay, meiner Meinung nach ist das, was Onkel Walter gemacht hat, recht nachvollziehbar. Wenn man sich diese großen Lebensfragen stellt (was durchaus erlaubt ist, wie ich finde), braucht man auch entsprechend große, na sagen wir mal, Kopffreiheit. Eingebunden in ein soziales Netzwerk der Gesellschaft und Familie hast du einfach keinen Platz für große Hinterfragungen.
09.06.2012, 00:13 von TheTimerunnerDas Ende von Onkel Walters Reise war natürlich nicht ideal, aber er hätte genauso gut ein glücklicher, tibetischer Mönch werden und die Welt bis ans Ende seines 121-jährigen Lebens an seinen Erfahrungen und Gedanken teilhaben lassen können.
Just sayin'.
Erst las ich ja "Fleischfressende Schwänze". Hm...
08.06.2012, 22:43 von justanotherpictureDie gibt's hier aber.
08.06.2012, 22:53 von Fieseise