Alceste 15.03.2012, 02:33 Uhr 2 1

Fetzen und Fragmente - #5 Spiegel

Identität als fiebernde Materie. Ein Bekannter erzählt Limburger von seinem verrückt-vor-dem-Spiegel-sitzen.

...und ich dachte noch: „Wir sind Fremde“ als mir Schmidt erzählte, was Limburger angeblich von einem Bekannten erfahren habe, der ihm, Limburger, in einem seltenen, sogenannten „intimen Gespräch“ offenbart hatte, dass er, der Bekannte, sich letztens vor einen Spiegel gesetzt und Haltung angenommen hätte, um daraufhin mit einem vermutlich eher bedächtigen Gestus hin- und her zu rutschen, ohne jedoch eine gefällige Position vor dem Spiegel, also ihm selbst, zu finden. Er, der Bekannte, rutschte also hin und her und saß trotzdem oder vielleicht auch deshalb, je nachdem, mal zu weit links und mal zu weit rechts, jedoch nie im Zentrum, es wollte ihm einfach nicht gelingen, sich zentral vor dem Spiegel, also ihm selbst, zu positionieren, obwohl er sich kontinuierlich und rücksichtslos hin und her rückte, ja, geradezu verrückt machte und somit auch verrückt vor dem Spiegel, also sich selbst, saß, also nicht am rechten Platz saß, sozusagen, und blickte daher immer aus einem etwas schiefen Winkel in den Spiegel, also ihn selbst, bzw. gegen den Spiegel, also gegen ihn selbst. Gegen sich selbst, so der Bekannte, aber im Grunde nicht in sich selbst, denn das war freilich unmöglich, denn um einen solchen Blick zu erhaschen, müsste er sich ganz anders vor den Spiegel setzen, wenn er sich denn überhaupt setzen sollte, denn wie wolle man sich als Mensch auch im Sitzen begreifen, kniend funktioniere es ja auch nicht, das ergebe nur ein ganz und gar verzerrtes, ganz und gar trauriges und ganz und gar unzureichendes Bild, oder, so der Bekannte, vielleicht müsste er den Spiegel sogar zerstören, aber wie kann man in einen zerstörten Spiegel blicken und ein vollständiges, adäquates Bild erwarten, das wäre närrisch, dachte er vermutlich, geradezu hilflos närrisch, da blieben doch nur Fragmente übrig und wären wir nur Fragmente, warum nehmen wir uns dann als Bild wahr. Der Mensch als Puzzle, wie närrisch, dachte er, der Bekannte, aber doch möglich! Was für ein Gedankengift, die Möglichkeit. Eigene, ganz eigene Gedanken sind vielleicht möglich, dachte er, der Bekannte, aber vermutlich sind sie doch unmöglich, denn warum sollte man diese aus dem Unterbewusstsein an den Strand des Bewusstseins gespülten Gedanken eigen nennen dürfen, sie bestehen ja nicht, Gedanken sind doch immer flüchtig, dachte der Bekannte vermutlich kurz, bröckeln einem aus der Stirn in die Hände und aus diesen in den Staub, auf den wir treten, noch bevor wir sie fassen können. Es müsste einen Spiegel für die Elemente unseres Bewusstseins und Unterbewusstseins geben, damit wir wissen, was wir sind, wer wir sein können, wie wir sehen sollen, was wir wollen, damit wir es endlich einmal wissen, anfassen, begreifen können. Aber wollen wir das wissen? Wollen wir mehr als diesen gewöhnlichen Spiegel, in dem wir uns immerzu nur in einem etwas schiefen Winkel sehen? Würden wir mehr wissen wollen und wohin würde das führen, etwa zu mehr Wahrheit, und führt Wahrheit zu Wahrheit oder zu der Verleugnung dieser Wahrheit? Das kommt auf die Wahrheit an, es kommt immer auf die Wahrheit an, dachte der Bekannte, aber kann man seine Wahrheit, die Wahrheit, die man selbst ist, überhaupt verleugnen, hieße das nicht, in einem Gewaltakt etwas aus sich herauszubrechen, in den Spiegel, also sich selbst, zu schlagen und ein Mosaikstück zu entfernen und immerzu diese Lücke zu sehen, wenn wir gegen den Spiegel, also gegen uns, sehen? Zeigen Spiegel Wahrheit oder Wirklichkeit? Zeigen sie die wahre Wirklichkeit oder nur eine von vielen Möglichkeiten der Wirklichkeit, die man wahr machen könnte? Wie kommt Wahrheit in und aus dem Spiegel, also uns selbst, wenn nicht in und aus uns selbst. Wahrheit holt uns doch immer ein, denn die Welt besteht aus Spiegeln, ist ein Spiegel, sowie ja auch Menschen Spiegel sind. Aber Spiegel existieren natürlich nicht. Das ist nur Materie. Unser Spiegelbild existiert natürlich nicht, das ist nur Materie durchwirkt mit Denken, angesteckte, fiebernde Materie, das ist Identität, ein einziges Fieber zwischen zwei Zuständen, halb Frost, halb Feuer. Ist Identität überhaupt möglich?, dachte der Bekannte vermutlich, als er abermals versuchte, sich ins Zentrum zu rücken, damit er nicht gezwungen wäre, sich aus dieser schiefen Perspektive zu betrachten, was ihn vermutlich nach kontinuierlichem Hin-, Her- und Verrücken irgendwann verrückt gemacht hätte. Pessoa schrieb doch: „Der Erfinder des Spiegels hat die menschliche Seele vergiftet“, dachte der Bekannte, und versuchte abermals durch kontinuierliches Hin-, Her- und Verrücken, sich zentral vor dem Spiegel zu positionieren, und fragte sich währenddessen immerzu, was Pessoa wohl gemeint haben könnte und ob dieser überhaupt einen Spiegel besäßen hätte, und wenn ja, was für einen, ob er vielleicht einen Spiegel wie den seinen besessen hätte, vor den man sich niemals so hinsetzen konnte, dass man sich selbst und dazu noch vollständig sich selbst sah, auch wenn man sich abertausende Male hin und her rückte, bis man halb verrückt wurde, wenn man stets bemerkte, wie verrückt man vor dem Spiegel saß und doch, als der Bekannte, wie er erzählte, für den Bruchteil einer Sekunde etwas im Spiegel sah, das er für sich selbst hielt, ihm aber völlig fremd war, ja, verzerrt, unbekannt und unheimlich war, das ihm geradezu wie eine absurde Fratze entgegen starrte, da erschrak er dermaßen, dass er vor dem Spiegel, also sich selbst, auf- und von dem Spiegel, also sich selbst, wegsprang und in dieser Flucht reflexartig das nächstbeste, was er greifen konnte, gegen den Spiegel schmiss und das Zimmer samt zerbrochenem Spiegel verließ, um Limburger aufzusuchen, um sich bei, mit und an ihm zu beruhigen, indem er ihm von dieser seltsamen Begegnung erzählte, was Limburger einerseits verblüffte, andererseits überraschte, war der Bekannte ihm im Grunde doch völlig fremd, jedenfalls in dem Maße, in dem wir uns alle fremd sind, was Limburger dann auch Schmidt erzählte, in der Hoffnung, dass dieser verstehe, wo er scheitere, der jedoch Limburger durch die Bemerkung paralysierte, dass er, Limburger, sich darüber keine Sorgen mache solle, weil er, Limburger, nur eine Fiktion Schmidts sei, was Schmidt mir im Nachhinein so erklärte, dass er, wenn er vor dem Spiegel säße, mit einem kleinen Kabinett seiner Fiktionen lange Unterhaltungen zu führen pflegte, um sich so auf die Spur zu kommen und zu erfahren, ob wir Fremde sind, woraufhin ich, der ich Schmidt erschaffen hatte, nur dachte: Wir sind Fremde.


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Kommentare

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    Ich mag´s. Das ist, wie es oft so mit Gedanken und Erkenntnissen ist - an einem Stück verworren und man muss genau hinsehen/hören/lesen, um aus dem Verworrenen ein klares Bild zu machen.

    16.03.2012, 05:59 von AnderSindInMir
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  • 0

    Ich Absatz  würde Absatz es Absatz gerne Absatz lesen, Absatz aber Absatz es Absatz fällt Absatz so schwer... ;-)

    15.03.2012, 16:37 von Mrs.McH
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