FC Kuhdorf vs. SV Nebelding
Ich bin rechter Innenverteidiger in einer Amateur-Fußballmannschaft. Meine Hauptaufgabe ist es, das aktuelle Ergebnis zu verwalten - den Status quo.
Derweil Mittelfeldspieler und Stürmer mutig nach vorne wetzen, um Gutes zu vollbringen, halte ich meine Stellung, um Schlechtes zu verhindern. Es gab Zeiten, da konnte ich das.
„Egal, was daheim ist, oder in der Arbeit, oder sonstwo, in den nächsten zweieinhalb Stunden zählt nichts anderes als Fußball“, hatte unser Spielertrainer im Rahmen seiner Ansprache durch die Kabine geplärrt. Da ich eigentlich als zuverlässiger Leistungsautomat gelte, habe ich schon während des Aufwärmprogramms versucht, dieser Forderung zu entsprechen, mich zusammenzureißen, sportliche Gedanken zu generieren. Vor zwei Minuten habe ich sogar drei Mal gegen den linken Torpfosten getreten und lauter denn je „Auf geht’s, Jungs!“ geschrien. Alles ohne Erfolg. Als der Schiedsrichter das heutige Auswärtsspiel gegen den FC Kuhdorf anpfeift, bin ich unverändert traurig und leistungsbereit wie ein Liegestuhl.
3. Minute. Mein erster Ballkontakt. Ich spiele einen glasklaren 15-Meter-Pass zum linken Außenverteidiger. Könnte heute doch noch was werden, mit mir und der Leistung. Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an, ein Liegestuhl und eine Leistung, das passt. Vielleicht vermag eine gute fußballerische Performance sogar mein sonstiges gegenwärtiges Versagen zu kompensieren. Ganz schön clever von mir, dass ich vor längerer Zeit nicht bloß ein, sondern drei Lebensglück-Eisen ins Feuer geworfen habe, damit ich mir nicht gleich irgendwas abhacken muss, wenn ein Eisen nicht mehr glüht. Das Schicksal des letzten Eisens entscheidet sich heute auf dem Platz. Also konzentriere dich. Junge.
5. Minute. Da unser Torwart über keine anderen Füße außer einem Gichtfuß und einem linken Fuß verfügt, schreite ich, a.k.a. „der Weitschießer“, zum Torraum, um einen Abstoß auszuführen. Auf Höhe der Mittellinie sehe ich Mitspielerarme, die Bälle wollen. Die halbkreisförmig um den Fußballplatz gepflanzten Fichten biegen sich im Gegenwind; vor Lachen, schätze ich. Trotz meiner Sorgen ob der suboptimalen Windrichtung versuche ich, Ruhe zu bewahren. Ich fixiere den Ball, sekundenlang, die Welt steht still, die schmierige Welt mit dem schmierigen Boden; ich denke an eine gelbe Karte wegen Zeitspiels, an den Genitiv regierende Präpositionen, an eine Zukunft, in der ich beim Abstoß ausrutschen und einem gegnerischen Stürmer den Ball auf dem Silbertablett servieren werde. Meinen verbliebenen Mut zusammennehmend, laufe ich an. „Angesichts des“, schallt es durch meinen Schädel.
6. Minute. 1:0 für den FC Kuhdorf. Self-fulfilling prophecy. Nur ohne
Ausrutschen. Am Spielfeldrand fuchteln die Anhänger meiner Mannschaft
mit Bierflaschen herum, mein verunglückter Abstoß hat ihnen die
Zornesröte ins Gesicht getrieben, sie schimpfen, belegen mich mit
Begriffen aus dem Tierreich, einer brüllt: „Kriegst du im Bett auch
keinen hoch?“ Ich suche indessen meine Umgebung nach möglichen Ausreden
ab, leider bin ich nicht ausgerutscht, das wäre eine supi Ausrede
gewesen, der Gegenwind taugt auch nicht, der Ball war nie in der Luft,
letztlich fasse ich mir an den hinteren Oberschenkel und verziehe das
Gesicht, den Trost meiner Mitspieler nehme ich nicht wahr.
Ist doch
bloß ein Spiel, versuche ich, mir einzubläuen, ein verdammtes,
unbedeutendes Spiel; es gibt so viel Wichtigeres auf der Welt. Mach dich
nicht verrückt. Ignoriere den Herzschlag, der inzwischen den linken
Ringzeh erreicht hat. Denk an was Schönes. Inmitten des. Aufgrund der.
Ungeachtet dessen. Mein armes letztes Eisen.
17. Minute. Ich treffe Jon Hamm auf dem örtlichen Spielplatz, erzähle
ihm, dass ich ihn gestern in „The Town“ gesehen habe, aber Jon Hamm
guckt nur verwirrt.
„Was?“ fragt er stirnrunzelnd.
„In „The Town“, da haben Sie doch mitgespielt, mit Ben Affleck?“
„The was?“
Jon Hamm versteht mich nicht. Womöglich spreche ich das Wort „town“
falsch aus. Nachdem ich ihm sieben Ausspracheoptionen angeboten habe,
winkt Jon Hamm ab und zieht von dannen.
Mein Gehirn beschäftigt sich mit den Träumen vergangener Nacht. Unterdessen verliere ich Zweikampf um Zweikampf.
29. Minute. 2:0 für den FC Kuhdorf. Weil ich aus Angst um meinen Kopf ein Kopfballduell verweigere, hat ein Kuhdorfer keine Mühe, den Ball in die Maschen zu befördern. „Sag mal, hast du Angst?“ höre ich von der Seitenlinie. Leise flüstere ich „ja“. Anschließend nehme ich mir vor, der Dings vom letzten Wochenende eine SMS zu schicken - der Dings, die mir eigentlich zu fett und in meinem Handy unter „bla“ eingespeichert ist. Irgendwann merke ich, dass ich konsterniert den Kopf schüttele.
31. Minute. Unser Spielertrainer bedeutet mir meine Auswechslung. „Na endlich!“ lallt ein angetrunkener Chor. Betont humpelnd verlasse ich das Spielfeld, verschwinde schleunigst in der Kabine, ziehe mich aus, dusche, und als ich mein Portemonnaie nach Geld für Alkohol durchstöbere, drängt sich mir der Verdacht auf, dass ich sie unbewusst vielleicht sogar herbeigesehnt habe - die totale Katastrophe.




Kommentare
Ich kannte mal einen Fußballer/Student, der dachte, er wäre auch gleichzeitig Schriftsteller. Deshalb textete er bierselig für ein Provinzblättchen Provinzligaspielkommentare, während Zuhause der große Roman auf der Festplatte im seichten Flautenwasser dümpelte, weil er nicht wusste "wo es mit den Charakteren hingeht" und zwischendurch spie er ein paar Kicker- und Kifferepisoden in einer doch recht grenzdebilen Sprache in die Öffentlichkeit, weil das große Ziel am Horizont ein Praktikum bei 11 FREUNDE war.
28.11.2011, 23:42 von frl_smillaIch frage mich, ob du dieser Typ bist.
Und wie dein Praktikum bei 11 Freunde war.
Bei den Genitiv regierenden Präpositionen und einer fetten Tussi, die unter "bla" abgespeichert ist, weiß ich, dass es Zeit für eine Empfehlung ist.
27.11.2011, 01:59 von MoogleWas mich mal interessieren würde, warum (ich denke mal von der Redaktion) der Titel auf der Startseite abgeändert wurde? Ich meine, erstens ist ein Titel ja auch immer DIE Aussage, die der Autor rüberbringen will, und ich fände es nicht toll, wenn ich nen Text schreiben würde, und das, was erst mal zum Text hinverleiten soll, einfach umgenannt wird. Ich zB les Texte oft gerade wegen der Titel, weil da irgendwas ist, was mich anspricht, oder neugierig macht. Und muss sagen, diesen Text hab ich gelesen, weil ich ihn bei irgendjemandem als Empfehlung (unter dem normalem Titel las), auf der Startseite sah ich ihn zwar, aber nahm ihn nicht wahr. Schade, wenn so in die "künstlerische Freihiet" seitens der Redaktion so eingegriffen wird, dass es nen Titel hat, der massenkompatibel ist.
26.11.2011, 11:22 von topfbluemchenVielleicht war der Titel einfach zu lang.
26.11.2011, 11:25 von Garmonboziahmm naja kann mir kaum vorstellen, dass der Titel einfach umgeändert wurde, damit er massenkompatibel ist. Aber stimmt schon die Wahl des Titels ist ja häufig entscheident. Man gucke sich einfach mal die Bild "Zeitung" an. Ohne Titel gäb es ja gar keinen Inhalt ;)
29.11.2011, 16:37 von Staffan_EklundMich würde auch mal interessieren, ob dieses Fußballspiel eine einzige riesengrgoße Metapher ist oder ob es wirklich um einen Fußballer in einem kleinen Mittelklasseverein geht, der irgendwie nicht mehr kann? Soll das auf die vielen Fälle von Depression und Suizid(-versuchen) in der Fußballerwelt der letzten Zeit anspielen? Wenn ja, dann kam diese Stimmung schon rüber. Und dein Erzählstil gefällt mir auch.
25.11.2011, 23:05 von mongolenbrautIch hatte kürzlich ein Fußballspiel, bei dem ich mich so gefühlt habe. Das Spiel ist zwar nicht derart in die Hose gegangen, aber ich hatte die beschriebenen Gedanken. Das fand ich komisch, weil es ja eigentlich Spaß machen sollte. Daher der Text.
25.11.2011, 23:31 von Garmonboziaachso, manchmal kann echt ewig viel in die texte reininterpretieren :D
26.11.2011, 15:27 von mongolenbrautDer Kick ist C-Klasse.
25.11.2011, 22:55 von KokomikoText 1.Liga !
Son Spass hab ich hier lange nicht gehabt.
habe ich den selben artikel doch soeben auf "jetzt.de" gelesen...
24.11.2011, 23:35 von SchubLadeaber auch auf "neon.de": bleibt er unlustig.
Klar, ist ja auch derselbe.
24.11.2011, 23:43 von GarmonboziaIch weiß nicht, entweder soll das sinnbildlich sein, und ich raffs nicht, und finde es deswegen nur bedingt lustig - wobei ich die Sache mit den sich biegenden Fichten klasse fand - oder aber die Redaktion hat wieder die "bekannter-Autor-direkt-auf-Startseite-Funktion" rausgeholt und der Text ansich ist doch eher durchschnittlich. Na ja, egal, stellenweise gefiel es mir, ich musste schmunzeln, aber vom Hocker gehauen hat es mich jetzt nicht.
24.11.2011, 19:39 von topfbluemchenIch bin in der fünften Minute ob eiernder Metaphern, mertesackerschen Lahmzeichnungen und trotz hocheinfallsreicher Lokalisierung (Kuhdorf, witziiiisch) eingeschlafen. Jetzt läuft Werbung für Vaginalmaskara und ein Essay von Angela Merkel über diese verdammt gewohnte Macht der Langeweile. Aber wie wir wissen: Vor der Startseite ist nach reiflicher Überlegung, nech, und ob unauthentisch oder lahmarschig, egal, Hauptsache Texte.
24.11.2011, 18:01 von quatzatIch hatte erst Balkon-Takt gelesen.
24.11.2011, 16:57 von B.tinaBalkon-Akt wäre auch ein schöner Titel, nur am darunter laufenden Inhalt müsste dann etwas geschraubt werden
24.11.2011, 17:55 von SasaliSo weit bin ich noch nicht gekommen ...
24.11.2011, 18:47 von B.tinaIst es wirklich dermaßen schlüpfrig?
24.11.2011, 21:42 von quatzatHuch, wird der Titel jetzt von NEON für die Home beschnitten bzw. komplett umbenannt? Kann aber auch ins Auge gehen, wenn sich der Autor etwas bei dem Titel denkt...
24.11.2011, 14:53 von Sasali