NieOhne 03.10.2018, 13:53 Uhr 19 7

F43.2

...

F43.2 steht da auf diesem dünnen Papier. Es ist so ein Papier, bei dem sich die Schrift durchdrückt, so ein Druck-Papier. 

Ich sitze in diesem sehr großen Sessel. Er ist weich. Im Zimmer ist es angenehm. Der Luftbefeuchtern summt. 

F43.2. „Depression bei frühem Verlassenheitstrauma“. Aha. Denke ich bei mir. So heißt das also. 

So lässt sich nun also mein bisheriges Leben zusammenfassen. Unter F43.2. 

Das ist die ICD-10-Ziffer. Eine Ziffer um anderen Ärzten mitzuteilen, was mit mir ist. 

Ich starre weiter auf dieses Blatt. Und kann es kaum glauben. 

Ich dachte mein ganzes Leben sei so, weil ich so sei, so halt. So wie F43.2 sagt. 

F43.2. bedeutet, dass es nun isoliert steht. Dieser Block da. Er hat eine Ursache. Dieses schwarze Loch was sich auftut und mich immer wieder packt. Diese Erklärung für diesen überwältigenden Schmerz der sich immer wieder hochkocht. Und auch in Wut umschlägt. Der diese Verlassenheitsgefühle plausibel macht. Ach da kommen die also her. Von F43.2.

Diese Frau, sie ist eine Psychoanalytikerin, sie ist sehr schlau. Sie schaut mich über den Rand ihrer Brille an. Kennt ihr Analytiker? Die sind nicht wie normale Menschen. Die sind sehr abgefahren, und sehr smart. Meine Analytikerin ist es offensichtlich. Sie hat in Windeseile einen Namen gefunden für das, was ich ihr erzählt habe. 

Ganz ruhig sagte sie das. So als wäre es das normalste der Welt. Mit etwas näselnder Stimme fragt sie: „Wenn das kein Trauma ist, Frau Amanda, was ist es denn dann?“ 

Ich zucke mit den Schultern. 

Trauma. Aha, ohweia. Das klingt schwer. Das klingt nach Krieg und Tod. Nach Notstand, und Verzweiflung. Ja, mit Verzweiflung kenne ich mich gut aus. Stimmt schon. Sehr gut sogar. Und mit Todesängsten und zerstörerischer Wut auch. 

F43.2, ich habe es nun offiziell. Ich bin eine F43.2. Seit meinem vierten Lebensjahr also. 

Genau. 

Verlassenheit, wo die herkommt? Ja das habe ich mich auch immer gefragt. 

Mittlerweile ahne ich es. So ganz schemenhaft kann ich es nachbilden und der Kopf malt, er kontrolliert, will das unsagbare rationalisieren: 

Mein Bruder. Er ist verschwunden. Mein kleiner. Es ist Weihnachten und niemand sagt mir wo er ist. Kein Mensch erzählt, nur gucken alle betroffen. Mir ist, es als lägen eiskalte Hände um meinen Hals und drücken zu. Ich erstickte und schreie, jedoch ohne dass mich jemand hört. 

Diese Erwachsenen. Sie wissen etwas was nich nicht weiß. Sie bilden eine Mauer aus Schweigen. 

Starr sind sie. 

Mein Fahrrad. Rosa glänzt es und steht unter dem Weihnachtsbaum. Oh, wie sehr habe ich es mir gewünscht. Nein, ich will es nicht! Ich will sterben, denn meine Welt ist im Dunkel. 

Ich gehe unter den Tisch. Ich will dieses Fest nicht. Ich will nicht. Ich will warten und aufhören zu atmen. Ich stelle das jetzt ab. Das alles. Dieses Alleinsein. Dieses Schweigen. In mir selbst stirbt etwas. 

Ich töte meine Eltern und meine Großeltern, verbrenne sie. Die Wut macht das. Ich kann das, ich bin ein Löwe, ein Feuerzeichen, tiefe Glut lodert in mir. Ich verbanne sie alle, das Schweigen, die Verzweiflung, die Not. Und vor allem den Verrat. Denn sie wissen was, was ich nicht weiß. Sie wissen wo mein geliebtes Brüderchen ist. Sie und ihr Schweigen haben es mit sich genommen. Mein Körper krampft und ich will mich übergeben. Ich bin allein mit diesen Eltern, wie soll ich das überleben. Ich weiß es nicht. 

F43.2. 

Das ist F43.2. Das alles und noch mehr. 

Das ist tagelang im Bett liegen und weinen und nicht wissen warum. Das ist plötzlich Menschen zu hassen, die mir nichts getan haben, das ist pure Verzweiflung und lähmendere Schmerz. 32 Jahre lang. 

32 Jahre lang F43.2. 

So viele Wege gegangen, so viel Leid empfangen und zugefügt. Bis ich in diesem Sessel landete. Er wurde mir empfohlen. Psychoanalyse. Wie eine total Gestörte sitz ich hier. 

Bin ich gar nicht. Ich bin hoch funktional. Habe ein erfolgreiches reiches Leben. 

Bis auf F43.2.

Diese F43.2 guckt mich so an. Und ich denke bei mir, dass es gut so ist, dass ich endlich einen Namen habe für mein Endzeitszenario, was mich seit Kindesbeinen heimsucht. 

Mein kleiner Bruder, ja. Was mit ihm war? 

Er ist gestorben. Und ich habe es nicht gewusst. Er wurde weggerissen von mir ins namenlose. Ohne dass ich wusste wohin. Er war fort. Und ich allein. 

Weihnachten. 24.12.1986.

Nicht der leichteste Tag für mich. 

Weihnacht ist F43.2.

Für mich. 

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19 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Dachte, es gaebe wat zu lachen. Aber nein.  Eine Geschichte,  die betroffen macht.


    Danke, dass Sie uns daran haben teilnehmen lassen !

    04.11.2018, 22:13 von Dr_Lapsus
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  • 1

    Kompliment, meine Liebe, Kompliment.

    10.10.2018, 22:52 von KaffeJunge
    • 0

      ich danke dir sehr. 

      30.11.2018, 20:47 von NieOhne
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  • 1

    Hab ich die koitale Textpassage überlesen?

    08.10.2018, 14:45 von quatzat
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  • 2

    schlimmer als die wahrheit ist oft das verschweigen der wahrheit.

    06.10.2018, 15:33 von ga
    • 0

      der button reagiert mit erheblicher verzögerung.

      06.10.2018, 15:35 von ga
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  • 2

    F43.2. „Depression bei frühem Verlassenheitstrauma“

    Bin jetzt  nur über den Text drüber geflogen: Ich hoffe Amanda ist mir jetzt nicht böse, wenn ich nun mutmaße, dass F43.2. womöglich der tatsächliche Grund ist, warum sie sich im Rahmen ihres offenen Beziehungsmodells mehrere Männer "warm" hält. Wenn sich der eine verabschiedet - aus welchen Gründen auch immer - ist da halt immer noch ein anderer. Hm...

    06.10.2018, 14:04 von mirror87
    • 2

      He, das hast du falsch verstanden. Ich halte mir nur zwei warm. 

      Alle anderen halte ich mir heiß. 

      06.10.2018, 14:48 von NieOhne
    • 0

      Zwei Männer sind doch mehrere Männer. :-P

      Na gut, dann binsch gespannt auf weitere Texte.

      06.10.2018, 20:28 von mirror87
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  • 1

    Guter Text. Und interessant, ich war bisher der Meinung, dass eine F43.2 (die ich als
    "Anpassungsstörung" kenne), nur gegeben werden darf, wenn das Ereignis
    nicht länger als 6 Monate her ist.

    06.10.2018, 13:27 von sommergewitternacht
    • 0

      Du, keine Ahnung... Aber Dankeschön! 

      06.10.2018, 14:11 von NieOhne
    • 0

      Vielleicht meinte sie die F43.21 und war zu faul zum Schreiben. Hat mich jedenfalls zu diesem Text gelockt und das war ja eine gute Sache. :)
      Ich mag bloß keine Therapeuten, die ihren Klienten die Diagnosen nicht erklären. Psychoedukation kann sehr hilfreich sein. :/

      06.10.2018, 16:29 von sommergewitternacht
    • 0

      Ich glaube oft schreibe sie auch erst einmal "irgendwas passendes" hin was in die Richtung zeigt. Ich glaube übergeordnet ist es auch eine Anpassungsstörung. 

      30.11.2018, 20:48 von NieOhne
    • 0

      Aber wie gesagt ich bin ein Laie. 

      30.11.2018, 20:49 von NieOhne
    • 0

      Stand vielleicht ein "(V)" hinter der Diagnose? Dann wars eine Verdachtsdiagnose. Wenn man sich dann sicher ist, wird es ein "(G)", für "gesichert".

      30.11.2018, 23:00 von sommergewitternacht
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  • 1

    höchst emotional geschrieben. zumindest für mich. F43.2 hat viel zu viele freunde. 

    04.10.2018, 16:20 von jetsam
    • 0

      "mag ich" kann ich nur schreiben. die schaltfläche funktioniert bei mir nicht. :(

      04.10.2018, 16:23 von jetsam
    • 0

      Herzlichen Dank dir!

      und dieses Herzchen funktioniert  bei mir auch nicht... 

      04.10.2018, 20:28 von NieOhne
    • 0

      Dieses Problem mit dem "mag ich"-Button hatte ich auch, in einem anderen Browser geöffnet gings dann. :)

      06.10.2018, 13:36 von sommergewitternacht
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