exodus exitus
Veränderung hatte ich mir gewünscht - jedoch stellte ich sie mir anders vor.
Mit Grasbüscheln versuche ich die Hundekacke von der Schuhsohle zu entfernen, deren Gestank ich unfairerweise Kurt andichten wollte. Er nimmt es mir nicht krumm, sitzt in aller Seelenruhe neben mir und philosophiert über diese immer verrückter werdende Welt. Ich erzähle ihm von meiner Begegnung mit einer Frau die ebensolch leere Augen hatte, wie all die anderen „Infizierten“, wie wir sie nennen. Ich fragte sie, ob ich ihre Handtasche haben kann. Ohne ein Wort oder auch nur den Hauch von Skepsis, kramte sie ihren Schlüsselbund raus und hielt mir ihre Tasche hin. Wenigstens folgte sie noch der Logik, dass sie ohne Schlüssel wohl nicht nach Hause gehen kann, doch schien ihr alles andere egal zu sein. Ich könnte auch behaupten, sie würde in sich ruhen und sei so ausgeglichen, dass sie keine materiellen Besitztümer braucht um glücklich zu sein. Dies strahlte sie jedoch nicht im Erntferntesten aus.
Kurt und ich haben uns vorgenommen, regelmäßige Stichproben durchzuführen und die Ergebnisse unserer Suche auszutauschen. Bisher waren wir erfolglos. Die Realität wirkt wie ein Spielfilm, in dem „Slow Motion“ als übertriebenes Stilmittel eingesetzt wurde. Antriebslos ziehen Personen wie Puppen an uns vorüber, tun was sie gelernt haben zu tun, weil es eben immer so gemacht wurde. Sie arbeiten, sie schlafen, sie gehen, teilweise reden sie noch – einfach weil sie es gewohnt sind all dies zu tun und vermutlich auch nicht wissen, was sie sonst tun sollten. Freude scheint es keinem von ihnen zu bereiten. Kurt und ich sind nur Zuschauer, passive Beobachter. Popcorn haben wir nicht, ersatzweise reicht er mir eine Dose billiges Bier und deutet mit sorgengefalteter Stirn auf das Hochhaus. „Einer nach dem anderen, den ganzen Tag schon.“ Ich weiß genau was er meint und dennoch sehe ich hin. Wie könnte ich auch anders? Auf dem Dach, die Menschen wie Lemminge, stürzen sich hinab und schlagen hart auf. Ich bilde mir ein, den Aufprall zu hören, obwohl das auf diese Entfernung absoluter Quatsch ist. Er sinniert, dass sie vermutlich keine andere Möglichkeit finden, aus ihrer toten Haut zu flüchten und nicht einmal mehr Schmerz empfinden. Einige von ihnen reißen vor dem Sprung die Arme nach oben, als würde sich dadurch die dichte Wolkendecke lockern. Tut sie nicht.
Anfangs dachten wir, es handle sich um ein ganz normales Gewitter. Als sich der Himmel immer weiter zu zog und unheimliche Farbspiele mit sich brachte, glaubten wir noch an schlimme Unwetter, wie wir sie nur aus Nachrichten kannten. Doch auch davon keine Spur. Absolute Windstille, kein Donner, kein Regen, aber auch kein Sonnenstrahl – nichts womit man rechnen könnte. Was bleibt, ist das Ungewisse. Wie dunkler Nebel wabert es unbemerkt durch die Gassen, saugt dabei alles auf was es brauchen kann und lässt pure Leere in Hüllen zurück. Seit geraumer Zeit ist kein Vogel zu hören und allgemein kein lebendiges Tier mehr zu sehen. Stattdessen gehen die Menschen Slalom um die Kadaver, die einfach so auf der Straße liegen. Die Tiere hörten einfach auf zu essen und verendeten, ohne dass es irgendwen störte.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann die Zeitungen aufgehört haben, davon zu berichten. Plötzlich wurde alles egal. Zuerst endeten die Kriege – darüber freute sich die Welt noch. Dann brach die Politik ein und die Religionen vereinten sich zu einem friedlichen Haufen. Demonstrationen lösten sich auf, nichts schien wichtig genug, um dafür noch auf die Straße zu gehen. Ich machte mich über eine Freundin lustig, die mit ihrem exzentrischen Idealismus versuchte, die Menschen mit süßen Katzenbildern zur Harmonie zu erziehen. Später verstand ich die Welt nicht mehr, als der blinde Aktionismus und die gewaltigen Gefühlsausbrüche meiner Freunde plötzlich ausblieben, für die ich sie immer beneidet hatte. Als hätte man jedem Einzelnen von ihnen den Schalter auf „depressiv“ oder „scheintot“ umgelegt. Es folgte Langeweile. Konzentrierte Langeweile, weil nichts mehr passierte. Selbst für Sex fehlte den Menschen die Lust und der Antrieb.
Kurt holt mich mit einem herzhaften Rülpser zurück in die Gegenwart und eröffnet damit eine seiner Reden. Er erzählt mir häufig aus seinem Leben bevor sich alles verändert hat. Wir testen uns dadurch gegenseitig, hören dem anderen zu und suchen nach Gefühlsregungen, um sicher zu gehen, dass alles gut ist. Meist streicht er dabei die Wolldecke glatt, oder versucht den Dreck wegzuknubbeln und macht es mit seinen schmutzigen Fingern noch viel schlimmer. Diesmal handelt die Geschichte von seinem Job als Taxifahrer, als die Menschen noch lachen und weinen konnten. Seine Ehefrau hatte er damals kennen gelernt. Er betont, wie gern er sich noch heute dafür ohrfeigen würde sie mitgenommen zu haben. Sie habe ihm in den vielen Jahren oftmals gezeigt, wie man auf Knopfdruck heulen kann und er sei immer wieder darauf reingefallen. All der Hass und die aufgestaute Frustration sprudeln nur so aus ihm heraus. Ich sitze nur da und nicke, trinke und werfe die leere Dose zu den anderen.
Warum er nicht in der Lage sei, objektiv zu sein, warum er sich sein Leben lang von Gefühlen hat leiten lassen, will er von mir wissen. Ich habe keine Antwort darauf, kenne ihn auch nicht gut genug und bin insgeheim froh über sein noch vorhandenes Temperament.
An mir prasselte jahrelang so vieles ab, dass ich glaubte apathisch am Dasein teilzunehmen, das sich nicht wie das eigene anfühlte. Noch nie gehörte ich zu den Menschen, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Doch seit die Welt um mich herum noch viel weniger empfindet als ich es je tat, fühlt es sich an, als würde sich in mir eine Emotionsbombe auftun. Anfangs freute ich mich noch darüber, dass das ewige Genörgel der Kollegen endlich ein Ende hatte. Irgendwann fing die Stille an zu nerven. Ich suchte ihre Leiber nach Knöpfen ab, weil ich mir nicht sicher war, mit Menschen oder Robotern zu tun zu haben. Die Erkenntnis, dass sie aus Fleisch und Blut waren und dennoch wie betäubt vor sich hin trotteten, schockierte mich. Seelenlos erschienen sie mir, als müsse ich ihnen durch eine dicke Glasscheibe hindurch zusehen, wie sie vor sich hinvegetieren, gleichsam Tieren in Gefangenschaft.
Als ich mir dem Ernst der Lage noch nicht bewusst war, wollte ich mir einen Spaß daraus machen und sprach einen von ihnen an, ob ich ihm das Herz rausreißen dürfe, er benötige es doch eh nicht mehr. Er sah mich mit ringumzeichneten, leeren Augen an und zuckte mit den Schultern. Es war ihm egal. Auch als ich ihm in der Pause heißen Kaffee über den Unterarm goss, zeigte er keinerlei Gefühlsregung.
Nun sei ich an der Reihe, befiehlt mir Kurt. Er wartet auf eine meiner Verschwörungstheorien, in die ich mich die letzte Zeit immer wieder reingesteigert hatte, als ich ihm beweisen sollte, normal zu sein. Er lachte mich oftmals aus, war jedoch begeistert, wie viele Erklärungsversuche ich für die aktuelle Situation auf Lager habe.
Ich atme tief durch und setze an: „Ich erinnere mich an eine Zeit vor dem Jetzt, daran wie es früher war, an schöne Momente und wofür es sich lohnte zu leben.“ Ich suche nach den richtigen Worten, die meine Geschichte weiter erzählen sollen und spüre, wie sich ein dumpfer Ton in meinen Ohren ausbreitet und eine Art Nebel mein Gehirn umzüngelt. Nach einigen Momenten stößt mir Kurt seinen Ellenbogen zwischen die Rippen, damit ich fortfahre. „Nun fällt mir keiner der Gründe mehr ein.“
Tags: Hundekacke, Kadaver, heißer Kaffee, gefühlskalt







Kommentare
Kadaver
30.09.2012, 00:00 von Surecamp<3
oktober 2012, berlin, potsadmer platz:(
29.09.2012, 20:11 von zehnmomente..tausche d und a um....
30.09.2012, 17:21 von zehnmomenteUhwaaaa - gruselig!
27.09.2012, 17:49 von First.Of.The.GangIch mag die Fantasie und das sprachliche Tempo in diesem Text. Liest sich spannend und wie aus einem Guss.
27.09.2012, 15:40 von Jackie_GreyAuch eine Art von Zombietext. Aber irgendwie noch beklemmender...
26.09.2012, 10:57 von cosmokatzeja, irgendwie. Grausam fand ich auch:
26.09.2012, 18:34 von EliasRafael
Ich fühlte mich angesprochen.
27.09.2012, 15:10 von Jackie_GreyWow! Der Trailer hat mich zuerst auf eine falsche Fährte gelockt, was aber auch daran liegt, dass ich an den Umzug denken musste. Wobei es im weitesten Sinne sicher einen Zusammenhang gibt?
Vielleicht bin ich aber noch nicht ganz durchgestiegen, doch das Herz kam spontan und überzeugt. Toll geschrieben, diese endzeitartige Stimmung hat mich Zeile für Zeile mehr gepackt und die Welt um mich herum verblasste immer mehr. Ein einnehmender Text ist Dir da gelungen!
26.09.2012, 07:30 von Mrs.McH