isiotin 11.06.2010, 13:57 Uhr 0 1

Es geht mir gut.

Kein Grund sich zu fürchten.

Der Hörsaal ist voll. Der Professor langweilig, der Baulärm zu laut. Links neben mir schreibt meine Freundin mit, rechts sind die Köpfe auf die Tische gesunken.
Ich sitze da und es geht mir gut. Ich versuche mich auf die Vorlesung zu konzentrieren, aber meine Gedanken schweifen ab. Die Luft im Hörsaal ist schlecht, denn draußen ist es schwül und stickig. Ein komisches Gefühl in meinem Hals. Ich atme tief ein. Das ist der Fehler.
Denn sofort sind sie da. In meinem Kopf. Breiten sich aus, sind unaufhaltsam.
Die Gedanken.
Das ist doch Quatsch, schreie ich mir leise zu. Hör nicht zu! Was sagt der Prof? Hör ihm zu!
Meine Freundin lächelt mich an. Ich zwinge mich zurückzulächeln. Obwohl sie auf einmal unwirklich erscheint, denn mein Blick verändert sich. Ich verliere den Kontakt zur Realität. Ob sie es merkt? Ob sie sehen kann wie meine Hände zittern, wie mein Herz rast, sie müsste es doch hören, so laut wie es klopft.
Mein Kopf fängt an zu dröhnen, zu schmerzen, ich bin krank, ich bin krank, ich bin krank. Ich muss sterben.
Nein. Nein. Nein.
Es darf nicht die Überhand nehmen. Du bist gesund. Du bist gesund. Gesund.
Das ist nur eine kleine Panik, du kennst sie doch schon. Bald ist sie wieder weg.
Du musst dich nur beruhigen. Alles ist gut.
Ich schaue mich um, bin unruhig. Als der Professor das Ende ankündigt springe ich auf, murmel was von dringendem Termin und verlasse den Hörsaal, die Klinik.
Stehe draußen und kämpfe mit den Tränen. Es geht dir gut, alles ist gut.
Ein Zwiespalt, ein Kampf.
Zwischen der Realität und den Gedanken.
Zwischen mir und der Angst.
Er geht in die nächste Runde.
Ich greife zum rettenden Handy und wähle die Nummer meiner Mutter. Sie ist der Herrscher über meine Angst. Doch heute geht sie nicht dran. Ich verliere den Kampf.
Kann die Tränen nicht aufhalten, laufe los Richtung Wohnheim, fort von den Menschen die mich sehen könnten.
Drehe um, laufe zurück. Möchte nicht alleine sein, habe Angst alleine zu sein.
Habe Angst unter Menschen zu sein.
Habe Angst zu sterben.
Angst zu leben.
Angst.
Mein Handy klingelt, vielleicht die Erlösung?
Mein Freund merkt sofort was los ist, fragt „Der Bauch? Das Bein?“
„Der Hals“ schluchze ich „ich kann nicht atmen, ich kann nicht atmen!“
Er beruhigt mich langsam. Ich hätte einen schönen Hals. Sollte ruhig atmen, es ginge doch. Komm trink noch einen Schluck Wasser. Setz dich hin. Hast du schon von ihr gehört? Die ist schwanger. Hast du schon von dem Neubau gehört, direkt in der Stadt?
Langsam werde ich ruhiger. Die Tränen hören auf zu fließen mein Puls beruhigt sich, ich merke, dass ich atme. Dass ich lebe.
Ich schäme mich.
Brauchst du nicht, ist doch nicht deine Schuld.
Ich sage ja.
Dir geht’s doch wieder gut, Maus?
Ich sage ja.
Ruf mich an wenn noch was ist, ja?
Ich sage ja.
Aber ich habe Angst.
Angst, vor meinem nächsten Kontrollverlust.
Meistens habe ich die Macht, nur selten verliere ich den Kampf der beinahe stündlich in mir tobt.
Noch gewinne ich meistens. Nur manchmal bin ich zu schwach.
Ich dachte immer, die schlimmste Angst wäre die vor dem Tod.
Doch die schlimmste Angst, ist die Angst vor der Angst.

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