Max-Jacob_Ost 02.04.2013, 12:00 Uhr 129 23
NEON täglich

Erinnerungsperlen

Gibt es „goldene Momente“, an die ihr euch heute noch gerne erinnert?

Gestern Abend: Es ist die 92. Minute. Nachspielzeit, ein letzter Eckball. Philipp Tschauner, Torhüter beim FC St. Pauli, setzt alles auf eine Karte, verlässt sein Tor und rennt in den gegnerischen Strafraum. Will die drohende Niederlage vor den eigenen Fans verhindern. Sein Tor liegt verlassen und leer weit hinter ihm. 

Sekunden später brüllt er in den Rasen, begraben unter seinen Mitspielern und dem Lärmteppich eines komplett ekstatischen Stadions. Er hat den Ausgleich geköpft. Ein Tor geschossen. Nur eine Handvoll Torhüter auf dem Globus haben das im Profifußball bisher geschafft.* Noch Minuten später ist er komplett euphorisiert, sprüht Endorphine in Reportermikrofone: „Ich hatte Tränen in den Augen, weil das wirklich etwas Einzigartiges ist. Hier im Stadion vor unseren Fans. Mit meiner Freundin auf der Tribüne, die das miterleben darf. Das ist einfach Wahnsinn!“ (nachzuhören hier ab Minute 4:00)

Es ist nicht übertrieben zu sagen: Das was Tschauner gestern Abend erlebt hat, war für ihn ein goldener Moment. Ein Ereignis, an das er sich wohl noch in Jahren erinnern wird. Und immer mit einem Lächeln im Gesicht.

Ich glaube, wir brauchen diese Momente in unserem Leben unbedingt. Augenblicke, an die wir immer gerne zurückdenken, aus denen wir etwas ziehen können. Nicht nur Bestätigung oder Selbstbewusstsein, sondern manchmal auch einfach nur Zufriedenheit, Freude, Glück. Vielleicht auch Momente, die einen geerdet, die Anführungsstriche vor den eigenen „Sorgen“ im Vergleich zu den Problemen Anderer in die Luft gezeichnet haben. 

Wenn ich selbst in meinem Gedächtnis nach solchen Ereignissen forsche, fällt mir – das muss wohl am Gedankenanstoß dafür liegen – zuerst etwas Sportliches ein: Im Alter von sieben oder acht Jahren schoss ich beim Stand von 0:16 ein Tor für meinen Dorfverein. Es war das erste Tor einer Jugendmannschaft dieses Vereins überhaupt. Während sich die Gegner verwundert am Kopf kratzten, jubelten am Spielfeldrand Mütter, Väter, der Vereinspräsident und mit dieser Ansammlung im Grunde das halbe Dorf als hätten wir die Weltmeisterschaft gewonnen. Nur dieses Tor habe ich bis heute noch komplett vor Augen.** Ja, ich weiß: Fußball. Ja, ich weiß: unwichtig und nicht lebensprägend. Aber trotzdem: Dieser Moment ist immer da.

Und dann eine Begegnung im Sommer 2008. Mit Hans-Peter Pull treffe ich beim Bayerischen Rundfunk den Mann, der mich zusammen mit Günther Koch durch meine Jugend begleitet hat. Ich weiß gar nicht, wie viele Champions-League-Übertragungen der beiden ich nachts heimlich in meinem Zimmer gehört habe. Ich mochte „Pulli“ immer lieber, weil er nicht nur gespielt, sondern wirklich verärgert war, wenn die Bayern es schleifen haben lassen. Da war er beleidigt, ein bisschen wohl auch persönlich (und das, obwohl er eher Clubfan ist, wie er mir sagte). Wie dem auch sei: Der Mann war einer der Hauptgründe dafür, warum ich zum Radio wollte. Und dann sitzt er da an meinem ersten Praktikumstag in der Sportredaktion, lässt sich von einem Kollegen T9 erklären und grinst mich an. Ich stelle mich vor, er springt begeistert auf, lässt sein Handy plumpsen, stellt sich in den Türrahmen zur Sekretärin nebenan und singt mit seiner Reporterstimme: „Hast du das gehört? Der hat aber mal eine Radiostimme! Toll.“ Läuft mit ausgestreckter Hand auf mich zu: „Ich bin der Pulli!“. Ich war selig.

Es gibt noch eine Reihe solcher Momente, die mir einfallen. Als mir eine Mitfahrgelegenheit begeistert von einem Artikel erzählte und mir somit zum ersten Mal in meinem Leben jemand begegnete, der etwas ohne mich zu kennen toll fand, das ich geschrieben hatte. Oder ich in meinem ersten Praktikum bei der Nürnberger Zeitung mit einer simplen Bildüberschrift den Chefredakteur dazu brachte, durch den langen Flur ins Großraumbüro zu laufen und mir vor verdutzter Kollegenmannschaft zu diesem grandiosen Einfall (ironiefrei!) zu gratulieren.

Und natürlich: Ganz viele private Momente. Nicht alle davon ausschließlich positiv besetzt. Der Tod eines Freundes vor dem WM-Finale 2010 führte mir die Bedeutungslosigkeit dieses ganzen Fußballwahnsinns vor Augen, dem ich verfallen bin. Eine Erkrankung in der Familie relativierte nicht nur meine Einstellung zu Krankenhäusern. Viele dieser Erinnerungen funktionieren auch nur für mich, ganz privat. Manche will ich gar nicht erzählen, lieber für mich behalten.

Trotzdem: Es ist schön, mal so im eigenen Leben zu kramen und nach wichtigen Ankerpunkten zu suchen. Oft wurden sie erst später wichtig, manchmal verklärt man auch bestimmt. Aber das alles hat ja seinen Grund und damit seine Berechtigung. 

Was sind wichtige Momente in eurem Leben, an die ihr euch immer wieder gerne erinnert? Oder habt ihr solche gar nicht? In der Redaktion hatte Onur zu dem Thema sofort etwas zu berichten (siehe seinen Kommentar), Sophie dagegen fiel beim ersten Nachdenken nichts Markantes ein. Ist es vielleicht auch eine Typ-Frage, ob man sich im Nachhinein an solchen Momenten festhält? Vielleicht gibt es ja Momente, an denen ihr uns teilhaben lassen wollt. Es muss nicht immer ein Torhüter-Tor in der Nachspielzeit sein.


*) Sonderfälle wie diesen oder jenen lassen wir mal außen vor. 

**) Nur am Beispiel des Schusses: für meine damaligen Verhältnisse hart, gezielt hatte ich auf den linken Giebel, eingeschlagen hatte es dann halbhoch einen halben Meter neben dem Pfosten, beim Schuss hatte ich Angst, ihn zu sehr mit dem Spann erwischt zu haben und den Ball gleich aus dem schlammigen Acker hinter dem Tor holen zu müssen, der Torhüter ist etwas merkwürdig gesprungen, in meiner Erinnerung hat sich das Netz wunderbar ausgebeult, Jahre später stellte ich fest, dass die Netze der kleinen Tore relativ stramm angezogen sind, der Jubel nach dem Treffer muss irgendwie ausgesehen haben wie Gerd Müller in den Siebzigern: zwei kleine Hüpfer mit einem hochgereckten rechten Arm und breitem Grinsen

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129 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Also wenn ich ehrlich sein soll: ich hab unglaublich wenig Ahnung von Fußball, und fand deine Fußballaffinität am Anfang eher nur belustigend, aber wenn ich jetzt so deine Texte lese, frage ich mich, wie ich es überhaupt ohne Fußball durch mein Leben geschafft habe.

    Danke für deine wirklich sehr, sehr schön geschriebenen Texte. Wenn du weiter so schreibst, überwinde ich am Ende noch meine Skepsis gegenüber Fußball.

    und danke, dass du mir bewiesen hast, dass NEON täglich ziemlich lesenswert sein kann.

    27.05.2013, 13:30 von tiefversteckt
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  • 1

    20 Tage ist dieser Beitrag nun alt.
    Ich bin gespannt, wie lange er noch in meinem Kopf rumgeistert. Immer mal wieder zwischendurch fallen mir jetzt längst vergangene "Goldene Momente" ein, die ich dann unbedingt mit meinem Umfeld teilen muss. Wären sie vielleicht auch so, aber sonst hätte ich ihnen keine Beachtung geschenkt und den Gedankenfetzen wieder davonflattern lassen.
    Danke!

    22.04.2013, 22:42 von .Elendstouristin.
    • 0

      Wow, das ist mal ein netter Kommentar. Freut mich sehr, dass du dir deine "goldenen Momente" jetzt bewusster machst!

      23.04.2013, 09:49 von Max-Jacob_Ost
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  • 1

    Sportlicher Höhenflug: In der dritten Klasse beim Schwimmunterricht eine Wette um einen Apfel, dass ich micht nicht traue von einem hooooooohen Turm zu springen.

    Mann war ich stolz, dabei mach ich mir gar nix aus Äpfeln.


    Ich glaube, wir brauchen diese Momente in unserem Leben unbedingt.
    Augenblicke, an die wir immer gerne zurückdenken, aus denen wir etwas
    ziehen können. Nicht nur Bestätigung oder Selbstbewusstsein, sondern
    manchmal auch einfach nur Zufriedenheit, Freude, Glück.

    Ja!

    Ob es Typabhängig ist.. Kann ich eig. nicht glauben. Eher eine Frage, wie sehr sich Dinge einprägen und wie bewusst man den Glücksmoment als solchen wahrnehmen und würdigen kann.

    10.04.2013, 09:57 von halbkindmf
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  • 1

    Borussia Dortmund - Fans dürften nun eine weitere Erinnerungsperle haben. ;)

    09.04.2013, 22:58 von sellardore
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  • 5

    Das in kürzester Vergangenheit liegende Ereignis ist die Geburt meiner Tochter, das plötzliche Dasein dieses kleinen schönen Wesens und der erhebende Moment, den ausgesuchten Namen eines neuen Menschleins mitteilen zu dürfen. Die dabei aufwallenden Gefühle waren unbeschreiblich.

    Andere bewegende Momente konnte ich schon beschreiben: Große, wie die Erfüllung eines Musikertraums, Kleine zarte Momente, Freundschaften, aber auch Prägendes aus meiner Kindheit, wie meine merkwürdige Sonderstellung als Heimleiterkind und die Situation, in der DDR auf einer Insel großzuwerden.

    Ich finde, neon eignet sich für derartige Verarbeitungen sehr gut.

    03.04.2013, 13:25 von LudwigMartin
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Auf den folgenden Kommentarseiten wird mir mal wieder der Skript nicht geladen, deshalb hier hin und nicht unter den Kommentar von Frau Kopf, wo es eigentlich hingehört:


    Frau Kopf, ich stimme Ihnen vollkommen zu, der Herr Ost macht tatsächlich die schönsten Neon täglich.

    02.04.2013, 23:18 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    Ich hing in einem Scheissjob fest, meinem ersten, den ich nur aufgrund der Wirtschaftskrise 2009 angenommen hatte - der Chef verhielt sich mir gegenüber völlig willkürlich, geschäftlich ging vieles nicht mit rechten Dingen zu - da erreichte mich eines Tages der Anruf eines Verlags, sie hätten gern meine neue Adresse, um mir den Scheck für die Jahresausschüttung meines Buches zustellen zu können. Hintergrund war der, dass eine Reihe von Studienkollegen und ich unsere Diplomarbeit veröffentlichen konnten - ich hatte das bereits schon fast wieder vergessen, aber es gab mir Auftrieb, mich weiter um eine bessere Stelle zu bewerben.

    Später dann ein weiterer goldener Moment: ich hatte mich auf einen absoluten Traumjob beworben, eigentlich nicht geglaubt dass ich dort Chancen hätte, wollte es aber wenigstens versuchen. In dem Job arbeite ich heute noch.

    Wieder eine andere Situation, ich sitze neben einigen Referenten und einer Übersetzerin, vor 200 Leuten, und dolmetsche - richtig professionell mit Mikro. Eine Ausnahme, ein ehrenamtlicher EInsatz, da ich das eigentlich nicht beruflich mache, aber ein absolut unvergesslicher Moment! Dankbar bin ich den Menschen, die mir all dies ermöglicht und mir zugetraut haben.

    02.04.2013, 23:03 von Shukla
    • 2

      Wie oft das bei Bewerbungen so ist: dass man sich einfach trauen muss.

      03.04.2013, 10:16 von Max-Jacob_Ost
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  • 8

    Hm.
    Ich zähl mal die mit neon-usern auf.
    Als Fieseise barfuss vor mir unter einem schönem Baum stand und ganz nervös war, vor einer sehr wichtigen Rede, die mein Leben ändern würde.
    Als Yolk mir nach dem Portishead Auftritt auf'm Southside entgegen kam und strahlend verkündete: "Sie ( Beth Gibbons) hat mir die Hand gegeben!"
    Als EliasRafael einwilligte, Teil meines kleines Nerd - Projekts zu werden. Und als er bei Esben and the Witch anfangen wollte, eine freudsche Analyse über das burschikose Aussehen der Sängerin anzulegen.
    Gumbo- Gambit, den ich noch nicht getroffen habe, aber der mir einen sooo tollen Zombietext schrieb ( berinnert Ihr Euch ???). Und somehowamused, der mich und Sambre mit Walking Dead versorgte, als es dringend nötig war.
    JanMaas, von dem ich wünschte, er wäre mein Nachbar, denn mit ihm kann ich so toll lästern, egal wie schlecht die Hintergrundmusik auch sein mag. ( Das nächste Mal in K -Field, oke ?)
    So.
    Ey, ich hab nicht einmal gemeckert jetzt. Krass, was ?

    02.04.2013, 19:58 von cosmokatze
    • 2

      Und als ich endlich EDITH wiedertraf, das war ein MOMENT !!!

      02.04.2013, 19:59 von cosmokatze
    • 0

      Das ist ja echt nett! Schön! :)

      02.04.2013, 23:22 von TheCaptainsFiancee
    • 2

      ich herze das unvoreingenommen.

      03.04.2013, 10:19 von Max-Jacob_Ost
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  • 0

    mein erster orgasmus
    mein erster fick
    mein erstes(?) kind

    manche träume haben auch das zeug dazu. aber die vergess ich schnell. vielleicht bleibt das unterbewusst hängen.

    02.04.2013, 19:40 von libido
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