Entscheide dich nicht gegen das Leben...
Du siehst traurig aus, wie du am Geländer stehst und nach unten in den Garten blickst. Einen kurzen Moment lang will ich dich fragen, was du hast.
Du siehst traurig aus, wie du am Geländer stehst und nach unten in den Garten blickst. Einen kurzen Moment lang will ich dich fragen, was du hast, aber ich weiß, dass du nur wieder den Kopf schütteln würdest. „Nichts. Alles wie immer“, würdest du sagen. Und es ist ja auch tatsächlich alles wie sonst. Du wirkst bedrückt, in dich gekehrt. So kenne ich dich nur noch. Dass du einmal einer der muntersten Menschen warst, die ich je kannte, kann ich mir kaum noch vorstellen.
Um die Stille zu durchbrechen, sage ich: „Wie ist es denn nun mit heute Abend, kommst du mit ins Kino?“ Du zuckst nur mit den Schultern, aber trotzdem sagst du: „Klar. Ich freu mich jetzt schon riesig“, und lächelst. Unglaublich, wie echt dieses Lächeln wirkt. Jeder würde es dir abkaufen. Jeder außer mir. Ich sage: „Nein, du freust dich nicht. Warum? Liegt es am Film oder an den Leuten? Sei bitte ehrlich.“ Aber eigentlich kann ich mir schon denken, was bewirkt, dass du dich nicht aufs Kino freust, dass du dich grundsätzlich auf nichts mehr richtig freust. Aber ich sage es nicht. Vielleicht, weil ich Angst habe, in der Wunde zu stochern.
„Es ist ok. Ich will wirklich gerne mit“, sagst du. Ich schaue dich nur kritisch an. Wir kennen uns zu gut, als dass du mir etwas vormachen könntest; und das weißt du wahrscheinlich auch. Du seufzt. Dann straffst du dich. Dein Blick fokussiert einen Rostfleck auf dem Geländer. Ich verstehe, dass du mir nicht in die Augen blicken kannst.
„Weißt du… es ist doch irgendwie sinnlos, oder?“ fängst du an. „Ich meine… was habe ich davon, wenn ich heute Abend mitgehe? Ja klar, es wird sicher lustig, wir machen alle mal wieder was zusammen, das ist toll. Aber morgen… naja, morgen ist es vorbei, nicht wahr? Und dann?“ Ich habe gewusst, dass du so etwas sagen würdest. Aber ich weiß nicht, was ich dir entgegnen soll. Also schweige ich und du redest weiter, redest wahrscheinlich zum ersten Mal über das, was dich ständig beschäftigt: „Am Ende ist doch ohnehin nichts von Dauer. Es ist Sommer, wir haben dreißig Grad im Schatten, das Leben besteht aus Eis essen und baden gehen. Aber bald ist das auch wieder vorbei. Und so ist es mit allem. Weißt du, ich will mein Herz nicht an Dinge hängen, die ich sowieso früher oder später verlieren werde. Also fange ich gar nicht erst an, sie zu genießen. Diesen Fehler begehe ich nicht noch einmal.“
Dann schweigst du. Deine Wangen sind ein wenig rot geworden, und nun starrst du auf die Blätter des Baumes, der vor dem Balkon steht. Fallen sie vor deinem inneren Auge grade verwelkt zu Boden? Es fällt mir immer noch schwer, zu fassen, was er mit dir angestellt hat. Wahrscheinlich wusste er gar nicht, was er dir antat; wie hätte er auch ahnen sollen, dass er dir nach ein paar Wochen schon alles bedeutete?
Eine Weile weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll. Aber dann beschließe ich, einfach ehrlich zu sein. Ich stelle mich neben dich ans Geländer und sage: „Es ist ganz einfach: Du hast die Wahl zwischen völliger Emotionslosigkeit, die dich vor jedem Schmerz und jeder Freude beschützt, und zwischen einer Achterbahnfahrt. Es ist die Wahl zwischen einem Leben als tote Hülle und dem puren Glück, und wenn es nur einen Moment dauert.“
In diesem Moment beginnst du zu schluchzen. Zum ersten Mal seit scheinbar einer Ewigkeit lässt du deinen Gefühlen freien Lauf. Ich schließe dich in die Arme und wage zu hoffen, dass du die richtige Entscheidung fällen wirst.





Kommentare
schoen!
01.07.2008, 01:01 von moerToll!
14.06.2008, 12:12 von kekskrumendas mag ich!
01.06.2008, 13:43 von ehegal