mo_chroi 25.02.2013, 23:56 Uhr 16 13

Engwinkelobjektiv

Grießkorngroße Staubflusen wanderten im Raum auf und ab, während Lyndon seine Hände unter das fließende, klare Wasser hielt und versuchte auch seine Gedanken mit dem restlichen Dreck von seinen Fingern in dem Abfluss hinunter zu spülen. Wartend sah er auf die blassnassen Fliesen über dem Waschbecken, während er inne hielt und das Wasser kaum noch wahrnahm, wie es über seine Fingerspitzen und die Handflächen glitt. Einige der nassen Perlen verhedderten sich zielstrebig in den Härchen nahe seinen Handgelenken und verweilten bis ihnen andere Gesellschaft leisteten und sie weiter gen Abfluss reisten. Ihm kroch es kalt die Kehle hinauf, als sein Blick hinab auf seine Haut wanderte und er einen Fleck entdeckte, der noch nicht mit den anderen fort geflossen war. Reflexhaft fing er an, die Nägel seiner anderen Hand auf dieser Stelle hin und her wandern zu lassen bis die Bewegung schmerzte. Dabei richtete er sein Augenmerk auf sein Spiegelbild vor ihm und konzentrierte sich, den Schmerz zu ignorieren. Nach kurzer Zeit beschränkte sich sein Blickfeld nur noch auf den nass verklebten Wimpernrand seines rechten Augenlides und er spürte nur noch ein Kribbeln in seinen Schläfen.

Es waren nur Sekunden gewesen, in denen es plötzlich keine Geräusche mehr gab. Die dunkle Luft war von einem stillen Funkenflug erfüllt und Lyndon erschien es wie ein Traum, als alles umher wirbelte und ihn in eine Lautloskeit einschloss, die er so noch nie erfahren hatte. Er fühlte sich wie ein Partikel, nur Millimeter groß und leichter als ein Staubkorn, der abgestoßen vom Rest eines Mechanismus fort trieb und vom Atem des Moments getragen wurde. Als dieser Augenblick vorbei ging, tauchte er in eine Schwärze ab. Als es wieder Töne um sich herum wahrnehmen konnte, setze der Schmerz ein. Dieser erstreckte sich über den Nacken in seinen Kopf, pochte in seinen Schulter und riss an seinen Armen, um sich im Oberkörper zu zerstreuen. Lyndon öffnete die Augen und Lichtsplitter tanzten in seinem Blickfeld, während er blinzelnd die Umgebung nach Esme absuchte. Da er sich kaum regen konnte, tastete er alles ab, was er mit den Händen erreichen konnte. Er ließ seine Hände bis zur Hüfte hinab wandern und fühlte den Gurt, der ihn noch immer festhielt. Als er den Druckknopf betätigte, fiel er auf den Boden. Erst da wurde ihm bewusst, dass das Auto eigentlich verkehrt herum auf dem Dach lag. Unter dem Knacken einiger Gelenke versuchte er sich aufzurichten, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen.

Und dann entdeckte er sie: Esme hing kopfüber, vom Gurt gehalten, im Beifahrersitz. Ihre Haare klebten blutnass am Gesicht und sie machte keine Anstalten sich zu bewegen. Lyndon starrte sie an in der Hoffnung, sie würde sich regen und auf einem Mal nach Luft schnappen, doch es tat sich nichts. Als ihm klar wurde, dass sie nicht nach Luft schnappen würde, näherte er sich ihrem Gesicht und flüsterte immer wieder ihren Namen, als könne er sie damit wecken. Doch sie wachte einfach nicht auf. Lyndons Verstand überschlug sich, da er das nicht begreifen konnte. Vorsichtig legte er einen Arm hinter ihren Nacken und versuchte sie ab zuschnallen. Als es ihm gelungen war, fiel sie schwer und immer noch regungslos auf seinen Arm. Langsam zog er sie an sich, da er nicht wusste, wie schwer sie verletzt war. Er drehte sich halb, um die Tür des Wagens zu öffnen und musste etwas rütteln, bevor er sie auf bekam. Dann kletterte er irgendwie halb liegend mit Esme im Arm aus dem Wrack. Sein Atem zitterte und er blieb einem Moment dort in der Nacht liegen, blickte in den Himmel, in dem weiße Wolken seelenruhig dahin glitten. In seinen Händen hielt er die verklebten Haare Esmes, die er zwischen den Fingerspitzen hin und her rollte.

Er richtete sich auf und sah ihren leblosen Körper auf seinen Beinen liegen. Tränen bahnten sich ihren Weg in seine Auge, zogen sich aber zurück, als ihn der Drang überkam sie weg zu bringen. Vorsichtig hob er ihren Oberkörper an, stand auf und nahm sie auf die Arme. Dann lief er los. Vorbei an dem Auto, aus dem er mit ihr gestiegen war, vorbei an dem Auto, das sie gerammt hatte und vorbei an den Menschen, die noch darin saßen und auch an denen, die außerhalb davon verstreut lagen. Irgendeiner stammelte etwas, als Lyndon an ihm vorbei ging, aber das interessierte ihn nicht. Er lief weiter. Dabei sah er abwechselnd auf Esme und auf dann wieder auf den Weg, der noch vor ihm lag, bevor er ihr Zuhause erreicht. Es war nicht mehr weit und er dachte daran, dass er sie sauber machen musste. Vor der Haustür stehend, ließ er Esmes Beine herunter, um nach dem Schlüssel in seiner Hosentasche zu suchen. Er fand ihn nicht gleich und Verzweiflung überkam ihn. Er wollte schreien, dass er sie doch sauber machen musste, so dreckig wie sie war. Sie musste sich nur ausruhen, ging ihm durch den Kopf. Dann endlich fand er den Schlüssel öffnete die Tür und hob ihre Beine erneut hoch. Als er mit dem Fuß die Tür hinter sich zu schob, ging er sofort ins Bad. Behutsam legte er sie auf die Fliesen und flüsterte, dass sie gleich in die warme Wanne könne und dann alles wieder gut wäre. Er ließ Wasser in die Wanne, testete ob es auch nicht zu heiß sei und verschloss den Ablauf. Über der Wanne gelehnt, pochte sein Herz plötzlich so stark, als wollte es aus seiner Brust hüpfen. Er blickte auf seine Hände, die mit Esmes Blut bemalt waren. Adrenalin schoss in seinen Körper und überflutete seine Sinne bis ihm schwindelig wurde. Lyndon schwankte zum Waschbecken und öffnete den Wasserhahn, um ihr Blut von seinen Händen zu spülen. Dabei starrte er in den Spiegel, unfähig sich zu bewegen.

Sein Atem wurde ruhiger und er drehte den Wasserhahn zu, schloss die Augen und forderte sich selbst auf, sich zusammen zu reißen. Er rieb sich die Augen und kniete sich dann neben Esme, um ihr Kleid vom Körper zu streifen. Anschließend öffnete er ihren BH und zog ihr den Slip aus. Sanftmütig strich er über ihre weiche, kühle Haut über ihre Beine bis hin zu den Füßen. Sie hatte nur noch einen Schuh an und er lächelte und schüttelte den Kopf, weil sie immer irgendetwas verlor. Den anderen Schuh zog er ihr aus und stellte ihn ordentlich an die Seite. Dann hob er sie hoch und ließ sie langsam in die halb volle Badewanne hinab. Mit einem Knistern im Kopf, drehte er den Wasserhahn zu, nahm einen Schwamm, der am Wannenrand lag, und begann ihn über Esmes Körper wandern zu lassen. Das Wasser nahm zunehmend eine rotbraune Farbe an, als er vorsichtig ihren Kopf ins Wasser ließ, um ihre Haare zu waschen. Als er fertig war, legte er sie zurück, setzte sich neben die Wanne und streichelte ihr Gesicht. Er flüsterte ihr zu, dass es jetzt sicher besser wäre, während seine Hand über ihre Schultern, das Brustbein und den prallen Bauch strich. Dort legte er seine Hand mit ausgebreiteten Finger flach ab und sah sich dieses Bild an. Das hatte er immer gern gemacht. Je praller ihr Bauch wurde, umso mehr mochte er das Bild seiner Hand darauf. Er meinte ein Treten zu spüren und strahlte sie an, während er überlegte, ob sie vor der Geburt doch noch einmal zu den Eltern fahren sollte. Immerhin war es bald soweit, bis ihr Kind das Leben beginnen würde. Lyndon legte sein Kinn auf den Wannenrand ab, um diese perfekten Perspektive zu genießen.


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16 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Lyndon wach auf!

    30.03.2013, 03:34 von Tuetensuppetutgutschmecktgut
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  • 1

    ...mich würde ja mal die Spiegel deiner Augen interessieren, wenn du solches schreibst - nur so, ob man besser acht gibt, dir zu begegnen oder so. ^^

    Lyndon & Esme, welch Kreation.

    26.02.2013, 19:46 von derHalbstarke
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  • 1

    Puh. Was eine Tragik!

    26.02.2013, 11:49 von Die.sass.da
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  • 1

    Bevor ich den Text zuende lese, muss ich wieder mal feststellen, dass du die ungekrönte Göttin der interessanten Namensgebungen bist, liebe Mo :-)

    26.02.2013, 11:38 von topfbluemchen
    • 0

      wie lieb :) das sind englische namen. ich musste bei der geschichte irgendwie an rote backsteinklinker denken.

      26.02.2013, 12:31 von mo_chroi
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  • 1

    Teils super beschrieben, ich fühle mich an Crash erinnert...


    Ach, und wegen des Names, hast du Twilight gesehen?

    26.02.2013, 11:05 von EliasRafael
    • 0

      nö, aber twinpeaks.

      26.02.2013, 12:40 von mo_chroi
    • 1

      Als Esme hatte sich neulich jemand bei mir anonym vorgestellt... schon recht ungewöhnlich.

      26.02.2013, 12:44 von EliasRafael
    • 0

      huiuiui ich bins aber nicht.

      26.02.2013, 12:46 von mo_chroi
    • 0

      Er war auch falsch geschrieben, als Esmi, so gesehen bin ich durch deinen Text erst auf die Herkunft gestoßen, Twilight... wie passend.

      26.02.2013, 12:50 von EliasRafael
    • 0

      passend?

      26.02.2013, 12:55 von mo_chroi
    • 0

      Esme ist ein weiblicher Vampir ;-) ich hatte außerdem mal einen Twilight-inspirierten Text.

      26.02.2013, 12:57 von EliasRafael
    • 0

      meine esme ist aber kein vampir.

      26.02.2013, 12:59 von mo_chroi
    • 1

      Vielleicht wird sie ja in der Fortsetzung von Lyndon gebissen

      26.02.2013, 13:04 von EliasRafael
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  • 1

    genial geschrieben, der typisch harte mo_chroi Style

    26.02.2013, 00:18 von SteveStitches
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  • 1

    Autsch!

    26.02.2013, 00:09 von nyx_nyx
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