weissabgleich 31.08.2011, 00:41 Uhr 0 1

Endlich gläsern!

Ein deutscher Alptraum: Firmen könnten an meine persönlichen Daten gelangen und wüssten dadurch, was ich wirklich will. Ich kanns kaum erwarten!

Eigentlich mag ich Werbung nicht sonderlich. Das liegt aber nicht an Werbung selbst, sondern daran, dass sie größtenteils an meinen Interessen vorbei geht. Waschmittel – uninteressant, Autoversicherung – brauch ich nicht, Joghurt, der gegen Blähungen hilft – Thema verfehlt! Ich weiß zwar seit über 30 Jahren, wann Wüstenrot-Tag ist, aber genützt hat mir das noch nie. Warum muss ich mir das dann jeden Monat wieder vorleiern lassen? Und vor allem, warum ist es eigentlich immer der 31. im Monat? Das verstehe ich seit 30 Jahren nicht.

Stattdessen würde ich mir gerne Werbung ansehen, die Produkte bewirbt, die ich tatsächlich haben will. Das geht! Aber nur, wenn man bereit ist, gläsern zu werden. Ein Konsument also, über den die böse Industrie alles weiß, weil sie seine sämtlichen Daten irgendwie, irgendwo mal abgegriffen hat. Vielleicht ja auf dieser Webseite. So könnte man Werbung auf jedes Individuum maßschneidern, sagen Datenschützer und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Der gläserne Verbraucher – grauenhaft!

Mir würde das gefallen. In den Werbepausen würden dann Spots laufen für bunte, bügelfreie Hemden oder für ein neues Elektrofahrrad, dessen Akku über 100 km hält. In meinem Briefkasten fände ich nicht mehr Einladungen zu Kaffeefahrten und Lebensversicherungsbroschüren, sondern ein Prospekt für ein Surfcamp auf Hawaii. Bei meiner nächsten Google-Suche würden keine Treffer zu Mr. Wong (sehr beliebt), Yasni oder 123People auftauchen, sondern ein Hinweis auf ein nahegelegenes, brasilianisches Asado-Restaurant, wo es dienstags Fassbier für die Hälfte gibt.

Der gläserne Kunde, das wäre, als ob jemand jeden Tag heimlich meinen Wunschzettel an den Weihnachtsmann weitergibt. Ich müsste nur noch angeben, wann der Schlitten mit all den schönen Sachen kommen soll, meine Kreditkartennummer hätten die natürlich längst.

Zugegeben, dazu gehört Vertrauen, und das haben die meisten Menschen nicht. Viele wollen ja nicht mal, dass man ihr Haus von außen angucken kann. Ich aber vertraue den Datensammlern, der Werbeindustrie und ihren Auftraggebern. Ich habe kurz bevor ich diesen Artikel geschrieben habe, alle meine persönlichen Daten an die größte Datenbank der Welt geliefert. Ich bin gespannt, was die für einen 143jährigen, hinduistischen Arbeitslosen alles parat haben.

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