Menschensammlerin 28.01.2012, 01:20 Uhr 2 1

Eine Welt aus Zahlen

Es ist ein Zustand in mir, den ich nicht erklären kann, weil niemand ihn versteht. Niemand außer denen, die sind wie ich. Jene heimgesuchten, Schweine

Alle sagen das gibt es nicht, ich spinne, rede mir etwas ein, steigere mich in etwas hinein. Einfach, weil die Wenigsten wissen, womit sie es zu tun haben. Wenn Leute den Begriff Dyskalkulie hören, denken sie es handelt sich dabei um ein erfundenes Wort. Nein, meine Lieben, es ist kein erfundenes Wort und ich steigere mich auch nicht in etwas hinein und einreden tu ich mir schon gar nichts und verrückt oder ein Alien bin ich auch nicht. Ich habe Dyskalkulie!

Mit dem Begriff Leghastenie können mehr Menschen etwas anfangen, die "Entwicklungsstörung", bei der Wahrnehmungsprobleme bezogen auf Wörter und Sprache auftreten, ist in Schulen, der Wissenschaft und der Gesellschaft anerkannt und es wird Gegenarbeit geleistet. Dyskalkulie kennt nicht nur niemand, die Meisten leugnen einfach ihre Existenz. Ein dyskalkuler Mensch, ist jemand, der in Bezug auf Zahlen und räumliches Denken durch eine angeborene Schwäche in gewissen Hirnzentren, die für das mathematische Zentrum zuständig sind, mathematische Vorgänge niemals wirklich verstehen kann, weil seine/ihre Hirnverbindungen nicht kräftig geung sind.

Das hat nicht nur auf Mathematik und Naturwissenschaften allgemein Auswirkungen, sondern auch auf Orientierungssinn, handwerkliches Geschick, Uhrlesen, Antrieb, Autofahren, Fahrradfahren, Bewegen im Verkehr, scheinbare Trivialitäten wie Kofferpacken und alle Dinge, die mit einschlichten zu tun haben; und nicht zu letzt auf den Selbstwert. Weil einem überall die Wichtigkeit von Mathematik in der modernen Welt verdeutlicht wird. Wer nicht rechnen kann ist dumm. So heißt es oft, aber das ist ein Trugschluss. Dyskalkule Menschen sind nicht weniger intelligent als andere, ihre Fähigkeiten und Stärken liegen einfach anderswo. Dennoch sind Viele völlig aus dem Häuschen, können sich nicht erklären, wie jemand den Unterschied zwischen 10+10 und 10x10 nicht verstehen kann. Ich weiß nicht, wie oft meine Eltern Wutanfälle bekamen, weil sie die Geduld mit mir verloren, ihren Anfällen folgten meine Heulkrämpfe. Viele GrundschülerInnen werden in Sonderschulen gesteckt, weil ihre Rechenleistungen enorm niedrig sind. Dass ein Mensch, der nicht dumm ist und in dem, höcht wahrscheinlich, eine hohe Kreativität brodelt, sein Leben lang als SonderschülerIn ein Dasein ohne zufriedenstellende Ausbildung fristen soll, ist schlichtweg ungerecht.

Heute noch verarschen mich meine Großeltern, weil ich Additionen im zweistelligen Bereich nicht im Kopf rechne und die Zehnerschritte dazuschreibe. Ich kann beim Einkaufen oder Trinkgeld geben, nicht einfach entspannt sein, für mich sind diese Situationen mit Stress verbunden. Wenn ich kann, überlege ich mir lange vorher wieviel Trinkgeld ich geben will, runde dann auf einen runden, meist vollen Betrag auf und hoffe, der/die KellnerIn beschwert sich nicht. In Geschäften kann ich das Wechselgeld nicht nachzählen, weil ich so im Stress bin, dass ich wahrscheinlich ständig beschissen werde. Rechenprozesse brauchen lange Zeit, weil sie sich in meinem Kopf verheddern und verkehrt ausgespuckt werden.

Aus einer Dyskalkulie kann sich, auf Grund der Selbstwertstörungen, die sie begleiten (Kinder-Jugendliche, alle Menschen, beginnen sich mit ihrem Umfeld zu verlgeichen und merken ihr Unvermögen, sie setzen es selbst mit mangelnder Intelligenz gleich), eine Depression entwickeln, weil man sich nicht erklären kann und nur auf Ablehnung stößt. Viele SchülerInnen, die die Schule, auf Grund solcher Schwächen nicht abschließen, werden als faul oder unintelligent eingestuft und werden das ihr Leben lang nicht los. In Wahrheit sind nicht die SchülerInnen das Problem, sondern der Umgang mit ihnen. Wenn das System Schule besser vorbereitet wäre, auf Menschen, die nicht der Norm entsprechen und ihnen eine Auffangfunktion bieten würde, anstatt sie zu selektieren, dann wäre die Welt ein Stück besser.

Behoben kann eine Dyskalkulie nur werden, wenn früh genug interveniert wird, dann können auch psychologische Begleiterscheinungen vermindert oder vollständig vermieden werden. Nur in einer Therapie kann der zertrampelte Selbstwert wieder hergestellt werden und der/die Betroffene mit sich selbst und seinem verwirrten Kopf, der alles verdreht, klar kommen.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit,
das wollte ich mir echt mal von der Seele reden.


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2 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      danke für deinen Kommentar! Auch deshalb möchte ich Lehrerin werden und aktiv dafür sorgen, dass sich Schule ändert.

      29.01.2012, 12:05 von Menschensammlerin

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