merle 06.07.2007, 19:49 Uhr 29 24

Ein Leben in Wellen

Gestern war ich auf deiner Beerdigung, sie hätte dir gefallen.

In meinen Erinnerungen sitzt du mit Strohhut auf der Parkbank, Mit deinem Weltempfänger hast du den ganzen Marktplatz beschallt. Jedem der es hören wollte hast du gesagt: „Da ist die ganze Welt drinne und manchmal auch Stefanie Hertel!“

Für dich war nix selbstverständlich, nicht der Sonnenschein und auch nicht dass wir mit dir eingekauft, dir beim duschen geholfen, dir deine Medikamente gegeben haben und mit dir Ausflüge gemacht haben. „Danke erstmal“ hast du immer gesagt. Es war unser Job. Aber nicht nur. Du hast eine „Anstaltskarriere“ hinter dir. Du hast dich seit deinem siebten Lebensjahr durch Wachsääle, Wohnhäuser, Krankenhäuser und Psychiatrien gekämpft. Das hat dich geprägt. Deinen Charakter hast du nicht verloren. In unserem Wohnhaus bist du aufgelebt.

Du warst immer aufmerksam, in deinen guten Phasen hast du jede Stimmung bei deinen Mitmenschen wahrgenommen, wie kein anderer. Du hast gerne Komplimente verteilt: „Einen schönen Pulli haben sie heute an!“
Dein Zimmer war ein Glitzerpalast. Überall Fotos und Schnipsel für die du sorgsam einen Platz ausgesucht hast. Jedem Abend hast du deine unzähligen Tannenbäumchen angeschaltet und im Kreise deiner Puppen und Teddybären „Großstadtrevier“ geschaut.

Du hattest einen vollen Terminkalender, Seniorennachmittag, Bibelstunde, Ausflüge, alles mitgenommen „muss man ja“ war dein Kommentar.
Dein Leben verlief in Wellen. Wenn du mit Hawaihemd, Damenperücke und Rüschensocken und diesem Grinsen vor mir standst, warst du auf dem Gipfel. Ich habe mit dir gegrinst, aber ich wusste auch dass der Absturz naht. NAch der manischen Phase folgt die depressive. Die Phase mit Leibschmerzen, „ich kann nix essen“, und nicht aufstehen wollen, „warum denn auch?“. Du sagtest nix und wolltest nix mehr. Mit Tee und Wärmflaschen und motivierenden Worten haben wir versucht dich durch diese schlimmen Phasen zu bringen. Bergauf bis zur Damenperücke. Immer wieder.

In einer Strohhutphase brachst du plötzlich zusammen. Diagnose: Magenkrebs.
Am nächsten Tag hatten sie dir 4/5 deines Magens entnommen und keine Hoffnung mehr. Als du im Koma lagst, hast du gelächelt. Als du aufgewacht bist, warst du abgemagert und blass. Du hast gesagt: „Die Haben zuviel rausgeschnitten aus mir“ Du wolltest raus aus dem Krankenhaus. Wir alle hatten Angst davor, dass wir das nicht schaffen. Dann lagst in deinem Bett und warst nur noch ein Häufchen. Der Tod war schon zu sehen. Du konntest nix bei dir behalten, und hast gesagt „ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“ Ich habe dir vorgelesen bis du eingeschlafen bist, meine Hand wolltest du nicht loslassen. Ich habe dir dein letztes alkoholfreies Bier aus dem Schnabelbecher gegeben, es kam mehr aus dir raus als rein. „Danke“ hast du trotzdem gesagt. Das Schlimmste war nachts in dein Zimmer zu schauen, auch wenn ich mir gewünscht habe, dass du es bald geschafft hast.

Als ich deinem Mitbewohner erzählen musste dass du gestorben bist, hat er gesagt: „Wegen mir hätte er am Leben bleiben können, ich fand den nett“
Gestern war ich auf deiner Beerdigung. Es waren viele Menschen da und nicht nur Personal. Wir haben alle deine Lieblingslieder gesungen, auch das Weihnachtslied, im Juli. Die Kirche flackerte im Licht deines Glitzerbären der auf deinem Sarg stand. Ich hatte meinem roten Pulli an. Wenn man durch die Reihen blickte war viel Rot zu sehen. Rot war deine Lieblingsfarbe. Danke, dass ich dich kennen lernen durfte.

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29 Antworten

Kommentare

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    traurig, aber trotzdem schön...
    gut geschrieben.

    02.07.2008, 18:52 von jcf45
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    Sehr traurig.
    Es gibt einfach besondere Menschen , die einen selbst irgendwie verändern.

    11.05.2008, 23:31 von pfuetzenhuepferin
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    Gänsehaut!

    23.11.2007, 16:43 von lahualina
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ..echt schön geschrieben - und schön gelebt.. - denn, will das nicht jeder,das die beerdigung wirklich persönlich ist/gemacht wird ?!* euch ists gelungen...schön in Ehren gehaltenes zu sehen...

    07.08.2007, 17:55 von daumenkino
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  • 0

    huch - jez habich ne gänsehaut gekricht!
    danke dir!
    danke auch dem namenlosen Strohhut!

    15.07.2007, 17:51 von Der_Misanthrop
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    Ich kenn dieses "Leben in Wellen". Mein Bruder hat eine geistige Behinderung, man lebt von der "alles-ist-gut-Phase" zur "Wutausbruch-Phase" und wieder zurück und von vorn...das kann man mit deiner Situation sicherlich nicht direkt vergleichen. Aber es ist halt nicht einfach, weder für den Betroffenen noch für die Familie oder Freunde, vorallem wenn derjenige weiß, dass er manchmal belastend ist.
    Schöner Text!

    10.07.2007, 20:05 von Tweet07
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    *träne wegwisch*
    der gute text spricht für sich.

    10.07.2007, 16:56 von kirsch-lila
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    ich könnte nie mit alten oder kranken Menschen arbeiten. Ich würde nur heulen, den ganzen Tag.
    Nette Menschen sollten immer erst später als man selbst sterben.

    10.07.2007, 15:12 von enfant.terrible
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    sehr traurig und wunderschön geschrieben! Empfehlenswert

    10.07.2007, 14:09 von on.the.road.again
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