Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 2

Ein Kolibri namens Atlas

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Wieder länger geschlafen als die Sonne, die am Himmel strahlt, als wäre sie das schönste Pferd im Stall. Von mir aus könnte die ein Pärchen stehlen und für eine Zeit behalten. Solang es einen dann in Ruhe lässt. Doch überall ist Inszenierung, alles will vernommen sein und wird es auch von dieser Gier der Sinne. Wie stolz auch dieser Tag durchs Fenster segelt. Wie das Leben prahlt und lockt mit Duft mir unbekannter Blumen, Autobrandung, Kinderstimmen, allgemeiner Tollerei und unbeschwertem Aus-der-Puste-Sein. Ein wenig Wind, vermutlich Boote auf dem nahen See und Segel, straff gespannt über weitem, wellendem Blau. Man könnte doch so frohen Mutes sein, ein Schaffe!, Wirke! und Beginne! scheint der Ruf des angebrochnen Tages. Doch noch lässt sich das Licht hinter den Rücken kehren, noch tönt der Trubel mild von fern. Ohnehin hinkt noch so mancher Traum ins Tal herab und dreht sich nicht mal um, als ich noch winken will.  


Ein wenig Blinzeln so als Anfang: vermutlich ist noch Mai, am Ende Ende Mai, auf jeden Fall nicht spät genug und meine Augenlider fallen vorhanggleich. Ruhe hat sich ausgestreckt und liegt behaglich wie das Raubtier nach der Fütterung, so satt und schwer und einwandlos. Also bitte nicht die Abkehr stören, bloß nicht wecken, bitte nicht füttern. Nur irgendetwas Vages ohne Angelhaken, bloß kein Warten, eine Richtung reicht, ein Weg muss gar nicht sein. Ich könnte einen Kaffee trinken, dieses Buch aufschlagen, aufstehn, anfangsweise irgendeine Art von Anfang machen. Stattdessen nur die Bettpirouetten. Den Kopf umblättern. Mit den Fingern über Falten streichen. Dann den Zeh rausstrecken: Die Kälte landet wie ein Vogel drauf - und huscht dann weiter als gäbe es einen Wurm zu fangen: In froher Wurmfanghoffnung. Der Anflug amüsiert, dann sinkt er angeschwert; das ist schon fast zu viel, dieser Stich Betriebsamkeit, das große Tun, der Vogelflug, Gedankenfliehkraft: Es gibt ja immer was zu tun, auch für diesen Vogel. Gerade für n Vogel. Man bedenke: Diese pausenlose Existenz. Die Haltung vor dem Horizont, das Hetzen, Würmer jagen, Winde kontern, Würmer fressen, Flügel schlagen, Schwerkraft trotzen. Man bedenke: Erdanziehung ohne Unterbrechung. Und dazu noch Würmer, die bescheiden, und an schlechten Tagen mehlig schmecken. Die durchwurmten Tage. Und immer wieder schallt die Drohung des Massivs! Und dagegen der fragile Vogel. So ein fragiler Vogel lebt ja auch nicht lang, was gar nicht wundert. So ein fragiler Flieger zwischen einem so unendlich großen, leeren Raum und dem Amboss dieser Erde. Ein Punkt im All und Schwerkraft: Ein rasendes Herz in einer engen Brust in einer weiten Welt: Ein Kolibri namens Atlas.


Ich dreh mich auf den Rücken, rücksichtslos gegen jeden stumm mahnenden Zeitanzeiger; nur noch eine Minute, egal wie lang. Noch einmal unter die Federn trotz Lichtgestöber. Den Kopf liegen lassen. Ohnehin haftet Müdigkeit – und die Erinnerung tropft mir den Schädel weich: Gestern hatte es geregnet. Heute denk ich immer noch daran. Was für eine Zeitverschwendung, Zeitverfolgung: In jedem Tag sind alle Tage, in jeder Minute jede andere. Das sagte Mutter immer so dahin, als ob es gelten könnte: Jetzt ist alles, alles jetzt. Doch dieses Jetzt lässt auf sich warten. Na, macht ja nichts, war gut gemeint. Wie leicht sich vieles sagen lässt an sommerlichen, leichten Tagen, jenen, für die Hängematten wohl gedacht waren. "Man müsste jedem Winter einen Frühling voraus sein, das wär's: man müsste stets ein Ergrünen und noch ein Ergrünen in petto haben, verstehst du? Das ist der Trick!" - das hatte sie irgendwann auf einem unserer seltenen Spaziergänge gesagt und dabei etwas umständlich so eine kleine Blume mit hängender Haube hervorgezaubert als sei es ein Hase aus einem alten, ganz alten Zaubertrick. Lang ist das her. Ich weiß noch, wie amüsiert sie selbst über den Einfall war, wie hoch ihre Stimme, wie weit ihr Lächeln sprang: "Das ist der Trick!", zack!, und zeigte mir, wie ich letzthin nachgelesen habe: ein Lichtmess-Glöckchen. Ein schöner Name, denke ich, besser als Hängehaube. Ein neuer Name für eine alte Erinnerung.


Erneuter Augenöffnungsversuch, Befreiungsversuch aus der Verhaftung der Müdigkeit: Blicke wie der Morsecode aus Taschenlampen, aber keine Ahnung, was die Nachricht war. Verliert sich wie so vieles. Müdigkeit verrieselt. Erneute Sehversuche: flüchtig gefaltete Papierflieger, die kurze Kurven beschreiben. Bruchlandungslust. Was stand da hinten auf den Blättern? Bestimmt nur wieder mittelmäßig, ach, vergiss es. Mit dem Finger pieke ich einen Punkt ins Nichts. Wie Lächerlich. Man durchschaut sich ständig. Vielleicht ganz gut, dass die nicht denken können, diese Vögel. Ob sich sonst ihr Flug veränderte? Ein durchrauschtes Leben ohne Zeit - ein verlangsamender Gedanke.


Bedächtig hebe ich die Hand und stelle mir vor, die Schwerkraft schlinge
sich als mordgeile und von Dämonen besessene Kletterpflanze um meinen Arm, will mich aufhalten, fesseln, zu sich ziehen und ersticken, um sich meine Biomasse anzueignen. Widerstand! Von wegen! Nimm das! ...zeitlupenreif befreie ich mich, schüttle die schlingende Schwerkraft ab, trete nach und schreie: Frei! Ich bin frei, frei! Ganz der Triumph hebe und senke, hebe und senke ich den Arm als wäre die Welt konzentriert in einer unsichtbaren Hantel, die ich stemme. Schwerkraft? Oh, bitte... Eine
Leichtigkeit. Ich bin ein Gott in Menschengestalt! Wenn ich wollte, könnt ich, denk ich: Siegesmüde bleib ich liegen, streck den anderen Zeh heraus und Kälte legt sich wie ein Lorbeerkranz darauf.


Aufstehen in eine im Großen und Ganzen nicht so unmaßgeblich unterdurchschnittliche Stadt ist trotzdem mehr als ich heut leisten will. Gier der Sinne hin oder her. Soll die Arbeit rosten. Lieber nach dem Kissen tasten, am Bart kratzen, Rücken entlasten. Liegen und liegen lassen, noch immer von den Träumen angeschwärzt unter den weißen Wänden, wo immer noch kein Bildnis hängt. Ich hatt's ja vor. Ich hab nur keine Rahmen. Und hätt' ich einen grauen, wollt ich nächste Woche einen schwarzen. Im Netz gibt's sogar goldene. Mit barocker Verzierung. Aber dann bräucht ich neue Tapeten. Und mehr Geld. Und bräuchte noch mehr Arbeit. Und müsste recherchieren. Und bräuchte viel mehr Zeit - und eigentlich: So schlimm sind weiße Wände nicht; und die Bilder hab ich im Gedächtnis, was sollen sie also an der Wand. So kann ich liegen bleiben und mich dieser Landschaft auf und an der Decke widmen, diesem Echo lauschen und den Kopf umblättern. Seiten voll unzähliger Vielleichts und vage Worte für Erfindungen; für Erinnerungen wie Löwenzahn im Wirbel wehend, niederschneiend, nun bedeckt: doch plötzlich sprengt das Licht die Fenster und mit Haut und Haaren lieg ich in dem warmen Schein. Nun, warum nicht. Für ein "könnte" könnt's schon gehen, das kann reichen. Soll das "sollte" liegen bleiben. Die Sonne scheint trotzdem. Soll die Schwerkraft ziehen: Keiner sagt, Entzug wär leicht. Drum aufgestanden: mit Haltung vor dem Horizont, das ist ein Anfang, müde kann ich morgen wieder sein: Von draußen drängt's und Vögel jubilieren. Ja, warum nicht. Es ist ein Trick. Ein Kolibri namens Atlas.




Tags: Zauberei ohne Hase, Arbeit rostet, Der hatn Vogel, Erst das Ei - dann die Sauerei, Sonnenschein für Langstreckenraketen ohne Ziel, das große Trotzdem am Marterpfahl der Vielleichts
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Kommentare

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    Teile davon mag ich sehr, aber dann mischen sich Zeilen darunter, die irgendwie ablenken, störend wirken und zu aufgesetzt, zu bilderzwingend. Das ist schade, ich les das ansonsten gerne.

    07.04.2016, 11:46 von nyx_nyx
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