ina-simone 25.01.2005, 19:10 Uhr 17 4

Ein ♥ für... alte (Herzchen-)Briefe

Warum man sie nicht nur aufheben, sondern auch hin und wieder lesen sollte.

Wer, wie, was?

Neulich fielen mir alte Briefe in die Hände. Sie waren von Uwe. Uwe ging in die gleiche Grundschulklasse wie ich. In dieser befand sich noch ein weiterer Uwe, was schon ein Kunststück darstellt, wenn man 1988 eingeschult worden ist - eine Zeit, zu der die halbe männliche Schülerschaft den Namen Dennis, Alexander und Andreas zugeordnet werden konnte.

Uwe war verhaltensauffällig. Er verfügte über ein gewaltiges Aggressionspotenzial und hatte ein schwieriges Elternhaus. Seine Mutter trug pumucklrot gefärbte Haare auf dem Kopf und sein Vater verkaufte Feuerlöscher, wie auch immer diese beiden Tatsachen miteinander zusammenhingen.

Nicht nur in der Schule fiel der großgewachsene Junge mit dem blonden Igelschnitt auf. Als die Mutter eines weiteren Mitschülers einen Kinderchor gründete und natürlich in der Klasse ihres Sohnes kräftig die Werbetrommel rührte, zögerte Uwe nicht, seine Stimmbänder zum Schwingen und die Wände des Gemeindehauses zum Wackeln zu bringen.
Er sang nicht nur falsch – und das mit voller Überzeugung – sondern auch leicht versetzt. Wenn also der gesamte Kinderchor gerade eine hübsche Phrasierung hatte ausklingen lassen, setzte Uwe zum Crescendo an. Vielleicht wurde sein Genie verkannt. Vielleicht hat er schon einen Sinn für Polyphonie gehabt, als der Rest des Chores dieses Wort noch nicht einmal schreiben konnte.

Innovationsfreudig auch seine Art, Briefe zu verschicken. Aus irgendeinem Grund mochte Uwe mich und beglückte mich des öfteren mit Post.
Einmal erhielt ich ein Kuvert, das aus einem Zettelblock-Zettel entstanden war: Uwe hatte einfach die Ecken zur Mitte gefaltet und mit einer Briefmarke festgeklebt. Es ist ein Wunder, dass dieser Brief überhaupt angekommen ist. Und es war ja auch wirklich nett, dass er sich um den Status meiner Erkältung sorgte:
"Wie geht es dir. Ich hofe das du Donnerstag wider kommst. Ich habe heute mein Seepferdchen geschaft. (Dein) Uwe W."
Mit dem "Dein" zögerte er wohl – dafür war ich mir umso sicherer, dass ich ihn nicht als "mein" Uwe einordnen wollte. Die Anrede bestand lediglich aus meinem Namen, um den schwungvoll ein Herz gezogen war.

Apropos Herzchen: Die malte Uwe gerne. Einmal zeichnete er mir mit den damals sehr beliebten neonfarbigen Buntstiften ein Bild. Eine Wiese mit Blumen, deren Blüten aus Herzen bestanden. Sogar die Blütenblätter, die links und rechts des Stengels wuchsen, sahen aus wie zwei Herzhälften, die ein ganzes formten. Auch die Punkte hinter Tag und Monat im Datum (er hatte selbstverständlich seine Werke fein säuberlich datiert) waren Herzchen. Aus der linken Bildecke grinste eine Sonne mit Mick Jagger-Lippen. Eine Stelle des Himmels war besonders blau. Möglicherweise hatte Uwe das Blau des Resthimels schon heruntergelogen. Nein, der Grund dafür war ein anderer: Unter dem sehr blauen Fleck war der pinke Schriftzug "Love" noch zu erahnen. Das hatte Uwe dann offenbar doch zu deutlich gefunden. Ich übrigens auch.

Wieso, weshalb, warum?

Alte Briefe sind ein bisschen wie Zeitmaschinen. Worte werfen Motoren an und fliegen scheinbar längst vergessene Erinnerungsinseln an. So auch in meinem Fall, denn:

Die Briefe waren ja noch nicht alles. Uwe stand auch einfach vor der Haustür. Einmal gewährte ich ihm Einlass, bereute meine Höflichkeit jedoch, als er anfing, meinen Kater Paul zu ärgern. Bei weiteren Besuchs-Versuchen seinerseits betraute ich meine Mutter mit der Aufgabe, Uwe zu verkünden, dass ich nicht zu sprechen sei.

Natürlich lud er mich auch zu seinen Geburtstagsparties ein, aber ich sagte jedes Mal ab, erfand jedes Mal einen anderen Grund, warum ich verhindert sei. Er verschob dann drei Mal die Feier, in der Hoffnung, ich würde dann endlich kommen können. Im Nachhinein tut er mir leid, aber mit 10 Jahren steht man noch nicht so über den Dingen. Ich fand Uwe irgendwie unangenehm.

Ich "durfte" sogar in der vierten Klasse einen Schultisch mit Uwe teilen. Eine pädagogische Maßnahme offenbar. Meine Lehrerin hielt es für vorteilhaft, dass ich als Klassenbeste noch vor ihr als Ansprechpartnerin für Verständnisfragen herhielt. Zu dieser Zeit hatte ich tatsächlich ein gutes Mitschüler-Verhältnis zu Uwe, obwohl er immer unberechenbar schien und nach wie vor kaum jemand mit ihm klarkam. Denn es nahm ihn ja niemand ernst. Wenn er explodierte, war es nicht mehr so lustig. Die von uns Mädchen gefürchteten Haarreif-Überdehnungen waren da ja noch Peanuts.

Gegen Ende der Grundschule hatte man den Eindruck, dass Uwe sich gefangen hatte. Während der vierten Klasse ging er zu einer Schulpsychologin, die auch manchmal im Unterricht anwesend war und ihn mit Mitrate-Krimis zu ködern versuchte. Uwe wurde schließlich auf Anraten der Lehrerschaft einer Sonderschule übergeben.

Ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Aber wer in der Grundschule aus dem Antrieb des Verliebtseins heraus einer Mitschülerin Briefe schreibt und versucht, mit einem ganzen Heer von Herzchen, ihr Herz zu erobern, kann trotz aller Verhaltensauffälligkeiten grundsätzlich kein schlechter Mensch sein. Das ist mir aber erst Jahre später klar geworden. Neulich, als ich diese alten Herzchen-Briefe fand.

Wissen!

"Du bekommst einen Brief, der Dich maßlos erbittert? Beantworte ihn sofort. In der ersten Wut. Und das lass drei Tage liegen. Und dann schreib Deine Antwort noch mal."
(Kurt Tucholsky)

Der essentielle Satz:

"Ein Brief soll doch kein Tatsachendokument sein, sondern ein Luftzug, der mich in die Atmosphäre des andern versetzt."
(ebenfalls Kurt Tucholsky)


Ins eigene Herz zieht dafür ein:

Die Erkenntnis, dass man alte Briefe hin und wieder hervorkramen und lesen sollte. Um zu verstehen.

4

Diesen Text mochten auch

17 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Meine Mutter hatte mich letzte Woche angerufen, und hatte so einen seltsamen Klang in ihrer Stimme,als sie mir sagte, sie habe die alten Liebesbriefe von meinem Vater gefunden. Wir haben uns bei ihr getroffen und mit einer Flasche Sekt und ettlichen Papiertaschentüchern die alten Briefe gelesen. Mein Vater ist leider vor einem Jahr gestorben und es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl mit meiner Mutter in die alte Zeit meiner Eltern einzutauchen. Ja, auch ich gehöre zu jenen, die selbst kleine Zettelchen, die unter den Schulbänken durchgegeben wurden aufzubewahren und sie von Zeit zu Zeit wieder in die Hände zu nehmen, drüber nachzudenken, zu schmunzeln und wieder ein bisschen davon inspiriert zu werden. Weiß nicht, wie das heute ist, schickt man sich noch mit der Hand geschriebene Liebesbriefe? Wie lange bewahrt man eine Email auf? Druckt man sie besser aus und verwahrt sie für später? Früher hatte ich viele Brieffreunde, heute schreibe ich auch sehr gerne emails und habe einen guten Freund dadruch gewonnen. Hätte ich noch vor ein paar Monaten nie gedacht, dass das auch klappt. Der Satz von Kurt Tucholsky, der stimmt übrigens. Hat sich super bewährt, kann ich da nur sagen. Super dein Text!

    12.08.2006, 15:00 von Mary05
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    worum gehts hier eigentlich? um alte gefühle und an die erinnerung an die frühere zeit oder darum wie toll du bist, dass du briefchen von uwe gekriegt hast?!

    10.07.2005, 11:36 von Veki
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Also ich hab früher (bis zu meinem 14.Lebensjahr) höchstens diese tollen Briefe mit Ankreuzen ´willst du mit mir gehn?*Ja....Nein...`bekommen. Mit 16 dann den ersten richtigen Liebesbrief und dann folgten noch so n paar. Hab alles aufgehoben, auch die Briefe der vielen Brieffreundschaften, die ich damals hatte. Vor 10 Jahren sind sie mir das letzte Mal in die Hände gefallen -und ich war soooo gerührt. Denn das waren richtig süße Jungs...Die Vergangenheit lief vor meinem Auge sofort wie in einem Film ab...Kann deine These somit nur bestätigen...

    26.06.2005, 00:41 von Jolie30
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Oh ja ich find das auch immer schön diese Briefchen zu lesen :) da wird einem gleich ganz warm ums Herz

    27.04.2005, 14:55 von Lynn_
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] keine ahnung wie du das anstellst,dein (schreib)stil verschlägt mir den atem!

      28.01.2005, 23:00 von janosch
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Vergleiche sind wichtig. Daher möglichst viele Briefe sammeln, aus verschiedenen Phasen der Beziehing, von verschiedenen Menschen. Die Unterschiede sind erstaunlich. Aber selbst die traurigsten Abschieds- und Trennungsbriefe können dann wunderschön sein.

      26.01.2005, 18:39 von flash-baby
    • 0

      @flash-baby @fb
      indeed...
      "Mit diesem Brief nehme ich Abschied von Dir..." und seit dem nicht mehr gehört/gesehen/gelesen.

      Ich habe noch allen möglichen Scheiß in Schuhkartons und Schachteln, nur dieser Brief ist mir abhanden gekommen.
      Das wurmt mich manchmal, denn gerade den würde ich gerne nochmal lesen...
      Auch wenn's bald dreizehn Jahre her ist.

      *seufz*

      26.01.2005, 19:25 von sailor
    • 0

      @sailor Vielleicht ist es ja Schicksal. Oder auch einach nur besser so. Solange man alle Lebkuchenherzen von der Kirmis, Kinoeintrittskarten, Restaurantrechnungen, Bierdeckel usw. hat...

      26.01.2005, 20:13 von flash-baby
    • 0

      @flash-baby Tja, habe ich alles nicht.

      Und nun...?

      26.01.2005, 20:18 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] @El

      *g*
      Alles nochmal machen würde ich gerne. Vielleicht käm's dann auch nicht zu diesem Brief...
      Man weiß es nicht, was das schöne daran ist.

      Tagebuch ist dagegen nicht so meine Ding.
      Ich bin auch da zu nachlässig.

      27.01.2005, 14:12 von sailor
  • 0

    haha, ich hab auch noch diese briefe...da bin ich ein echter messie (schreibt man dett so?), ich kann geschriebenes einfach nicht wegwerfen....auch wenn da noch so ein schrott drin steht....ich brings nicht übers herz...im keller meiner eltern türmen sich daher ca 20 umzugkartons mit briefen, postkarten, zettelchen von freunden von früher.....ich brings einfach nicht übers herz sie wegzuschmeißen...schon das wort tut mir weh.......

    26.01.2005, 15:21 von MargieThunderstorm
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] @El

      Ja das stimmt, den hätte ich mir warmhalten sollen. Ging aber aus moralischen Gründen nicht, denn ich war doch
      bereits vergeben! An Stefan, wir haben uns im Kindergarten ewige Liebe geschworen und waren bis zur 5.Klasse zusammen (meine längste Beziehung bisher...öhem). Wir
      hatten sogar schon einen Bauplatz für unser Haus ausgesucht und diesen dann mit unseren BMX-Rädern bekurvt.

      26.01.2005, 13:12 von nikita
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] @El
      ich weiss es nicht, wir sind leider weggezogen von dort. deswegen ist auch meine grosse kinderliebe zerbrochen...
      ich habe ihn dann noch einmal besucht und er mich und seitdem nie
      wieder gesehen... tragisch tragisch

      26.01.2005, 13:33 von nikita
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare