schimmern 22.03.2012, 22:18 Uhr 20 30

Draussen mit Frau Schattschneider

Ich nehme Platz und lasse mich ins Polster sinken. Dann setze ich mich schnell wieder aufrecht hin, weil der Sessel nach Leberwurst riecht.

Auf der Heimfahrt die ich ausserordentlich gut überstehe weil ich so betrunken bin, beschliesse ich Marlenes Therapie eine Chance zu geben. Wenigstens die fünf Probestunden will ich ihr geben, dann kann ich immer noch „Adieu“ sagen.

Ich erzähle niemandem von Frau Schattschneider. Zum einen, weil ich fast glaube das ich mir diese Stunden bei ihr nur eingebildet habe, zum anderen möchte ich mich nicht von vernunftgeschädigten Meinungen beirren lassen. Ich hab' schon was von ihr gelernt.

Ich trete die nächste Busfahrt zu ihr weit weniger ängstlich als beim letzten Mal an, ich weiss ja jetzt dass sie meinen Beruhigungsschnaps durchaus gutheisst.

Mich überkommen zwar ein oder zwei kurze Momente lang bescheuerte Panikgedanken in Richtung „O Gott, was ist, wenn ich jetzt einen Schlaganfall bekomme?“, aber der Alkohol wiegt mich sehr schnell wieder in geschmeidige Sicherheit. „Du bist erst Siebenundzwanzig. Statistisch gesehen bist du eigentlich recht safe vor sowas!“ Die beruhigende Stimme in meinem Kopf klingt wie Meister Röhrich.

Ich weiss nicht, wie oft ich mich beim Busfahren schon zum Vollhorst gemacht habe, weil ich den Fahrer nach zehn Kilometern Fahrt zwischen zwei Bushaltestellen angefleht habe, er soll bitte sofort anhalten und mich rauslassen.Ich muss dazu sagen, dass die Haltestellen hier durchaus mal fünf, sechs Kilometer weit auseinander liegen.Oder das peinliche Plätze wechseln.  Mich alle hundert Meter woanders hingesetzen, nur um etwas zu tun zu haben und mich abzulenken. Heute aber bin ich in Sicherheit, sagt Kollege Jägermeister.

Marlenes Vorgarten sieht noch verwahrloster aus als in der letzten Woche. Über einer Wäscheleine hängen graue Fetzen Kleidung, auf einem alten Grill liegen ehemalige Würstchen, überall leere Weinflaschen und Plastikbecher und in der Mitte des Durcheinanders kann ich einen Haufen glimmender Asche erkennen. Lagerfeuer im Garten, mitten im November. Nicht übel, Marlene. Vielleicht hat sie eines ihrer Seminare gegeben.

Ich klingle und wieder warte ich mehrere Minuten, als sie dann öffnet ist Marlene in einen Art Poncho aus einer Art Stoff gehüllt, der irgendwann mal dunkelrot gewesen sein muss. Sie sieht schon wieder sehr verschlafen und verkatert aus, die Gartenparty scheint erst am Abend vorher stattgefunden zu haben.

„Du kennst ja den Weg, geh' schon Mal vor, mein Kind.“

Mein Kind? Mit den üblichen Distanzverhältnissen zwischen Therapeut und Patient scheint sie wenig am Hut zu haben, aber das hätte ich mir auch denken können. Ich gehe ins Wohnzimmer, aus der Küche riecht es schon nach Marlenes abenteuerlichem Grog.

„So. Moin! Ehrlich gesagt, hätte ich nicht gedacht, dass du nochmal wiederkommst.“

Sie grinst mich freundlich an, ich sehe sehr neue Zähne die gar nicht zu ihr passen wollen. Die waren mir beim letzten Mal nicht aufgefallen, vielleicht hatte sie ihre Zähne da auch einfach vergessen.

Weil sie mir noch keinen Platz zugewiesen hat, stehe ich doof in ihrem Wohzimmer herum.

„Ähm, ja. Also, mir hat es schon gefallen beim letzten Mal, das war...aussergewöhnlich und ich dachte...“

Plötzlich umarmt mich Marlene, ich werde stocksteif .Was soll das denn jetzt? Sie reicht mir nur bis zur Brust und drückt ihren wirren und leicht angefetteten Haarschopf an meinen Busen.

„Mach' dich doch mal 'n bisschen...'n bisschen lockerer. Sie drückt mich kräfig und schubweise. L-o-o-o-ocker !“ Mit jedem O wird ihrer Umarmung kräftiger. Ich versuche mich zu entspannen, gelingt mir natürlich nicht.

Nach ein paar Augenblicken lässt sie von mir ab.

„Mien Wicht, du bist ja noch steifer als ich dachte. Ich hol' uns mal was zu trinken.“

Bevor sie in die Küche geht, macht sie mir wieder einen Sitzplatz frei, diesmal einen großen, braunen Ohrensessel. Ich nehme Platz und lasse mich ins Polster sinken. Dann setze ich mich schnell wieder aufrecht hin, weil der Sessel nach Leberwurst riecht. Warum will ich gar nicht wissen.

Mit ihrem schon bekannten Wackeln wieselt Marlene heran und reicht mir einen dampfenden Becher.
„Trink, Kind.“ Sie nennt mich schon wieder nicht beim Namen.

"Aber trink schnell, wir haben heute nämlich etwas vor. Ist aber eine Überraschung, eine Art Exkursion!“          

 Marlene kichert und zündet sich eine halbe Zigarre an. Ich frage mich, ob sie nur Halbe raucht. Überall liegen diese Zigarrenstummel herum, aber nirgendwo eine die noch nicht angeraucht und bekaut aussieht.

„Also, ich habe Überraschungen nicht so gerne...ich bin generell nicht sonderlich spontan. Kannst du mir nicht einfach sagen, was wir machen? Dann würd' ich mich auch entspannen, versprochen.“ mache ich den Versuch, Marlene etwas aus den Rippen zu leiern.

„Ach, sowas kannst du mir gar nicht versprechen. Dann bist du nur noch angespannter, wenn du versuchst dein Versprechen auch zu halten. Unter Druck klappt das nunmal nicht. Darum, trink. Ich zieh' mir mal eben was an.“

Um ehrlich zu sein habe ich ein bisschen Angst davor, dass Marlene in ihrem komischen Poncho mit mir loszieht.Ich ziehe mir den Grog rein, so schnell ich kann. Mir wird sehr heiß, langsam siegt die Neugier über meine Anspannung. Wenn sie nur diesen Poncho auszieht!

Marlene kommt zurück. Mit Poncho. Ihre Schlafanzughose hat sie gegen eine Hose ausgetauscht, die so eng anliegt, als wäre sie aus Schrumpfschlauch. Dazu trägt sie Entenschuhe. Jasses. Immerhin hat sie sich gekämmt. Ich mache mir Gedanken über meine Spießigkeit. Wenn Marlene sich so wohl fühlt, Herrgott.

In der Hand hält Marlene eine Thermoskanne, von der ich vermute dass sie Grog enthält.Ich kriege sofort Angst. Wenn sie schon Alkohol mitnimmt, was hat sie bitte vor? Event-Therapie!

„Bist du bereit? Ich hab' uns hier noch so'n Gerät gemacht, für unterwegs.“

Sie legt sich einen Weidenkorb über den Arm, der schon bessere Tage gesehen hat. Darin befinden sich zwei Plastikbecher, die Thermoskanne, ein Sturmfeuerzeug und in einem Frischhaltebeutel zwei Zigarrenstummel.

„Aber, wohin gehen wir denn? Können wir nicht auch wie beim letzten Mal...?“

„Nee, wir gehen jetzt eben los, du wirst ja schon sehen. Du bist wiedergekommen, oder? Dann vertrau' mir doch einfach.“

Wir machen uns auf den Weg durch den verregneten Nachmittag.

„Marlene, bitte. Es ist kalt und windig, können wir nicht einfach....?“

„Jetzt hör' mir mal zu. Ich bin jetzt deine Therapeutin! Tu' einfach, was ich dir sage. Dir wird schon nichts passieren. Nichts schlimmes, jedenfalls! Wenn du das nicht willst, dann fahr' nach Hause, und ich gehe wieder ins Bett. War nämlich 'ne amtliche Nacht gestern.“

Ich bleibe stehen und atme tief ein.

„Ich habe eben...“

„...ja, Angst. Weiss ich doch.“ beendet Marlene meinen Satz. "Und dagegen machen wir jetzt was. Überwindung, mien Wicht. Wirst schon sehen!“

Wir laufen eine viertel Stunde in die Innenstadt. Auf dem Marktplatz ist einiges los, es geht auf Weihnachten zu, die ersten Glühwein-und Wurstbuden stehen schon.

Marlene geht zielstrebig auf den hässlichen Turm zu, der am Rand des Platzes steht. Das Ding soll modern und anders aussehen, in Wahrheit ist es ein schreckliches Ungetüm aus geschweisstem Stahl mit eingebautem Glockenspiel und einer kleinen Aussichtsplattform. Wir stellen uns unter den Turm, der in den Touristenbroschüren als „neues Wahrzeichen der Stadt“ beworben wird.

Marlene schraubt die Thermoskanne auf und giesst mir einen Schluck Grog ein.

"Immer rein damit! Trink, und dann rauchen wir noch eine.“

Ich tue, was sie sagt, weiss aber immer noch nicht, was sie von mir will. Dann sagt sie:

„So, du steigst jetzt auf diese Plattform. Und dann schreist du, so laut du kannst!“

„Ich soll was? Aber...wenn mich jemand sieht! Ich hab' hier doch mal gewohnt!“

„Ha, was sollen die Leute schon denken? Dass du verrückt bist? Und die, die du vielleicht kennst, wissen doch sowieso das bei dir was nicht stimmt.Dir kann doch nichts passieren!  Ruf nur nicht nach Hilfe oder so. “Sie lacht.

Ich bin fassungslos und auch ein bisschen sauer. Was denkt die sich denn? Das ich einfach alles so eben abschütteln kann?

"Marlene, willst du dich jetzt über mich lustig machen? Was soll das denn bringen?"

„Das erzähle ich dir danach. Und ich mache das nicht zu meiner Belustigung. Du hättest auch nach Hause fahren können. Also, vertrau mir. So, und den letzten Schluck noch und off geiht, würd ich sagen. Ich steh' da vorne und warte auf dich!“

Sie dreht sich einfach um und geht.

„Ja, aber wie lange soll ich denn...? "rufe ich ihr hinterher.

„Mach!" ruft sie zurück

Also gut. Gut, Marlene. Ich kann selbst nicht glauben, was ich hier mache. Ich steige die Stufen der Aussichtsplattform hoch. Meinen Becher durfte ich nicht mitnehmen.

Marlene stellt sich ein paar Meter weit weg und schaut zu mir hoch. Die Leute glotzen jetzt schon, weil sie so bescheuert aussieht. Es scheint sie aber überhaupt nicht zu kratzen. Ich stehe unschlüssig auf dem Turm. Noch sehe ich aus wie eine normale Touristin, mir fehlt nur das Fischbrötchen in der Hand.

Ich starre Marlene an, die mir aufmunternd zunickt. Okay. Wenn es das ist, was sie will. Schön. Ich bin echt beleidigt. Aber so langsam auch betrunken.

Ich hole tief Luft und schreie. Mit geschlossenen Augen. Ich artikuliere nichts, ich stehe einfach da und bölke so laut ich kann in den Novemberhimmel.

Ich schreie so lange, bis ich keinen Atem mehr habe und mich krümme, um auch noch das letzte Quentchen Luft in diesen Schrei zu bekommen.In diesem Moment spüre ich gar nichts. Nichtmal Scham.

Die kommt, als ich die Augen wieder aufmache. Das ganze Glühweinbudenpublikum hat sich zu mir umgedreht. Mir zittern die Knie, und mir sind diese Blicke so peinlich, dass ich wohl gleich das Bewusstsein verliere.

Mein Blick trifft Marlene. Die sieht sehr begeistert und zufrieden aus. Sie winkt mich zu sich. Ich habe Angst, die Stufen herunterzufallen.
Marlene hat mir schon wieder einen Becher mit Grog gefüllt, als ich bei ihr ankomme.

„Gut gemacht, mien Deern. Wirklich gut gemacht!“

Ich bin immer noch sauer und möchte am liebsten einen Trotzkreisel machen.

„Jaaa, danke. Aber können wir....bitte, können wir einfach weitergehen?“ frage ich, flehe ich schon fast.

„ Jetzt guck' dir mal die Leute an. Die haben grade alle noch gegafft wie die Bescheuerten. Manche hatten sogar das Maul so weit offen stehen! Ha, aber fragen, was das eben sollte ...das traut sich dann auch wieder keiner. Guck, schon gucken sie betroffen in ihren Glühwein.“ Sie scheint sich köstlich zu amüsieren.

„Aber...was sollte das denn nun genau?“

„Gehen wir ein Stück, ich erkläre es dir.“

Sie hakt mich unter. Im gehen beplörre ich mich mit meinem Grog, aber das ist mir jetzt auch egal.

„Was du da eben gemacht hast, glaubst du, du könntest das auch wenn du nichts getrunken hättest?“

„Nie im Leben, Marlene. Nie im Leben.“

„Siehst du, aber betrunken kannst du's. Guck, was ich mit dir vorhabe ist Folgendes: Ich will den betrunkenen Mut in nüchternen Mut verwandeln, verstehst du? “

Ich verstehe überhaupt nichts, das Adrenalin stört mich beim denken.

Sie seufzt sehr theatralisch und rollt dazu die Augen. Jetzt muss ich auch grinsen.

„Also, dieser Mut muss ja irgendwo in dir drin sein. Dieser Mut deine Ängst zu überwinden. Der ist ja nicht in den Schnapsflaschen drin. Zumindest steht das auf keinem Etikett!“.

„Hm, okay. So ganz weiss ich aber noch nicht, was du meinst."

„Du verstehst mich schon irgendwann, wir sind ja lange noch nicht fertig.“

Wir gehen noch eine Weile und setzen uns auf eine Bank. Wir trinken noch jede einen Grog, dann bringt sich mich zum Bus.

Marlene umarmt mich zum Abschied, und diesmal erwiedere ich ihre Umarmung sogar ein bisschen.

„Siehste, mein Kind. Es geht doch. Schön locker bleiben, bis Montag dann!“

Ich fahre nach Hause. Im Bus schlafe ich ein.


(* Wicht ist im ostfriesischen Plattdeutsch das Wort für Mädchen.)

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20 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Die Marlene ist ne coole Sau. Sehr schön gezeichnet. Überhaupt finde ich, dass du nen sehr coolen Ton hast. Macht Lust auf mehr!

    30.09.2012, 11:32 von Jungle_Julia
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  • 0

    das is ma ne therapeutin, die ihre bezeichnung verdient hat. alles training bisher lebensnah, das ist doch effizient :-)

    24.06.2012, 11:02 von lavish
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  • 1

    klasse! Ganz ehrlich, mir kommt es vor, als lese ich ein Buch. Es ist lustig und fesselt mich. Ich möchte umblättern und weiter lesen. Bitte.

    17.04.2012, 13:28 von Danny0511
    • 0

      Mir geht es genau so =)    

      01.06.2012, 11:42 von WollschalAnDerSee
    • 0

      Mir auch!

      20.08.2012, 10:29 von Lia89
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  • 0

    Die Schattschneider ist der Brüller! :D
    Mit Vorfreude gelesen und nicht bereut :)

    01.04.2012, 16:34 von Jackie_Grey
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  • 0

    Herrlich!

    23.03.2012, 22:56 von lalina
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    bestes:

    Ich mache mir Gedanken über meine Spießigkeit. 

    23.03.2012, 13:33 von Traumversinken
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  • 1

    Die Frau Schattschneider wieder. Gefällt mir sehr gut. Erinnert ein bisschen an Bucay, nur witziger. Schön, dass es ein Fortsetzung gibt. Bitte noch eine! Und noch eine... Sonst mach ich eventuell einen Trotzkreisel ;-)

    23.03.2012, 12:33 von liselotterie
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