robert_suydam 22.10.2012, 20:38 Uhr 12 9

dosensprung

...

der herbstwind schabernackt herum,
laubbuntes weht auf und davon,
einatmen;
ein atem in ungezählten lungen,
ausatmen;
aus atem, ich,
spaziere ich umher im wind
und unter dem graulicht des frühen abends.

die füße erinnern einen weg, den der kopf aus versehen in den schuhschrank geräumt hat, ich lausche dem wind und die zehen stoßen mich schließlich auf einen wanderschatz,
nicht hier, nicht dort,
silbern im dämmer,
der ort bekannt oder nicht,
ein baumsämling bewohnt ihn, flüsternd, verstandesfern,
den augen ist es gleich, streicheln sie doch längst der findeldose über den deckel und wispern fragen in das silber, fragen, die schon einmal gestellt wurden, nur um ebenfalls in das vergessen zu fallen:

Warum ist es denn so eigenartig bemalt?
Ist das eine Schrift?
Und weshalb hat es ein so kompliziertes Schloss?

wiedergängerfragen,
bleischwer fallen sie mir vom augenmund vor die füße und dort wächst langsam und mit bemerkenswert mitleidigem blick ein schwarzes kaninchen aus der erde, greift die dose mit den pfoten, räuspert sich und spricht:

"eurer erhabenen dämlichkeit sei erläutert:

Querrechteckig mit eingezogenen Ecken und passigen seitlichen Schweifungen. Die Dosenseiten auf dreifach getrapptem, leicht gewölbtem Sockel. Der Rand des abnehmbaren Deckels entsprechend gestaltet. Die Dosenwandungen jeweils besetzt mit gravierten und ziselierten Bandwerk-Kartuschen. Darin kleine Reliefmedaillons mit Putten. Der gewölbte Deckel in Email, weißgrundig, darauf polychrom bemalte Stadt- und Häuseransichten. Dazwischen in erhabenem Silberrelief allegorische Gestalten von Mars und Athena, sich die Hände zum Friedensschluss reichend, sowie Athena mit einem Löwen. Reste von Vergoldung…"

daraufhin gähnt es herzhaft und streckt mir eine sehr lange und sehr rosige kaninchenzunge heraus, auf der, wartend, eine gruppe brauner wegameisen bereitsteht.
das kaninchen wackelt ungeduldig mit den ohren und die ameisen signalfühlern eifrig herum, bilden kurz den schriftzug

der schlüßel ist in dir ,

hüpfen dann zu boden und laufen davon.
das kanichen sagt:
"bäh.",
holt eine möhre hervor, nagt genießerisch an ihr herum und mustert mich dabei aufmerksam.

ich versuche mich selbst rückwärts zu erklären, als teil dieser situation, an einen glaubensrest geklammert, daß die welt sinnerfüllt sei, frage mich, ob ich von einem bus überfahren wurde, vielleicht, ohne es zu merken, oder von einem irren verbrecherarzt mit einer kanüle voller experimentellem in den rücken gestochen wurde, aber ich komme nur bis zu einem glas voller tequila und einer schönen hand, die über meinen rücken streichelt.
dann spüre ich einen würgereiz, ein trockener husten qält mich in die knie und die tränen in meine augen, ich jappse, fühle mich entschieden wie eine kotzende katze und bringe endlich einen verrosteten schlüßel hervor, ungläubig, aber froh über die befreiung von dieser qual, schaue nach oben und blicke, auge in auge, dem kaninchen in das gesicht.

es grinst zufrieden, schluckt einen möhrenrest hinunter und haut mir mit voller wucht die dose über den schädel.

ein licht geht aus, es könnte der vollmond sein, dann geht ein licht an, das ist der sirius, er steigt über den horizont und kündigt einem singenden priester das nilhochwasser an, ich freue mich über die manchmal wirklich hübschen kombinationsmöglichkeiten von entfernung und zeit, dann verlöscht das siriuslicht und der vollmond strahlt am himmel über mir.

verdammt.
ich muß wohl über etwas gestolpert und hingefallen sein.
fröstelnd rappele ich mich auf.
zu meinen füßen liegt eine dose, eine von diesen altberliner antiquitäten aus silber mit emailverzierung. das ist mal ein fundstück, denke ich und hebe sie auf.
gerade frage ich mich, ob ich wohl über diese dose gestolpert bin, als mir plötzlich mit einem kopfstechen bewußt wird, daß vor mir im kühlen mondgestrahle athena und mars stehen.
sie streicheln zärtlich die blätter eines jungen geschichtenbäumchens, welches zwischen ihnen seine triebe entfaltet, und betrachten mich dabei neugierig.
zu ihren füßen liegt ein löwe und schnurrt wie ein riesenkater.
auch seine augen ruhen auf mir.
irgendwie erinnern sie mich an die augen eines kaninchens.
das ist nicht gut.
ich brauche dringend eine aspirin und etwas hilfe.
keine ahnung, in welcher reihenfolge.
aber dirngend.


                   
                                   die verlorene erinnerung
 
                             
                    & 
                  
             
                                die voraushüpfende ahnung







Tags: Korn, Dose, Geschichtenliebe
9

Diesen Text mochten auch

12 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 2

    der zwilling?
    das gegenstück!
    herrlich schön.

    22.10.2012, 22:34 von zehnmomente
    • Kommentar schreiben
  • 2

    genüsslich lehnte er sich zurück und bestaunte mit einem nunmehr breitem Grinsen den in form einer dose zugeworfenen ball, der in seiner rotation erst jetzt erkannt und mittlerweile vielfältige züge angenommen hat. würde ein spontaner applaus von den rängen den spielablauf dienlich sein? So stehe ich hiermit auf und gebe meinen beifall für beide seiten.

    22.10.2012, 21:10 von jetsam
    • 1

      Der Ball ist nicht gebunden, oder? Magst Du ihn mal fangen?

      22.10.2012, 21:13 von Mrs.McH
    • 0

      Er würde mir aus den Händen gleiten wie ein Stück Seife. Zurück bliebe meine seifige Hand, welche eine Dose nicht greifen kann. Da belasse ich ihn doch lieber in Händen, die damit besser umgehen können. ;)

      22.10.2012, 21:20 von jetsam
    • 0

      ach jetsam... fang einfach und wenn er daneben plumst, ist auch nüscht schlimm, oder?

      Herr S.: Die Geschichte ist wirklich wunderschön, nach dem zweiten und dritten Lesen verbleibt ein echt knuffiges Gefühl und die beim Lesen entstandenen Bilder sind TIERISCH gut. Was ein Zoo :)

      22.10.2012, 21:24 von Mrs.McH
    • Kommentar schreiben
  • 1

    aber dirngend

    Das ist ja schon wieder ein neues Fehlerchen, was unter guten Umständen zu einer Geschichte führen könnte :) Über Dirnen in trostlosen Gegenden die kotzende Katzen spazieren führen...

    22.10.2012, 20:56 von Mrs.McH
    • 0

      *gnarf* :-)

      herr s. hat seinen spaziergang zum hasen direkt im texteingabefeld vom neonland gemacht & in den letzten minuten auch schon den ein oder anderen fehler ausgebeult.

      die dirne hat er übersehen.
      sie darf bleiben.
      sie ist so hübsch.

      22.10.2012, 21:03 von robert_suydam
    • 1

      "die dirne mit der kotzenden katze"
      gibt es dann demnächst zu lesen.
      das ist einfach zu reizvoll.
      das darf man nicht vorbeigehen lassen.

      22.10.2012, 21:05 von robert_suydam
    • 1

      Ich dürfte nun vielleicht den Titel Wortspenderin tragen? Für einen Tag und eine Nacht? Das wäre schön.

      22.10.2012, 21:09 von Mrs.McH
    • 1

      jawohl.


      22.10.2012, 21:12 von robert_suydam
    • 1

      *stolz-t davon* :)


      Ein Honigkuchenpferd ist ein Esel dagegen.

      22.10.2012, 21:15 von Mrs.McH
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Alles was ihr Herz begehrt... mummelte das schwarze Fellding und hupfte davon. Es hat schon wieder etwas liegen gelassen... 1000 Herzen soll es für sie regnen!! Ähm... Herzen!

    22.10.2012, 20:50 von Mrs.McH
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android