Who-am-I 22.10.2012, 14:32 Uhr 22 7

Die unerträgliche Seichtigkeit des Buchstabens Q

Q. und ich spielen Ping Pong mit meiner Seele. Ich soll positiver denken und nettere Kommentare schreiben, um meine innere Balance wiederzufinden.

„Sie glauben doch nicht wirklich alles, was Sie dort lesen, oder?“ Doktor Q. schaut mich leicht spöttisch an und zieht die Augenbrauen hoch. Er schüttelt noch kurz den Kopf, lacht leise und gießt sich etwas von dem Weißwein ein, 1986er Spätlese aus einem Klosterweingut in Trier, von taubstummen Mönchen gekeltert. Im Übrigen ein interessanter Jahrgang, vielleicht ein bisschen spröde auf der Zunge, aber im Abgang geschmeidig.

Angespannt beiße ich auf meine Lippe und verkneife mir die fällige Antwort. Dieser arrogante Widerling. Aber bitte, er soll mir schließlich helfen. Stattdessen stelle ich eine Gegenfrage: „Dann bedeutet Ihrer Meinung nach also meine dauerhafte Negation der Affirmation lediglich, dass ich in einer popkulturellen Zeitschleife feststecke. So eine Art Gehirnpunk?“

Dottore schmunzelt. „So kann man es auch ausdrücken. Auf der Ebene des Individuums nennt man es allerdings heutzutage gerne Borderline. Wie dem auch sei. Sie spielen Ping Pong mit Ihrer Seele. Und immer, wenn Sie einen Schmetterball schlagen, weicht ihre Seele ein paar Zentimeter von der Tischplatte zurück. Doch der Ball kommt immer wieder, gegen sich selbst können Sie einfach nicht gewinnen.“

„Ach, Blabla.“ Ich schütte mir ebenfalls noch etwas Wein nach, um der Wahrheit tiefer auf die Spur zu kommen. Leicht entzürnt über seine seichte Metapher und die noch nicht mal populärwissenschaftlich haltbare Fernnahdiagnose führe ich das Glas zum Mund.

„Probieren Sie es doch mal mit einem Stoppball. Damit können Sie Ihren Gegner vielleicht überlisten. Seelen haben nicht so lange Arme.“ Sein Blick bekommt etwas gönnerhaftes. Q. erinnert mich jetzt tatsächlich an meinen ehemaligen Uniprofessor in Ontologie. Der war auch ein Arschloch und hatte mich mit der Frage nach dem Sinn des Lernens bereits durchs Vordiplom rasseln lassen. „Erst Aufgeben führt zum Ziel“, hatte er immer doziert, bis ich die Uni schließlich ohne Abschluss verließ. Was mich mich bis heute wurmt.

„Sie meinen also, ich soll positiver reagieren. Etwas Nettes schreiben, die Autoren auf dieser Seite bestärken und ermuntern, damit ich meinen eigenen Widerwillen überwinde gegen den schier endlos scheinenden Nachschub aus der Tagebuchtextlegebatterie, produziert von mindestens ebenso unendlich vielen Nicht-Lyrischen-Nicht-Ichs, die verneinen, dass das, was sie da von sich geben, auch nur im Entferntesten irgendetwas mit ihrem Langweilerleben vor dem Monitor zu tun hätte, und die das mittels schmieriger Adjektive gelingende Zusammenkleistern der Wörter zu melodramatischen Sätzen, die Vermählung unverheirateter Silben zu bedeutungsabgetriebenen Wortungetümen, ja, sogar die originäre Herkunft der unschuldigen Buchstaben aus ihrer Seelenursuppe leugnen würden, sofern man sie darauf anspricht, ob sie denn das wirklich ernst meinten, was sie da schrieben. Sie denken also, ich soll diese Texte nicht nur ignorieren, sondern widerstandslos Verständnis zeigen, Mitgefühl ausdrücken, Herzchen verteilen und damit nicht etwa dem Autor, sondern der gesamten Leserschaft, und letztlich auch mir selbst zeigen, dass ich das Elend und die Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur ein für alle Mal akzeptiere, damit ich endlich auch mir selbst verzeihen kann?“

Dottore wirkt erschlagen von meinem Monolog und hängt etwas eingeschüchtert in seinem Sessel. Dann genehmigt sich noch einen Schluck. Er stößt kurz auf und dreht das Glas unruhig in seiner rechten Hand hin und her.

Ich habe mich regelrecht in Rage geredet und schwitze ein wenig. Erwartungsvoll blicke ich Q. an. "Nun?"

"Ja genau, das meine ich", lässt er sich schließlich zu einer knappen Antwort herab.

Ich koche inzwischen innerlich vor Erregung. "Dann behalte ich lieber mein Borderline." Vor seinen entsetzten Augen krempele ich die Ärmel meines mauvefarbenen Hemdes hoch, ritze mir mit dem stumpfen Korkenzieher des Doktors beide Unterarme auf und schaue ihn triumphierend an. "So."

Panikartig springt Q. aus seinem Sessel. "Pass doch auf, du Wichser. Du blutest wie ein Schwein. Scheiße. Mein edler Teppich."
Ich denke noch "Pfff. So ein beschissener Kommentar, Null Empathie, der Idiot", und versinke langsam in der Dunkelheit. Und morgen schreibe ich einen Text darüber.


Tags: quatzat, Borderline, Tischtennis
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22 Antworten

Kommentare

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    Borderline ist doch so ne Psycho(logen) Erfindung?

    19.11.2012, 22:17 von SteveStitches
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      So lassen sich aber prima Bücher verkaufen!

      19.11.2012, 22:19 von Who-am-I
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  • 2

    Hihihihihihiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii.

    Du kleiner Schelm, Du !

    19.11.2012, 18:57 von cosmokatze
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  • 1

    Hehe

    19.11.2012, 18:22 von Bender018
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    voilà, ein schwach codierter Nachschub aus der Tagebuchtextlegebatterie

    26.10.2012, 13:15 von LauraPhilomenaTheresa
    • 1

      Immer noch besser als Wiesenhof-Hähnchen

      26.10.2012, 13:36 von Who-am-I
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      Du siehst es richtig, daher ja auch die Zeitschleife, aber trotzdem wiederholt es sich nicht einfach. Man muss sich ja erstmal bewusst werden, dass es weniger um Veränderung (der Inneren wohlgemerkt) geht, als um Erkenntnis und Annahme, womit sich aber schon viel ändern würde (nach außen), den die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit würde sich ja reduzieren. Naja, so ungefähr interpretier ich mich, ich denke ja nie nach vor dem Schreiben.

      26.10.2012, 12:49 von Who-am-I
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      Ach, ne, ich finds ja im Prinzip gut, wenn jemand seine Gefühle ungefiltert in einem Text ausdrückt, dann muss er aber auch mit dem ungefilterten Feedback umgehen können, weil dieses ja letztlich für den Prozess der Bewusstwerdung des eigenen Ichs genauso dienlich ist, wie das Schreiben selbst.

      26.10.2012, 12:58 von Who-am-I
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      Was meinst du, das "muss" ist nicht richtig? Ja, doch, wenn er es veröffentlicht, dann schon, oder nicht?

      26.10.2012, 13:08 von Who-am-I
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      Du musst es ja annehmen, sondern es geht mehr darum, dass auch das dazu gehört, also Menschen, die negativ reagieren. Weiterbringen ist hier der falsche Denkansatz, das ist so wie mit Doktor Qs Kommentar im letzten Absatz, da ist er derjenige, dem etwas bewusst geworden sein könnte. Du siehst das Modell Erlebnis ---> Text  --> Kommentar vielleicht nur statisch, es ist aber alles im Fluss

      26.10.2012, 13:28 von Who-am-I
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      Es gibt keine unnötige Energie, nur Energie am falschen Ort und in der falschen Form (gibts da nicht auch Lehrsätze der Entropie drüber?)

      26.10.2012, 13:40 von Who-am-I
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  • 5

    Ich bin innem Täxt! ich bin inem Tähäxt! *hüpf*

    22.10.2012, 19:32 von quatzat
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      Ist der Teppich wieder sauber?

      23.10.2012, 01:21 von Who-am-I
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      Öhm, äh, achsoja, kein Blut mehr drauf..

      23.10.2012, 07:55 von quatzat
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    Eines verstehe ich nicht … wenn die Texte Widerwillen erregen und das Bild, das Du (bzw. der Protagonist)  von den Autoren im Sinn hast, Deine Überzeugung ist,  worin liegt die Motivation sie doch zu lesen ? Und warum löst die Tatsache, dass Q das nicht versteht, Selbsthass aus ?  Und was das  Elend und die Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur angeht … geht es darum andere zu ändern oder sich selbst ? Nun ja, heute fehlt es mir an Empathie oder zumindest an Informationen, diesen Text zu verstehen.

    22.10.2012, 15:57 von Cyro
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      Tja, so richtig versteh ich bis heute nicht jedes Detail, was der Doktor da so von sich gegeben hat, aber ER ist ja schließlich der Experte, nicht ich.

      22.10.2012, 16:18 von Who-am-I
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