MissesBiscuit 15.09.2014, 16:15 Uhr 0 0

Die Partitur des Lebens frei nach Milan Kundera

„Wären sie länger zusammengeblieben, hätten sie vielleicht die Worte verstanden, die sie einander sagten."

„Der Wortschatz des einen hätte sich verschämt und langsam dem des anderen genähert, wie zwei schüchterne Liebende, und die Musik des einen hätte angefangen, in der Musik des anderen aufzugehen.“ (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins - Milan Kundera)

Milan Kundera spricht darüber, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens seine ganz eigene Partitur erdichtet. Er füllt Begriffe mit Bedeutungen, entwickelt Konzepte und Wertvorstellungen. Seiner Meinung nach wird es daher immer schwieriger bis schließlich unmöglich einander zu verstehen, einander wirklich nahe zu kommen und zusammen zu finden. Trifft man jung aufeinander, so ist die Partitur noch unvollständig, hat noch keinen eigenen Klang. Man kann weitere Töne gemeinsam hinzufügen und schließlich gut harmonieren. Später jedoch hat jedes Wort schon einen bestimmten Subton und man hört mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht das Selbe.

Ich glaube, dass es nicht die Eigenheiten einer Person sind, die die Verständigung schwierig machen, sondern die Eigenheiten der Anderen, die sich diese Person angeeignet hat.

Beispielsweise erzähle ich immer wieder gerne von der Quersumme Elf. Ich weiß nicht seit wann ich mir diesen Tick zu eigen gemacht habe oder wie ich überhaupt auf diese Idee gekommen bin, aber Letztenendes ist das unwichtig. Ich errechne einfach gerne die Quersumme von Daten, Telefonnummern, Namen (in dem ich jeden Buchstaben des Alphabets einer Zahl gleichsetze: A=1, B=2 usw.), Preisen, zähle Bushaltestellen und Sekunden. Das hat noch für keinen meiner mehr oder weniger vorübergehenden Partner ein Problem dargestellt. Die Meisten haben es als eine weitere etwas schrullige Macke meinerseits ganz süß gefunden, oder diese Tatsache so wie mein imaginäres Wohnungseinrichten einfach ignoriert. Man stelle sich jetzt aber mal – rein hypothetisch – einen dieser Männer, nennen wir ihn doch einfach Tomas, mit seiner neuen Freundin, selbstverständlich ist ihr Name Teresa, vor. Sie könnte ihm beispielsweise vorschlagen am 11.11. ein Konzert zu besuchen und ihm voller Freude ein Ticket in die Hand drücken, Reihe K. Sofort würde Tomas sich an mich erinnern. Er würde vielleicht kurz darüber grinsen müssen, dass ihn mein Tick so angesteckt hat. Vielleicht würde es ihn aber auch wütend machen, da wir uns nicht gerade im Guten getrennt haben, sondern ich ihn an einem 8. März aus unerfindlichen Gründen einfach verlassen habe und er sich seitdem fragt, ob ich den Tag aufgrund der Quersumme zum Tag unserer Trennung auserkoren habe. Teresa könnte (um das Ganze noch dramatischer zu gestalten) seine merkwürdige Reaktion wahrnehmen und nachfragen. Wenn Tomas jetzt so ehrlich wäre, ihr die Geschichte von der Quersumme und mir zu erzählen, so würde Teresa entweder – verständlicherweise – ziemlich wütend weil eifersüchtig werden, oder aber sie würde sich fragen, wie Elf denn überhaupt eine Quersumme sein kann. In beiden Fällen würde sich ihr der wahre Ton der Quersumme Elf entziehen. Und Tomas käme jedenfalls nicht umher, den Rest seines Lebens jede Elf mit mir in Verbindung zu bringen. Ein – zugegeben ziemlich schräger – Ton in seiner Partitur, der für keine nach mir kommende Person nachvollziehbar wäre.

Und ich lebe mit diesem Tick einfach weiter, präge ihn jedem Mann auf die Stirn und stelle mir vor, wie lustig es wäre, wenn zwei von ihnen ein Geschäftsessen in einem Restaurant hätten und die Nummer Elf bestellen würden. Sie würden sich an diesem verschwörerischen Gruß erkennen, wie die Mitglieder einer Geheimgesellschaft und vielleicht sogar kurz über mich reden, aber zumindest gleichzeitig an mich denken und daran wie ich an meinen Fingern krampfhaft versuche die Elf abzuzählen.


Tags: Beziehungsballast, Persönlichkeitsbildung, Erinnerung
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