Gods_mistake 28.02.2014, 11:32 Uhr 73 50

Die Kunst traurig zu sein

oder: am Ende der Melancholie

Ich schwimme unter der schneebedeckten Eisschicht, manchmal kommt doch ein wenig Licht durch das Eis und bricht sich darin. Es strahlt wie ein Scheinwerfer Licht ins Dunkel und ich sonne mich darin. Einen Moment, vielleicht auch zwei Augenblicke, bis das Dunkel mich wieder umschließt und das Licht sich zurück zieht, wie etwas Verbotenens, was sich nur kurz zeigt, um an seine Existenz zu erinnern. Die Dunkelheit in der ich schwimme schenkt mir Geborgenheit, denn sie ist dumpf und trüb. In ihr kann ich nichts erkennen, nichts was mich bedroht, oder verängstigt, jedoch kann auch nichts zu mir durchdringen, was mir ein anderes Gefühl geben könnte. Mir ist weder kalt noch warm, ich hänge dazwischen, schwebend, ebenfalls taub bis leidend. Wenn ich Schritte höre die über das Eis laufen, laut knirschend, oder leise trippelnd, bin ich versucht mich noch tiefer sinken zu lassen, möchte mich auf den Grund des Sees setzen und meine dünn gewordene blasse Haut weder der blendenden Sonne, noch den Blicken eines Anderen aussetzen. Ich habe nur eine ungewissen Vorstellung von dem was dieser Andere ist, oder sein könnte, für mich wirken die, die auf meinem Dach, über mein Kopf hinweg, auf dem Eis laufen, wie Aliens. Sie sind mir fremd und ihre Fremdheit ekelt mich, wenn ich darüber nach denke, schwimme ich in eine noch dunklere Ecke, um mich selbst für meine Gedanken zu schelten, um mich vor mir selbst zu ekeln und das alles schnellst möglich wieder zu vergessen. Was ich vergesse treibt noch einige Zeit um mich herum, dann sinkt es auf den Grund um sich dort aufzutürmen, Schluchten zu bilden und Berge, die mir Höhlen schaffen, die mich locken mit ihrer ohrenbetäubenden Stille, Labyrinthe bauen aus geplatzten Träumen, Sehnsüchten und Erinnerungen. Sie werden mich verleiten, dort zu bleiben und mich unter den Steinen zu verkriechen, so schwer, dass sie niemand heben kann. Aber noch schwebe ich, werde sogar ab und an hart gegen das Eis getrieben, drücke meine Nase dagegen und versuche es mit meine Atem zu schmelzen. Dann hämmere ich dagegen und schreie so laut ich kann, doch alles was passiert ist, dass ich den Schnee zum schmelzen bringe und mir so nur ein Fenster schaffe, von dem aus ich sehe was dort draußen passiert und passieren könnte. Obwohl ich das alles nur durch diese kleine Stelle hindurch betrachten kann, die mein Atem aufgewärmt hat, habe ich das Gefühl alles zu kennen, was auf der anderen Seite geschieht. Manches Ereignis versetzt mir einen Stich, mancher Schritt auf der Oberfläche dringt mehr als hörbar zu mir hindurch, läuft ahnend über brüchige Stellen und manchmal lässt es mich glauben meinen Namen zu hören, den ich schon längst vergessen habe. Wie ein Versprechen hängt sein Flüstern noch Tage später, als Echo, unter dem harten Eis fest, klopfend, anklagend.Dann bin ich verwirrt und halte mir die Ohren zu, blicke mit geschlossenen Augen in die Dunkelheit und lass mich so weit sinken, wie ich es wage. So weit nur, dass ich nicht Gefahr laufe mich dort für immer zu verlaufen.

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73 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Aber bedeutet Trauer nicht auch, mal alles zuzulassen und sich im Ernstfall zu verlaufen?

    Auf jeden Fall sehr schön geschrieben, ich hätte mir allerdings einige Absätze gewünscht. 

    20.03.2014, 21:17 von Bambi_Eyes
    • 0

      In diesem Fall bedeutet  "verlaufen", denke ich ein unwiderrufliches Verschwinden.

      Ich habe auch über Absätze nachgedacht, aber ich habe keine Stelle gefunden, an der ein Absatz Sinn gemacht hätte.
      Schlägst du welche vor?

      21.03.2014, 15:48 von Gods_mistake
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      Vielleicht Z. 7 vor Die Dunkelheit. Dann ab Ich habe nur eine ungewisse Vorstellung. Sowie ab Aber noch schwebe ich. 

      Nur so als Ideen:)

      21.03.2014, 21:32 von Bambi_Eyes
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  • 3

    egal wie dunkel und verschreckend einem die welt zum teil vorkommt, es bringt nichts sie nur passiv zu durchleben.man muss ein teil von ihr werden um die schönen dinge erkennen zu können.man muss sich dem leben und der welt stellen, doch nicht als feind eher als freund

    10.03.2014, 13:32 von Kristjan_Momo
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    Ich saß letztes Wochenende im Spa-Bereich in einem Restaurant. Einige dafür berühmte Dickheiten, die sich nicht genierten ihre wohltemperierte Masse hinter einem Bademantel zu verstecken. An der Oberfläche der Menschenmassen ergreift einen das Unbehagen des Lebens meistens schlimmer als fernab von ihnen. Gerne wäre ich in jenem See, zum Überwintern. Die Bilder, die du schaffst, sind wärmer, als die Bilder, welche oberhalb der Fläche vor sich gehen. Geschehen. Passieren.
    Eine schöne Flucht, um Lichtspiels Interpretation noch ein wenig weiter zu führen. Drum schließ ich mich seinem Kommentar an. Schön, nicht verzweifelnd. Dein Text, der Zustand, die Bilder.

    04.03.2014, 16:04 von Filousoph
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    • 0

      Kannst du das näher ausführen?

      04.03.2014, 21:54 von Gods_mistake
  • 0

    Du hast Worte für etwas gefunden, für das ich sie nie hatte.

    03.03.2014, 19:36 von noahjonsson
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  • 0

    Melancholisch schön! Wüsste mal gern wann SIE diesen Artikel geschrieben hat?!

    03.03.2014, 09:56 von Jonnylo85
    • 0

      Letzten Monat.
      Warum will ER das wissen?

      03.03.2014, 22:39 von Gods_mistake
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  • 2

    Sehr schön geschrieben, kann mich darin wiederfinden, in der ein oder anderen Gelegenheit. Es ist traurig, aber geht mir wirklich sehr nah. Danke für dieses Gefühl!

    02.03.2014, 01:24 von mounwalk
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  • 1

    Worte. So schwer und doch so schön miteinander verwebt. Riesen Respekt vor deinem schönen Schreibstil! Bewahre ihn dir.

    Der Inhalt erinnert mich sehr an mich selbst. An das Jahr 2012. Als ich gefangen war in mir selbst. In meinen Gedanken. Und niemand zu mir vorzudringen vermochte. Dein Wortgebilde beschreibt genau, wie es mir damals ging.
    Aber auch ich habe es geschafft, durch das dicke Eis zu brechen und wieder zu erlernen, sich an das warme Licht der Sonne zu gewöhnen.
    Aus letzter eigener Kraft. Und schlussendlich auch der anderer.

    Alles Gute für die Zukunft!

    01.03.2014, 09:16 von .infrathin.
    • 0

      Vielen Dank für deine tollen Worte. :)

      01.03.2014, 13:30 von Gods_mistake
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