vilsi 15.08.2012, 21:22 Uhr 0 5

Die große Bedeutung des Unwichtigen

Ich frage mich oft, wie viele Stereotype meine Wahrnehmung verfälscht haben.

Wenn ich morgens die Tür aufmache, dann dringt dieser Geruch von Moder in meine Nase. Das ist dann so, als würde ich in eine vergangene Zeit eintreten können, die ich selber schon vergessen hatte.

Ich frage mich oft, wie viele Stereotype meine Wahrnehmung verfälscht haben. Früher jene der Schule, der ersten Liebe, des anderen Geschlechts, des Erwachsenseins, des Studierens. Alle musste ich erleben, um Vorahnungen revidieren zu können. Ich ahnte manchmal, wie sehr ich mich irren würde, aber ich habe dennoch nur selten ein Klischee in Frage gestellt.

Ich überlege mir, wie sehr die Realität manchmal in mein Leben eingeschnitten hat, als ich sie auszuklammern versuchte. Und jetzt versuche ich ihr einen Platz am Tisch anzubieten, um mich an ihre Anwesenheit zu gewöhnen.

Als mein Vater starb, habe ich das Klischee des Verlustes Abschied nehmen sehen. Denn Nichts war so, wie ich es in meinem Ideenbergwerk vermutet hatte.

Es war so, als wäre ich in Watte gepackt, um dann plötzlich wieder geschüttelt und zerrissen zu werden, als hätte die Watte sich zur Seite geschoben für einen Moment.

Schemenhaft zeichnet sich vor mir ab, was mit mir und den anderen passierte. Manchmal glaube ich, dass mich die Wut irgendwann einholen wird, die ich so erfolgreich bezähme, wie einen dressierten Affen. Kleine Augen sehen mich an, oh, das bin ja ich. Wer ich war, kann ich kaum sagen. Ich glaube, ich war immer schon so unbestimmt.

Deshalb habe ich auch eine unfertige Ausstrahlung. Die auf manche sympathisch wirkt, auf andere befremdlich. Ich selbst bin nur selten nachlässig mit meiner Selbstüberwachung. Lustigerweise verlässt sie mich am ehesten, wenn ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer stehe. Zumindest wenn es mehrere sind und ich sozusagen wie auf einer Bühne auftrete. Nur manchmal lasse ich dann meine Beobachtung aus mir heraustreten und mich selbst beschauen, in der Hoffnung, das Bild sei natürlich.

Im Grunde spielt es aber keine Rolle, ob ich nun über mich hinauswachse, ob oder jünger oder gebildeter wirke als ich bin, denn was bleibt, ist immer nur das, was die Realität übrig lässt.

Manchmal geht meine Beobachtung nicht über das oberflächliche Maß hinaus. Dann sehe ich diese beiden Arme, die sich vor mir befinden, sowie der Tisch, auf dem sie liegen. Und die Mauern um mich herum, die auch einmal nicht da waren, die auch irgendwann einmal nicht mehr da sein werden, genau wie ich.

Ich betrachte manchmal ganz bodenständig, indem ich die ganzen Geräusche um mich herum in mich aufnehme, in der Annahme, dann verschwänden sie.

Genauso dumpf und schüchtern dringt dann das Säuseln des Kühlschranks zu mir, ungefähr genauso dringlich wie das Lied, das mir dann plötzlich durch den Kopf geht wie in einer Radiosendung.

Ich träume auch manchmal so plastisch, dass mich das Glück oder der Schrecken noch den ganzen Tag herumtragen, als wäre ich nicht der Träumer, sondern das Geträumte. Ich bin mir dann so ganz plötzlich bewusst, dass ich einmalig bin. Trotzdem gibt es Weniges an mir, das eine besondere Anerkennung von Außen rechtfertigen würde. Die ist genauso wenig nötig, wie das Pflegen meiner Unfertigkeitskomplexe, derer ich mich schuldig weiß.

Vergangene Leidenschaften fallen mir ein, Liebesnächte, deren Bedeutung ich genauso überschätzt habe wie manchen lukullischen Genuss.

Es fallen mir Rauschzustände ein, in denen ich das Gefühl hatte, das Leben wirklich verstanden zu haben (HaHa!).

Erkenntnis ist nicht unbedingt etwas, das zur Lebensqualität beitragen würde. Im Gegenteil, da ist mir jedes Geheimnis noch lieber. Wobei ich da nun die Brücke schlagen kann zum Klischee, das mir manchmal lieber ist als die Wahrheit oder das Tatsächliche.

Niemand kennt den Unterschied. Wenn ich anders wahr genommen werde, als ich möchte, dann sollte ich zu wenig Zeit dazu haben, das überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Denn nichts ist uninteressanter und unsinniger, als sich selbst zu rechtfertigen vor Menschen, die man selbst ja auch wieder falsch beurteilen würde. Ein ständiges beleidigt sein und beleidigt werden ist die Folge. Ein sehr langweiliger Prozess.

Da lege ich mich lieber hin und stelle mich schlafend.

Dann befinde ich mich in meiner eigenen Lüge und kann getrost abwarten, bis die Jäger es sich in ihrem Schießstand verpennen.

Wenn Klischees sich also auflösen, ist das immer nur mittelbar ein wirklich objektives Geschehen. Nicht selten kommt es nur zu einem subjektiven Verständnis für das Reale. Das sollte man nicht vergessen, denn sonst dürfte man erneut einem Schalk aufliegen.
Wenn ich in eine neue und unbekannte Umgebung komme, dann wirkt diese nicht nur auf mich, sondern auch ich rufe eine der Umgebung unbekannte Veränderung hervor. Besonders deutlich kann ich das anhand eines Beispiels beschreiben, in dessen Verlauf ich gemeinsam mit Freunden als einziger weiblicher Gast eine Tittenbar betreten habe, um festzustellen, dass ich mehr Aufmerksamkeit erregte als manch ausgezogene Frau.

Da erkannte ich, dass auch ich als Anwesende einen Einfluss auf den Ablauf eines Abends haben konnte, ohne es zu bezwecken, einfach dadurch, dass ich in der Szene erscheine.

Mit welchen Klischees ich belastet wurde, kann ich nicht sagen.

Wann beeinflusse ich das Geschehen noch? Jeden Tag. Denn wenn ich das Haus verlasse, wirke ich auf die Welt. Und wenn ich es nicht verlasse, dann genauso.

Zumindest was die passive Wirkung angeht. Denn wenn ich jemanden verletze oder jemand mich auf der Straße niedersticht, dann ist das für mich und / oder für den anderen ein Beweis dafür, dass man die jeweilige Einsamkeit und Unbedeutsamkeit durchaus teilen kann.

Meine Knochen sind jedenfalls von alleine so gewachsen. Was wir selber steuern können, entzieht sich unserem Wissen.

 Ich wache manchmal auf und frage mich dann, warum ich gerade jetzt aufgewacht bin. Das wird nicht bewusst gesteuert. Auch, wann ich einschlafe, steuere ich nicht selbst. So vieles passiert mit einem, dass man ganz vergisst, wie gering unsere Macht reicht, überhaupt uns selbst und unseren Körper zu steuern.
Wir können etwas wollen. Oder etwas verabscheuen. Ob das wirklich wir selbst als bewusstes Wesen entscheiden?

Die Persönlichkeit als Konstrukt ist ein interessantes Modell dafür, dass wir uns gerne sehr viel Spielraum zugestehen, den wir aber nicht wirklich haben können.

Wie sehr unsere Hormone in unser Erleben eingreifen, ist sicher für Männer und Frauen ein gleichermaßen bekanntes Phänomen.

Ich traue mich, zu behaupten, dass so manche Reflexion erst nach sexuellen Erlebnissen einsetzt, um zu analysieren, verstehen zu wollen, zu ergründen. Alles völlig unsinnig.

Was ist so geheimnisvoll am Sex? Es gibt daran nichts Geheimnisvolles oder Mystisches. Es gibt nur die Frage, ob er gut oder schlecht war. Und ob er gut oder schlecht war, bestimmt das Ausmaß der Reflexion, die zur Feststellung nötig ist. Wenn er gut war, gibt es mehrere Tage danach noch rauschhafte Flashbacks, die unseren Körper überfallen, 40 Räuber in Sexualhormongestalt. War er gut, so bedarf es keiner Reflexion. War er schlecht, so wird nach Bedeutung gesucht, oder nach Antworten. 

Ich merke, dass ich ein Tier bin, wenn ich merke, dass ich mich nicht steuern kann. Zumindest nicht innerlich. Ich habe genauso wie jeder andere mit der Zeit gelernt, diese ganzen Gedanken und Bilder nicht nach Außen zu tragen. Es gibt wahrscheinlich nur einige mehr oder weniger interessante Variationen davon.

Ich selbst betrachte mich kritisch und genau. Genauso geht es mir bei den meisten anderen Menschen. Ich glaube, das hat auch seinen Grund. Nur selten kommt es vor, dass mich jemand in Begeisterung versetzt. Zum Glück. Denn Nichts ist anstrengender, als jemanden interessant zu finden, und wenn ich mir vorstelle, ich müsste das Bestaunen bei jedem und jeder durchlaufen, dann käme ich nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Es gibt sogar Objekte der Bewunderung, die jenen zur Verfügung stehen, deren Hobby es ist, andere anzuhimmeln. Das entlastet einige andere von dieser Bürde.

Ich selbst betrachte das Anhimmeln als etwas ungemein Inspirierendes, und es gibt keinen einzigen Lebensabschnitt von mir, in dem nicht jemand von mir bewundert wurde. In den wenigsten Fällen wusste mein Objekt bescheid. Und wenn, dann wurde das Ganze entweder eine Tragödie oder furchtbar langweilig.

Und Heute? Heute lasse ich mir meine Wahrnehmung einfach nur abhanden kommen, indem ich meine passive Ader pulsieren lasse, als wäre es meine Absicht.

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