Die Crohn'sche Relativität
Das erste Mal begegnete ich ihm in dem langen schmalen Gang, von dem alle paar Meter eine Tür in eines der Zimmer führte.
Man hatte versucht, die sterile Atmosphäre durch farbenfrohe Bilder mehr oder weniger bekannter Künstler in den leeren Bereichen zwischen den Türen abzumildern, Tapete und Teppich waren in einem abgedunkelten farbigen Ton gehalten, dennoch herrschte die gleiche anonyme Bedrückung wie in einem der günstigeren Hotels. Üblicherweise verhalten sich die „Gäste“ jedoch anders, als es in solchen Örtlichkeiten üblich ist. Man kennt sich nicht, man lernt sich kennen. Weil Zeit da ist, Gelegenheit. Und eine Verbindung, die das Brechen eines ersten Eises unnötig macht.
Ich hatte ihn ein gutes Stück hinter mir aus dem Aufzug kommen sehen, als ich flüchtig über die Schulter gesehen hatte. Dann schlugen drei gute Gründe ein, die meine Schritte zu meinem Zimmer hin beschleunigten und mich den Schlüssel ziehen ließen. Erstens: mein Selbstbewusstsein hatte stets schon einige Lücken aufzuweisen, darüber hinaus kroch es damals allerdings - einige Etagen tiefer - auf dem Zahnfleisch. Zweitens: siehe erstens inklusive der Attraktivität meines „Hintermannes“. Drittens: ich hatte ab von den ersten beiden Gründen in jenem Moment keine Ambition, mit irgendjemand zu reden.
Er holte mich dennoch ein, als ich gerade den Schlüssel im Schloß hatte. Das Kinn stur geradeaus gerichtet, erwiderte er kaum den neuerlich gewendeten Blick und den kurz formulierten Gruß. Kurz überfiel mich ein Schauer und ich sah ihm einen Moment hinterher. Etwas kleiner als ich, schlank mit dem Eindruck einer gewissen Athletik, kurz geschorenes Haar mit markanter Kopfform (nicht minder als sein Gesicht), energischer Gang in damals bereits wieder hochmodernen Jeansschlaghosen. „Meine Güte. Es muss nicht cooler als Eis sein,“ dachte ich noch kopfschüttelnd bei mir – dann war er aus dem Blick verschwunden und vorerst aus meinem Bewusstsein gestrichen.
Einen Tag später, zwei? Ich weiss es nicht mehr. Wir saßen nach dem Abendessen im Foyer, wie wir es uns angewöhnt hatten. Ein durch die Umstände zusammengewürfelter Haufen aus gerade Voll- bis knapp Dreissigjährigen. Er mittendrin. Ich bekam es erst nur mit halbem Ohr mit, gerade gefangen durch ein anderes Gespräch. Das Wort „Morphium“ jedoch ließ mich ganz aufhorchen. „Ich hab es immer dabei.“ Ein Schulterzucken, jemand fragte nach. „Ich fühle mich unsicher ohne. Wenn ich es nicht nehme, kommen die Schmerzen.“ Ein Brustton der Überzeugung – und der Resignation. In meinem Hinterkopf spuckten die Zahnrädchen Rauchwolken." Psychische versus physische Abhängigkeit - Nicole, überlege, denk nach! Du weisst immer Antworten, du hast genau das einst mindestens am Rand lernen müssen. Du musst etwas in petto haben, das ihn nachdenken lässt, über das, was er da mit diesem „Hammer“ tut!"
Ob ich es ihm sagte, was in etwa es war... Ich weiss aus heutiger Sicht nicht einmal mehr, ob seine wörtliche Rede genauso statt gefunden hat. Ich weiss nur, daß ich ihn ab dem Moment mit anderen Augen sah, daß er ab diesem Moment für mich als Mensch interessant wurde und ich ihm einen Gegenpol gegeben haben muß.
Nicht einmal eine Woche später wurde es klar, daß irgendetwas gewesen sein muß. „Ich darf“ - er sagte es mit einem seltsamen Unterton, einem seltsam gezwungenen Lächeln - „wieder nach Hause. Kommst du zur Abschiedsparty auf mein Zimmer?“ Eine Handvoll Leute waren da. Es gab Salzstangen, Antialkoholika. Das einzig Verbotene, das wir uns über die Überschreitung der Zimmeruhe hinaus (die bei Abschieden locker gesehen wurde) waren die Zigaretten auf dem Balkon. Es hatte dank der Sucht nicht lange gedauert, bis wir uns dort draußen an Worten festzufressen begannen. Mein zuvor empfundenes Mitleid, selbst unter meinesgleichen und gerichtet auf seine Form, wuchs zu einer anonymen Wut, wuchs für eine Weile gar zu einem neuen Selbstwert – und zu einer neuerlichen Dankbarkeit.
Bereits an dem einen Abend im Foyer hatte ich erfahren, daß sein Untermieter sich nicht mit einzelnen Regionen zufrieden gegeben hatte. Er hatte alles genommen, was sich ihm geboten hatte. Vom Rachen bis zum Rektum. Chronizität schien er anders aufzufassen – er war nahezu permanent akut. „Deswegen entlassen sie mich hier.“ Bitter lachte er auf und sah hinaus in die Schwärze der Nacht. Er rezitierte ein Wort im typischen Medizinerdeutsch, das mir gerade fehlt. Gleichbedeutend lautet es „nicht behandelbar, unheilbar, hoffnungslos“. Auch hier weiss ich nicht mehr, ob er es nur andeutete und ich meine Fachwissensschlüsse daraus zog, oder ob er es erklärte, als er von „inoperabel“ sprach. Fakt war und ist: eine Entzündung operiert man nicht und selbst wenn der gesamte Dickdarm ein „starres Rohr“ (zumindest hier bin ich sicher, wortwörtlich zu zitieren, weil es mir noch immer im Ohr klingt) darstellt und nicht funktionsfähig ist – ein nicht minder betroffener Dünndarm und Magen sind keine Basis.
Ich weiss noch, daß ich tief den Atem einsog. Dann fragte ich nach seiner Familie. Und sein Lachen klang nicht mehr nur bitter, sondern hohl. Ich weiss nicht mehr genau, was er zu seinen Eltern sagte. Ich weiss noch, daß ich dachte „Verdammt... er ist euer Sohn! Er ist nichts, was man mit Abstand behandeln muß, was man plötzlich wie ein rohes Ei behandeln muss, nur weil er das Zeichen M.C. auf seinem Leben trägt... es steht nicht auf seiner Stirn!“ Und im nächsten Moment berichtete er mir von seiner Freundin. Besser Ex-Freundin. Die Distanz zu ihm gesucht hatte, nachdem sich nach einer Zeit im Krankenhaus herauskristallisierte, daß eine der CED sich bei ihm eingenistet hatte. Da war sie, die Wut...
... und sie ist noch immer da. Er war erst Anfang Zwanzig. Wir begneten uns in einer Kurklinik. Ich war zu einer damals so genannten "Anschlußheilbehandlung" nach mehrwöchigem Krankenhausaufenthalt dort, er zu... zu was eigentlich nach Entlassung aus eben den genannten Gründen?
Oft frage ich mich, nicht nur deshalb, was er getan hat nach der Abreise, nach diesem Abend, an dem ich diesen Menschen, der beim ersten Anblick von mir als arrogant abgetan worden war, mit einer gegenseitigen Herzlichkeit in den Arm nehmen konnte. Ernsthaft beschäftigte ich mich damit, ob er vernünftig oder der Konsequenzen anderer und seiner Einstufung überdrüssig war. Leise drängt sich die konkrete Frage dazwischen: lebt er noch?
Ich kann es nicht beantworten. Zu vielen anderen hätte ich noch eine Weile die Möglichkeit zum Kontakt gehabt. Sie wie ich hatten im Vergleiche „Glück“ gehabt. Da war die knapp unter 20-jährige, die einfach nur nicht mit ihrer Diagnose umzugehen wusste und der ich hin und wieder wie eine Richtlinie erschien. Über sie (Gemeinsamkeiten, und seien es selbst körperliche Erkrankungen, sind nun mal Gemeinsamkeiten) den einen, der gut gelaunt mit seinen nur wenigen Jahren mehr als sie sein Stoma zeigte, wer immer es sehen wollte, der um der Gespräche willen manchmal mit zu meinen Zigarettenpausen mit hinaus ging (und ich erinnere mich noch, ihm das „Buch der Unruhe“ von Pessoa empfohlen zu haben). Die eine, mit der ich viel Zeit verbrachte, und der die verwandte C.U. zusammengefasst schlicht nicht in ihren Lebensablauf zu passen schien, so sehr sie sich auch die Mühe gab, es zu akzeptieren. Doch es war nur Toleranz in meinen Augen, vielleicht eben wegen ihrer Aktivität in der bundesweit größten SHG dahingehend. Und jene, die in etwa meinen Alters war. Wir waren die beiden Ältesten. Wenngleich ich tatsächlich die Älteste bezüglich der Bewohnung durch einen Untermieter.
Aber ich brauchte nie schwarzen oder selbst nur vermeintlichen Humor, um es zu überspielen. Weil ich es nie zu überspielen brauchte. Ich hatte Verwandte und Freunde, die akzeptierten, daß bei mir etwas nicht „ganz so rund“ lief wie bei Gleichaltrigen, die neben Schaffung von Mut im mindesten Verständnis zeigten. Denen ich wichtiger war als dieses manchmal lästige Ding in meinen Bauch, vielleicht, weil ich es zwar anerkannte, als seine Einnistung klar war, aber ihm nicht den Vorrang gab. Mich nicht darüber definierte. Sie sahen nicht den Feind in mir und dahinter mich. Auch, wenn wir beide zusammen es ihnen manchmal schwer machten. Aber das...
... ist wieder eine andere Geschichte."Wichtige Links zu diesem Text"
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