Die Angst einer Freundin
"Du willst wissen, warum ich nicht mehr schlafen kann", fragte sie mich schüchtern.
Ich versicherte ihr, dass ich es gerne hören würde, auch wenn es länger dauern sollte. So erfuhr ich von der Angst einer guten Freundin, bevor diese Angst unsere Freundschaft endgültig zerstören konnte.
Es habe damit angefangen, dass sie als Jugendliche ihre Großmutter pflegen musste. Sie sagte, sie sei ja selber schuld gewesen, weil sie es freiwillig angeboten habe, um ihre Mutter zu entlasten. Doch so hatte sie auch miterleben müssen, wie diese geliebte Oma, früher vor Kraft und Optimismus strotzend, Stück für Stück der Welt entglitten war, solange, bis zwei Schlaganfälle erst ihr Lächeln und dann ihre Stimme raubten. Als ihre Oma tot war, war sie erleichtert, wodurch sie jedoch von schweren Schuldgefühlen geplagt wurde. Doch das tägliche Leben mit dem Tod hatte sie gleichsam furchtlos werden lassen. In dieser Zeit lernte ich sie kennen. Ich begegnete ihr als einem Mädchen, das zu allem bereit war, die feierte, als ob es keinen Morgen gäbe.
Nach dem Abitur, als wir uns in alle Himmelsrichtungen verteilten, blieb sie zu hause. Sie, die so weltgewandt und klug war, lebte weiterhin bei ihren Eltern und arbeitete aushilfsweise an einer Tankstelle. Wenn wir in den Semesterferien alle wieder zusammenfanden, löchterten wir sie mit Fragen, was ihre Pläne beträfen. Sie wolle etwas mit Kunst machen, war dann immer ihre Antwort, und da dauere es eben, bis man einen geeigneten Studienplatz fände. Heute weiß ich, dass sie nur diese Richtung eingeschlagen hatte, weil sie eben genau dieses Argument gebraucht hatte. In dieser Zeit, sagte sie, fing es mit ihren Beschwerden an. Sie hatte plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Sie ließ sich untersuchen. Sie sei gesund, hieß es. Sie begann damit, Sport zu treiben. Es wirkte nicht. Stattdessen wurde sie schon kurz nach dem Aufstehen von einer tiefen Müdigkeit befallen. Sie legte sich ins Bett und stand erst wieder auf, wenn sie zur Arbeit musste. Irgendwie schaffte sie es trotzdem, eine Bewerbungsmappe für ihr Kunststudium fertig zu machen. Sie wurde angenommen und feierte. Ein Woche lang trank sie, mit den unterschiedlichsten Leuten feierte sie ihr neues Leben und merkte, dass ihr nach dem ersten Bier des Abends das Atmen wieder leicht fiel. In ihrer neuen Studentenwohnung angekommen, fühlte sie sich einsam. Deshalb ließ sie ganztägig den Fernseher laufen und telefonierte stundenlang, bis die ersten Rechnungen bezahlt werden mussten. Sie müsse von nun an ihre Ausgaben besser unter Kontrolle haben, wusste sie.
Und sie bekam wieder keine Luft mehr. Sie musste die Vorlesungen vorzeitig verlassen, weil sie dachte, sie müsse ersticken. Doch sie erzählte niemanden davon, weil sie wusste, dass ihre Beschwerden auch "nur psychisch" sein konnten. Wenn sie zum Einkaufen ging, konnte es sein, dass ihr Mitten im Laden plötzlich schwindelig wurde und sie dachte, entweder sei sie nun verrückt geworden oder sie hätte einen Schlaganfall. Sie sprach nun mit ihren Eltern darüber. Die meinten, sie solle mehr unter Leute gehen und baten sie, sich zusammenzureißen, wenn sie vor Schluchzen nicht mehr sprechen konnte.
Der Lungenarzt diagnostizierte ihr wiederum Gesundheit, riet, sie solle Yoga machen. Es folgte eine kreative Blockade. Wenn Kommilitonen zur Klassenbesprechung Bücher über ihre neuen Werke erzählen konnten, stand sie nur daneben und entschuldigte sich, ihre Arbeiten zuhause vergessen zu haben. In Wirklichkeit hatte sie schon monatelang nichts neues zu Papier gebracht.
Wir merkten, dass sie immer geiziger wurde. Das Festival war ihr zu teuer, das Kino auch irgendwann. Sie verschenkte bald nur noch billigen Wein, selbst zum Geburtstag ihrer besten Freundin. Schließlich war es ihr zu teuer, uns überhaupt noch zu treffen (die Spritpreise, sagte sie). Wir waren sauer auf sie und dachten, sie solle doch arbeiten gehen, anstatt immer zuhause rumzusitzen. Was wir nicht wussten war, dass sie, während wir uns abends trafen, zuhause saß und sich ununterbrochen Sorgen machte und meinte, sie müsse sterben. Als sie ihre Mutter erneut um Rat fragte, ob sie vielleicht einen Psychologen aufsuchen sollte, fing diese an zu klagen, dass sie weitere Sorgen (zu ihren eigenen) nicht ertrage.
Warum sie gerade mir ihre Sorgen anvertraute, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir uns ausnahmsweise wieder einmal intensiver unterhalten hatten und der Begriff "German Angst" ins Gepräch kam. Sie sagte, dass ihr das Thema Angst bei Søren Kierkegaard zuletzt begegnet sei. Ich sagte, dass mir bei ihren Augenringen das Thema Angst begegnen würde. Plötzlich wurde sie ernst und erklärte mir, dass sie nicht mehr schlafen könne.
Meine Freundin erzählte mir die Angst mit klaren Worten. Wie es sich anfühlt, jeden Abend zu sterben und trotzdem wieder aufzuwachen, Tag für Tag das selbe. Ich würde mit ihr zu einem Psychologen gehen oder sie in eine Klinik fahren, wenn sie möchte. Doch sie wollte einfach nur, dass sich das Leben wieder bei ihr blicken lässt, das keine Gegenleistung von ihr erwartet, nicht bezahlt werden will. Ich habe mich mit ihr zum Spazierengehen verabredet. Das kostet uns nichts, sagte ich ihr."Wichtige Links zu diesem Text"
Scheint weit verbreitet zu sein....




Kommentare
Ein guter Artikel der ein wichtiges Thema anspricht. Ich arbeite selbst mit Menschen die psychisch krank sind, einige von ihnen haben auch die hier beschriebene Angststörung. Ich selbst kann mir überhaupt nicht vorstellen wie es sein muss eine solche Allumfassende angst zu haben, vor Dingen die für andere als völlig lapidar erscheinen.
11.04.2009, 21:50 von gedanke_in_gruenEs ist wirklich traurig dass die meisten Menschen solche Panikattacken und Angstzustände als "wehleidigkeit" abtun, denn gerade von seinem nahen Umfed braucht man ja dann die Unterstützung um einen Weg Richtung Heilung einzuschlagen.
Ich find es toll dass sie dir davon erzählt hat, auch wenn es für dich sicherlich nicht einfach ist, bedeutet dass wohl einiges so etwas zuzugeben, gerade wenn man vorher nur Unverständinis geerntet hat. Allerdings sollte sie auf jeden Fall eine Therapie machen und da kannst du leider nicht viel machen, ausser einfach nur dasein und zuhören.
ich kenne das. bei mir fing es auch mit luftnot an. das kam immer ganz plötzlich. später wurde aus der luftnot panikattacken. das war ganz schrecklich aber ein psychologe kann wunder bewirken.mir geht es jetzt wieder richtig gut. ich finde man sollte sich nicht schämen einen psychologen aufzusuchen. also mir hat er geholfen.
24.03.2009, 22:33 von M.L.rate ihr das dann kann sie endlich wieder richtig leben und genießen. richtig durchatmen. und das zu können das ist ein super gefühl!
Also ich wollte nur mal erzählen, dass ich sowas auch mal hatte. Ist mitlerweile schon ein paar Jahre her (Gott sei Dank). So mit 13, 14 hatte ich das.
02.11.2008, 13:13 von DanseArdemmentKeine Luft mehr bekommen, Herzrasen das Gefühl als ob du einen Herzinfarkt hast, als ob du gleich stirbst. Das hat sich immer mehr aufgebaut und wurde immer schlimmer. Bis ich so einen zusammenbruch auch in der Schule hatte. Das war natürlich extrem erniedrigend und meine Mum ist dann mit mir zum Arzt gefahren und hat Checken lassen ob mit meinem Herz wirklich alles okay ist. Als dann klar war, dass da alles in Ordnung ist, ging es mir schon etwas besser, aber es war immernoch schlimm.
Irgendwann habe ich durch Zufall einen Film gesehen, in der eine junge Geigenvirtuosin die gleichen Symptome aufwies und sie ging damit zum Arzt.
Als dieser ihr dann sagte, dass es sich dabei um Panikattacken handelt, die vermutlich durch Stress hervorgerufen werden, vorallem aber psychisch ist.
Das war bei mir die entscheidene Wende.
Das war die Stelle wo ich begriffen habe, dass ich die kontrolle darüber habe.
Wenn eine Attacke kam, hab ich begonnen gegen die Panik anzukämpfen indem ich mir ins Bewusstsein gerufen habe, dass mit meinem Körper alles in Ordnung ist, dass ich nicht sterben werde.
So habe ich das nach und nach in den Griff bekommen.
Ich weiß nicht wie weit das noch gegangen wäre, wenn ich nicht begriffen hätte was genau das war was mich so gequält hat. Das war echt ne Scheißzeit damals ...
sehr nachvollziehbar....
13.09.2008, 20:29 von libertEDiese Angst wird wahrscheinlich immer ein Teil in ihrem Leben bleiben. Aber sie kann dadurch viel stärker werden. Zieh dich nicht zurück, biete ihr deine Schulter an. Sie sucht anscheinend nach Menschen, die sie verstehen und ihre Sorgen ernstnehmen.
20.08.2008, 14:47 von MagnolinaWenn das mehr Menschen machen würden und die Probleme anderer nicht ignorant übergehen, ginge es vielen ein Stück besser.
Ich fand den Text sehr schön geschrieben. Einige Formulierungen treffen sehr ins Schwarze.
Und schön, dass du so darüber schreibst und nicht, als sei sie bekloppt oder hysterisch.
traurig...
03.08.2008, 14:29 von Gone4everschön geschriebe, ziemlich beklemmend... und sollte es sich hierbei nicht um fiktion handeln:
24.07.2008, 20:50 von zip-ziripdeine freundin muss sich ganz dringend psychatrische hilfe suchen, da kommt man selten allein raus, auch nicht mit hilfe guter freunde.
Kompliment- es gibt nicht viele Menschen,die aushalten, so etwas erzählt zu bekommen.Und vor allem: dann Lösungen anbieten.
24.07.2008, 07:34 von roggbiv" An ihren Taten werdet ihr sie erkennen- nicht an ihren Worten." :-)
Hallo,
18.07.2008, 11:47 von din66schön beschrieben...
ich selbst hatte vor 1 1/2 Jahren Panikattacken, war in Therapie und in Reha und gehe weiterhin alle 2 Wochen zum Psycho. Ich kann nur sagen, es tut gut- es ist das einzigste das hilft, denn auch ich habe ein sehr gutes Umfeld. Das allein, hätte mich aber nicht rausgeholt. Es ist jetzt immer noch so, dass ich die Angst vor der Angst habe, was sich bestimmt verrückt anhört... das geht halt nur mit therapie!
Ich hoffe, Deine Freundin kann sich dafür entscheiden...