Minion 24.01.2014, 14:52 Uhr 1 1

Der Träumer

Eine Biene summt vorbei. Ganz nah vor seinem Gesicht blickt sie ihn an. Die Biene und er sind alte Bekannte, ...

Ein steriler Raum, nur eine spärliche Einrichtung findet sich hier. Helle, weiße Wände säumen ihn. In der Mitte des Raumes steht ein Bett aus Metall. Unter einem dünnen Laken liegt er, ganz still, die Augen geschlossen, der Atem flach. Kein Geräusch zerbricht die Stille.

Er ist ein junger Mann, frei von Schuld und Sorge. Barfuß steht er auf einer weiten Sommerwiese. Die saftigen Gräser umspielen seine Knöchel und reichen ihm fast bis zu den Knien, während er den Blick schweifen lässt. Nichts als grüne, lebendige Landschaften in voller Pracht, soweit das Auge reicht. Vor ihm am Horizont erstreckt sich ein alter Tannenwald. Wenn er sich konzentriert, kann er den schwachen Geruch von Nadeln wahrnehmen. Links von Ihm ein kleiner See. Ein Frosch macht auf sich aufmerksam. Zu seiner Rechten erstreckt sich die Wiese, bis zum Rand der Welt. Der Weg den er gegangen ist, um an dieser Stelle zu stehen, windet sich sanft hinter ihm und entflieht dem Blick nach Kurzem.
Er atmet die frische Luft und die Sonne kitzelt seine Nase. Eine Biene summt vorbei. Ganz nah vor seinem Gesicht blickt sie ihn an. Die Biene und er sind alte Bekannte, schon oft haben sie sich auf dieser Wiese, bei Sonnenschein getroffen. Doch mehr als diese flüchtige Begegnung, diesen Augenblick haben sie nie geteilt. Heute ist es anders, die Biene setzt sich auf einen Löwenzahn, direkt zu seinen Füßen. Sie bewegt sacht die Flügel um auf der wankenden Blume das Gleichgewicht zu halten. Sie verharrt einen Moment reglos und blickt nach oben. Einen Wimpernschlag später ist dieser Augenblick vorbei, die Biene setzt zum Flug an und entschwindet dem Blick so schnell, wie Sie gekommen war. Der Träumer sieht ihr nach und lächelt. Es freut ihn die Biene zu sehen, ihr leises Summen zu hören und ihre Nähe zu spüren. Dieses Lächeln erreicht seine Augen nicht, trotz dessen es seinem Herzen entspringt.
Er wendet sich nach links und geht die wenigen Schritte durch das warme Gras auf den See zu, bevor seine Füße die rauen Planken eines alten Holzstegs berühren. Als er das Ende des Stegs erreicht hat bleibt er stehen und atmet tief ein. Der See ist ruhig und klar. Der Frosch ist verstummt und auch die Grillen, die ihn sonst hier begrüßen, schweigen. Vorsichtig setzt er sich auf den Rand des Stegs und lässt die Füße ins Wasser gleiten. Kleine Kreise im Wasser künden von seiner Ankunft und breiten sich von ihm, zur Mitte des Sees hin aus. Das kühle Nass um seine Füße bildet einen angenehmen Kontrast zu der warmen Sommerluft. Mit einer Hand berührt er vorsichtig das verwitterte und an vielen Stellen bereits grau gewordene Holz. Als er diesen Ort das erste Mal sah, war das Holz noch frisch geschlagen und harzig. Doch den, der diesen Steg gebaut hat, hat er nie gesehen. Auch sonst war dieser Ort schon immer frei von Menschen gewesen. Ein ruhiger Platz, ganz für ihn allein. Hier ist er viele Stunden gewandelt und hat die Stille genossen.
Er beugt sich nach vorn und blickt auf die klare, spiegelnde Oberfläche des Sees. Ausgehend von seinen Füßen blickt er sich an. Er trägt dieselbe Hose, hochgekrempelt, einfarbig und dasselbe Hemd, wie bei seinem ersten Besuch. Ein voller, leicht wirrer Haarschopf bedeckt seinen Kopf. Seine Augen sehen aus, wie sonst auch, wenn er sich im See betrachtet: klar, dunkel, unergründlich.
Seine Hände umschließen nun beide den Rand des Stegs und er stemmt sich leicht nach oben. Einen Moment verharrt er so, bevor er sich bereitwillig ins Wasser gleiten lässt. Das kühle Nass nimmt ihn auf, wie einen alten Freund. Als sich das Wasser wieder über ihm zusammenschließt, lächelt er. Es verstreichen nur einige Augenblicke, dann ist der See wieder still.

Ein steriler Raum, nur eine spärliche Einrichtung findet sich hier. Helle, weiße Wände säumen ihn. In der Mitte des Raumes steht ein Bett aus Metall. Unter einem dünnen Laken liegt er, ganz still, die Augen geschlossen, er atmet nicht. Die Spur einer Träne glänzt auf seiner Wange. Kein Geräusch zerbricht die Stille.

1

Diesen Text mochten auch

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare