Marc_Schuermann 15.02.2005, 18:18 Uhr 0 2

Der Geistermann

Ein totes Kind spukt durch Alexander Rossas Wohnung. Es zieht Stecker aus der Dose und kuschelt sich nachts an ihn. Doch er fürchtet sich nicht.

Aus dem »Tagebuch eines toten Kindes«, 20. November 2003: »Als wir vom Einkaufen wiederkamen, standen alle Schranktüren in der Küche weit geöffnet, und davon haben wir viele. (…) Es war definitiv niemand in der Wohnung, und die Tür war wie immer abgeschlossen.« Es geht nicht darum, ob es in der Wohnung tatsächlich spukt oder nicht. Das ist nicht zu beweisen und nicht zu widerlegen. Die Frage, um die es geht, ist vielmehr: Wie kommt ein Mensch dahin, Geister zu sehen?

Alexander Rossa wird am 27. März 1967 in Flensburg geboren. Sein Vater ist Offizier der Bundesmarine, seine Mutter Hausfrau. Wegen des Berufs des Vaters zieht die Familie alle zwei, drei Jahre um. Als Kind hört Rossa viel Musik und spielt mit Freunden den ganzen Nachmittag Fußball. Mit sechzehn Jahren beginnt er eine Lehre als Restaurantfachmann, zieht auf das Klostergut Jakobsberg in Boppard und verwandelt sich.

Sein Bett steht in einem alten Personalhaus, um das Klostergut ist der Westerwald und sonst nichts. Damals weiß Rossa noch nicht, dass die Gegend unter Esoterikern als magisch bekannt ist: Hexentanzplatz, römische Siedlungen, Hügelgräber. Der Wald saugt ihn ein, in den Nächten spielt Rossa zwischen den Bäumen auf der Flöte, legt sich auf die Straße und hört zu, wie Igel an seinem Kopf vorbeikrabbeln. Zu dem Kollegen, der, ebenso rastlos, in der Dunkelheit mit einem Buschmesser umherzieht, sagt er: »Ich bin sicher, wir werden später noch besondere Dinge erleben.« Seit dieser Zeit nimmt Rossa die Welt so sensibel wahr wie ein Mann, dem man die Haut vom Leib gezogen hat.

»Ich denke, dass ich in der Zeit auf dem Jakobsberg eine Tür aufgestoßen habe, die es mir unmöglich gemacht hat, normal zu leben. So viel Pech kann ein normaler Mensch gar nicht haben. Ich habe eine Schizophrenie entwickelt: Draußen im Betrieb gehe ich das alltägliche Leben, zwölf Stunden am Tag, verdiene mein Geld, ich mache das mit, was die Leute von mir wollen. In dem Augenblick, wo ich das nicht mehr muss, bin ich ein anderer Mensch.«

Mit neunzehn Jahren geht Rossa zur Bundeswehr, Abteilung Fernspäher. Seine Mutter stirbt an Krebs. Kurz bevor die Bundeswehr Rossa aus dem Dienst entlässt, beginnt der erste Irakkrieg. Rossa verkriecht sich in der Kirche und weint. Er versucht sich in verschiedenen Jobs, heiratet und überwirft sich mit seinem übermächtigen Vater. Eines Nachts träumt Rossa von einem Meeresrauschen und schwarzen Klippen. Das Fenster steht offen, ein Schatten weht in den langen, düsteren Raum und beugt sich bedrohlich über ihn, bis Rossa schreiend aufwacht. Wenige Tage später findet sich Rossa, Mann ohne Haut, in der Wirklichkeit in genau demselben Raum wieder, den er aus dem Traum kennt, das Fenster steht offen, das Rauschen kommt von einem Konzert, und seine Frau bringt nach vierzig Schwangerschaftswochen ein totes Kind zur Welt. Als ob der Schatten das Kind geholt hätte.

Die Frage, die sich Rossa am häufigsten stellt: Bilde ich mir das alles nur ein?

Das zweite Kind, ein Mädchen, kommt gesund zur Welt. Beim dritten, ein Jahr später, irrt sich eine Lernschwester in der Medikamentendosis. Der Sohn wird als Spastiker geboren und kann nicht allein auf die Toilette gehen. Vor vier Jahren macht Rossa eine Umschulung zum Informatiker, die Familie zieht nach Mannheim-Rheinau. »Papageienbau« nennen die Leute den Wohnblock, wegen der grellen Fassade in Orange und Grün. Die Familie wohnt im achten von zehn Stockwerken, der Hausflur ist verschmiert, vom Balkon blickt man auf Fabrikschlote. Rossa, 37 Jahre alt, sitzt auf dem Wohnzimmersofa, und je älter der Nachmittag wird, desto mehr sinkt Rossa hinein. Er sieht matt aus, bis auf die Augen, die nie müde werden, zwei rastlose Schlitze wie die eines Beobachtenden im Versteck. Rossas Körper ist weiß und weich. Die Arme stehen merkwürdig kurz von den Schultern ab, die Haare trägt er als Stoppeln. Seine Frau wuselt mit den beiden Kindern über den Wohnungsflur. Gelegentlich setzt sie sich dazu oder macht frischen Tee. Die Sonne blendet durch das Balkonfenster, Rossa zieht die Jalousien zu. Seine Stimme klingt sanft und knorrig.

»Das schlummert in fast jedem von uns. Es kommt darauf an, ob ein Schlüsselerlebnis da ist, dass man solche Phänomene plötzlich wahrnimmt. Dann gibt es sicherlich viele Leute, die erst mal Angst spüren und davor weglaufen, vor dem Fremden. Aber wenn man so etwas erlebt wie ich, dann weiß man, dass es das gibt. Ich trenne die Menschen in Schläfer und Narren. Narren wie ich fördern ihre Emotionalität.«

Im April 2002 reißt der Stecker des Staubsaugers aus der Steckdose, obwohl das Kabel locker auf dem Boden liegt. Rossa drückt den Stecker wieder in die Dose, dann springt der Stecker der Tischlampe heraus. Im Mai findet Rossa die Diddl-Figuren aus dem Setzkasten von der Küchenwand auf dem Boden verteilt, obwohl niemand in der Wohnung gewesen ist. Im Juni hört Rossas Frau ein Poltern in der Küche, wieder liegen Figuren auf dem Fußboden. Und dann sieht Rossa ihn zum ersten Mal.

Aus Rossas »Tagebuch eines toten Kindes«,
Oktober 2002: »In einer Nacht erwache ich, weil irgendetwas mich stört. Aus dem Augenwinkel sehe ich eine kindliche Gestalt in meine Richtung an meinem Bett vorbeihuschen. Es muss etwa um die acht Jahre alt gewesen sein. Irgendetwas kuschelt sich ganz leicht an meinen Rücken. Alles geht wahnsinnig schnell. (…) Ist es der Geist unseres Kindes?«

Die Frage, die sich Rossa am häufigsten stellt, ist: Bilde ich mir das alles nur ein? Seit den magischen Nächten am Jakobsberg glaubt Rossa, dass die Welt größer ist, als wir glauben. Andererseits ist er Informatiker. Gibt es eine logische, physikalische Erklärung? Oder könnten es einfach Zufälle sein? Als seine Frau ihm von ähnlichen Wahrnehmungen berichtet, weiß Rossa schon einmal: Es sind keine Sinnestäuschungen.

Aus dem »Tagebuch eines toten Kindes«, November 2002: »In der Nacht wird meine Partnerin durch das Weinen eines Kindes geweckt, das nach seiner Mutter ruft. Sie sieht an ihrem Bettende einen kleinen Jungen stehen. Ein seltsames, ganz feines Licht hüllt ihn ein. Er ist etwa acht Jahre alt und hat blonde Haare und weint. Frauen sind wohl so. Jedenfalls setzt sie sich auf und will den Jungen tröstend in den Arm nehmen. Dieser schaut nur auf und blickt sie verwundert an. Dann verschwindet er augenblicklich. Damit wäre geklärt, dass es sich nicht um unseren gestorbenen Jungen handelt, sondern um ein fremdes Kind.«

Rossa findet kaum noch Schlaf. Jetzt erzählen auch schon seine Kinder, sie hätten Gestalten gesehen, die durch die Wohnung huschen. Rossa stellt Anfragen in esoterische Internetforen, aber die Leute dort sind ihm zu verschwurbelt. Im Internet tummeln sich abertausende von Seelen, die auf der spirituellen Suche sind und wissen wollen, wie man Geister ruft. Aber Rossa ist anders. Er hat die Geister nicht gerufen. Sie scheinen von selbst gekommen zu sein. Als Nächstes ruft Rossa bei den Wissenschaftlern der parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg an, aber die verlangen Geld, und ihre Antworten dauern ihm zu lange. Rossa sieht nicht ein, warum er sich dem fügen sollte. Also lässt er dem Unglaublichen Luft, indem er Bekannten und Arbeitskollegen davon erzählt. Doch das macht ihn nur noch einsamer.

»Wie würden Sie denn damit umgehen? Wenn Ihnen das jetzt zu Hause passiert, und Sie treten damit an andere heran, haben Sie sofort den Stempel drauf: Der spinnt. Die Leute gehen schmunzelnd aus dem Zimmer, das ist schon ziemlich blöd. Auch im Internet glauben die Leute, ich denk mir so was aus. Aber ich sehe die Phänomene und versuche, mit Logik und Sachverstand plausible Lösungen zu finden.«

Im Internet betreibt Rossa fünf Homepages, gefüllt mit seinem »Tagebuch eines toten Kindes«, Gedanken zur Welt des Übersinnlichen und fiktiven Kurzgeschichten. Damit verbringt er seine Abendstunden und Wochenenden. Monatlich zählt er rund 150 000 Besucher. Sie sind neugierig, fasziniert, amüsiert. Aber keiner von ihnen hat ihm den Halt gegeben, den einer braucht, der in seiner Wohnung einen Geist gesehen hat. Dazu sind die Menschen zu sehr E-Mail-Adressen, so fern und undurchsichtig, so anonym. Und Rossas Arbeitskollegen lassen sich auch dadurch nicht umstimmen, dass er einmal voraussagt, gleich werde ein Paketbote an der Tür läuten – was dann tatsächlich geschieht. Auch dass Rossa mehrmals fröhlich seine Frau am Telefon begrüßt, obwohl sein Display die Nummer des Anrufers gar nicht anzeigt, halten sie für Zufall.

»Ich finde keine Kontakte mehr. Ich will aber auch keine mehr. Meinen Sie, ich kann mit den Leuten so reden, wie ich mit Ihnen jetzt rede? Vergessen Sie’s. Die Leute mögen mich nicht, gehen mir aus dem Weg, sie haben Angst vor mir.«

Rossa beschließt, in der Küche eine Webcam zu installieren, um die Phänomene zu dokumentieren. Er geht ins Fachgeschäft, lässt sich beraten. Aber dann gibt er die Webcam doch wieder auf. Weil es ihm zu teuer ist und weil er nicht einsieht, überhaupt etwas beweisen zu müssen. Oder? Er weiß auch nicht recht. Mal klagt er, das Letzte, was ihm noch fehle, sei der untrügliche, unangreifbare Beweis, im nächsten Moment knurrt er, wer ihn für bekloppt halte, bitte schön. Genauso wankt er zwischen der Gewissheit, eine verborgene Wirklichkeit über der unsrigen entdeckt zu haben – und der Angst, es könnte am Ende alles Unfug sein.

Alle Menschen sind durch ihre Gefühle verbunden. Zeit gibt es nicht, sie ist nur eine Erfindung

Aus dem »Tagebuch eines toten Kindes«, Januar 2004: »Wie schon am Vortag von mir erahnt, hatte ich über den ganzen gestrigen Tag hinweg das Gefühl von optischen Täuschungen. Man gewann wirklich schon fast den Eindruck, langsam abzuspinnen. Am Abend waren sie dann auch wieder da, die altbekannten Schatten, die durch die Wohnung huschen.«

Und wie erklärt Rossa sich selbst, was ihm keiner glaubt? Wenn er damit anfängt, hat er Mühe, die Sätze nacheinander zu sagen und nicht gleichzeitig: Sie brechen aus ihm heraus wie Wassertropfen aus einer Gewitterwolke. Er stellt es sich so vor: Alle Menschen sind durch ihre Gefühle miteinander verbunden. Zeit gibt es nicht, sie ist nur eine Erfindung. Daher kann jeder Mensch auch Gefühle aus Vergangenheit und Zukunft wahrnehmen. Wenn wir sterben, fügen sich unsere Gefühle und Eindrücke ins Gesamtbewusstsein der Menschheit ein. Das Geisterkind aus seiner Wohnung hält er nicht für die Gestalt eines Toten, sondern für eine Empfindung einer oder mehrerer Wesenheiten aus der »Zwischenwelt «, der Zone zwischen dem, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen, und einem anderen, übersinnlichen Reich. Es könnte sogar seine eigene Empfindung aus der Zukunft sein. Zum Beispiel könne man zwar nicht die Lottozahlen der kommenden Woche spüren, wohl aber die Freude des Gewinners. Bloß sei unser Gehirn außerstande, diese Reize in passende Wahrnehmungen zu übersetzen, also behelfe es sich mit Spukgestalten, die womöglich auch noch toten Angehörigen ähnlich sehen. Spirituell, meint Rossa, leben wir noch in der Steinzeit. Inzwischen, Jahre nach seinem Traum vom bedrohlichen Schatten im Krankenzimmer, zeichnet er auch solche Visionen regelmäßig auf. Auf seinen Internetseiten dichtet er daraus prophetische Fünfzeiler:

»Silberpfeil schießt in den Feuerwagen. Feuersbrunst frisst bückende Leben. Weiße Trauer bedeckt das ganze Land. Rollende Räder rollten ohne einen Halt. Zeiger verstummen für kurze Zeit.«

Diese Weissagung, erklärt Rossa, bewahrheitete sich am 22. April 2004, als über hundert Menschen bei einem Zugunglück in Nordkorea starben. Auch andere Fünfzeiler glaubt er erfüllt: mediale Veranlagung. Zufall könne das alles jedenfalls nicht sein. Im ersten Teil des Films »The Matrix« stellt Morpheus den zögerlichen Neo vor die Wahl, eine blaue oder eine rote Pille zu schlucken: Mit der blauen kann er sein bisheriges Leben weiterführen, die rote entführt ihn ein für alle Mal in die Welt hinter der Matrix. Rossa, würden Sie die blaue nehmen, um wieder in Frieden leben zu können?

»Nein, im Gegenteil. Ich möchte das kultivieren. Obwohl ich wegen meiner Vorhersagen langsam die Muffe kriege. Ich möchte, dass viele Menschen in der Zwischenwelt ein Potenzial sehen, um für die Evolution ein Schlupfloch zu finden und aus diesem materiellen Korsett auszubrechen.«

Es ist später Nachmittag im »Papageienbau das Wohnzimmer liegt hinter der Jalousie so düster, dass Rossa auf dem Sofa zur Silhouette verschwommen ist, als wäre er selbst eine Erscheinung. Drei Stunden hat unser Gespräch gedauert. Kein Gespenst war zu sehen, keine Diddl-Figur hat sich aus dem Setzkasten bewegt, obwohl Rossa gehofft hat, es würde wieder etwas Unheimliches passieren. Damit er endlich einen Zeugen hat, jemanden außerhalb der Familie, der ihm glaubt. Zum Abschied steht er in der Tür, wir reden darüber, was für ein Artikel daraus werden könnte. Rossa heftet den Blick auf den Boden, er knetet die Hände und sagt: »Ich hoffe, ich stehe nicht wieder wie ein Vollidiot da.«"Wichtige Links zu diesem Text"
Alexander Rossas Tagebuch auf NEON

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