Flubb 05.05.2007, 00:05 Uhr 15 9

Der Abschied

Zwei Tage vor Mamas Geburtstag. Dir war kurz vorm Einschlafen schwindlig. Als du aufgewacht bist, konntest du nur noch hell von dunkel unterscheiden.

Wir sind mit dir zum Hausarzt gefahren, der meinte, dass das von einer Stirnhöhlenentzündung käme. Am nächsten Tag hast du dann versucht, mit uns Kartoffelsalat für Mamas Geburtstag vorzubereiten. Beim Zwiebelnschneiden haben wir dann das Ausmaß deiner plötzlichen Seheinschränkung begriffen. Mama und du, ihr habt gestritten, so wie ihr es oft getan habt in letzter Zeit. Schließlich seid ihr dann zusammen zum Krankenhaus gefahren.

Dieser Arzt wusste nicht weiter und hat euch in eine andere Stadt zu einem Augenarzt geschickt. Dieser stellte schnell fest, was mit dir los war. Schlaganfall. Als ich das erfuhr, habe ich mir keine Sorgen gemacht, weil du ja noch laufen konntest und nach außen nicht eingeschränkt warst. Das Traurige an diesem Abend war für mich eigentlich nur, dass ihr beiden „Schuh des Manitu“ verpasst habt, weil der zum ersten Mal im Fernsehen lief.

Das ganze Ausmaß deiner Behinderung wurde mir erst zwei Jahre später bewusst. Jedenfalls kamst du in ein spezielles Krankenhaus und warst guter Dinge. Du hast zwar von Halluzinationen berichtet und wirktest sehr hilflos, hattest jedoch immer ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Da dein Schlaganfall sehr selten ist und er nur etwa dreimal im Jahr in Deutschland auftritt, kannten sich die Ärzte nicht besonders gut aus. Sie stellten nur fest, dass dein Gehirn jetzt ohne Sehzentrum auskommen muss und auch nichts mehr gerettet werden konnte, weil wir nicht schnell genug ins Krankenhaus gefahren waren.

Trotzdem hast du deine Hoffnung nie verloren. Schon die ersten Wochen im Krankenhaus hast du für deine Selbständigkeit gekämpft und hast nie aufgegeben. Der Zusammenbruch kam während der ersten Reha-Klinik. Kaum warst du zwei Wochen da, mussten wir dich abholen. Du warst völlig aufgelöst, hast wirre Dinge erzählt und warst von so einer Entschlossenheit, von dort wegzuwollen, dass es mir Angst machte.

Du warst dir sicher, dass man in der Klinik Gehirnwäsche mit dir machen wollte und dir jemand nachts über Lautsprecher irgendwelche Dinge suggerierte. Deiner Meinung nach war die Klinik von Scientologen betrieben und auch, als du wieder zu Hause warst, bildetest du dir sein, sie würden versuchen, dich mit Telepathie zu bearbeiten. Obwohl das alles so unglaublich klang, habe ich es dir geglaubt. Es kam aus dem Mund meines Vaters, meines Idols, meines „Seelenverwandten“, wie ich dich immer nannte.

Alles lief dann soweit ganz gut. Du kamst in eine andere Reha-Klinik, wo es dir sehr gut ging. Die Zeit zu Hause ohne dich war hart. Ich rutschte in eine tiefe Depression, aus der ich bis heute nicht wieder herausgekommen bin. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon, dass du nie wieder so ein Leben führen würdest, wie vorher. Wir würden nie wieder so ein Leben führen. Du warst jetzt der hilflose Papa, um den ich mich kümmern musste. Wir hatten die Rollen getauscht.
Als du dann endgültig aus der Reha entlassen wurdest, fing eigentlich alles erst so richtig an.

Mama und du, ihr habt euch ständig gestritten. Du hast jeden Abend eine ganze Flasche Rotwein getrunken, wolltest Mama besoffen Teller gegen den Kopf werfen. Meine Mutter reagierte von Anfang an mit Unverständnis auf deine Behinderung. Du sahst aus wie früher. Der Unterschied war, dass du leider alles nur durch einen dichten grauen Nebel sahst und sich deine komplette Orientierung von dir verabschiedet hatte. Du warst jetzt ein völlig abhängiger Mensch. Abhängig von uns. Natürlich konntest du nicht arbeiten gehen, kannst es bis heute nicht.

Du sagst immer, dass sich deine Wahrnehmung verändert hat. Du sagst, du spürst, wenn fremde Leute schlecht über dich reden. Oft hattest du Verfolgungswahn. Du hast Leute beschuldigt, dass sie dir etwas geklaut hätten oder auch, dass Mama dich betrügt. Nichts davon war wahr. Bis heute fühle ich mich hin- und hergerissen. Einerseits weiß ich, dass viele Dinge, die du erzählst, einfach nicht wahr sind, andererseits will ich sie dir glauben. Du bist doch mein Vater. Wenn du mir nicht die Wahrheit erzählst, wer tut es dann? Ja, ok. Du erzählst deine Wahrheit.

Du vertiefst dich bis heute noch in deine sektenähnlichen Religionen und hast keine Freunde mehr. Mama hat sich nach jahrelangem Kampf von dir getrennt. Ihr seid jetzt beide glücklich. Auch ich bin gerade dabei, mich von dir zu verabschieden. Du bist nicht mehr mein Vater. Ich versuche dich als jemand Neuen anzunehmen und zu akzeptieren, aber mein Vater, wie ich ihn kenne, ist tot. Zwischen uns besteht kein dialogischer Austausch mehr. Du lebst in deiner abgedrehten Phantasiewelt und denkst, dass du ein „Erleuchteter“ wärst, der von niemandem verstanden wird. Du lebst abgeschottet mit deinem Hund in deinem Haus und bist Rentner. Ich wohne 200 Kilometer von dir entfernt und vermisse dich. Du hast hart gekämpft, damit du dein Leben so führen kannst, wie du es jetzt führst und trotzdem ist dabei so viel verloren gegangen. Wie kann ein Schlaganfall einen Menschen so verändern?

Wie wäre es gewesen, wenn du einfach gestorben wärst an diesem Abend, als der Schlaganfall kam? Ich würde wahrscheinlich immer noch um dich weinen, könnte es jedoch besser verstehen. Ich könnte zu deinem Grab gehen und mit dir sprechen, so wie du früher warst. Ich hätte eine schöne Erinnerung an meinen Vater. An mein Idol. Doch du bist immer noch da. Ich liebe dich immer noch über alles und vermisse dich gleichzeitig so sehr. Du bist derjenige zu dem ich immer aufgeschaut habe und alles, was du sagtest, war für mich die Wahrheit. Jetzt merke ich, wie ich dich immer weniger ernst nehme und dich immer mehr für einen verrückten Mann halte. Wahrscheinlich ist das meine Art damit umzugehen.
Ich verabschiede mich von meinem Papa und sage Hallo zu dem verrückten Mann, der an seine Stelle getreten ist. Ob ich das allerdings jemals schaffen werde, den verrückten Mann so zu akzeptieren, sei dahingestellt. Tschüs Papa.

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15 Antworten

Kommentare

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    hammerhart!!!
    bin total geplättet von deinem text, also im positiven sinn gemeint :-)
    ich möchte dir alles gute wünschen, und behalte deinen vater so in erinnerung als er noch dein papa war :-)
    alles gute!

    13.11.2007, 10:06 von katinka8
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    Ich kann dich so gut verstehen und habe schreckliche Angst meinen Papa auch so zu verlieren, aber im Moment kann ich zum Glück noch hoffe, dass er zurück kommt. Sei stark und lebe dein Leben. Dein Papa wäre bestimmt stolz auf dich.

    25.07.2007, 22:13 von TTTT
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    Manchmal ist es für alle Beteiligten leichter, wenn ein Mensch stirbt, als wenn eine ganze Familie zu Grunde geht. Und trotzdem tut diese Einsicht so verdammt weh.

    01.06.2007, 23:05 von engelchen_1980
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    Vielen Dank für eure Kommentare...
    Ich kann verstehen, wenn man meine Entscheidung zum Abschied nicht verstehen kann. Keiner kann verstehen, was alles in einem vorgeht, wenn so etwas passiert.
    Nie im Leben hätte ich auch nur in Erwägung gezogen, dass mein Vater sich so verändern kann.
    Ich glaube, ich wusste nicht einmal, dass so etwas überhaupt geht.
    Naja, wie auch immer. Ich danke euch sehr für euer Interesse.
    Es tat wirklich gut, diesen Artikel zu schreiben und ein Feedback zu bekommen.
    Liebe Grüße, Flubb

    29.05.2007, 15:40 von Flubb
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    ich verstehe dich völlig. viel glück.

    13.05.2007, 19:19 von NeonBlond
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    Viel Kraft für Dich.

    10.05.2007, 01:06 von Anoriel
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    Ich denke um manche Dinge Nachemofinden zu können muss man Situationen oder ähnliche erst erlebt haben. Ich kann durchaus deine Gefühle und die Geschichte nachempfinden, auch wenn mein Vater keinen Schlaganfall hatte, aber das ist eine andere Geschichte.

    Ich freu mich, dass du versuchst, damit klar zu kommen, was dir wohl auch mehr oder weniger gut gelingt. Erfahren werde ich schließlich nur das was du schreibst.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und natürlich auch deiner Mutter.

    Lg,
    Philipp

    09.05.2007, 23:28 von Manitu
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    Starker Text! Tut mir leid für dich. Ich hoffe aber trotzdem, das er sich vielleicht doch wieder ändert zu DEINEM Papa!

    09.05.2007, 18:47 von kickthis.de
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    Ich kann Dich voll und ganz verstehen, da wohl nicht nur der Schlaganfall das Wesen Deines Vaters beeinträchtigt hat, sondern womöglich auch der Alkohol in der Folgezeit. Es gibt hierzu bei neon einen sehr passenden Artikel: "Volksdroge Nummer eins". Ob ich mir das Recht nehmen kann soewtwas zu behaupten sei dahingestellt - ich kann dazu nur sagen, dass ich solch einen schleichenden Prozess ebenfalls bei meinem Vater feststellen kann und mich in ebensolcher Art und Weise von ihm entferne!

    09.05.2007, 17:29 von stacho
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