Melliteratur 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 9

Depressiv zu sein bedarf es wenig

Ich sollte alle Facebookfreundschaften kündigen, die mir Beiträge über Genfood, Armut und die Bundesregierung zeigen.

Ich habe keinen Fernseher, damit ich meine Augen besser vor Dummheit und Gewalt verschließen kann. Aber. Jeden Morgen diese Mailaufrufe von den Hilfsorganisationen über: Gefolterte, Geflüchtete, Gefangene.

Ich sollte mich da abmelden. Überall. Aufhören. Mit dem Lesen, Unterzeichen, Teilen und Helfen.

Sollte alle Facebookfreundschaften kündigen, die mir Beiträge über Genfood, Armut und die Bundesregierung zeigen. Sollte wieder Tiere essen und Zucker, dann bin ich bei Mcdonalds, im Sushirestaurant, im Supermarkt, beim Familienessen und beim Kochabend mit Freunden nicht so allein. Sollte nicht mehr auf Alkohol und Zigaretten verzichten, dann bin ich in der Bar und in den Clubs, den WGs, den Partys, den Pausen, den Feiertagen, den Stunden dazwischen und all den sonstigen Events wieder glücklich. Sollte endlich Make Up und Polyester tragen, damit ich Shoppen kann und keine Gelegenheit mehr für Einsamkeit und Zweifel habe. Sollte einen Führerschein machen, einen richtigen Job haben und das Autoradio und den Chef für mich denken lassen. Sollte mir eine bunte Sonnenbrille kaufen, damit die Tage immer warm und das Leben leicht scheint.

Ich sollte da mitmachen. Überall. Dabei sein. Beim Gucken, Nicken, Lächeln und Betäuben.

Sollte auf Poetry Slams jetzt auch Texte über Kotzen, Ficken oder Hitler machen, damit alle lachen und sich angesprochen fühlen. Sollte nur noch Bücher ERROR Youtubevideos übers Kochen, Schminken und Einkaufen drehen, dann können sich alle damit indentifizieren und den Channel abonnieren. Sollte mein Kind zur Schule schicken, damit es sich gehirngewaschen ins System integrieren und für meine Rente bezahlen kann. Sollte auf Atomenergie, Plastikspielzeug und TierversuchsShampoo umsteigen, damit ich mehr Geld zum Neukaufen, Verschönern und Ablenken habe. Sollte Brot nicht mehr selbst backen, weniger zu Fuß gehen und mir von anderen die Fingernägel, Haare und Gedanken schneiden lassen, damit ich mehr Zeit zum Fernsehen, Fressen und Feiern habe.

Ich sollte einen Mittelweg finden. Überall. Für die Gedanken, die Welt, das Leben und mich. Aber. Wie geht das? Wenn man sich jeden Morgen gefoltert, geflüchtet und gefangen fühlt? Auch, wenn man nur sich selbst und keine Hilfsorganisationenmails liest.


9

Diesen Text mochten auch

8 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Oh je, das kenne ich, allerdings aus einer anderen Perspektive: http://wie-paul-es-sieht.blogspot.de/

    11.06.2014, 10:58 von shorty_paul_aurum
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Ja. Stimmt. Mir auch nicht.

      26.11.2014, 09:40 von Melliteratur
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Nur. Sich selbst kann man nicht abschalten.

      17.02.2014, 09:10 von Melliteratur
    • 1

      Das nicht, aber man kann das Programm modifizieren.

      17.02.2014, 09:23 von sailor
  • 0

    Hat mich inspiriert :D

    17.02.2014, 04:58 von Zynikus
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare