Alida.Montesi 27.03.2017, 23:04 Uhr 9 21

Den elenden Unrat, schick sie mir!

Nicht wie diese Frau sein, die plötzlich in einer Wolke aus Tauben steht.

Nicht wie diese Frau sein, die plötzlich in einer Wolke aus Tauben steht, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre, eine Unzahl an Flügel und Schnäbel um sich zu haben. Die selbstbewusst zwischen die vielen flatternden Tiere hinein läuft, mit ihrer hageren Gestalt, den schwarzen, langen Haaren, dem bodenlangen Mantel. Die ein kleines Schauspiel aufführt, für all die Leute, die in der Straßenbahn sitzen und warten, dass endlich das Signal zur Abfahrt kommt. Es ist noch nicht klar, was man von der Situation halten soll. Es schwankt noch zwischen einer zufälligen Beobachtung und Gaffen. Sobald ein Tier im Gesicht der Frau landen sollte, kommt man als Zuschauer nicht mehr sauber aus der Sache heraus, denkt man. “Hoffentlich schafft es die Frau, hoffentlich tun ihr die Tauben nichts!”

Nein, sie bleibt stehen, im grauen Dunst, im nervösen Geflatter. Und sie hievt einen großen, offensichtlich schweren Jutebeutel nach oben, der zuvor noch lässig in ihrer Hand baumelte. Die Frau hält ihn an ihren Körper gepresst, direkt unter ihrem Kinn. Und sie schaut hinein. Noch scheint sie zu überlegen, was mit dem Inhalt passieren soll.
„Zeig uns, was du in deinem Beutel hast, liebe Taubenfrau!“ Sie schiebt ihre Arme unter die Tasche. Und mit ganzem Körpereinsatz, mit einem angedeuteten Hüpfer schüttet sie den Inhalt auf dem Asphalt aus. Ein großer Haufen Brotkrumen ist es. Wie Streugut liegt es auf dem Boden. Und dann kommen die Tauben. Sie stürzen sich wie wild auf das Brot. Picken sich die Köpfe, jagen sich gegenseitig davon.

“Kennst du die Taubenfrau, die immer am ZOB steht.”
“Nö. Ich kenn nur den Dschihadisten, der laut mit sich selbst spricht und den Obdachlosen, der so unfassbar stinkt.” “Die Typen kenn ich auch, die sind harmlos. Aber die Frau züchtet eine Taubenplage am Busbahnhof. Und es werden immer mehr. Die Viecher breiten sich von hier in der ganzen Stadt aus, übertragen Krankheiten und alles.”
“Die Ratten der Lüfte!”

Wie ich neben meinem besten Freund Sven in der Straßenbahn sitze und über die Taubenfrau nachdenke, fallen mir Gemeinsamkeiten auf. Auch Sven zieht das Geschmeiß an, wie man in Bayern sagt. Er zieht es an, wie das Licht die Motten, wie die Freiheitsstatue die Armen und Heimatlosen Und irgendwie ist es auch bei Sven nicht ganz klar, ob zuerst das Brot streuen da war, oder zuerst das Geschmeiß, das er dann einfach weiter gefüttert hat, wenn es schon mal da war. Nur dass es bei Sven keine Tauben sind oder kriechendes Getier, sondern jegliche parasitäre Form von Mensch, die es auf der Welt gibt. Schnorrer, Selbstbestätigungsjunkies, Leute, die zum erweiterten mentalen Suizid neigen, die nicht alleine süchtig sein können, die nicht alleine ängstlich, nicht alleine unzufrieden und einsam sein können.

Man könnte mutmaßen, dass Sven und die Taubenfrau einfach nur Leute ärgern möchten mit ihrem Geschmeiß. Weil sie es an öffentliche Plätze locken, auf denen es sich massenhaft ausbreitet und nie mehr verschwindet. Man könnte böse Absichten vermuten. Aber ich weiß, dass es anders ist. Es soll tatsächlich Hilfe sein, es soll Leben retten. Doch Sven und die Taubenfrau sehen nicht, dass sich das Geschmeiß auch ohne sie ernährt hätte, nur dann eben nicht auf ihre Kosten. Eigentlich stört mich an dieser Mentalität nur, dass Sven hinter all den Leuten verschwindet, die er mitzieht. Er steht da, wie ein Fels in der Brandung, immer gleich, immer zuverlässig und freundlich. Und dann lebt wochenlang ein manisch-depressiver Goldschmied bei Ihm in der Wohnung. Es stapeln sich die Bierkisten, beide Männer rasieren sich nicht mehr. Die Wohnung ist zugemüllt, voller Kartons und Turnschuhe. Und irgendwann fängt der Goldschmied an auch die Garage mit seinem Kram zu belagern. “Weil er Sachen aus seiner zwangsgeräumte Werkstatt retten musste.”
Und dann macht Svens neue Tinderfreundin schluss. “Weil ich nicht schick genug für sie war.”
Und dann ist der Goldschmied plötzlich wieder weg, seine Exfreundin hat ihn zurückgenommen. “Weil er doch sonst niemanden hat. Ich freu mich für ihn und, dass er wenigstens seine Beziehung wieder fixen konnte”, sagt Sven und ist traurig, dass er nun allein leben muss.

Zurück in der Straßenbahn.
“Ich will nicht wie die Taubenfrau sein, irgendwann, wenn ich alt bin”, sagt Sven und schaut der kleinen Gestalt im schwarzen Mantel hinterher.
“Und ich möchte nicht wie die Taube sein”, sage ich und folge der Fahrtbewegung, die sich in seinen Augen spiegelt.


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9 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Den elenden Unrat, schick sie mir!


    ich versteh den titel nicht. ist das süddeutsche grammatik oder kalkulierte absicht? falls letzteres, erinnert mich das an katz & goldts buchtitel ich ratten, wo sich der titel allerdings am ende der geschichte aufklärt. das vermisse ich hier.

    31.03.2017, 21:13 von libido
    • 1

      oder ist es ein krudes komma? ich checks nicht.

      31.03.2017, 21:13 von libido
    • 1

      Ich auch nicht.

      01.04.2017, 01:06 von alter_hund
    • 0

      manche macht es anscheinend an, so etwas zu lesen, andere verwirrt es - und wieder andere klicken wahrscheinlich gar nicht erst rein, weil sie sofort denken: zu anstrengend.

      als distinktions-hebel ist es demnach erfolgreich. auch wenn wir die wegklicker nicht zählen können. aber verwirrte gibts anscheinend nur zwei.

      obwohl, da gints bestimmt auch noch einige, die angst haben, darauf hinzuweisen, aber dann  entlarvt zu werden als jemand, er ES nicht sieht. stichwort: des kaisers neue kleider.

      es bleibt spannend.

      04.04.2017, 14:15 von libido
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Oh, ich muss mal aufklären, wie die krude Grammatik entstanden ist. Der Titel setzt sich aus zwei Fragmenten aus "The New Colossus" zusammen.

      Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
      Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
      Hoch halt' ich mein Licht am gold’nen Tore!“

      05.04.2017, 18:03 von Alida.Montesi
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  • 0

    Flügeln und Schnäbeln
    das Brotstreuen
    bei ihm in
    der Wohnung
    Heimatlosen und irgendwie
    zwangsgeräumten
    Schluss

    Grüße, Dein Rechtschreibnazi
    (schick ihn mir?)

    31.03.2017, 11:51 von der_mueller
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  • 2

    Meandernd wunderbar zwischen zarter Poesie und brutalem Neorealismus.

    29.03.2017, 09:49 von EliasRafael
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  • 0

    "Wie ich neben meinem besten Freund Sven in der Straßenbahn sitze und über die Taubenfrau nachdenke, fallen mir Gemeinsamkeiten auf." 


    Vom Sprachgefühl würde ich hier "als" verwenden ;). Ich mag den Geschmeiß Teil nicht sonderlich. Er wertet etwas zu sehr ab. Svens Goldschmiedabsatz war von der Typenzeichnung wieder etwas interessanter. 

    27.03.2017, 23:36 von Bergfenster
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