LiLiLoewe 30.11.-0001, 00:00 Uhr 136 108

Dem Moment verfallen

Ein Text zur Idee der Verliebtheit und der Vision von Liebe, wenn Realität nur ein Traum ist.

Ich weiß ich verfalle zu schnell. Ich verfalle einer Phantasie, einem Moment, einer Berührung, einer Intuition; ich verfalle nach nur einem Kuss. Ich schenke dem Menschen, der mir für einen Moment Wohlbefinden durch Nähe schenkt mein vollstes Vertrauen, mein größtes Wohlwollen, mein strahlendstes Lächeln, meine phantastischsten Geschichten; ja alle meine Superlativen. Im Bruchteil einer Sekunde erschaffe ich kunstvoll ausgeschmückte Phantasien im ‚Malen nach Zahlen’-Stil mit den wenigen Eigenschaften, die man in nur einem Moment von einem Mann erkennen kann. In nur einem Moment erschaffe ich einen Charakter, wie ihn sich das Regiebuch wünscht, weil ihm wirklich jeder Sympathien entgegenbringt. Einen Charakter, der dem Zuseher gleichsam leidenschaftliche Begeisterung und tiefberührte Empathie abringt. Ein Charakter, der dem Moment entspringt und daher die Zeit nicht überdauern kann. Ich schaffe diese Identität, die dann aber nur ich so sehe, die nur ich so erleb. Einen Menschen, den es dann nur für mich so gibt. Ich erschaffe Realität die sich nur für mich aus dem Nichts erhebt. Ein Moment den ich wie ein Gefühlserdbeben erlebe, das keine Zerstörung zurück lässt, aber auch kein Zeichen von Realität. Es ist wie ein Gefühl der bedingungslosen, nichts verlangenden großen Liebe über einen unbekannten Körper gestülpt, für die Dauer eines Augenblicks.

Und dieser schafft es dann mir stunden- und tagelang jeden klaren Gedanken zu verwehren. Immer und immer wieder kämpft er sich in mein Bewusstsein zurück und macht mich wirklich ein wenig verrückt, weil ich doch eigentlich viel wichtigeren Dingen meinen Verstand widmen will. Weil es zu viele Ideen in meinem Kopf gibt, und zu viele Ideen von anderen, die ich nachlesen, nachdenken und verstehen will. Die Prämisse, in jedem Menschen das Gute zu sehen, befürchte ich also in diesem Moment auf die Spitze getrieben zu haben und was ich selbst und mein Gegenüber dann nie verstehen, ist, dass in diesem Moment nicht die Verliebtheit aus mir spricht. Nein, es spricht die Leidenschaft und das Verlangen, die sich dich zurechtrücken, um mit der Phantasie im Bunde die Romantik zu kreieren. Dieser Moment entspricht also nicht der Liebe sondern entspringt bloß dem Trieb und in solchen Momenten verstehe ich es auch meine Interessen lautstark zu vertreten. So hab ich dich nicht nur einmal um einen Kuss gebeten, weil ich weiß wie der Geschmack meiner Lippen deinen Willen bricht. Und ich sagte ‚Willen bricht’ aber deinen Willen, den nehme ich dir nicht, das ist hier lediglich ein Angebot und ich weiß doch auch nicht, was sich mein Verstand davon verspricht. Denn über eines bin ich mir leider schon lange gewiss: die Resignation folgt auf dem Fuße, denn im Eroberungsfeldzug setzte ich meist nur zum Sprint an und überdenke den Start dann schon mitten auf der Bahn. Und auch wenn ich momentan nur Nebenrollen besetze, suche ich doch eigentlich die männliche Hauptrolle für meine Lebenslaufbahn. Statisten vertreiben zwar die Zeit, aber diese vergeht auch von allein und die Illusion der großen Liebe bröckelt zu oft in ihrem Anschein.

Ich denke mir dann, vielleicht erkenne ich Verliebtheit nicht mehr, aber vielleicht habe ich auch einfach erkannt, dass die Liebe in ihrer reinsten Form nichts mehr verlangt. Denn Liebe hat mit dem Kampfe nichts gemein. Der Kampf gehört zur Leidenschaft und die Liebe besteht dann wohl aus dem  friedvollen Übereinkommen gemeinsam glücklicher zu sein, zufriedener zu sein und trotzdem frei. Wenn zwei füreinander Schiff sind und auch Hafen, dann lass die beiden doch bitte auch Sturm sein, so lässt sich dieses hin und her vielleicht auch ertragen. Und wenn sich zwei begegnen, in einer solchen Klarheit, dass die Definition eines Namens keine Vision ist, sondern Wahrheit, und man den anderen erkennt in seiner grandios menschlichen Unzulänglichkeit, und trotzdem bei ihm bleibt. Wenn der erste Rausch vorbei ist und die erste Nacht verbracht, wenn die See zum ersten Mal so richtig rau ist und man im nachhinein darüber lacht, weil eine ruhige See, sagt man, habe noch nie einen guten Seefahrer hervorgebracht. Erst dann will ich dem Moment wieder verfallen sein und dann bitt ich dich, mein wanderndes, mein rastloses Herz, dass du den Mut hast in diesem Moment auch einmal zu verharren.

108

Diesen Text mochten auch

136 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wundervoll!

    28.05.2017, 13:20 von Saragossa
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Nach fast 4 Jahren mal wieder gelesen und immer noch wunderschön! :)

    28.05.2017, 12:19 von bEwARE_lOVE
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Da wurde aber noch einiges verändert/hinzugefügt seitdem ich den Text das letzte mal gelesen habe.. Schön :)

    13.05.2014, 15:37 von mieze_
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Diesem Text verfallen !

    In den letzten zwei Monaten immer und immer wieder gelesen und es berührt mich jedesmal aufs Neue! Ich Weiß nicht was es ist, aber dieser Text lässt mich einfach nicht los!

    28.03.2014, 10:43 von Hanna004
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Dies ist wirklich gut geschrieben. Hat mir wahnsinnig gefallen. Wenn es mit dir in Ordnung wäre, würde ich dies sehr gerne ins englischen übersetzen. Was hältst du davon?

    23.02.2014, 02:01 von Staechelin
    • 0

      Da bin ich neugierig: warum möchtest Du den Text übersetzen?

      23.02.2014, 10:52 von miss_mel
    • 0

      Ich studiere Übersetzungskünste und will letztendlich literarischer Übersetzer werden. Wollte dies nur als Übung ausführen, weil's sehr dichterisch ist und einen guten Schwung hat.

      23.02.2014, 17:59 von Staechelin
    • 0

      Ah, Danke für die Erklärung.


      23.02.2014, 20:54 von miss_mel
    • Kommentar schreiben
  • 1

    wahnsinnig gut!!!

    22.02.2014, 17:19 von nerdgroupie
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Man(n) soll es kaum glauben, aber es geht nicht nur Frauen so ;)

    20.02.2014, 19:28 von AlexSupertramp
    • Kommentar schreiben
  • 1

    "Der Kampf gehört zur Leidenschaft und die Liebe besteht aus dem friedvollen Übereinkommen gemeinsam glücklich zu sein."


    Mega gut! Hast du dir das ausgedacht?

    19.02.2014, 13:36 von mieze_
    • 0

      Ja hab ich. Ob das so stimmt, ist eine andere Frage. Ist wohl keine universell gültige Aussage, aber was ist das schon ;)

      19.02.2014, 20:13 von LiLiLoewe
    • 0

      Genau, das ist nichts! Ich revidiere meine Einstellung zur Liebe glaube ich relativ oft, aber dieser Satz trifft ziemlich genau meine momentane Einstellung.

      19.02.2014, 21:11 von mieze_
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Jetzt noch den Mut haben, das laut auszusprechen, dann wäre alles so viel besser.

    08.02.2014, 22:41 von noahjonsson
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 5

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare