FinsterLicht 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 37

Das weinende Mädchen

Auf diesen Tag habe ich so lange gewartet. Heute beginnt endlich mein neues Leben.

Kaffee.
Warm und mit Milch.
Kippe dazu.
Frühstück fertig.
Noch ein Blick in den Spiegel.
Die Klamotten sind sauber und gebügelt.
Die Frisur sitzt.
Ich grinse den Spiegel an, er soll zurückgrinsen und mir Mut machen.

Als ich raus gehe, rutsche ich, beim zuziehen der Tür, von der Klinke ab.
Meine Hände sind schwitzig.
Und ich schaue mich unsicher um.
Hoffentlich hat mich keiner gesehen.
Ich sehe ein älteres Pärchen.
Händchen haltend, laufen die beiden auf mich zu.
Sie unterhalten sich und lachen zusammen.
Ich nehme mir einen Moment und schaue den beiden zu.
Ich lächle.
Bis mich ein Motorrad aus der Situation reißt und an mir vorbeiknattert.

Ich laufe zur Bushaltestelle.
Auf dem Weg dorthin schaue ich andauernd nach links und rechts, oben und unten.
Der kleine Vogel, auf dem Bordstein gegenüber, nimmt einen kleinen, aber im Vergleich zu ihm, überdimensionierten Zweig und fliegt irgendwohin, wo er wahrscheinlich ein Nest bauen wird.
Der schwarze Asphalt glitzert, ist noch nass vom Regen.
Auf dem Gehweg erkenne ich mehrere Regenwürmer.
Der Regen hat Erde angeschwemmt, die jetzt linienförmig auf dem Weg liegt.

An der Bushaltestelle steht ein Mann, der mit weit aufgerissenen Augen, fast flehend ins Handy brüllt, dann auflegt, sich auf die Bushaltestellenbank setzt und seinen Kopf in seine Hände legt.
Worum ging es wohl in diesem Gespräch?
Was geht jetzt in ihm vor?

Der Bus kommt.
Ich steige ein, setze mich nach hinten und schaue aus dem Fenster.
Menschen mit Einkaufstüten, manche lächeln, andere gucken entschlossen, verbittert oder nachdenklich.
Keiner bleibt stehen, keiner unterhält sich.
Und immer wieder, wenn der Bus an einer Haltestelle steht, sehe ich Menschen, die aufeinander zugehen, sich in die Augen schauen und dann aneinander vorbeigehen.
Kein Lächeln.
Kein "Hallo".

Ich stelle mir vor, wie die Menschen ein "Du kommst hier nicht rein!"-Tattoo auf der Stirn und der Brust tragen und grinse.

Eine alte Dame steigt ein.
Auf einen Stock gestützt, setzt sie sich mir gegenüber und lächelt mich an. Ich nicke ihr freundlich zu und sie beginnt sich über das Wetter zu beschweren.
Ich bin dankbar für dieses Gespräch, das ich normalerweise hasse.
Hauptsache ich werde von meinen schwitzigen Händen abgelenkt und von den nervös zappelnden Füßen.
Hauptsache ich komme nicht zum Nachdenken über das, was mich erwartet.
Die alte Dame hat ein freundliches, irgendwie wissendes und wärmendes Lächeln. Wie diese süßen, kleinen, knuffigen Omis aus den Filmen, die immer alles wissen.
Als ich aussteigen muss, wünsche ich ihr noch einen schönen Tag und gehe wieder raus auf die Straße.
Im Bewusstsein, dass ich diese Dame nie wieder sehen werde.
Man hat einfach zu wenig Zeit für andere Menschen, oder nehme ich mir die Zeit einfach nicht?

Noch drei Straßen, dann bin ich da.
Ich gehe vorbei an einem Spielplatz und an einem hohen schwarzen Turm.
An ein bunt bemaltes Nashorn gelehnt, scheint ein junges Paar mit dem Vorspiel zu beginnen.
Hinter ihnen springen Skater Treppen hinunter und grinden über die Treppengeländer.
Ein lebensfrohes Bild.

Ich gehe um die Ecke und sehe auf einer Bank ein Mädchen sitzen.
Die Hände, wie zum Gebet, in den Schoß gelegt.
Ihr Gesicht ist gerötet von den Tränen und verzerrt vom Schmerz.
Ich bleibe stehen und schaue sie an.
Als sie mich bemerkt, schaut sie zurück.
Mit einem flehenden Ausdruck im Gesicht.
Und während ich darüber nachdenke, was der Grund dafür ist, dass sie jetzt, ausgerechnet hier sitzt und weint und mich sieht und ich sie, lächle ich sie an.
Ihre Augen glänzen für einen kleinen Moment, dann legt sie ihr Gesicht in ihre Hände und weint weiter.
Ich überlege kurz zu ihr hinzugehen, schaue auf die Uhr und entscheide mich dagegen.

Heute ist der erste Tag meines neuen Lebens.
Ich schaue auf das große Schild an der Glastür.
Lege meine schwitzige Hand an die Türklinke und setze den zitternden Fuß auf die Treppe vor der Tür.
Ich denke an den Vogel, der mit diesem Stock sein Nest baut.
An den Mann, der in sein Handy schrie.
Die Erdenmosaike, die der Regen zurückließ.
Die Blicke der Menschen auf der Straße und das Gespräch mit der alten Dame.
An die Skater und das Pärchen.
An das weinende Mädchen.

Meine Knie hören auf zu zittern.
Wenn ich das Gebäude in einer Stunde wieder verlassen werde, setze ich mich auf die Bank, auf der das Mädchen gerade saß.
Vielleicht werde ich schreien, weinen, lachen oder lächeln.
Vielleicht ist das weinende Mädchen auch noch da.

37

Diesen Text mochten auch

31 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich hatte das Gefühl, die ganze Zeit neben dir zu gehen. Wirklich schön erzählt.

    13.07.2014, 18:34 von Flizzi
    • Kommentar schreiben
  • 1

    schön, dass hätte ich sein können. gefällt mir sehr,)

    05.07.2014, 20:11 von FinchenMagLachen
    • 0

      Danke.

      Das freut mich =)

      05.07.2014, 20:14 von FinsterLicht
    • 1

      Gerne;)

      05.07.2014, 20:15 von FinchenMagLachen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wunderschön, die vielen kleinen Bilder Leben!

    04.07.2014, 22:48 von KleineFreiheit
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Der Text ging mir unglaublich nah und ich hatte wie andere auch den Eindruck mitten drin zu sein und das Geschehen mit zu erleben. Sehr schön geschrieben! :)

    04.07.2014, 13:19 von Cenere
    • Kommentar schreiben
  • 1

    man könnte direkt dabei sein. toller text.

    03.07.2014, 20:39 von livinggoldair
    • 0

      Dankesehr. Schön, dass die Bilder in deinem Kopf angekommem sind. 

      Da sollten sie auch rein ;)

      03.07.2014, 20:55 von FinsterLicht
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ist eine Türklinge eine Symbiose aus Türklinke und Türklingel?

    03.07.2014, 10:07 von Aldrig_Ensam
    • 0

      Ich weiß nicht wovon du redest ;)

      03.07.2014, 12:31 von FinsterLicht
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wunderbar!
    Es ist selten, dass ich so  dermaßen klare und detailreiche, schöne Bilder beim Lesen bekomme. Durch die kurzen Sätze, die Parallelismen und vieles mehr wird alles sehr gut unterstrichen.
    Tolle Kontraste, tolle Denkanstöße!

    02.07.2014, 11:59 von FruechteMuesli
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Herrlich!

     Die Wahrheit des täglichen Lebens, bei deinem Text irgendwie erreichbar nah um dies positiv zu ändern! 

    01.07.2014, 23:18 von agathe789
    • 0

      Ja, man ist sich der Möglichkeiten leider nur selten bewusst. 

      Umso wichtiger daran erinnert zu werden.
      Dankeschön =)

      02.07.2014, 01:42 von FinsterLicht
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare