Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 14 36

Das Spiel verrät den Spieler

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Am Ende des Flures standen zwei Flügeltüren offen: Der goldene Glanz des Ballsaals schimmerte mir entgegen, schien einladend, endlich war ich da: alle saßen im Ballsaal versammelt auf dem Boden und warfen Würfel; sie schienen erleichtert, außer sich, ausgelassen. Über ihnen thronte ein herrschaftlicher Kronleuchter, schwebender Zeuge einer gewaltigen Ära, verziert mit Schwertern und prächtigen Rössern; sein warmes Licht tauchte den Saal in die Behaglichkeit abwesender Ablenkungen: Die Anwesenden waren ganz Spiel und bemerkten mich zunächst nicht, als ich einen Platz unter ihnen wählte und fragte, worum gespielt wird. "Um ..." nuschelte man mir entgegen, und würfelte, ohne mich weiter zu beachten. "Wie bitte?" fragte ich nach - und bekam zwischen zwei Würfen zur Antwort: "um das Wesentliche". "Und was gewinnt man?", erkundigte ich mich weiter. Alle sahen mich irritiert an und antworteten in einstimmiger Selbstverständlichkeit: "Macht". Abermals fragte ich: "Und wenn man verliert?" - "Ohnmacht", entgegneten sie. Und da ich immer ohne Macht war, fürchtete ich den Verlust nicht und würfelte, ganz Spiel und außer mir.

"Sie haben verloren" teilte man mir nüchtern mit und hielt mich fest, als ich nach den Würfeln greifen wollte: schlagartig packte mich auch ein anderer der Anwesenden am Arm und spritzte mir etwas hinein, ohne dass ich begriff, was geschah und ohne, dass ich mich wehren konnte. Die Handgriffe erfolgten nahezu mechanisch, fast höflich, aber unpersönlich wie in der Erfüllung einer ungeliebten, aber als natürlich und notwendig empfundenen Pflicht. Man fixierte mich: unzählige Arme der Anwesenden ergriffen, hielten und umschlungen mich in offenbar einstudierter Regelmäßigkeit. Mein Atem stockte, mein Denken verstummte. In mir machte sich Panik breit, über mir drohte der Kronleuchter: sein Licht waberte grünlich und ein diffuses Grauen ergriff mich: War mir etwas entgangen, hatte ich etwas übersehen? Aber wie hätte ich meinen blinden Fleck erkennen können? ... Noch bevor ich mich einer Antwort entsinnen konnte, ließ mich einer der Anwesenden wie auf Kommando los und ging pfeifend in den angrenzenden Ballsaal; seine Schritte entfernten sich dumpf hallend, meine Sinne wurden weggeschlossen, ich verlor meine Anwesenheit.

Ich träumte von einem Himmel, der von Kronleuchtern verhängt und verdeckt und verdrängt worden war: ich sah keinen Himmel, ich konnte ihn nur vermuten: als ich so suchte, fiel mein Blick zu Boden: ich stand auf Wolken, grün wabernden Wolken, die plötzlich die Form von Armen annahmen und sich wie gefrässige Würmer an mir hoch wanden und mir an die Kehle wollten. Lautlos schreiend, schwitzend, strampelnd, ganz schmerzverzerrte Gebärde wachte ich auf, ruckartig, noch immer umringt, umfasst und umzingelt von den apathischen Anwesenden des Ballsaals: das verspielte Pfeifen des Zurückkehrenden drang wieder in mein Ohr: Er kam aus dem angrenzenden Ballsaal und zog einen kleinen Wagen hinter sich her, auf dem eine Guillotine stand. In mir setzte alles aus. "Wir machen das mit der Fallschwertmaschine, das ist sauber und vernünftig, wir sind schließlich Humanisten und keine Barbaren" erklärte er mir nüchtern, während die anderen meinen Arm vorbereiteten und in der offenbar frisch geölten und höchst pfleglich behandelten Fallschwertmaschine fixierten. Ich begriff nicht. "Aber warum habe ich denn verloren?" wollte ich schreien, brachte es jedoch in der Betäubung nur nahezu mundtot-ächzend über die Lippen. "So sind die Regeln" entgegneten mir die höflichen Henker. "Was für Regeln? Was denn für Regeln?" wollte ich schreien, keuchte aber nahezu unhörbar. "Jedes Spiel hat Regeln. Ohne Regeln kein Spiel, und wer spielt, muss den Regeln folgen: Die Regeln sind das Spiel und also ist der Spieler, der den Regeln folgt, das Spiel: Das Spiel spielt den Spieler - regelhaft, folgerichtig, bis ausgespielt ist. Sie haben gespielt und verloren" erklärte einer der Anwesenden mir in einstudierter Regelmäßigkeit. Ich begriff nicht. Außer mir vor Angst wollte ich die Flucht ergreifen, aber als das Fallschwert meinen Arm sauber und vernünftig abgetrennt hatte, nahm ihn jemand aus dem dafür bereit gestellten Korb und stellte ihn unter meinem irritierten Blick zu den anderen: ich weiß nicht, warum und wie mir das entgangen sein konnte, aber die gesamten Ballsaalwände samt der Pfeiler und Säulen waren mit Armen übersät, einer neben dem nächsten, in vernünftigem Abstand, ein sauber abgetrennter ausgestreckter Arm neben dem nächsten, in Reih und Glied bis hoch unter die Decke, bis zum Kronleuchter, der sein schimmelndes Licht auf uns alle warf.

Ich blickte noch völlig entsetzt mit weit aufgerissenen Augen auf die blutenden, verwesenden und knochigen Arme an den Wänden, als mich die Anwesenden längst verbunden und losgelassen hatten. Völlig betäubt bestand ich nur aus meinem bloßen Blick: Kein Arm berührte den Anderen, alle waren in regelmäßigen Abständen an die Wand geschlagen, in manchen Händen klebte sogar noch ein rotbeschmierter Würfel, der mitunter leise klackend auf den Ballsaalboden fiel - und keine Augen hatte. Das musste ein Versehen sein. Ich vergaß kurz die mich ignorierenden Anwesenden, die längst wieder im Spiel begriffen waren, außer sich und ausgelassen, als sei nichts unregelmäßiges geschehen, und näherte mich der Wand aus Armen und dem Würfel, der gerade aus einer Hand gefallen war. Während ich auf die Wand zuging, fielen drei weitere Würfel aus drei weiteren Händen auf den Ballsaalboden; als tropfte mahnend die Zeit, tönte es klack klack klack, und die Würfel rollten auf mich zu, alle Würfel waren gefallen, keiner hatte Augen. Mich schwindelte, als ich einen aufhob. Die Betäubung ließ nach, alles erschien mir flackernd, nebulös, schemenhaft. Meinen Arm konnte ich nicht finden, ich erkannte ihn unter der abertausenden nicht und meine Wahrnehmung musste mir absurde Streiche spielen. So stolperte ich mit einem augenlosen Würfel in der Hand in Richtung der Anwesenden; einer musste Bescheid wissen. Es musste ein Irrtum sein. Ich schleppte mich in Richtung des Würfelechos, kämpfte gegen die Umwölkung an, setzte Fuß vor Fuß und mich letztlich zu den Anwesenden, gerade zu dem Zeitpunkt, als ein anderer aus ihrer Mitte abgeführt und fixiert wurde, während ein weiterer Anwesender sich pfeifend entfernte.

Mein Blick fiel vom herrschaftlichen Kronleuchter hinunter auf die apathischen Anwesenden. Viele hatten nur einen Arm, erst jetzt bemerkte ich es, dennoch spielte die Irritation keine Rolle mehr: Ich war außer mir vor Zorn und Schmerz und Ohnmacht, ich protestierte und wütete, aber keiner hörte zu, keiner reagierte. Ich zeigte den Würfel, aber er unterschied sich nicht von jenen, mit denen sie augenscheinlich schon seit jeher spielten. Ich schrie, "das ist ein Irrtum", aber einer der Anwesenden entgegnete nur höflich, "Das ist ein Spiel. Alles andere ist Irrtum" und widmete sich wieder den Würfeln. Keiner beachtete mich und ihr spielbesessenes Schweigen machte mich rasend; die Betäubung ließ nach, der Schmerz nahm zu, ich war ohnmächtig, jeglichste Kraft zum Widerstand fehlte, wenn sie denn je vorhanden war. Sie ließen sich nichts sagen, also fragte ich: "Was wird hier gespielt?" - "Ein Spiel" entgegneten sie einstimmig und würfelten augenlose Würfel. In mir verzerrte sich alles, ich war vor Schmerzen nicht ich selbst. Ein neuer Anwesender kam hinzu, er fragte: "Worum wird gespielt?" und ich nuschelte halb betäubt, halb schmerzentstellt: "um das Wesentliche" und wollte ihn warnen, wusste jedoch nicht wovor. "Kann ich meinen Arm zurückgewinnen?" fragte ich flehend, wurde jedoch höflich belehrt, dass man natürlich nicht um Arme spielte: "Wir sind schließlich Humanisten und keine Barbaren", entgegnete man und widmete sich erleichtert und ausgelassen wie eh und je dem Spiel, ohne mir weitere Beachtung zu schenken. Halb entsetzt, halb warnend schrie ich "Das Spiel hat keinen Sinn" dazwischen und in Richtung jenes Neuen, aber er hörte nicht und keiner rührte sich; nur einer erwiderte in unbeirrbar-einstudierter Regelmäßigkeit: "Der Sinn des Spiels ist das Befolgen der spielstiftenden Regeln. Wer die Regeln befolgt, spielt, und wer spielt, erfüllt den Sinn des Spiels: Allein im vollkommenen Spiel ist Sinn und also der Spieler sinnvoll, außerhalb des Spiels ist Unsinn und der Spieler sinnfrei..." Er hatte die nüchterne Ausführung noch nicht ganz beendet, als ein anderer dem Neuen mitteilte, dass er verloren habe. Gleichzeitig packten, griffen und umarmten sie ihn, während ein anderer sich pfeifend entfernte, ohne dass ich, noch immer gelähmt vor Schmerzen etwas unternehmen konnte. Meine hilflosen Versuche mit einem Arm etwas gegen die Anwesenden auszurichten oder dem Neuen beizustehen, waren zum Scheitern verurteilt, sie waren nur das klägliche Echo eines ersterbenden Schreies.

Aber noch gab ich nicht auf. Wenn dieses Spiel nicht zu gewinnen war und wenn diese Anwesenden nicht zu überwinden waren, so musste ich diesen Ballsaal samt seiner grausigen Wände aus Armen verlassen und etwas anderes versuchen. Also folgte ich dem Pfeifenden: er ging durch zwei einladende Flügeltüren in einen offenbar angrenzenden Ballsaal, den ein herrschaftlicher Kronleuchter in goldenen Glanz tauchte. Unter ihm saßen alle versammelt und warfen Würfel; sie schienen erleichtert, außer sich, ausgelassen. Nun sah ich genau hin: doch alle Anwesenden hatte alle Arme und alle Würfel hatten Augen. Das beruhigte mich. Alles war augenscheinlich so, wie es sein sollte, also wählte ich meinen Platz unter ihnen und fragte, worum man spielte. "Natürlich um das Wesentliche", antwortete man mir entgegenkommend. "Und was gewinnt man?", erkundigte ich mich weiter. Alle Anwesenden sahen mich erstaunt an und antworteten in einstimmiger Selbstverständlichkeit: "Den Gewinn. Das Spiel. Den Sinn natürlich". Abermals fragte ich nach, um sicher zu sein: "Und wenn man verliert?" - "Den Gewinn. Das Spiel. Den Sinn natürlich" entgegneten sie. Das leuchtete mir ein: Ich konnte nicht verlieren, was ich nicht besaß. Und da ich immer ohne Sinn war, fürchtete ich den Verlust nicht und würfelte, ganz Spiel und außer mir.

"Sie haben verloren" teilte man mir nüchtern mit und hielt mich zu meiner Überraschung fest, als ich nach den Würfeln greifen wollte; sofort spritzte mir einer etwas in den Arm, schlagartig packten mich auch die Anderen mit ihren schauderhaft-kalten Armen. Ich begriff nicht. Das musste ein Versehen, ein Irrtum sein. Wie ein panisches Tier zuckte und kämpfte ich unter dem schimmelnden Licht des herrschaftlichen Kronleuchters; einem riss ich außer mir vor Angst den Arm ab: aber der Arm entpuppte sich als Prothese. Ich hatte keinen Arm, ich hatte nur ein Artefakt. Bis zu meinem Grund erschreckt warf ich mich hysterisch schreiend gegen die Anderen, nur um abermals von den mechanischen, fast höflichen Handgriffen überwältigt und fixiert zu werden, die unpersönlich eine vielleicht ungeliebte, aber als natürlich und notwendig empfundene Pflicht ausübten. Sie umfassten und umarmten mich, ich konnte ihrem Griff nicht entkommen. In mir leerte sich alles, alles fiel in mir in sich zusammen, ein unnennbares Grauen bemächtigte sich meiner, schnürte mir die Kehle zu, hackte jeden Gedanken im Entstehen ab. "Aber warum habe ich denn verloren?" presste ich durch die bereits tauben Lippen. "So sind die Regeln" entgegnete mir einer der Anwesenden, bevor er pfeifend und mit harten und metallischen Schritten durch zwei offen stehende Flügeltüren in einen angrenzenden Ballsaal ging. Ich sah betäubt zu den apathischen Anwesenden, die sich vor meinem Blick zu einer gleichförmig wabernden Masse ineinander verschwimmender Arme und Augen verwandelten; in mir kroch Ersticken hoch, über mir drohte der herrschaftliche Kronleuchter, der seinen fahlen Schein auf alles warf. Ich bettelte ins Nichts, bat um Nachsehen, um eine Prüfung, sprach von einem Versehen, schrie abgestumpft und anklagend "Was für Regeln, was denn für Regeln?", vernahm aber nur noch das dumpfe Echo der Ballsaalwände: "Regeln, Regeln, Regeln" tönte es hallend, bevor das metallische Klacken von Schritten in meine Ohren schnitt und ich das Pfeifen des Zurückkehrenden hörte, der zwei kleine Wagen hinter sich her zog, auf denen jeweils eine Guillotine stand. Mir erstarb alles und mein Blick irrte wirr von mich anstarrenden Würfeln über Augenpaare bis zu den Wänden, an denen, sofern mein betäubtstumpfer Blick mir keine Streiche spielte, unzählige, sauber abgetrennte und in vernünftigen Abständen an die Wand geschlagenen Beinpaare hingen: "Wir machen das mit den Fallschwertmaschinen, das ist sauber und vernünftig..." begann einer der Anwesenden die nüchterne Erklärung, als meine Sinne weggeschlossen wurden und ich meine Anwesenheit verlor.

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14 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Jeder deiner äußerst schmackhaften Sätze macht Lust auf mehr. Sehr visuell, sehr schön! :)

    02.03.2014, 09:42 von MissFairytale
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  • 0

    klingt wie ein traum 

    12.02.2014, 21:23 von leoley
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wie JAP auch schon angedeutet hat...letztes Jahr war dein Stuff  gedanklich und stilistisch so ziemlich das Beste was man hier bei Neon lesen konnte. Und in diesem Jahr gehst ab in die zweite Runde.

    10.02.2014, 18:47 von mirror87
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  • 1

    bockt sich! endlich mal wieder was vernünftiges auf der startseite!

    10.02.2014, 18:00 von Junger_Faust
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  • 1

    Mich machen solche Texte immer ein bisschen verliebt.

    10.02.2014, 17:23 von nyx_nyx
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  • 1

    "shall we play a game?".. 
    http://www.youtube.com/watch?v=AWcFHEdhYys

    09.02.2014, 18:04 von Sanne19
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  • 5

    Und irgendwo höre ich im Hintergrund Poe und Kafka lachen.

    09.02.2014, 15:31 von cosmokatze
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  • 0

    Das, was Jack sagt (oder so Ähnlich): Eigentlich ist der Text super, aber irgendwo verliert er die Puste. Bin ganz froh, dass er die zum Schluss irgendwie wieder gewinnt. :)

    07.02.2014, 22:17 von TheCaptainsFiancee
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  • 2

    texte von autoren, die bei der leisesten kritik sperren, lese ich grundsätzlich nicht mehr.

    07.02.2014, 21:13 von Orangenhain
    • 1

      und ich wette, dass mir dieser kommentar, die nächste sperrung bringt...,)

      07.02.2014, 21:14 von Orangenhain
    • 0

      Heißt dein anderer gesperrter Nick etwa Rebstock?

      08.02.2014, 17:17 von themecki
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