schmendrezius 30.11.-0001, 00:00 Uhr 36 25

Das Schicksal entscheidet

Man sagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Hurrikan auslösen könne. Nach diesem Tag verstand ich dies ein wenig mehr.

Ich hörte, wie immer, Musik von meinem iPod. Meine Schwester saß lesend neben mir. Wie gewöhnlich schaute ich mich in der Bahn, mehr oder weniger uninteressiert, um. Sah den Menschen, die auch auf dem Weg irgendwohin waren, in ihre Gesichter. Versuchte mir ein wenig vorzustellen, wer sie sein könnten, was sie dachten, wohin sie unterwegs waren.

Dennoch war es eine eher langweilige Fahrt. Keine interessanten Menschen, keine hübschen Frauen, keine besonderen Ereignisse. Also ließ ich die Musik auf mich wirken, schaute verloren aus dem Fenster und mich von der an mir vorbeiziehenden Welt, wie von der Musik, berieseln.
Doch an einer Haltestelle fand die Langeweile und meine Träumerei plötzlich ein Ende. Ein Mann stolperte, laut genug, so dass ich es, trotz Musik auf den Ohren, sofort wahrnahm, in die Bahn. Von der Eingangstür direkt in den gegenüberliegenden Türbereich. Er fiel auf, nicht nur mir. Durch seine Lautstärke und dadurch, dass er sich nur mühsam auf den Beinen hielt. Ich war amüsiert von seiner Erscheinung, mit seinem unbeholfenen Stolpern, seinen Selbstgesprächen, wie ihm Dinge hinfielen und er beim Versuch diese aufzuheben bald hinterher.

Ich machte meine Schwester auf ihn aufmerksam und wir mussten beide grinsen. Wie jedem sofort klar war, war der Mann völlig betrunken, wenn nicht vielleicht sogar noch mehr. So stolperte er mehr als zu gehen, zu einem der Viererplätze in der Bahn, um sich zu setzen. Die zwei Fahrgäste, die dort bereits saßen, suchten schnell das Weite. Was ihnen in kürzester Zeit weitere gleich taten. So wurde es immer leerer um den Mann, bis er in dem Teil des Straßenbahnabteils isoliert war und sich sogar die Blicke von ihm wandten.

Auch mich begann die Sache weniger zu interessieren und ich merkte, wie ich mit schwindender Konzentration auf das Geschehen mehr und mehr die Musik in meinen Ohren wieder bewusster wahrnahm. Doch kurz bevor auch ich mich ganz von dem Mann löste und wieder aus dem Fenster schaute, riss es mich zurück. Der Mann begann in sich zusammen zu sacken. Sein Oberkörper kippte langsam nach vorne, bis seine Brust auf seinen Knien lag und sein Kopf zwischen seinen Beinen. Diese Haltung alleine machte schon aus der bisher spaßigen Geschichte, eine beunruhigende für mich und aus dieser Nervosität wurde Angst, als ich auf dem Boden eine gelbe Flüssigkeit sah.

"Verdammt, der Idiot erstickt da gleich an seiner Kotze ..." grummelte ich kopfschüttelnd während ich die Stöpsel aus meinen Ohren nahm. Ich gab den iPod meiner Schwester, zusammen mit meinem Rucksack. Sie wusste direkt was ich wollte, ein Grund mehr warum ich nichts sagte, während ich aufstand und sah wie sie zu dem Mann herüber sah, anders als der Rest der Bahn. Ich hätte gerne verzichtet und hätte zugesehen wie jemand anderes ging, doch niemand ging und ich wollte nicht lange warten. Ich wollte nicht, aber ich musste zu ihm gehen und leider nahm mir dies in diesem Moment auch niemand ab.
Mit einem unguten Gefühl kam ich dem Mann näher und freute mich gleich bei einem sich selbst vollgekotzten Penner Erste Hilfe leisten zu dürfen.

Er stank. Nach Alkohol, Schweiß, und Urin.
Ich trat nah an ihn heran, beugte mich etwas zu ihm herunter. Plötzlich fühlte ich viele Blicke, es gab wieder etwas zu sehen, man konnte jemandem zusehen und musste nicht selbst gehen. In dem Moment, so ehrlich muss ich zu mir selbst sein, wäre es mir auch lieber ein Anderer wäre gegangen.
Ich fasste seine Schulter und schüttelte ihn leicht, während ich ihn ansprach.
Scheiße, keine Reaktion.
Nochmal schüttelte ich ihn, fester. Sprach ihn an, lauter. Er bewegte sich.
Scheiße, was ein Glück.
Langsam erhob er sich und versuchte mich anzusehen. Es dauerte einige Sekunden bis er klar wurde, zumindest so klar, wie es in seinem Zustand überhaupt möglich sein konnte.
"Ist mit ihnen alles in Ordnung? Geht es ihnen gut?"
Es dauerte zwar einen Augenblick, doch er antwortete.

"Alles in Ordnung."
Sein Atem roch schrecklich. Faulig und nach Alkohol.
"Wirklich? Wir können auch Hilfe für sie rufen an der nächsten Haltestelle."
"Nein. Alles gut. Mir geht es gut. Danke."
Das Danke fühlte sich sehr gut an.
"Keine Ursache. Schönen Tag noch."
Ich klopfte ihm auf die Schulter, sah an ihm herab und erkannte, dass er sich mit Orangensaft vollgeschüttet hatte, den ich, aus der Entfernung, für Erbrochenes gehalten hatte. Mit einem Lächeln schaute ich ihn an, drehte mich um und ging zu meinem Platz zurück.

Meine Schwester schaute mich fragend an und grinste, als ich ihr sagte, was die Flüssigkeit auf dem Boden, die mich so ängstlich gemacht hatte, war. Sie gab mir mein Zeug zurück und meinte ich habe das Richtige getan.
Ich fühlte mich gut und zufrieden und doch wollte ich schnell an etwas anderes denken. Also steckte ich mir wieder meine Stöpsel in die Ohren, machte ein zufälliges Lied an und schaute aus dem Fenster.
Auf einmal, ganz unverhofft, stand der Mann bei uns. Ich hatte ihn nicht bemerkt, zu sehr war ich auf die Musik konzentriert und hatte ziellos aus dem Fenster gestarrt. Er sah mich an und ich nahm schnell die Stöpsel aus den Ohren.
"Danke. Ist wirklich alles in Ordnung." Sagte er, als er mir die Hand gab. Dann drehte er sich um und stolperte in Richtung der Tür, in die er eingestiegen war und die ganze Geschichte für mich anfing. Ich fühlte mich sehr gut und berührt, dass er dieses Handeln so zu schätzen wusste und würdigte. Kurz darauf stoppte die Bahn an der nächsten Haltestelle und er verließ sie, während ich ihm nachblickte und wieder von seiner unbeholfenen Art amüsiert war.

Meine Schwester sah mich freundlich lachend an und ich glaube, sie war ähnlich bewegt von dem Moment nur wenige Augenblicke zuvor und sah mir an wie ich es war. Ich fühlte mich toll dabei jemandem geholfen zu haben oder zumindest es gewollt zu haben und von dieser Person eine Anerkennung und Wertschätzung dafür erhalten zu haben.
Aber das Wohlgefühl hielt nur an bis die Straßenbahn anfuhr.
An Geschwindigkeit gewann.
Ihr warnendes Klingeln einsetzte.
Der Mann vor die Bahn fiel.
Er von ihr erfasst wurde.

Scheiße!

Hätte ich ihn doch bloß nicht geweckt!
Er wäre nicht an dieser Station ausgestiegen.
Er wäre nicht auf die Gleise gefallen.
Nicht von der Bahn erfasst worden.



Aber zum Glück bin ich kein Schmetterling.
Habe ich nicht mit den Flügeln geschlagen.
Habe ich keinen Hurrikan ausgelöst.



Aber das Wohlgefühl hielt nur an bis die Straßenbahn anfuhr.
An Geschwindigkeit gewann.
Ihr warnendes Klingeln einsetzte.
Der Mann am Übergang stolperte.
Die Bahn knapp an dem Mann vorbeifuhr.

Scheiße!

Mir blieb fast das Herz stehen.

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36 Antworten

Kommentare

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    Macht mich irgendwie sprachlos.

    31.03.2014, 14:36 von nej
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    ist das eine wahre begebenheit?

    23.04.2013, 16:18 von LeleSchroeder
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    Du holst mich von meinem zufriedenden Lächeln, auf den Boden der Tatsachen zurück, in ein besorgtes Gefühl..
    Du zeigst, wie nah Glücksgefühl und "Schreckens"-Gefühl zusammenliegen kann..

    07.03.2013, 21:14 von Muse.
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    Was würde Kant dazu sagen? Ganz klar, der Wille zählt! Ein Text, der zum Nachdenken anregt.

    12.04.2012, 01:16 von Pinar.
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    Danke.

    15.11.2011, 10:37 von Granuaile_Mhaol
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    Scheisse, das scheint dein Lieblingsausdruck in deinem Beitrag zu sein ??

    Was man so alles sagt, muss nicht immer stimmen. Z.B. das mit dem Schmetterling.
    Es wird behauptet, dass der Fluegelschlag das Wetter beeinflussen kann, aber von einem Hurricane-ausloeser hab ich noch nuescht gehoert. Egal.

    Loeschende User sind mir ein Graeuel. Wer Meinungen nicht ertragen kann und auch noch meint, sie muessen haarklein zum geschriebenen "Kunstwerk" passen, der ist mental sehr verarmt.

    Schoenen Tag noch, Bruder.

    17.06.2011, 18:01 von steam
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    Ich glaube so eine Diskussion anzustoßen wäre nicht zielführend. Zu sagen "Schicksal gibt es nicht" nur weil man selbst nicht daran glaubt, finde ich dann doch etwas arrogant.

    Der Titel hat aber auch wirklich was von "Urlaub mit Hindernissen", nicht gerade ausgefeilt.

    Der Text an sich ist ok, vom Inhalt her erinnert es an Bernemann in seinen nicht ganz so blümeranten Zeiten, aber durchaus solide.

    Ändert nichts an der Tragik der Geschichte. Hätte, wäre, wenn. Fakt ist - vielleicht wäre er ja erstickt, wenn du ihn nicht geweckt hättest, vielleicht hätte er in seinem Suff irgendwann mal einen Kinderwagen vor ein Auto gestoßen, vielleicht, vielleicht, vielleicht. Nicht, dass jetzt jeder determiniert sein soll, aber sich alle möglichen Alternativen zu alles denkbar möglichen Szenarien des Lebens auszudenken ist schier unmöglich und macht auch etwas verrückt.

    Die Tatsache, dass er quatzats Kommentar entfernt hat empfinde ich nicht als humorlos. Ich fands quatzats Kommentar eher geschmacklos. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Hätte allerdings jemand über mögliche sexuelle Handlungen zwischen mir und meinem Bruder rumgeprollt - ich hätte wohl auch so reagiert.

    16.06.2011, 16:35 von ruggamuffin
    • 0

      @ruggamuffin Du findest eine Meinung haben arrogant? Ach Gottchen...

      16.06.2011, 16:47 von frl_smilla
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      @frl_smilla Smilli, du immer mit deinen penetranten Meinungen.
      Das ist doch out...

      Lass lieber das Schicksal in dein Leben.

      16.06.2011, 17:09 von sailor
    • 0

      @sailor Penetrant?

      16.06.2011, 17:14 von quatzat
    • 0

      @quatzat Prägnant?

      16.06.2011, 17:28 von sailor
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    Schicksal gibt es nicht. Es heißt Zufall.

    Und von dem sprachlich doch echt schlechten Text habe ich leider nichts behalten außer der Tatsache, dass der hilfsbereite Erzähler einen mp3-Player einer recht bekannten Obst-Marke benutzt.

    16.06.2011, 16:06 von frl_smilla
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