Das Loch
Vor ein paar Tagen war es plötzlich wieder da. Das Loch. Ganz ohne Vorwarnung, wie immer.
Sie liegt auf dem Bett.
Die Arme angewinkelt, fest unter den Brustkorb geklemmt, den Kopf zur Seite geneigt. Sie lauscht dem zarten, kratzenden Geräusch ihrer Wimpern auf dem Kopfkissenbezug. Langsame Schläge. Sie schläft nicht.
Sie überlegt wie lange sie wohl schon hier liegen mag. Eine halbe Stunde, vielleicht zwei oder drei?
Langsam fangen ihre Arme an zu kribbeln. Ihr Nacken schmerzt, zu lange hat sie in der gleichen Position verharrt. Sie sollte aufstehen, aber ihr Körper fühlt sich an als habe man ihr Blei in die Venen gepumpt.
Es geht nicht. Nichts geht.
Wie spät ist es?
Vor ein paar Tagen war es plötzlich wieder da. Das Loch. Ganz ohne Vorwarnung, wie immer. Als öffne sich plötzlich der Boden, ein Strudel, der sie einfach hinabreißt. Sie kann nichts dagegen tun, es passiert einfach. Dann ist alles anders. Für ein paar Tage, eine Woche oder zwei. Bis es sie wieder ausspuckt und verschwindet, so plötzlich und unerwartet wie es gekommen war. So war es jedenfalls bisher immer.
Ihr Blick gleitet träge über den Laminatboden im Schlafzimmer. Staubflocken, kleine Schmutzpartikel.
Hier ist es schmutzig. Ich sollte sauber machen.
Auf dem Stuhl neben dem Bett häufen sich Klamotten, der Wäschekorb in der Ecke quillt über. Sie denkt an den Wäscheständer im Nebenzimmer, auf dem die Sachen schon seit einigen Tagen trocken sind und darauf warten zusammengelegt zu werden.
Es geht nicht. Nichts geht.
Es ist ein Kraftakt überhaupt morgens aufzustehen, meistens ist es dann mittag. Zähne putzen, duschen, anziehen, die Katze füttern: wie ein Marathonlauf mit hohem Fieber.
Danach legt sie sich auf's Bett oder setzt sich mit angezogen Beinen auf's Sofa, umklammert ihre Knie und starrt aus dem Fenster, die schmutzigen, regengeschwängerten Wolken an, die am Horizont vorbeiziehen und lässt den Tag verrinnen.
Heute hat sie sich Tee gekocht, aber sie hat zu lange die Teekanne angestarrt und den Teefilter beobachtet, wie er, einer Rettungsboje gleich, oben auf schwamm, hatte sich in Gedanken verloren. Der Tee schmeckte bitter. Gerne hätte sie die Kanne genommen und an die Wand geworfen. Aber was hat es schon für einen Sinn Dinge zu zerschmettern, wenn man nicht die Kraft besitzt die Scherben aufzusammeln?
Wie spät ist es?
Als sie das Geräusch des Schlüssels an der Wohnungstür hört, weiß sie, dass es schon nach sieben sein muss. Schritte im Flur. Er ist Zuhause.
Sie lauscht, ohne sich zu rühren. Hört wie er seine Jacke auszieht, an die Garderobe hängt, die Schuhe abstreift und im Flur abstellt, dann langsam suchend die Wohnung durchstreift. Wie immer, ein Blick in die Küche, in's Wohnzimmer. Dann nähern sich die Schritte dem Schlafzimmer. Dort findet er, was er sucht.
"Hallo." sagt er leise.
Sie löst ihren trägen Blick vom Boden und sieht ihn an.
"Hallo." hört sie sich sagen.
"Was ist los?"
"Nichts."
Du kennst doch die Antwort, warum fragst Du?
Er wendet seinen Blick ab, sucht sich einige frische Sachen aus dem Kleiderschrank und verschwindet wortlos in Richtung Bad. Einen Augenblick später hört sie das dumpfe Prasseln der Dusche.
Ihr Mund ist staubtrocken. Sie hat auf einmal das Bedürfnis sich zu übergeben. Einfach herauswürgen, diesen fetten, zähen Kloß, der in ihrem Brustkorb sitzt und in ihrem Kopf, der ihre Gedanken verklebt. Sie stellt es sich vor, schwarz, zäh und klebrig, wie Erdöl. Ein stinkender schwarzer Schwall, der aus ihr herausbrechen würde. Alles würde hinausgeschwemmt werden. Die Taubheit, die Lähmung, das unaufhörliche Brennen in den Augenhöhlen.
Der Gedanke lässt sie müde lächeln.
Nach einer Weile kommt er zurück in's Schlafzimmer. Er setzt sich neben sie auf's Bett, wortlos legt er seine warme Hand auf ihren Rücken zwischen ihre Schulterblätter und verharrt dort. Ein Fremdkörper, schwer wie Blei. Sie möchte ihn abschütteln, um sich schlagen, schreien. Schreien, so lange bis ihre Stimme verebbt.
Aber es geht nicht. Nichts geht.
"Es wird schon wieder." sagt er dann mit tonloser Stimme.
"Ja."
Aber was wenn nicht?






Kommentare
der text transportiert viel gefühl. dafür mag ich ihn. aber mit fehlt die antwort die ich ich nicht geben kann. somit beibt für mich ein fader beigeschmack im sinne der hilflosen hand, die auf dem rücken ruht und lediglich daneben steht.
02.04.2013, 20:19 von jetsamToll geschrieben
02.04.2013, 18:49 von blackswanWann?
Dies frage ich mich auch,wunderbar geschrieben!
Verstehen kann man nur,wenn man selber betroffen,sonst stösst man eher auf Unverständnis
Es mag wieder werden.
02.04.2013, 18:00 von sailorIch wüsste manchmal gerne, wann dieses denkwürdige Ereignis eintreten wird...
Oh, das kommt mir ja wahnsinnig bekannt vor. Wenn Passivität, Mutlosigkeit, Trübnis und Gefühlslosigkeit den Weg bahnen wird es schwer mit der Ich-Steuerung. Was hilft da? Aufraffen, machen was gut tut, sich zwingen etwas zu finden, was sich schön anfühlt aber raus, bloß weg aus der Leere bloß schnell hin, mit aller Kraft zu sich, weg vom Loch. Es ist ein Kraftakt, aber man hat keine Wahl, oder man fällt, wird gefressen und hat keine Kontrolle mehr.
01.04.2013, 17:54 von SultanineDas 'Loch' das etwas andere Wort für Depression
02.04.2013, 01:09 von SteveStitchesoder auch "depressive Verstimmun" ...
02.04.2013, 14:09 von Sultanineoder auch 'Käseglocke'.
02.04.2013, 18:00 von sailoroder 'versenkt'
03.04.2013, 01:10 von SteveStitchesEin wirklich feinsinniger Text, der genau das beschreibt, was passiert, wenn sich das Loch auftut.
Das
hat mir besonders gut gefallen.
08.01.2013, 10:23 von Bender018
Mir auch...
02.04.2013, 17:56 von sailorSonst gehst Du mir eher auf die Nerven, aber der Text ist tadellos. Grßartaig geschrieben, perfekt eingefangen und hoffentlich fiktiv.
02.01.2013, 18:37 von cosmokatzeAber was, wenn nicht ?
Großartig.
02.01.2013, 18:38 von cosmokatzeTante Edith. Wo bleibst du nur ?
"Sonst gehst Du mir eher auf die Nerven"
Du bist noch anstrengender als ich.
02.01.2013, 19:06 von cosmokatzeDas verstehen leider nur Menschen, die selbst betroffen sind oder sich aus sonstigen Gründen mit der Thematik beschäftigt haben, so ist meine Erfahrung.
Ein guter Text, der es auf den Punkt bringt. Ich wünsche viel Glück, dass es wieder wird.
02.01.2013, 16:40 von jeritiana
ich finde den ziemlich gut geschrieben und es ist schade, dass solche texte nicht mehr aufmerksamkeit bekommen.
01.01.2013, 20:51 von Gluecksaktivistin"Mag ich" mag ich eigentlich nicht drücken, aber empfehlen schon.
30.12.2012, 09:04 von TaneaDie Stimmung kommt sehr deutlich für mich rüber, die Verzweiflung, dieses "Nichts".
Auch ihn kann ich mich gut reinversetzen, obwohl er nur kurz erwähnt ist.
Es ist sehr stimmig erzählt.
Der sprachliche Stil untermalt das Gefühl ziemlich passend, viel mehr lässt sich dazu wohl nicht sagen
28.12.2012, 15:37 von EliasRafael"viel mehr lässt sich dazu wohl nicht sagen"
Komm da raus
28.12.2012, 21:16 von EliasRafaelHäh?
28.12.2012, 23:06 von Pixie_DestructoAus'm Loch
28.12.2012, 23:11 von EliasRafaelWer sagt denn, dass ich da bin?
Im Loch ist alles kursiv
02.01.2013, 20:12 von EliasRafaelWarum ist der Text auf einmal so beliebt hier?
02.04.2013, 18:42 von EliasRafaelIch hab gestern 'nen Tippfehler drin ausgebessert. Da war ein 'r' zu viel.
Vielleicht sind zum Winterende alle mit ins Loch gefallen.
02.04.2013, 19:34 von EliasRafaelDas befürchte ich auch.
02.04.2013, 19:36 von Pixie_Destructo