Pixie_Destructo 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 48

Das Loch

Vor ein paar Tagen war es plötzlich wieder da. Das Loch. Ganz ohne Vorwarnung, wie immer.

Sie liegt auf dem Bett. 

Die Arme angewinkelt, fest unter den Brustkorb geklemmt, den Kopf zur Seite geneigt. Sie lauscht dem zarten, kratzenden Geräusch ihrer Wimpern auf dem Kopfkissenbezug. Langsame Schläge. Sie schläft nicht.

Sie überlegt wie lange sie wohl schon hier liegen mag. Eine halbe Stunde, vielleicht zwei oder drei? 

Langsam fangen ihre Arme an zu kribbeln. Ihr Nacken schmerzt, zu lange hat sie in der gleichen Position verharrt. Sie sollte aufstehen, aber ihr Körper fühlt sich an als habe man ihr Blei in die Venen gepumpt.

Es geht nicht. Nichts geht.

Wie spät ist es?

Vor ein paar Tagen war es plötzlich wieder da. Das Loch. Ganz ohne Vorwarnung, wie immer. Als öffne sich plötzlich der Boden, ein Strudel, der sie einfach hinabreißt. Sie kann nichts dagegen tun, es passiert einfach. Dann ist alles anders. Für ein paar Tage, eine Woche oder zwei. Bis es sie wieder ausspuckt und verschwindet, so plötzlich und unerwartet wie es gekommen war. So war es jedenfalls bisher immer.

Ihr Blick gleitet träge über den Laminatboden im Schlafzimmer. Staubflocken, kleine Schmutzpartikel.

Hier ist es schmutzig. Ich sollte sauber machen.

Auf dem Stuhl neben dem Bett häufen sich Klamotten, der Wäschekorb in der Ecke quillt über. Sie denkt an den Wäscheständer im Nebenzimmer, auf dem die Sachen schon seit einigen Tagen trocken sind und darauf warten zusammengelegt zu werden.

Es geht nicht. Nichts geht.

Es ist ein Kraftakt überhaupt morgens aufzustehen, meistens ist es dann mittag. Zähne putzen, duschen, anziehen, die Katze füttern: wie ein Marathonlauf mit hohem Fieber.

Danach legt sie sich auf's Bett oder setzt sich mit angezogen Beinen auf's Sofa, umklammert ihre Knie und starrt aus dem Fenster, die schmutzigen, regengeschwängerten Wolken an, die am Horizont vorbeiziehen und lässt den Tag verrinnen.

Heute hat sie sich Tee gekocht, aber sie hat zu lange die Teekanne angestarrt und den Teefilter beobachtet, wie er, einer Rettungsboje gleich, oben auf schwamm, hatte sich in Gedanken verloren. Der Tee schmeckte bitter. Gerne hätte sie die Kanne genommen und an die Wand geworfen. Aber was hat es schon für einen Sinn Dinge zu zerschmettern, wenn man nicht die Kraft besitzt die Scherben aufzusammeln?

Wie spät ist es?

Als sie das Geräusch des Schlüssels an der Wohnungstür hört, weiß sie, dass es schon nach sieben sein muss. Schritte im Flur. Er ist Zuhause.

Sie lauscht, ohne sich zu rühren. Hört wie er seine Jacke auszieht, an die Garderobe hängt, die Schuhe abstreift und im Flur abstellt, dann langsam suchend die Wohnung durchstreift. Wie immer, ein Blick in die Küche, in's Wohnzimmer. Dann nähern sich die Schritte dem Schlafzimmer. Dort findet er, was er sucht.

"Hallo." sagt er leise.

Sie löst ihren trägen Blick vom Boden und sieht ihn an.

"Hallo." hört sie sich sagen.

"Was ist los?"

"Nichts."

Du kennst doch die Antwort, warum fragst Du?

Er wendet seinen Blick ab, sucht sich einige frische Sachen aus dem Kleiderschrank und verschwindet wortlos in Richtung Bad. Einen Augenblick später hört sie das dumpfe Prasseln der Dusche.

Ihr Mund ist staubtrocken. Sie hat auf einmal das Bedürfnis sich zu übergeben. Einfach herauswürgen, diesen fetten, zähen Kloß, der in ihrem Brustkorb sitzt und in ihrem Kopf, der ihre Gedanken verklebt. Sie stellt es sich vor, schwarz, zäh und klebrig, wie Erdöl. Ein stinkender schwarzer Schwall, der aus ihr herausbrechen würde. Alles würde hinausgeschwemmt werden. Die Taubheit, die Lähmung, das unaufhörliche Brennen in den Augenhöhlen.

Der Gedanke lässt sie müde lächeln. 

Nach einer Weile kommt er zurück in's Schlafzimmer. Er setzt sich neben sie auf's Bett, wortlos legt er seine warme Hand auf ihren Rücken zwischen ihre Schulterblätter und verharrt dort. Ein Fremdkörper, schwer wie Blei. Sie möchte ihn abschütteln, um sich schlagen, schreien. Schreien, so lange bis ihre Stimme verebbt.

Aber es geht nicht. Nichts geht.

"Es wird schon wieder." sagt er dann mit tonloser Stimme.

"Ja."

Aber was wenn nicht?

48

Diesen Text mochten auch

31 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Das Loch ist ein Arsch! Hinterhältig. Und ein schwarzes noch dazu. Saugt Energie aus denen, die unterstützen wollen.
    Guter Text.

    23.05.2014, 22:53 von MmeKorsakow
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Problemproduktionsprozessor Nr.1:

    Aber was wenn nicht?

    25.02.2014, 15:07 von ga
    • Kommentar schreiben
  • 0

    aber was wenn nicht?

    Dann schreibste halt noch so ein Text.

    25.02.2014, 14:53 von Pa_Trick
    • Kommentar schreiben
  • 1

    der text transportiert viel gefühl. dafür mag ich ihn. aber mit fehlt die antwort die ich ich nicht geben kann. somit beibt für mich ein fader beigeschmack im sinne der hilflosen hand, die auf dem rücken ruht und lediglich daneben steht.

    02.04.2013, 20:19 von jetsam
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Es mag wieder werden.

    Ich wüsste manchmal gerne, wann dieses denkwürdige Ereignis eintreten wird...

    02.04.2013, 18:00 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Das 'Loch' das etwas andere Wort für Depression

      02.04.2013, 01:09 von SteveStitches
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      oder auch 'Käseglocke'.

      02.04.2013, 18:00 von sailor
    • 0

      oder 'versenkt'

      03.04.2013, 01:10 von SteveStitches
  • 3

    Ein wirklich feinsinniger Text, der genau das beschreibt, was passiert, wenn sich das Loch auftut.

    Das

    Aber was hat es schon für einen Sinn Dinge zu
    zerschmettern, wenn man nicht die Kraft besitzt die Scherben aufzusammeln?


    hat mir besonders gut gefallen.

    08.01.2013, 10:23 von Bender018
    • 1

      Mir auch...

      02.04.2013, 17:56 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Sonst gehst Du mir eher auf die Nerven, aber der Text ist tadellos. Grßartaig geschrieben, perfekt eingefangen und hoffentlich fiktiv.

    Aber was, wenn nicht ?

    02.01.2013, 18:37 von cosmokatze
    • 0

      Großartig.

      Tante Edith. Wo bleibst du nur ?

      02.01.2013, 18:38 von cosmokatze
    • 0

      "Sonst gehst Du mir eher auf die Nerven"


      :D
      Haha, echt?
      Warum?

      Danke trotzdem, liebes Cosmokätzchen.

      02.01.2013, 19:05 von Pixie_Destructo
    • 1

      Du bist noch anstrengender als ich.

      02.01.2013, 19:06 von cosmokatze
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Es geht nicht. Nichts
    geht.
    Das verstehen leider nur Menschen, die selbst betroffen sind oder sich aus sonstigen Gründen mit der Thematik beschäftigt haben, so ist meine Erfahrung.
    Ein guter Text, der es auf den Punkt bringt. Ich wünsche viel Glück, dass es wieder wird.

    02.01.2013, 16:40 von jeritiana
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare