kassette 13.05.2007, 15:26 Uhr 24 13

Das letzte Mahl

Wenn ich in die Schule kam, glotzten sie mich an. Doch plötzlich war sie es, die bemitleidet wurde und über die sie tuschelten.

Voller Freude und Lachtränen in den Augen saßen wir am Tisch in ihrem Garten. Ihre Eltern waren wiedergekommen. Sie waren von Donnerstag bis Samstag weg gewesen und jetzt grillten wir zur Feier der Rückkehr. Er saß neben seiner Frau und hielt ihre Hand, seine Fältchen um die Augen sah man heute besonders doll, ich glaube er war glücklich. Sie strich ihre goldenschimmernden Haare zurück und schaute ihn verliebt an. Wir wussten alle, dass dieses Wochenende ihnen gut getan hatte.

Auf dem dunklen Holztisch stand ein weißer Teller, er war mit einem schwarzen Blumenmuster bemalt und diente dem Fleisch, das übrig blieb. Ihre Mutter wollte es aufheben. Das könne man doch später noch essen, meinte sie.

Es wurde dunkel, sie zündeten Kerzen an. Ich fühlte mich hier wohl. Diese Familie war vollkommen für mich. Alles an ihnen bewunderte ich, es war alles in einem Glanz, neben dem ich mich manchmal schmutzig fühlte. Da saß ich in diesem Garten, mit hängendem Haar und (gefühlt) dreckigen Klamotten. Aber unwohl war mir in diesem Augenblick nicht zumute. Man behandelte mich, als wäre ich ein Teil der Familie.

Ich beobachtete das Geschehen und erinnerte mich daran, wie ich mich dabei erwischte hatte, als ich zu ihrem Vater "Papa" sagte. Nie hatte ich einen Vater gehabt, und ich wollte auch keinen, aber müsste ich mir einen aussuchen - wäre er es gewesen. Es war wie in einem Film, ich fühlte mich wie die einsame Hauptdarstellerin, die übertrieben schlimm dargestellt wird. Aber so war es nicht.

Der Tag im Garten ging vorüber, am nächsten Tag sollte es schon wieder regnen, meldete das Wetterteam. Sie ging in die Küche, platzierte den Teller im Kühlschrank und fragte, ob sie mich nach Hause bringen solle. Es war mir peinlich, dass meine Mutter mich nie abholen konnte. Alles war mir peinlich. Ich fühlte mich so viel schlechter. Betreten nuschelte ich in meinen Schal, dass meine Mutter ein paar Straßen weiter stehen würde, sie fände den Weg mal wieder nicht. So ein Schussel. Dabei sah ich weg, ich glaube sie spürte, dass es nicht stimmte. Ich trat aus der Tür raus und ging durch die Nacht nach Hause.
Vom Familienhaus zur Mietswohnung im siebten Stock.

In der Schule musste ich sie unentwegt anstarren. Ich mochte sie. Sie mochte mich. Ich war neidisch. Ihre Vollkommenheit, ihr perfektes Leben und ihre Undankbarkeit darüber. Bei ihr stimme es zuhause überhaupt nicht, das würden sie nur nicht zeigen wenn ich in der Nähe sei, waren ihre Worte. Wenn sie sowas sagte, kam Wut in mir hoch. An diesem Tag sprach ich kein Wort mehr mir ihr.

Der Tag neigte sich dem Ende und ich saß in meinem Zimmer. Draußen regnete es in Strömen, ich überlegte, wieso ich das alles verdiente oder ob ich es verdiente. Mir entfuhr ein erstickter Schrei. Ich wünschte ich wäre wäre ein Teil von ihrer Familie, dachte ich. "Scheiß Familie!", entfuhr mir.

Meine Mutter kam ins Zimmer, sie sah mich an legte einen Arm um mich. "Julias Mutter hat grade angerufen", sagte sie in einem Ton den ich nicht deuten konnte.
"Ja und? Was wollte sie denn?" rief ich noch in meiner Aufgelöstheit. Sie sah mich an und streichelte meine Wange, "Johannes hat sich heute morgen umgebracht." Sie sprach noch weiter, aber es trat eine automatische Verweigerung in meinem Kopf ein. Alles drehte sich.

Plötzlich brach meine Welt zusammen. Ich brach zusammen. Meine Gedanken kreisten und gelangen bei einem Endpunkt an: Es gibt sie wohl doch nicht - Die perfekte Familie. In meinem Kopf erschien ein Bild des Fleisches im Kühlschrank. Ich dachte mir, dass es dort wohl noch ewig stehen bleiben würde.

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24 Antworten

Kommentare

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    Ich denke scchon das sie glücklich waren,aber manchmal können gerade die geliebten Menschen nicht erkennen wie schlecht es jemanden geht.......

    11.06.2007, 08:54 von sternchen17
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    Ich finde du bringst das Gefühl gut rüber, das Gefühl was man in solchen Situationen Empfindet!

    28.05.2007, 23:30 von Mulimann
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    :D
    Nee, das weiß ich jetzt auch schon länger.
    Als das passiert ist war ich auch erst 13,5 ;D

    27.05.2007, 17:06 von kassette
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    Wie alt warst du denn als du dieses Erlebnis hattest? Und wann hast du den Artikel verfasst? Es wär ganz schön, wenn das irgendwie rauskommt, weil es so etwas unstimmig wirkt - als ob du mit 21 noch von deiner Mama abgeholt werden möchtest.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein furchtbares Erlebnis war, das du hier verarbeitest, aber eigentlich ist die Erkenntnis, dass lange nicht alles so perfekt ist wie es scheint, nicht so weltbewegend neu.....
    Ich will hier nicht zu viel kritisieren: Ich finds prima, dass du es geschafft hast, dass in Worte zu fassen, was dich im innersten bewegt!

    27.05.2007, 16:31 von st.ives
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    Schon klar, warum du dich Misanthrop nennst!

    25.05.2007, 12:42 von isyrider
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    @ der_misanthrop,
    ich denke das wollte kassette einfach in ihrem text ausdrücken: Es schien die perfekte familie zu sein, verliebtheit, glücklichsein, aber es war halt nicht so. Ich kann mir gut vorstellen, dass er einfach nochmal Abschied genommen hat und an dem Tag auch glücklich war. Trotzdem wollte er anscheinend sterben - warum auch immer.

    @kassette:
    ich finde deinen text wirklich beeindruckend.

    23.05.2007, 19:41 von magda
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