chrisbow 31.05.2012, 09:47 Uhr 3 6

Das gute Gefühl "Nein" zu sagen.

Früher dachte ich, wenn Oma "Fasten" sagte, meinte sie eigentlich "Diäten", heute weiß ich, es ist doch ein bisschen was anderes.

Wieder dieses leidige Thema, dachte ich, als unser Ortspfarrer von der Kanzel herunterpredigte, es ist doch Fastenzeit, eine Zeit der Besinnung. Ich lächelte, ja ja, gleich kommt der berühmte Satz: "Seid demütig!" Jetzt bin ich's, ja und nun? Was soll ich da machen? Wenn ich ans Fasten denke, dann an verbimmelte Blumenkindern in Strickpullis, die meinen, es sei eine spirituelle Erfahrung, eine Reinigung des Körpers. So ein Quatsch.

Doch das Thema sollte noch nicht gegessen sein. Beim anschließenden Cafébesuch traf ich auf einen Mann in Anzug und Krawatte, den ich schon in der Kirche gesehen hatte und der mich an seinen Tisch hinüberbat.

„Haben sie Lust mit mir einen Tee zu trinken?“

„Einen Tee? Na ja, wenn es auch Kaffee sein darf?“

„Klar, wie sie wollen.“

Ich bestellte mir also einen Kaffee und fragte ihn, warum er allein in der Kirche war. Auch er geht, wenn er in der kleinen Heimatstadt ist, hin und wieder in die Kirche, sie habe etwas heimisches, etwas vertrautes. Doch ich wollte mich gar nicht so recht über die Kriche unterhalten, nicht erklären, wie ich das mit Gott hielte und so, warum ich eigentlich kein ordendlicher Christ bin. Er merkte es mir an und fragte direkt:

„Ich glaube, von der Sache mit dem Fasten halten sie auch nicht so viel?“

Ich bejahte und erklärte ihm, dass ich das als überflüssigen Brauch empfinde, man könne doch das ganze Jahr Diät machen. Er lachte.

„Fasten ist keine Diät, es geht nicht darum Pfunde zu verlieren, es ist eine Form der Enthaltsamkeit. Wenn man fastet, verzichtet man bewusst auf etwas um zu sehen, was das Fehlen der Sache bewirkt.“

Ich sah ihn fragend an: „Ja aber geht es nicht darum, dass man eine Zeit lang nichts isst?“

„Nein, man kann mit allem möglichen fasten. Man kann zum Beispiel Fernsehfasten, oder Internetfasten, selbst Handyfasten ist möglich, insofern man es nicht für die Arbeit braucht.“

Ich war verwirrt, er lächelte zufrieden während er seinen Tee trank: „Ich zum Beispiel, verzichte seit vier Wochen auf Kaffee, Alkohol und Zigaretten.“

„Ja aber das ist doch kein Fasten.“

„Doch doch, ich will ja nicht für immer aufhören, ich will es nur eine Weile lang nicht machen.“

„Und wie läuft‘s?“

„Anfangs war es natürlich schwer, wenn man täglich fast einen Liter Kaffee trinkt, oder Freunden zu erklären, dass man an dem Abend auf das Bier verzichtet – man wirkt eben wie ein Eigenbrödler - sie würden wohl "Nerd" sagen. Die Sache mit den Zigaretten war auch ein Problem, aber ich sagte mir, sechs Wochen werde ich es auch ohne schaffen.“

Wieder sah ich ihn fragend an: „Soviel Selbstdisziplin, das würde ich mir gar nicht zutrauen, spätestens wenn ich mal nen Abend weggehe sind die guten Vorsätze dahin.“

„Nun ja, der Unterschied ist ja, dass man nicht für immer aufhört, sondern nur für eine gewisse Zeit. Außerdem müssen sie ja nicht gleich die ganz großen Sachen angehen. Fangen sie etwa mit dem Fernsehen an.“

„Ja aber, ich brauch doch die Nachrichten.“

„Ein paar Wochen werden die auch ohne sie auskommen. Verzichten sie einfach auf irgendetwas, ganz bewusst und beobachten sie sich dabei.“

Er erzählte mir, dass man auch außerhalb der Fastenzeit auf Dinge verzichten könne, doch damit war das Thema fürs erste vom Tisch. Wir redeten noch eine Weile über dies und jenes und irgendwann verabschiedeten wir uns. Auf dem Heimweg überlegte ich, dass ich das wirklich mal machen sollte, und überlegte weiter, womit ich denn aufhören könnte. Nun, sollte es das Fernsehen sein? Vielleicht erst einmal etwas kleineres. Ich dachte mir, warum nicht auch Kaffee, der ist nicht so wild, da kann ich auch Tee trinken. Gesagt getan, ich ging am Montag in den Supermarkt, kaufte mir ein paar Teesorten und wartete auf den nächsten Morgen.

Mein Mitbewohner sah mich schief an, als ich ihm sagte, ich wolle für vier Wochen lieber Tee trinken. Er lachte nur, goss sich seine Tasse Kaffee ein und ging in sein Zimmer. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Ein Gefühl, das mir der „Pilger“ verschwiegen hatte. Denn ich hatte zum ersten Mal Nein gesagt zu etwa wozu ich sonst Ja sagte, und das nur aus dem Grund, weil ich es bewusst nicht machen wollte. Das war also Fasten. Es fühlte sich gut an, denn es fühlte sich so an, als würde ich irgendetwas in meinem Leben so richtig unter Kontrolle haben.

Den Tag über war ich sehr müde, ich schob es natürlich auf den Kaffeemangel und als ich am Abend ins Bett ging, fiel ich tot um. Am Tag darauf wurde es schon besser. Im Grunde hatte sich mein Körper, glaube ich, nur eingeredet, dass er den Kaffee braucht. Nach zwei Wochen war ich der WG-Tee-Trinker, aber ich fühlte mich irgendwie gut. Nur das Gefühl der Selbstkontrolle lies langsam nach und ich begann zu überlegen, auf was ich als nächstes verzichten könnte?

Ja, das Projekt Fernsehen stand immer noch zur Debatte. Es würde hart werden, keine Frage. Denn wenn ich abends nach Hause kam, ging erst einmal die Flimmerkiste an. Nachrichten, Abendspielfilm, Fußball, was weiß ich. Aber vier Wochen würde es schon gehen. Die Sache mit dem Kaffee hatte ich längst über die vier Wochen verlängert. Ich brauchte ihn nicht mehr. Vielleicht würde es beim Fernsehen genauso laufen.

Anfangs war es wirklich schwer. Ich muss gestehen, ich ertappte mich oft dabei, wie ich gedankenverloren auf die Fernbedienung drückte, doch dann sagte ich mir: Halt, du wolltest das nicht. Nachrichten erfuhr ich nur noch über das Hörensagen. Doch das schöne Gefühl der Selbstkontrolle war wieder da. Dennoch gab es ein Problem. Es war diese beunruhigende Ruhe am Abend und keinen Plan, wie ich die Zeit ausfüllen sollte. Ich fing an ein Buch zu lesen, doch das strengte mich zu sehr an. Ich nahm mir Hörbücher, doch auch die taugten nicht wirklich. Also beschloss ich, da ich ja sowieso nichts anders vor hatte, die Zeit einfach auf dem Balkon zu verwohnen.

Ich sah in die Welt, sah Sonnenuntergänge, manchmal sprach ich mit meinen Mitbewohnern, doch eher selten, und je mehr diese Fastenzeit voranschritt, desto mehr begann ich die Ruhe zu genießen. Eine Ruhe, die auch daher rührte, dass ich nicht alle Katastrophen dieser Welt zu Gesicht bekam. Klar, als die Zeit herum war, resümierte ich auch, dass es nicht nur gute Folgen hatte, etwa verpasste ich die Finalspiele der Bundesliga, des DFB-Pokals und der Champions-League. Alles Spiele, die ich sonst mit meinen Freunden genoss. Das einzige, was mich motivierte durchzuhalten, war gerade an der Stelle das gute Gefühl, das ich hatte, wenn ich Nein sagte. Am Ende beschloss ich, das Fernsehen nicht gänzlich aus meinem Leben zu streichen, aber zumindest auf die Abende mit Freunden zu reduzieren.

Es gab noch viele andere Dinge, bei denen ich mir das Fasten vornahm, etwa soziale Netzwerke, Musik, Shopping, sogar Sex oder Freunde – nur das mit den Zigaretten habe ich nicht durchgehalten. Manches kompensiert man unbewusst, anderes fehlt einem wirklich. Ich habe sogar ein paar Wochen ohne Essen geschafft, und der erste Apfel, es stimmt wirklich, schmeckt wie die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches. Ebenso geht es einem mit dem ersten Song oder den ersten Abend in der Bar, nachdem man seine Freunde vier Wochen nicht gesehen hat.

Am Ende muss ich gestehen, war ich Fasten-süchtig geworden, das Gefühl die totale Selbstkontrolle zu haben, doch wie gesagt, es bleibt nicht von Dauer, und die Entspannung, die sich durch das Fasten einstellte, wurde durch die Sucht wieder beunruhigt. Somit habe ich das Fasten vom Fasten begonnen, seit sechs Tagen schon, und ich will es bis zum nächsten Aschermittwoch durchhalten. Doch ich kann befriedigt auf eine ganze Reihe verschiedener Veränderungen und Eindrücke zurückblicken. Fasten hat im Grunde nichts mit der Kirche zu tun, auch die Sache mit den Blumenkindern stimmt nicht so ganz. Fasten ist weniger eine spirituelle Begegnung mit irgendwelchen höheren Mächten, sondern eine bodenständige Selbsterfahrung. Ich lernte zu unterscheiden, was im Leben wichtig ist, und wovon man nur denkt, dass es wichtig sei. Dieter Moor schrieb einmal ein Buch „Was wir nicht haben, brauchen sie nicht.“ Ich habe es nie gelesen, doch es trifft den Nagel auf den Kopf. Viele Dinge, von denen wir denken, wir bräuchten sie, brauchen wir gar nicht, und die, die wir wirklich brauchen, lernen wir durch das Fasten erst richtig zu schätzen.


Tags: Fasten, Kontrolle
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3 Antworten

Kommentare

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    Inspiriernd... Danke!

    19.10.2012, 22:56 von Arcadium
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  • 1

    Ich lernte zu unterscheiden,
    was im Leben wichtig ist, und wovon man nur denkt, dass es wichtig sei.
    Triffts auf den Punkt! Find ich gut, dass mal jemand einen Text über so ein Thema verfasst :)

    04.06.2012, 20:38 von vespa86
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