Daddy, please don’t cry
Deine eisblauen Augen haben mir immer Angst gemacht. So viele Jahre. Dabei ist Eisblau eigentlich eine schöne Farbe.
Wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen?
Zwanzig, fünfundzwanzig Jahre? Ich weiß es nicht mehr so genau. Ist auch egal, du warst trotzdem immer da. In meinem Kopf, in meinen Träumen. Nicht einen Tag in diesen Jahren, an dem ich nicht an dich dachte, für eine Sekunde, für einen Augenblick. Bin davongerannt, damals, vor dir und meinem Leben in deiner Nähe. Bin gelaufen, so schnell ich konnte. Es hat nichts genützt. Du warst immer schneller als ich, hast mich immer wieder eingeholt, grinsend vor mir gestanden, mir gezeigt, wer der Herr im Haus ist, wer derjenige ist, der über mein Leben, der über mich bestimmt.
Jeden Tag, für eine Sekunde, für einen Augenblick.
Jahr für Jahr. Seit ich lebe.
Seit meiner Flucht. Vor dir. Vor dem, wie du bist und vor dem, was du gemacht hast, mit mir. In all den Jahren. Wie oft hast du mich verprügelt, wie oft ist deine Faust in meinem Gesicht gelandet? Einfach so, weil Du Spaß dran hattest oder Langeweile und besonders dann, wenn du stinkbesoffen warst. Aber das warst du ja meistens. Stinkbesoffen. Ich weiß nicht mal genau, wovor ich mehr Angst hatte. Vor dir und deinen brutalen Schlägen oder vor deinem Blick. Diesen kalten, bösen Blicken aus eisblauen Augen, die mich taxierten und immer nach Gründen zu suchen schienen. Nach Gründen, mich demütigen zu können, mir eins in die Fresse zu hauen. Ja, du hattest deinen Spaß mit mir.
Und irgendwie hast du ihn immer noch gehabt. Diesen Spaß. Bis heute. In meinen Träumen.
Es sind immer die gleichen Träume, immer die gleichen Szenen, die mich nicht loslassen wollten, die mich verfolgten. Nacht für Nacht. Ich hab versucht, ihnen zu entkommen, hab versucht, mich dagegen zu wehren. Bin geflüchtet, hab mich in Süchte gestürzt, nur um nichts mehr spüren zu müssen, nur um wenigstens manchmal nicht wegrennen zu müssen. Vor dir, deinem Blick und diesen verdammten Träumen. Auszuruhen. Mich fallen lassen zu können, ohne Angst und immer mit diesem kleinen Stückchen Hoffnung, endlich ich selbst zu sein.
Ohne dich.
Frei zu sein. Für eine Sekunde, für einen Augenblick. Du warst immer stärker. Natürlich. Hast mich weiter gehetzt, mit mir Krieg ohne Frieden gespielt. Ein grausames Spiel, bei dem es immer nur einen Sieger geben konnte. Dich. Wer sonst? Hast mich vor dir her getrieben, mich nicht aufatmen, mich nicht erkennen lassen, dass ich kein Kind mehr bin und dass der Krieg längst vorbei sein könnte. Hast mich vergessen lassen, wer ich bin. Endlich ich selbst zu sein. Und erwachsen. So viele Jahre. Bis heute.
Bis jetzt. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick.
Hier mit dir. In diesem kleinen gemütlichen Zimmer. Sie haben dein Bett so aufgestellt, das du aus dem Fenster schauen kannst. Denn das ist alles, was von dir übrig geblieben ist, wozu du noch in der Lage bist. Schauen. Für den Rest deines Lebens, das nun keines mehr ist. Hast zwei Tage in deiner Wohnung gelegen. Allein und hilflos. Nachdem dich der Schlag getroffen hat. Deine Augen sind immer noch eisblau. Eigentlich eine schöne Farbe. Unsere Blicke treffen sich. Ich kann deine Machtlosigkeit, dein Schreien und deine Tränen sehen. Kann lesen, wie du leidest und es gefällt mir.
Langsam beuge ich mich zu dir herunter. Fixiere dich, zwinge dich, mir in die Augen zu sehen. Siehst du es, Vater? Kannst du das Kind in mir sehen? Es hat begriffen. Begriffen, dass der Krieg zu Ende, dass es erwachsen geworden ist und keine Angst mehr haben muss. Vor dir und diesen Träumen. Endlich. Du? Du hast ihn verloren, diesen Krieg.
Und ich?
Ich werde jetzt lernen wie sich Frieden anfühlt…




Kommentare
Du wolltest meine Meinung: Ich kann Dir keine nennen, denn ich möchte nichts zu dieser heiklen Sache sagen, von der ich keine Ahnung habe. Meine Kindheit war sehr behütet...
13.12.2007, 01:57 von VolkarachoMein späteres Leben hat mich Menschen gebracht die mir anderweitig viel Schmerz und Kummer bereitet haben, aber bei ihnen ist der "Hass" viel einfach zu leben.
Es freut mich daß Du gewonnen hast
@Volkaracho ...mmhhh, ich glaub nicht mal, dass es ums Gewinnen geht, nicht mal um Rache - vielleicht einfach nur um die Gewißheit, dass er dem Protagonisten zumindest physisch nicht mehr zu Nahe kommen kann, was die Seele betrifft, wirds wohl ewig eine Frage bleiben...
13.12.2007, 02:06 von Kiyandu hast die worte gefunden für das.. die richtigen. es war gut das zu lesen. wirklich unheimlich guter text!!!
13.12.2007, 01:37 von cumuluswolkeder text gefällt mir. man merkt, dass er aus der seele geschrieben ist :o( tut mir leid für dich.
06.12.2007, 16:30 von Sasou07kann dich sehr gut nachempfinden. habe auch eine besch.... kindheit mit einer alkoholikermutter hinter mir.
auch sie verfolgt mich noch sehr oft, wobei ich viel verdränge (ist ja auch nicht der richtige weg). ich weiß nicht - aber macht dich dieses "rache"gefühl nicht selbst mehr kaputt? hm.. ich bin über diese hassgelüste hinaus, da ich mich nur selbst damit gequält habe (so wie du vielleicht?). nur manchmal kommen sie hoch und ich fühle mich wieder wie das kind von früher. wobei ich ehrlich bin und zugebe, dass ich auch nicht weiß, wie ich in deiner momentanen situation reagieren würde... wahrscheinlich genauso.
der text regt wirklich zum nachdenken an.
Natürlich sind einige der Methapern schon bekannt, aber wen interessiert das bei so einem Schicksal.
05.12.2007, 18:06 von touchtheskyberührt.
... you know!
05.12.2007, 17:58 von SonglineSong
Unglaubliche Worte, schön gesammelt. Gänsehaut bekommen, als ich die letzten Zeilen zu Ende las. Irgendwie jetzt gerade etwas verstört. Ein bemerkenswerter Text.
05.12.2007, 17:38 von just4ikarus