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Can you still feel the butterflies?

Mit dem Verklingen der Kirchenglocken schließt sich das letzte Kapitel um 13:04 Uhr endgültig.

Am frühen Donnerstagmorgen des 15. März 2007 ändert sich alles. Auf einen Schlag wird alles andere nebensächlich. Wolken verdunkeln die Sonne und künden vom nahenden Regen. Doch davon bekommt er nichts mit. Eine beidseitige Lungenembolie überrascht die Ärzte. Sein Kampf gegen den Krebs ist kurz, doch schwächt er seinen Körper maßgeblich. In Folge des Organversagens schaffen es die Ärzte nicht, seinen Kreislauf zu stabilisieren. Nach 24 Jahren, 10 Monaten und 18 Tagen endet alles an einem Donnerstag. Der Tod verließ die Szene noch vor dem Mittag.

Die Sonne scheint erbarmungslos, als versuche sie gegen die Trauer ankommen zu wollen. Der Dienstag zeigt sich von seiner besten Seite. Ein fast vollkommener Frühlingstag. Wie bereits die letzten Tage zeigt sich auch heute keine Wolke am Himmel. Strahlendes Blau. Trotz der Sonne ist es kühler als in den vergangenen Tagen. Die Luft schmeckt nach Harz. An der Trakehner Allee, gegenüber des Berliner Olympiastadions, finden sich unzählige Menschen ein. Ein Lächeln quält sich zur Begrüßung über die Gesichter. Die Stimmung ist angespannt. Viele sind gekommen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Sie alle wollen Abschied nehmen. 19 Tage nach seinem plötzlichen Tod findet die Beisetzung bei schönstem Frühlingswetter statt. Der Sarg wurde von der Familie und seinen engsten Freunden verziert. Fast lebensgroß prangt er mit Gitarre auf dem Deckel, der Stern aus dem Logo der Springs auf der Stirnseite. Zwischen den Rednern werden seine Lieblingslieder gespielt. Während der Trauerfeier herrscht absolute Stille unter den Gästen. Außer den Rednern sagt niemand ein Wort. Bei »For Me, This Is Heaven« von Jimmy Eat World können die meisten ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Die Anspannung, die Trauer, die Wut – all das entlädt sich nun. Und niemand schämt sich seiner Tränen.

Für seine Familie steht der schwerste Gang noch bevor. Gestützt von Freunden und den Band-Kollegen folgt die Familie dem Sarg von der Kapelle hinab zu seiner letzter Ruhestätte. Es ist wider die Natur, wenn die Eltern das eigene Kind überleben. Die letzten Zeilen von Jimmy Eat World verklingen: »I close my eyes and believe wherever you are, an angel for me.« Als der Sarg in das Grab hinabgelassen wird, nehmen die Anwesenden nacheinander von ihm Abschied. Die Schlange vor dem Grab will nicht enden. Es scheint, als passe sich das Wetter dem Ereignis an. Wolken ziehen auf und verdecken die Sonne. Gegen Mittag beginnt es zu regnen. Bis auf die Glocken der Friedhofskapelle ist es friedlich still am Sausuhlensee, um den sich das Gelände des Friedhofs erstreckt. Mit dem Verklingen der Kirchenglocken schließt sich das letzte Kapitel um 13:04 Uhr endgültig.

Die Rückfahrt mit der S-Bahn bleibt nur schemenhaft in Erinnerung. Nicht fähig nachzudenken. Ohnmächtig ob des Erlebten. In unserer noch immer stark patriarcharlich geprägten Gesellschaft ist es auch heute oftmals verpöhnt, in der Öffentlichkeit Gefühle zu zeigen, zu weinen. Tränen als Zeichen der Schwäche. Das ist an diesem Tag egal. Allein in einer Vierer-Sitzgruppe, hilflos in die Fensterecke gekauert, besteht keine Chance, die Tränen länger zurück zu halten. In diesem Moment ist es egal, wer oder wie viele diese Tränen sehen könnten. Oder was sie darüber denken. Es ist unwichtig. Es geht nicht länger darum, anderen eine Rolle vorzuspielen, Stärke zu suggerieren. In diesem Moment bin ich nicht stark. Und auch nicht fähig, meine gesellschaftliche Rolle zu spielen. Erst jetzt realisiere ich vollständig, was dort passiert ist. Was mit ihm passiert ist. Der Schauer über dem Rücken wird abgelöst durch vollkommene Hilflosigkeit. Jeder Gedanke an ihn wird zur emotionalen Tortur. Unzählige Lieder werden an dieses Ereignis, an ihn, erinnern. Jeder einzelne dieser Titel wird untrennbar mit ihm verbunden sein. Und jedes mal, wenn einer dieser Titel läuft, kämpfe ich aufs neue mit den Tränen. In den Abendnachrichten wird verkündet, dass eine hochrangige Persönlichkeit verstorben ist. Er findet keine Erwähnung. Ein tragischer Todesfall unter vielen. Schmerzhaft für Familie und Freunde. Anonym für die Öffentlichkeit. Berlin verliert einen großartigen Menschen. Die Familie verliert Volker Wintermeyer. Ich verliere Völli – einen guten Freund.

The time we had now ends
And when the big hand goes round again
Can you still feel the butterflies?
Can you still hear the last goodnight?
I close my eyes and believe
wherever you are, an Angel for me
For when the time we had now ends
And when the big hand goes round again
Can you still feel the butterflies?
Can you still hear the last goodnight?

Jimmy Eat World – For Me, This Is Heaven

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25 Antworten

Kommentare

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    "Tränen als Zeichen der Schwäche."

    Schwere Kost an einem Frühlingsnachmittag. Aber so ist das Leben. Der Tod kann jederzeit zuschlagen.

    Ich finde es stark, in der Öffentlichkeit zu weinen, wenn man eben weinen muss. Wir werden noch alle an unseren Gefühlen ersticken. Ständig die Haltung nach Außen zu wahren, um "stark" zu wirken, ist für mich eher Schwäche, denn "Stärke".
    Mich machen Tränen immer fassungslos, aber ich empfinde sie NIE als Schwäche. Im Gegenteil - ich sehe Emotionen, die heftig sind und das mag ich.

    07.05.2011, 15:04 von Jackie_Grey
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Sehr schön geschrieben.
    meine herzlichstes Beileid!!!!

    04.05.2009, 17:36 von Dina-Lisa
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    bewegender text.
    wundervolles lied.

    18.12.2007, 22:43 von eighteenseconds
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    Auch ich kämpfe beim Lesen Deines Textes mit den Tränen. Ein Bekannter von mir ist vor drei Jahren mit 26 Jahren einfach tot umgefallen. Noch heute bin ich fassungslos wenn ich daran denke. Die unzählig vielen jungen Leute auf der Beerdigung, die wir doch im Leben mit vielem rechnen, aber nicht mit dem baldigen Tod . Seine Eltern, die ihr einziges Kind begraben mußten. All das werde ich wohl für den Rest meines Lebens wieder im Kopf haben, wenn ich "Every breath you take" höre. Verbunden mit einem Ziehen im Herzen...

    08.05.2007, 23:19 von san_diego
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    Toll,geschrieben,sehr bewegend! Ich wünsche dir viel kraft! Das wichtigste ist das er einen platz in deinem Herzen hat und da bin ich mir sicher das es so ist!
    Lg

    07.05.2007, 08:54 von sternchen17
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    Alles Gute

    06.05.2007, 23:28 von X-Pati
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    wow. Es gibt schon besondere menschen im leben.
    der artikel bringt die leute zum weinen.

    06.05.2007, 19:15 von JulianSilence
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  • 0

    alles gute für dich..... tut mir so unendlich leid. warum muß man so was ertragen???

    06.05.2007, 02:39 von Tani9
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  • 0

    deja vu. so much.

    05.05.2007, 19:08 von mr_selfdestruct
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