mayee 23.02.2009, 11:31 Uhr 1 1

Burn-out ist in

Burn-Out ist in. Doch eigentlich auch nur eine faule Ausrede...

Da war diese Freundin, die nichts großartiges studierte. Die keine familiären Probleme hatte, eine ganz hübsch anzusehende Person war, hilfsbereit und immer so ein Lächeln auf den Wangen, dass es mir in ihrer Gegenwart vorkam als sei ich die Tochter von Angela Merkel. Eines Abends erzählte sie mir, aus vollster Überzeugung, dass sie das so genannte "Burn-Out"-Syndrom habe und daher die nächste Zeit nicht mehr "verfügbar" sein werde. Ich nickte nur, ohne zu wissen, was das jetzt bedeutete und verabschiedete mich auf ungewisse Zeit von ihr.

"Burn-out", so etwas kannte ich bisher nur von gestressten Geschäftsleuten, die eine 60-Stunden-Woche nach der anderen schoben. Und nun sollte es meine ach so beschäftigte Kommillitonin erwischt haben? Ich schüttelte darüber solange den Kopf, bis ich den nächsten Infizierten traf. Es handelte sich dabei um eine weitere Uni-Kollegin, die sich bei mir ausheulte, darüber, dass sie sich bei ihren Spagatübungen zwischen Job, Haushalt und Uni die Beine verrenkt hätte. Nun müsse sie sich schonen und habe bereits einen Termin zum psychologischen Beratungsgespräch vereinbart. Nichts würde sie mehr auf die Reihe kriegen. Alles sei ihr über den Kopf gewachsen. Ganz klarer Fall von "Burn-out" meinte sie. Ob sie es mal mit Ausgleichssport, wie Joga oder so probiert hätte, fragte ich laienhaft und bekam daraufhin sofort ein entrüstetes "natürlich" zu hören. Nichts hätte geholfen, daher ja auch die eindeutige Diagnose.

Es lief darauf hinaus, dass ich zu Semesterende keine "gesunden" Freunde mehr hatte und nur noch als "Seelentröster" und "Auffangbecken für Depressionsfolgen" Bereitschaft hatte. Keine große Hilfe, wo ich doch selbst welche gebraucht hätte. Doch was ich lediglich zu hören bekam, wenn ich mich mal wieder über meine Unproduktivität und Inkonsequenz beschwerte war: "Du hast doch schon deinen Abschluss. Und das mit der Doktorarbeit wirst du schon hinkriegen. Hast doch alle Zeit der Welt." Wie man's nimmt. Wenn man die Zeit bis zu meinem voraussichtigen Lebensende meint, sollte ich wirklich nicht von Zeitdruck sprechen, doch in Anbetracht meiner finanziellen Lage und dem Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, auf dessen Zielfahne die Worte "Jung-Erfahren-Flexibel" prangern, dürfte ein klein wenig mehr Tempo meinerseits mehr als gefragt sein. Nun ist das Promovieren zwar keine Pflichtveranstaltung, um in die Arbeitswelt aufgenommen zu werden, doch wer am Ende all seine Kapazitäten ausgenutzt wissen will, sollte darauf nicht verzichten (meint mein Prof). Wenngleich ich nur von Glück reden kann, was meine beiden Nebenjobs angeht, die mich zur Zeit über Wasser halten, kann ich nicht behaupten, dass ich mit ihnen auf hoher See befinde. Sie dümpeln eher im seichten Wasser vor sich her und warten darauf vom Anker gelassen zu werden. Dieser schwere, im tiefen Sand vergrabene Anker heißt für mich "Promotion" und liegt mir wirklich wie ein dicker Klotz am Bein. Er macht mir ständig ein schlechtes Gewissen, selbst wenn ich gerade Bücher wälze, die mich der Erkenntnis näher bringen doch noch etwas produktiv zu sein. Doch ehrlich gesagt verbringe ich die meiste Zeit meiner Woche beim Radio, für das ich tätig bin, erledige "Dinge" für Freunde und Familie, die entweder einem geregelten Job nachgehen (daher zu den Geschäftszeiten öffentlicher Ämter verhindert sind) und/oder dem "Burn-out"-Syndrom sei Dank attestiert zuhause dem Nichtstun nachgehen dürfen.

Gelobt sei dieses psychologische Wörtchen, das auch mich aus meiner Faulheit-Falle erretten könnte, würde ich es nur zulassen. Denn bisher sehe ich in meiner selbsttäuschenden Suche nach anderen Dinge, mit denen ich ohne weiteres die zahlreichen Wochen des Jahres füllen könnte, um das schlechte Gewissen zu übertönen, welches leise in mein Ohr flüstert "Und was hast du heute für deine Doktorarbeit getan?"- bisher sehe ich darin lediglich den Versuch die Zeit zum Stillstand zu bewegen. Und was wäre dann? An der Tatsache nichts für mein zukünftiges Leben getan zu haben würde es nichts ändern. Genauso wenig wie die Diagnose "Burn-out". Ob man nun zuhause in Selbstmitleid schwelgend oder vor dem Psychologen seines Vertrauens sitzend seinem Burn-Out nachgeht oder hektisch seine Einkäufe erledigt, irgendwelche Behördengänge tätigt, der berufstätigen Mutter den Hund ausführt, dann schnell zum Fitness-Studio hetzt, um sich dann völlig erschöpft zuhause (guten Gewissens!) auf die Couch zu werfen, ändert doch nichts an dem Fakt selbst nicht weiter gekommen zu sein.

Es kommt mir so vor, als müssten wir uns für all unsere Taten rechtfertigen oder Alternativen suchen, die diese relativieren. Es reicht anscheindend einfach nicht mehr aus einfach nur zu sagen "Mensch, ich hab Stress, ich glaub ich brauche mal wieder Urlaub". Wir haben sofort ein schlechtes Gewissen, wenn wir für einige Augenblicke den Wettbewerb verlassen und uns von der Nebenstraße aus die schöne Landschaft ansehen, während die anderen in einem Affentempo über den Asphalt jagen. Warum können wir nicht ohne psychologisches Gutachten für einige Momente auf die Bremse drücken, rechts ranfahren und mal tief durchatmen. Es sagt ja keiner, dass wir nicht wieder losfahren würden, doch irgendwann muss doch jeder mal tanken.

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Kommentare

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    "Warum können wir nicht ohne psychologisches Gutachten für einige Momente auf die Bremse drücken, rechts ranfahren und mal tief durchatmen. Es sagt ja keiner, dass wir nicht wieder losfahren würden, doch irgendwann muss doch jeder mal tanken."

    Volltreffer - scheint ein ähnliches Tabu zu sein wie die Frage nach dem Verdienst. Oder auch das Thema Geld allgemein.

    21.03.2009, 01:19 von flughund
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