srsly_improvable 14.08.2012, 20:28 Uhr 6 7

Blick in den stillen Wahn

Ich gehe in die Details und erdenke mir meinen kleinen Wahnsinn.

Siebter Stock, siebziger Jahre Hochbau, Fenster einfach verglast, die Luft steht. Wenn man sich nach vorne beugt fängt man vielleicht die kleine Brise auf, die anscheinlich von einem Ventilator herrührt, der irgendwo leise brummend seinem Werk folgt. Doch auch dieser schwül-warme Hauch ist weniger als unwesentlich erfrischend. Es ist vielmehr eine Verwirbelung, die einen nur umso mehr schwitzen lässt.

Alle Rollläden und Jalousien sind heruntergelassen und verleihen dem Flur eine unwirkliche Atmosphäre. Licht dringt durch die Schlitze und reflektiert von allerlei Oberflächen in verschiedene Richtungen als versuche es, den Rückweg nach draußen zu finden. Zwischen all den Lichtstrahlen wabert ein kaum sichtbarer Dunst, der die Luft schwer macht, schwer an Feuchtigkeit, und einen unguten Duft in sich trägt trägt. Es scheint als habe man diese Höhle länger nicht gelüftet, befinde sich am Rande der lichtdurchfluteten, lauten Realität, die irgendwo weiter unten, draußen vor den Fenstern stattfindet. Bis auf ein stetiges Klicken und Klackern scheint die Wohnung verlassen und ruhig, nur bevölkert von Feuchtigkeit, Wärme und dem unangenehmen Geruch abgestandener Einsamkeit.

Wir wollen uns ein wenig vom Eingang wegbewegen und tauchen in den wabernden, halb sichtbaren Dunst ein. Linkerhand fällt uns die Küche ins Auge. Sie ist grundsätzlich farb- und geschmacklos eingerichtet und war wohl früher schlicht in einem Eierschalenweiß gehalten, mit U-förmigen Holzgriffen in selber Farbe an jeder Tür. Das frühere Weiß scheint einer Mischung aus Grau und Gelb gewichen und bietet sich als klebrige Oberfläche dem Auge des Betrachters dar. Die Ablage, wohl einst von grauer Tönung, von einem ungleichen Muster durchzogen, hat sich stark verdunkelt. Zum Teil durch die Schatten der auf ihr platzierten Gegenstände, zum anderen durch die schwarz schimmelnde Flüssigkeit, die sich auf weiten Teilen ihres Korpus ausgebreitet hat und sich zwischen offenen Verpackungen, gebrauchtem Geschirr und Reste aller möglicher anderer Dinge, die im schummrigen Licht nicht genau zu definieren sind, hindurch schlängelt. Ein weiteres Geräusch kommt zum steten Klicken und Klackern hinzu. Der Wasserhahn tropft. Nicht in Form eines aufdringlichen halblauten Plätscherns, das sich nahezu in jeder Sekunde wiederholt, sondern in längeren Abständen. Dabei fallen die Tropfen auf einen alten Küchenschwamm der ihnen so das „Klong“ nimmt, welches sie auf dem Boden der Spüle normalerweise hinterlassen hätten.

Gut, dass wir keine Schuhe anhaben, weil wir ja eigentlich gar nicht hier sind. Sie hätten sicher am gefliesten Boden haftenden Kontakt gefunden.

Die Tür gegenüber scheint das Badezimmer zu beherbergen. Alleine der Geruch, der dem kleinen Spalt, den die Tür offensteht entströmt, lässt uns aber davon absehen, diesen Ort näher zu begutachten. Also wenden wir uns, körperlos wie wir sind, lautlos und ungesehen dem dritten Zimmer der Höhle, am Ende des Flures, zu. Es scheint die Quelle der klickenden Laute zu sein, die unsere bisherige Tour begleiten. In dem kurzen Flur den wir durchschreiten befindet sich ein verstaubter Spiegel an der Wand links von uns. Er scheint älter zu sein, besitzt eine ovale Form, fast wie ein Ei und ist von Holz eingerahmt, an den Seiten vorsichtig ornamentiert. In dem schmalen Spalt zwischen Glas und Holz stecken verschiedene Karten, mehrere Speisekarten von Lieferanten, die Karte eines Versicherungskaufmanns eines großen Unternehmens und die Telefonnummer eines „Blue Bar Dance Club“ Etablissements.

Unter dem Spiegel befindet sich eine kleine Kommode, aus ähnlicher Zeit wie auch der Spiegel. Auf ihr türmt sich ein größerer Stapel Post auf. Hätten wir Hände die wir benutzen könnten, würden wir uns durch den Stapel blättern um zu sehen, was er so birgt. So können wir allerdings nur den Absender des ersten Briefes lesen. Es scheint eine größere Bank zu sein, die hier Kontakt suchte ohne ihn bis jetzt gefunden zu haben.

Das Klicken hört plötzlich auf. Wie verwunderlich. Hatte es uns doch auf unserem Weg stets begleitet und ein Anzeichen für die Existenz eines Lebewesens dargestellt, scheint die Wohnung plötzlich um einiges leerer und unwirtlicher zu sein als sie ohnehin ist. Allerdings stellt sich nun ein Surren ein, die Bewegung eines mechanischen Teiles, das auf Schienen eine vorgeschriebene Strecke bestreitet um so ein Produkt anzufertigen. Wir kennen das Geräusch, es scheint ein Drucker zu sein, älteren Jahrgangs, er ist sehr laut. Ein guter Grund uns an den vor uns verstreuten Schuhen und Kleidungsstücken vorbei und hinüber zum letzten Raum der Höhle zu bewegen. Türen gibt es keine, wir haben also freie Sicht.

Wir betreten den größten Raum. Rechts fallen die großen Fenster auf, die Richtung Hauptstraße zeigen. Man könnte gewisse sehr weit hinaussehen auf die Stadt und das Land dahinter, wären die Jalousien nicht heruntergelassen und so nur einige Lichtreflexe und Farbfetzen sichtbar. Vor den zwei großen Fenstern befindet sich ein großes Stoffsofa, in Rot. Es scheint sogar einigermaßen sauber, nicht in dem Maße fleckig und verwohnt, wie der Rest der bisherigen Besichtigung. Ganz im Gegensatz zu dem kleinen Holztisch davor. Er scheint eine ganze Zivilisation von gerauchten Zigaretten zu beheimaten, die sich nach unterschiedlichen Tiefen der Brandlöcher anordnen. Dazwischen finden sich immer wieder Papierfetzen unterschiedlichster Größe, Farbe und Form, auf denen teils lesbar, teils nicht, Worte und Gebilde gekritzelt sind. Für uns ergeben sie keinen Zusammenhang, ebenso wenig wie das blaue Testbild des älteren Röhrenfernsehers an der Wand gegenüber, der auf ein paar Holblöcken aufgebaut zwischen zwei vertrockneten Orchideen trostlos ins Zimmer leuchtet. Rechts daneben, zur Raummitte hin, fällt uns ein Bücherregal auf, an dem wir wohl vorbeigekommen sein müssen während wird den Raum betraten. Es stehen kaum Bücher darin, wohl deswegen wurde es übersehen. Die Bücher liegen zum großen Teil davor und auch um das Regal herum, nur wenige noch komplett und unzerstört, viele zerfleddert, nass, zerrissen, verbrannt. Die Stücke Papier, die wir in auf dem Tisch gefunden haben, scheinen von diesen Büchern zu stammen.

Ein leises Summen setzt ein, das erste Mal, dass wir eine menschliche Stimme hören, scheint sie auch rau, leise und fast vom Dunst verschluckt zu werden. Die Melodie kommt uns bekannt vor, verzerrt aber bekannt. Sie klingt wie ein altes deutsches Kinderlied von einem Wanderer, der alleine hinaus in die Welt geht, mit Stock und Hut.

Das Summen veranlasst uns am Bücherregal vorbei in die andere Hälfte des Zimmers zu schauen. An der Tür vorbei steht an verlängerter Wand entlang ein großer Schrank aus massivem Buchenholz, die Türen weit geöffnet. Aus ihm heraus erstreckt sich die Spur von Klamotten, die im kleinen Flur ihr Ende fand. Interessant ist allerdings die andere Seite, an der gegenüberliegenden Wand. Auch hier befindet sich ein Fenster. Dieses scheint mit Rollläden von außen sowie einem schwarzen Tuch von innen verhangen zu sein, es dringt kaum noch Licht herein. Unter diesem Fenster steht ein improvisierter Tisch, bestehend aus zwei Holzböcken und einer großen Pressspahnplatte, die quer darüber liegt. Auf ihr leuchtet weiß der Bildschirm eines Computers, den wir aber nur zum Teil sehen. Ein Kopf verdeckt den größten Teil.

Eine Person sitzt vor dem Rechner auf einem Klappstuhl aus Holz. Sie wippt leicht im Rhythmus des Kinderliedes welches sie summt. Ein kleiner Man, zu erkennen an dem sehr schütteren Haar auf seinem Hinterkopf. Er trägt ein ehemals weißes, nun fleckiges Unterhemd und kurze Hosen, seine nackten Mageren Beine schauen unter dem Stuhl hervor auf dem er sitzt. Rechts neben ihm steht der alte Drucker, den wir bereits im Flur hören konnten. Er spuckt eine bedruckte Seite nach der anderen aus und summt so scheint es fast fröhlich vor sich hin. Wir versuchen ein Stück näher heranzutreten. Ein beißender Geruch von Urin, Kot und Schweiß steigt uns von dem kleinen, mageren Mann, der vor dem Bildschirm sitzt, in die Nase. Eine leichte Rauchfahne steigt von seiner rechten Hand hinauf zur Decke, nur gelegentlich von dem kleinen Ventilator gestört, der sich auf der anderen Seite des improvisierten Tisches dreht. Er raucht.

Da wir nun einen Schritt näher am Geschehen sind, können wir einen Blick auf die Seiten werfen, die aus dem Inneren des Druckers hervorkriechen. Es handelt sich bei dem Text auf dem Papier nur um drei Wörter: „Es ist vollbracht“. Ein Blick auf den Bildschirm verrät uns, dass auch diese drei Wörter dort auf weißem Hintergrund geschrieben stehen. Der blinkende Strich am Ende der Zeile, taucht auf und verschwindet im selben Rhythmus des Kinderliedes, dass unser Höhlenbewohner summt und in dem er leicht vor und zurück wippt.

Plötzlich ebbt sein Summen ab, er erhebt sich und blickt sich um, fast so als hätte er unseren Blick in seinem Nacken gespürt. Doch das kann natürlich nicht sein, wir sind körperlos unterwegs, eigentlich gar nicht hier. Trotzdem scheinen seine weit aufgerissenen Augen vor blutdurchzogenem Weiß uns fixieren zu wollen, während er halb umgedreht vor uns steht und Richtung Schrank blickt. Er scheint wirklich sehr mager, die Haut an seinen Wangen eingefallen, die Augen tief in ihren Höhlen und der Kiefer kantig hervorstehend. Sein Gesicht weist, wie der Rest seines unbekleideten Körpers eine ungesunde, aschgraue Färbung auf, die dem Verfall mehr ähnelt als dem Leben, einzig unterbrochen von seinem drei-Tage-Bart, der schwarz um seinen Mund wuchert. Entweder lauscht er gerade nach Geräuschen die ihm fremd sind oder der Wahnsinn, den seine Augen zeichnen, macht sich bereits bemerkbar.

Langsam wendet er sich wieder dem Drucker zu, der munter seinem Werk nachgeht. Er greift in das Papierfach und nimmt sich ein einzelnes Blatt heraus, das er sorgsam zerknüllt und neben sich auf den Boden fallen lässt. So fährt er weiter fort einen Ring aus Papier um seinen Stuhl zu ziehen und beginnt dabei wieder zu summen. Wir können die Melodie nicht recht erahnen, es klingt manchmal wie „O Fortuna“, manchmal nach den verschiedensten anderen Liedern aller möglicher Genres und Zeiten. Die Zigarette ist zwischen Seinen Fingern mittlerweile erloschen.

Nach einiger Zeit, mehrmaligem Auffüllen des Druckerpapiers und weiterem Zerknüllen, hat er einen beachtlichen Haufen Papier um sich herum aufgeschichtet. Er setzt sich wieder auf seinen Stuhl, inmitten des aufgetürmten Papiers. Der Drucker schweigt nun, er summt nicht mehr, der Ventilator und das Netzteil seines Computers unter dem Tisch bieten nun die einzige Geräuschkulisse. Auch das Licht, welches vereinzelt von draußen hereindringt, scheint schwächer geworden. Der Abend läutet zunehmend seine Ankunft ein, die Sonne sinkt tiefer.

Der Bewohner greift nun zu einer Flasche neben dem Bildschirm. Wir müssen sie vorher übersehen haben, sie war uns bis jetzt nicht gewahr. Eine durchsichtige Flüssigkeit schwappt in ihr hin und her. Langsam, schon fast andächtig, löst er den Schraubverschluss von ihrem Hals und stellt die offene Flasche dann vor sich auf den Tisch. Er greift zu der Zigarettenpackung daneben, inmitten einiger anderer Packungen, vermeintlich leer und verrauchten Stummeln. Mit einem elektronischen Feuerzeug zündet er sie an, ehe er den Rauch tief inhaliert. Da er wieder sitzt, den Kopf von uns abgewandt, bewegen auf die rechte Seite des Tisches um ihn weiter beobachten zu können.

Während wir dies tun, langt er mit einer Hand an die Flasche. Erst scheint es als wolle er sie streifen, streicheln fast. Doch dann zuckt seine Hand gegen sie und ihr durchsichtiger Inhalt ergießt sich auf seine Beine und das herumliegende Papier. Wir nehmen schlicht an, dass sie das eigentlich nicht tun sollte, da uns von ihr ebenfalls ein beißender Geruch in die unsichtbaren Nasen kriecht. Ihn selbst scheint es aber nicht weiter zu stören. Er nimmt einen weiteren kräftigen Zug von seiner Zigarette und lässt den Arm dann wie in Zeitlupe herniedersinken, bis die Zigarette kurz vor dem oberen Ende des Papierhügels zum stehen kommt. „Es ist vollbracht!“, murmelt er leise und lässt sie zwischen den Fingern herausgleiten. Sie fällt auf die ersten zerknüllten Seiten und verschwindet dann durch Falten und Höhlen der verschiedenen Blätter aus unserem Blickfeld. Doch wir können hören was geschieht. Ein Knistern, erst leise, dann immer lauter mischt sich zu den Geräuschen von Computer und Ventilator. Die ersten Flammen schlagen aus dem Papier und beginnen am lackierten Holz des Klappstuhls zu lecken. Wir treten einen Schritt zurück während das Feuer langsam seinen Weg durch den Haufen hin zu der Person sucht, die auf ihrem Holzthron platzt.

Als der Rauch sich im Zimmer verdichtet und die Flammen an seinen Oberschenkeln entlang Richtung Oberkörper schlagen, beginnt unser Bewohner wieder leise das Kinderlied zu summen, mit Stock und Hut. Und während er nahezu gemächlich in Flammen aufgeht und bald lichterloh brennt verstummt auch nach und nach sein Summen, fast genauso wie das Licht von draußen, als wolle die Sonne ihren letzten Strahlen des Tages den Anblick des lodernden Wahnsinns ersparen.

 


Tags: Wahnsinn
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6 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich mag den Stil: Auf der Beobachterposition rein vom Phänomen her zu beschreiben, unmerklich Beobachter einer wahnsinnigen Situation zu werden, die erschreckend gleichmütig vor sich herschippernd passiert. Die Atmosphäre fängt mich ein der Verleauf der Geschichte wirkt stimmig.
    Gern gelesen!

    24.08.2012, 06:20 von Sultanine
    • 1

      Vielen Dank für die aufgewandte Zeit und die netten Worte!

      24.08.2012, 12:59 von srsly_improvable
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  • 1

    Ich hab es mal zusammengefasst, also das interessante:


    Siebter Stock, siebziger Jahre Hochbau, Fenster einfach
    verglast,
    Eine Person sitzt vor dem Rechner auf einem Klappstuhl aus
    Holz. Sie wippt leicht im Rhythmus des Kinderliedes welches sie summt.
    Es handelt sich bei dem Text auf dem Papier nur um drei Wörter:
    „Es ist vollbracht“.
    Als der Rauch sich im Zimmer verdichtet und die Flammen an
    seinen Oberschenkeln entlang Richtung Oberkörper schlagen, beginnt unser
    Bewohner wieder leise das Kinderlied zu summen,

    16.08.2012, 18:20 von Surecamp
    • 0

      Ich bin etwas detailverliebt, waren andere auch. Ich kann damit leben :).

      16.08.2012, 21:17 von srsly_improvable
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  • 3

    Ungewöhnlich! Gut! Atmosphärisch! Endlich mal wieder ein Text, der mich (vor allem in Bezug auf die Schreibweise) RICHTIG gefesselt hat. Ich nehme da für mich einiges mit raus ;-) Großartig, bitte mehr davon!

    14.08.2012, 23:06 von Mrs.McH
    • 1

      Vielen Dank für deine Komplimente. Ich werde mich weiter redlich bemühen :-).

      14.08.2012, 23:24 von srsly_improvable
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