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Bist Du krank?

Jeder ist anders. Einzigartig. Ich bin auch. Anders. Eigenartig.

Die Schmerzen werden stärker. Ich weiß nicht, wieviel Grad hier drinnen sind, aber für die meisten Menschen wird es eine angenehme Raumtemperatur sein. Für die meisten Menschen. Ich bin nicht die meisten Menschen. Niemand ist die meisten Menschen. Jeder ist anders. Einzigartig. Ich bin auch. Anders. Eigenartig.

Im Alter von neun Jahren war mein liebstes Kleidungsstück ein dunkelgrünes Langarmshirt. Den Begriff Langarmshirt kannte ich damals noch nicht. Ich nannte es Oberteil. In der Mitte war ein lilafarbener Aufdruck in Form eines Quadrates, kein Schriftzug, kein Markenname, keine Botschaft. Goldig glänzende Pailletten waren in Form eines kleineren Quadrates in das Große eingenäht. Das Langarmshirt hatte Trompetenärmel mit dunkelrotem Saum aus Samt. Den Begriff Trompetenärmel kannte ich damals schon, weil ich ständig Oberteile mit Trompetenärmeln tragen wollte. Heute benutze ich dieses Wort nicht mehr. Ich finde, es klingt falsch. Überhaupt benutze ich ausschließlich Worte, die nach meinem Empfinden klingbar sind. Das bedeutet ganz einfach, dass sie sich passend anhören. Auch, wenn es manchmal die falschen Begriffe für etwas sind. Das Bild in meinem Kopf muss stimmig sein. Damals, im Alter von neun Jahren, war das noch nicht so. Ich benutzte die richtigen Begriffe für alles und trug immer mein dunkelgrünes Oberteil mit den Trompetenärmeln.

Auch an diesem einen Abend, als wir bei den Nachbarn eingeladen waren. Meine Mutter wollte, dass ich etwas “Richtiges” anziehe und mein Vater sagte, dass es doch egal sei und ich nun mal ein Gammelhippie werden würde. An diesem Abend wurde also meine Zukunft bestimmt. Ein fauler, nichtsnutziger Gammelhippie würde aus mir werden, weil ich fast immer dasselbe Oberteil tragen wollte und niemand außer mir sich für Trompetenärmel begeistern konnte.

Ich bin nicht das geworden, was man als Gammelhippie bezeichnen würde. Ich trage heute keine Trompetenärmeloberteile mehr. Ich trage meist etwas “Richtiges”. Das findet sogar meine Mutter. Deswegen sind die meisten Menschen auch zufrieden mit mir. Ich sehe angepasst aus und den meisten Menschen reicht das. Die meisten Menschen wollen bloß, dass niemand ihr aalglattes Bild der Oberfläche verzerrt, weil er Trompetenärmeloberteile trägt. Sich mit dem beschäftigen, was unter der Oberfläche ist, das ist zu anstrengend. Unter meiner meist angepassten Oberfläche habe ich Schmerzen. Und mir ist kalt, sodass ich mich krümmen muss, obwohl ich unter einer Decke liege, in einem Zimmer mit angenehmer Raumteperatur.

Deswegen machst du dir Sorgen.

Ich mir auch.

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17 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich liebe den Text. Er sagt genau das was ich fühle und denke, nur hätte ich es nicht so ausdrücken können.

    Bin immer noch unangepasst und werde auch weiterhin gegens angepasst sein kämpfen auch wenn das nicht immer leicht ist...

    20.11.2012, 23:31 von elefantenfeder
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  • 1

    Damit hast du wohl Recht. Den Menschen reicht die angepasste Hülle. Wenn die Hülle nicht aus der Reihe tanzt, scheint für die Gesellschaft alles in Ordnung und keiner macht sich die Mühe, genauer hinzusehen.

    20.11.2012, 12:24 von Tora
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  • 1

    Klasse Text. Ich habe den Eindruck, dass der Protagonist autistisch sein könnte. Kommt mir das nur so vor, oder war´s beabsichtigt?

    17.11.2012, 18:17 von Lovely_Strings
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      ich nicht, weil dann hätte hier wieder jeder rumgemault: ach gott diese betroffenheitsschiene. dieses gejammere, dieses selbstmitleid.


      16.11.2012, 20:47 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Weder Vater nur Mutter verstehen dieses Kind.
    Keiner von beiden ist souverän genug es so anzunehmen, wie es nunmal ist. Das tut weh.

    16.11.2012, 11:35 von Tanea
    • 0

      nur=noch

      18.11.2012, 10:37 von Tanea
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  • 1

    ist die äußere hülle wirklich wichtig? ich trage 12 - 14 stunden täglich einen anzug und krawatte. manchmal fällt es mir nicht mal auf, wenn ich mein büro schließe und mich ins sofa fallen lasse. meistens, wenn ich einen scheißtag hatte. aber sauwohl fühle ich mich in dieser alten gammeljeans mit löchern in den taschen. und wenn ich keinen bock auf anzug habe, dann nehme ich mir die freiheit und gehe auch mit dieser gammeljeans ins büro. scheiß drauf, was der rest der welt davon hält, schließlich ist es dann meine innere überzeugung, nicht angepasst zu sein.

    15.11.2012, 20:51 von jetsam
    • 1

      Ich glaube, darum geht hier nicht....

      16.11.2012, 10:52 von cosmokatze
    • 0

      manchmal liege ich mit meinen gedanken zu texten sowas von daneben. :( dann hätte ich doch gerne deinen roman dazu. ;) 

      16.11.2012, 10:55 von jetsam
    • 0

      ...dann müßte ich sehr weit ausholen und sehr persönlich werden.
      Vielleicht kann ich es umschreiben...
      Nicht jede Kindheit ist glücklich, dafür gibt es natürlich verschiedene Gründe. Das Oberteil gab ihr Sicherheit, war wie eine Art Rüstung. Damit fühlte sie sich gut, sicher, besonders.

      Durch den Kommentar des Vaters wurde diese Wirkung zerstört.
      Seitdem ist die Autorin bedacht darauf, keine negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das bedeutet, dass sie sich oft verstellt, was wiederum dauerhaft jemanden krank machen kann oder sehr unglücklich. Man funktioniert, um nicht sein Umfeld zu belästigen. Das ist natürlich falsch und sie sollte das ändern. Allerdings ist das für einen sensiblen Menschen ein Kraftakt, der gut überlegt sein will.


      16.11.2012, 11:07 von cosmokatze
    • 0

      so gesehen hast du recht. ich hätte es auch als „roman“ schreiben können. Meine Anzüge nehme ich nicht mehr war. Sie sind aber nicht ich. Und wenn vom büro aus auf eine feier gehe, keine zeit habe mich umzuziehen, dann werde ich schief angesehen. Sie passen nicht zu der welt, in der ich privat lebe. der unterschied besteht nur darin, dass meine kleidung der  angepassten gesellschaft entspricht, ich jedoch lieber in gammeljeans rumlaufe.

      16.11.2012, 17:08 von jetsam
    • 0

      Manchmal stehe ich unter dem inneren oder äußeren Druck mich "schick machen" zu müssen, aber keinen Bock darauf zu haben. Dann werde ich beim rumprobieren vor Kleiderschrank und Spiegel immer unglücklicher, bis ich doch wieder in Pulli und Jeans schlüpfe, die Haare mit nem Gummi zusammenwurstel und losziehe. Nicht schick, aber zufrieden...

      18.11.2012, 10:40 von Tanea
    • 0

      Aber ich glaube immer noch, dass es nicht darum geht. Statt eines Kleidungsstücks hätte im Text auch ein Schmuckstück oder Schuhe oder ein Stofftier vorkommen können.Es geht darum, welche Wirkung "das gewisse Ding" für sie hatte.

      18.11.2012, 17:24 von cosmokatze
    • 0

      Ach, ich fand die Off-Topic-Idee von jetsam trotzdem spannend.

      18.11.2012, 19:34 von Tanea
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  • 1

    Hach.
    Ich könnte jetzt aber einen Kommentar in Romanlänge schreiben.
    Zu anstrengend.
    Aber ich krümme mich verstehend mit Dir.

    15.11.2012, 18:59 von cosmokatze
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