derHerrMitDemPixel 17.04.2010, 14:11 Uhr 33 37

Bis hierhin allein.

Vor 15 Jahren habe ich beschlossen, keine Angst mehr zu haben.

Damals blickte mich ein kleiner Junge aus dem Spiegel an, "Chiemsee" auf dem Pullover und die Hand im Haarwachs; Camouflage für die Welt vor der Haustür, die mir furchtbare Angst einjagte.

Ich beschloss, in den Krieg zu ziehen.

Ein Jahr später hatte ich immer noch den Chiemseepullover.
Der Kriegsbeginn hatte ihn durchlöchert, und der Chiemseespringer sprang jetzt auf ein A im Kreis. Stacheln aus Stahl durchbohrten meine Jacke, und das Haarwachs hatte ich gegen Haarlack - oder besser - Klarlack getauscht, damit die Stacheln auch meinen Kopf zieren konnten. Ich war mein perfekter Soldat, und ich zog aus, das Fürchten zu verlernen.

Ich verlernte die Angst vor der Dunkelheit, vor der Einsamkeit, vor Spinnen und vor allem, was mich bis dahin jemals geängstigt hatte. Ich gab die Angst vor dem Tod der Anderen auf, als meine Leute starben, und ich gab die Angst vor meinem Tod auf, als Stiefel meine Rippen brachen und mein Blut meine Augen verklebte. Danach war alles relativ und dann, als das Blut eines Anderen an meinen Fingern klebte, zog ich die Stacheln ein und hörte auf.
Der heiße Krieg wurde zum Kalten...

Ich begann aufzubauen. Firmen, Freundschaften, Liebe, Zukunft. Dinge, die "Sinn" machen.. soweit Dinge eben Sinn machen können... Dinge, die nicht "dagegen" sind, sondern "dafür".
Festungen gegen alle Ängste, mit denen man wohl lernen muss, zu leben, weil man sie nicht besiegen kann. Ich wurde Fels in der Brandung für meine Leute. Und natürlich auch für mich. Wer Fels sein will, der wird es eben zu guten Teilen.

Ich machte meine Träume von Farbe und Form zum Beruf, stellte fest, dass ich Träume zwar verkaufen kann, aber dann nichts mehr für mich bleibt und wich auf "Plan B" aus. "Plan B" gab es immer... eine Angst, oder besser Sorge, war die vor der Zukunft. Der Zukunft einen Schritt voraus zu bleiben - die passende Lösung.

"Plan B" war gut. Auf Verdacht ausgewählt, wurde er ein versöhnlicher und ergänzender Brückenschlag zum Gestern. Ich war plötzlich dort, wo man wirklich helfen konnte. Wo es einen Unterschied machte, was man sagte und tat. Beileibe nicht immer... nichtmal andauernd. Aber gelegentlich. Das reichte mir... beinahe.
Es folgte der Masterplan; der Weg in die Medizin. Dorthin, wo es zunehmend mehr einen Unterschied macht, ob man Mensch bleiben kann und will. Wo ich genügend "Macht" erarbeiten kann, genügend Freiraum, um irgendwo irgendwas besser zu machen. Nur ein bisschen, so viel eben geht... ohne sich zu opfern.

Ich wähnte mich "fertig"... gut gerüstet,genug Lebenserfahrung für alles, die Schultern breit genug, das Fell ausreichend dick und vernarbt um nicht allzu sehr gebeutelt zu werden. Dazu ziemlich gut darin schnell zu lernen... Scheinbar alles, was man braucht.
Das würde ich schaffen... und der Gedanke, all jenen meinen künftigen Doktortitel ins Gesicht zu rotzen, die mich damals wahlweise im Knast oder Bahnhofstoiletten verorteten, erfüllt mich bis jetzt noch mit einer gewissen Belustigung. Weil mich die Stacheln pieksen, weil es selbstgerechte und arrogante Scheiße ist... und trotzdem: Weil ich mit "denen" noch eine Rechnung offen habe. Mit "denen"...und letztlich: mit mir selbst.

Und jetzt, 16 Jahre, nachdem ich beschlossen habe, keine Angst mehr zu haben, schaue ich in den Spiegel, und mich schaut ein Typ an, der nichts Besonderes ist. Kein Held, nicht bemerkenswert erfolgreich... aber wenigstens ein Typ, der sich im Spiegel betrachten, sich zuzwinkern und mit retrospektiv verstelltem Blick sagen kann..."Abgefahrene Scheiße, Alter... aber lustig."

Und neben mir steht jetzt plötzlich diese Scheißangst, legt mir jovial den Arm um die Schultern und lässt mich wissen, dass sie gewinnen wird. Dass ich ein paar Kämpfe ganz ordentlich für mich gewonnen habe...aber dass sie vorhat, den Kampf um mich und meinen Masterplan ganz eindeutig für sich zu entscheiden.
Der Angriff ist hinterhältig... kurz vor dem Gipfel die Beine gebrochen zu kriegen... nur eine Handbreit vor dem Blick auf das Dahinter. Sich so lange versteckt zu halten, nur um dann so hart zuzuschlagen...ich wusste nicht, dass sie so gut ist, die Angst. Ich halte dagegen, sage, dass ich es auch dieses Mal schaffen werde...
Und da fragt es belustigt zurück "Du - und welche Armee?" ...und der Raum im Spiegel füllt sich plötzlich mit so vielen Geistern der Vergangenheit, dass irgendjemand wirklich dringend Sekt und Hors d'oeuvre reichen sollte. Und von ganz hinten blickt der Geist meines Vaters durch die Gäste, wütend ob der schlechten Leistung seines Sohnes, mit einer Verachtung im Blick, die ich mitnehmen musste, weil sie eine der wenigen Dinge ist, die überhaupt von ihm geblieben sind.

Vermutlich hätte es auch alles glatt laufen können...aber tut es ja nie. Ein kleiner Riss in meiner Abwehr, entstanden, als ich kurz nach Beginn des Studiums alles was ich hatte gegen eine Erkrankung meiner Mutter und die verdrehten Mühlen eines Gesundheitssystems werfen musste, hat gereicht.
Und während einige Prüfungsversuche ungenutzt und unentschuldigt an mir vorüberzogen, während ich ihnen mit leerem Blick und leerem Akku hinterherschaute, luden sich all jene unerwünschten Gäste in den Spiegel ein, um mir die größte Überraschungsparty überhaupt zu bereiten.

Und jetzt schmerzt mein Rücken, und jedes verdammte Gelenk tut mir mitunter weh. Mein Kopf hält mich gerade noch zusammen...ein grimmiger und unnachgiebiger Steuermann, der aber auch nichts anderes mehr leistet, als den Kahn am Laufen zu halten.
Ich liege nachts wach und höre mein Blut rauschen, spüre mein Herz schlagen und drehe und wende die Panik wie einen interessanten bunten Stein, während ich mich frage, ob mein Blutdruck schon die 200er Marke überschritten hat.
Ich funktioniere noch perfekt...aber mehr ist gerade nicht drin.

Wäre da nicht diese Frau, die den Weg durch Stacheln und Panzer, Minenfelder und Ausweichstrategien gefunden hat...ich würde in die Küche gehen und die Hors d' oeuvre für die Überraschungsgäste selbst zubereiten und den Sekt aussaufen, bevor ich am nächsten Tag den offenen Krieg erkläre.
Aber ich fühle mich zu alt für den Scheiß...und ich liebe meine Leute und diese Frau zu sehr, um ihnen das anzutun.

Bis hierhin allein.
Ab hier mit Hilfe. Mit mir und meiner Armee.

Fick Dich, Angst. Es gibt keine Hors d'oeuvre, und Sekt mag ich auch nicht.



Nine Inch Nails - Right Where It Belongs

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33 Antworten

Kommentare

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    Hat mir sehr gut gefallen! Bin zwar spät, aber besser spät als nie - Empfehlung!

    18.03.2011, 21:27 von Janu
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    Das ist mal ein richtig guter Text. Warum? Er "fließt" so schön. Gibt ne Empfehlung.

    17.05.2010, 15:51 von palanka
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      @palanka ...

      10.09.2010, 00:31 von Gluecksaktivistin
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    ich denk man soll keine kommentare löschen die man nicht mag?

    10.05.2010, 22:21 von sizipee
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      @sizipee Ist auch nicht geschehen. Bedank´ Dich beim Neon-Script.

      Ich lösche grundsätzlich nix.

      10.05.2010, 22:49 von derHerrMitDemPixel
    • 0

      @derHerrMitDemPixel das würde mich auch wundern, danke, so weil ich das ich nun immerhin, das ich auf einer Abschußliste stehe, und den Verkehr störe. Da habe ich es doch immerhin zu etwas gebracht.

      liebes team, ihr könnt mich gerne im ganzen löschen.

      28.05.2010, 09:25 von sizipee
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    Ist Krieger gut, bzw. gibt es in jedem Krieg nicht nur Verlierer?

    Ach... das is so´ne Birkenstockrhetorik.
    In jedem Krieg gibt es Gewinner. Je nachdem wie shizophren man ist dann sogar im Krieg mit sich selbst.

    wo die doch wohl die Arme der Liebe zu halten, zu retten und zu behüten scheinen?

    Jetzt musste ich lachen :). Den Absatz muss ich meiner Liebe zeigen. Die muss dann bestimmt auch lachen :D.

    Aber vermutlich soll der Text einfach die Zerissenheit wiedergeben, die du empfindest.

    Iwo. Ich musste bloß mal rumweinen.

    (...) wiel es so trotzig und jugendlich wirkt?

    Nö. Es zeigt einfach nur, wie ich an Dinge herangehe, die ich als bedrohlich empfinde :).
    Da gibt´s gewiss keine Häppchen.

    10.05.2010, 14:16 von derHerrMitDemPixel
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    ich sollte konkretisieren, ich meine das der Satz so am ende noch einmal kommt, weiter oben fand ich ein sehr schönes Bild, wie die anderen sagen. das er am Ende auftaucht, oder die Brüche, die Wortwahl "aussaufen", "Scheiß" , das macht das Ende für mich etwas kleiner als es ist, was bei mir ankommt was du sagen willst.

    10.05.2010, 14:15 von sizipee
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    "Fick Dich, Angst. Es gibt keine Hors d'oeuvre, und Sekt mag ich auch nicht."

    das mit den ors d´oeuvres verstehe ich nicht ganz, soll das den Bogen zu dem Jungen am Anfang schlagen, wiel es so trotzig und jugendlich wirkt?

    Ist Krieger gut, bzw. gibt es in jedem Krieg nicht nur Verlierer? Braucht es diesen matrialischen Ansatz, wo die doch wohl die Arme der Liebe zu halten, zu retten und zu behüten scheinen? Aber vermutlich soll der Text einfach die Zerissenheit wiedergeben, die du empfindest.

    10.05.2010, 14:03 von sizipee
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    @Zio

    Diese Stelle finde ich auch sehr stark.

    30.04.2010, 13:17 von LudwigMartin
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    Top.
    Lieblingssatz:
    "...und der Raum im Spiegel füllt sich plötzlich mit so vielen Geistern der Vergangenheit, dass irgendjemand wirklich dringend Sekt und Hors d'oeuvre reichen sollte."

    26.04.2010, 16:46 von Zio
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Stellenweise ein bisschen zu vage, ein bisschen zu abstrakt, aber vom Grundtenor her gefällt es mir gut.

    Ich weiß auch nicht, was ihr alle habt mit der Frau am Schluss. Der ganze Text ist doch von einem gewissen Pathos getragen, da passt das schon. Man muss ja nicht immer so tun, als würden einem die Dinge nichts bedeuten, oder?

    (Ich hoffe, deiner Mutter geht es mittlerweile wieder besser.)

    24.04.2010, 20:31 von sohalt
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