ah-oui-comme-ca 30.11.-0001, 00:00 Uhr 51 32

Begehre mich!

Ich muss schön sein, immer. Ich muss mich schön fühlen, immer. Und ich will, ich will, dass du das würdigst. Würdige es!

Drei gottverdammte Tage warte ich nun schon. Drei gottverdammte Tage ständiges E-Mails-abrufen und Kette rauchend auf dem Balkon verharren. Wartend. Ich warte, mein Leben steht still.
Ein paar Mal gehe ich aus dem Haus, Müll rausbringen, Post aus dem Briefkasten holen. Stets in den selben kurzen Shorts und dem selben dünnen Hemdchen.
Ich muss mich schön fühlen, ich muss. Ich muss so viel. Aber vor allem muss ich warten.

Ich begleite eine Freundin in eine nahe gelegene Stadt, streife mit ihr ein paar Stunden umher, atme frische Luft frei von Zigarettenqualm. Genieße die Sonne, schmeiße mit gierigen Blicken umher, fange mindestens genauso gierige Blicke auf. Ich blicke in glasklare Augen, ich blühe auf. Aber kaum wenden sich die Augen wieder ab, gehe ich ein.

Verdammt, ich bin doch zu schön, um auf dich zu warten. Zu jung, zu fröhlich, zu intelligent, zu attraktiv, zu unverbraucht und voller Leben. Zu selbstverliebt.
Oder zumindest war ich das mal.

Jetzt bin ich traurig, beinahe schon depressiv, unsicher, fühle mich zu jung, zu ungebildet, zu langweilig und kindisch. Ich bin nicht aufregend, nicht schön genug, denn sonst würdest du mich nicht so lange warten lassen.
Da bin ich mir sicher. Wäre ich doch nur älter, weiter in meinem Leben, da, wo du bist.
Ich verfluche dich, weil du mich so fühlen lässt. Ich weiß, dass ich intelligent bin, aufregend bin, attraktiv bin. Ich weiß es.
Aber es reicht nicht. Du musst es auch wissen, sonst zählt das nicht. Sonst ist es nichts wert. Sonst bin ich nichts wert. Da, es ist raus.
Ich will, dass du mich ansiehst und ich in deinen Augen lesen kann. Dass ich mich selbst in deinen Augen sehe, dein Bild von mir.



Ich fahre wieder nach Hause, schließe mich in meiner Wohnung ein, bin froh wieder allein zu sein.
Ich liege im Bett, denn wenn ich aufstehe fange ich an zu frieren. Es ist kalt draußen, kalt drinnen, mir ist kalt, ich bin kalt. Diesmal trage ich ein kurzes Kleidchen. Es sieht wunderschön aus, es steht mir, es betont meine Figur.
Aber es wärmt nicht.

Ich wünschte, du könntest mich sehen. Denn dann würde ich nicht mehr warten müssen und dann wäre mir auch nicht mehr kalt.
Stattdessen liege ich unter der dicken Decke und starre aus dem Fenster. Hin und wieder stehe ich auf, tapse durch die Wohnung, öffne die Balkontür und setze mich für ein paar Minuten mit einer Zigarette raus. Dann komme ich wieder rein, laufe diesmal durch die Wohnung, springe ins Bett. Am ganzen Körper zitternd.

Ich habe versucht mir einen dicken Pullover anzuziehen, aber ich hielt es nicht aus. Er musste runter. Denn sonst fühlte ich mich nicht schön genug. Nicht gut genug, verdammt, ich gebe es ja zu. Ich muss schön sein, immer. Ich muss mich schön fühlen, immer. Und ich will, ich will, dass du das würdigst. Würdige es!

Ich schaue in den Spiegel.
Du bist nicht gut für mich, denn du erfüllst mich mit Selbstzweifeln.
Und ich bin traurig, ich werde immer trauriger.

Manchmal ist es schön, traurig zu sein. Manchmal bin ich gerne traurig, genieße es. Ich habe Phasen, in denen ich unendlich viel rauche und mich betrinke, in fremden Betten aufwache, Tag für Tag, in denen ich kaum was esse und nur traurige Musik höre. Ich habe diesen Drang, fast schon selbstzerstörerisch.
Aber nicht immer, doch nicht immer. Und es kommt von innen. Normalerweise kommt es von innen. Und ich mag es, denn ich bin nie wirklich traurig.
Und ich bin nicht bereit jetzt wirklich traurig zu sein. Schon gar nicht wegen dir. Schon gar nicht wegen dir. Verdammt.

Du bist in mein Leben getreten, plötzlich und unerwartet. Du hast mich gefesselt. Du hast mich verzaubert und umgarnt. Für einen kurzen Augenblick habe ich gespürt, wie es wäre, wenn ich an deiner Seite bleiben würde, wer ich wäre, und es hat mir gefallen.
Wie es mir schon so oft gefallen hat, an den Seiten so vieler Männer. Aber ich bleibe nie.


Und schon eine kurze Nacht später saß ich auch diesmal im Auto nach Hause. Schon wenige Stunden später saß ich schon wieder in meiner Wohnung. Das einzige was blieb, war die Erinnerung an die wunderschöne Nacht.

Ich bin nicht in dich verliebt. Nein, wirklich nicht. Aber ich mag dich, und ich möchte dich haben. Für ein paar Tage, für ein paar Nächte. Ich möchte mein Leben mit dir teilen und dein Leben mitleben. Nicht lange, ich bleibe nie lange.

Du gibts mir Hoffnung, Hoffnung, dass es doch noch jemanden gibt, den ich lieben könnte. Nicht dich, aber jemanden wie dich, nur in meinem Alter und in meinem Umfeld. Diese Hoffnung will ich nicht aufgeben.

Ich möchte dich nur sehen, berühren, mit dir schlafen, dich küssen. Ich möchte mich dir hingeben. Ich möchte, dass du mich ansiehst und begehrst. Ich möchte, dass du mich willst und schätzt. Dass du mich würdigst. Los! Ich kann icht mehr warten, ich will doch leben.

Dann wird es mir wieder gut gehen. Wenn ich weiß, dass du mich wirklich willst und begehrst, dann kann ich beruhigt gehen und weiterleben bis ich denjenigen treffe, der mich nicht nur verzaubert und fesselt, sondern auch festhält und nie mehr gehen lässt. Der mich begehrt, immer und jederzeit. Auch wenn es kalt ist, auch wenn mir kalt ist, auch wenn ich kalt bin.

Ich möchte mich nur amüsieren, mich an dir wärmen, mich in dir spiegeln. Wieder hoffen. Wieder leben und genießen. Nicht mehr weglaufen müssen, endlich ankommen. Die Maske von mir reißen, in den Spiegel schauen und lächeln.
Aber ich kann das nicht, solange ich nicht weiß, dass du mich willst. In meinem Kleidchen, und auch ohne.

Ein paar Nächte, ein paar Nächte und es geht mir wieder gut. Das weiß ich ganz genau. Ein paar Nächte und dann kann ich gehen. Mit gutem Gewissen und mit Hoffnung. Mit einem neuen Selbstbild. Das du mir kreierst. Dann kann ich gehen und leben.

Du hast es mir versprochen. Versprochen, dass wir diese Nächte zusammen erleben werden. Bald. Du weißt, dass uns nicht mehr lange bleibt. Dass uns bald nur noch mehr trennen wird. Verdammt, du hast es mir doch versprochen.

Wieder rufe ich meine E-Mails ab. Mein Herz stockt. Aber der Absender bist nicht du. Verdammt.

Beinahe hasse ich dich.
Denn mittlerweile ahne ich, dass du es nicht willst, nicht brauchst. Du hast doch deine Freundin, deine Liebe. Und ich war gut für eine Nacht, aber letzlich liebst du sie. Du bist verliebt. In sie.

Auch wenn du es nicht zugeben möchtest, auch wenn du ständig auf der Flucht bist und dabei bei Mädchen wie mir landest. Auch wenn du immerzu nur wegläufst.

Ganz genauso wie ich nicht zugeben möchte, dass ich dich etwas zu sehr mag. Und ganz genauso wie ich stetig davor weglaufe, dass es nicht du bist, den ich liebe, sondern meine Spiegelung in deinen Augen.
Ich weiß es, aber ich verstehe es nicht. Ich will es nicht verstehen. Wie jedes Mal.


...Viel lieber wäre ich wie du.


Du bist wie ich. Gib es zu. Du kannst immer zu mir fliehen. Ich werde dich nicht verraten. Ich fordere nicht viel. Nur einen Blick, einen Blick in deine Augen. In deine glasklaren blauen Augen. Kreier mich, erfinde mich, erschaff mich neu.


...Oder wie deine Freundin.


Ich will, dass du mich begehrst. Du musst mich begehren. Schau mich an. Schau mich an!
Begehre mich!


Verdammt.

32

Diesen Text mochten auch

51 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke.

    04.04.2012, 13:34 von Misguided.Ghost
    • Kommentar schreiben
  • 0

    mag wie du schreibst

    06.12.2010, 18:42 von frl.prusseliese
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Scheiß Herzfickerei, und wofür am Ende, fragen wir uns eines Tages. Sieh es als Zeitvertreib an, um die Zeit bis zum Unvermeidlichen zu überbrücken.

    09.10.2010, 16:56 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Such Dir einen anderen!

    17.09.2010, 06:29 von paul66
    • Kommentar schreiben
  • 0

    So wie ich den Text verstehe, geht es nicht darum, dass die Protagonistin übermäßig eingebildet ist, sondern viel mehr um die Bewusstheit, dass sie sich unter Wert verkauft, und es trotzdem nicht lassen kann. Es tut weh das zu lesen, gerade weil es so erschreckend nachvollziehbar ist. Und noch lange kein Grund seinen Rotwein wieder auszuspucken. Freu dich lieber dass es dir noch nie so ging.

    14.09.2010, 23:29 von isabel_fi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    der text ist klasse! vorallem kann ich mich darin wirklich gut wiederfinden. wobei ich mich deswegen noch lange nicht als krank bezeichnen würde, ganz im gegensatz zu einigen anderen kommentatoren ^^

    14.09.2010, 23:17 von isabel_fi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ...es ist als würdest du über mich schreiben. Mein Herz stand still für eine kleine Weile...

    14.09.2010, 20:45 von lena.liebt.leben
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Der Text ist furchtbar traurig, erinnert mich an eine Freundin. Sie findet sich nie gut genug, will begehrt werden, es allen recht machen, von allen gemocht werden. Selbstdefinition über Fremddefinition. Sie ist seit Kurzem in Therapie...

    14.09.2010, 12:53 von alexiene
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ih mag den Text nicht.
    Ich bin jedoch generell kein Fan von "Ich bin unwürdig" Texten, auch wenn ichs nachvollziehen kann.
    Wenn etwas im argen liegt, dann darf man nicht jammern, sondern muss arbeiten.

    btw.: Ich finde es etwa kritisch, hier gleich mit stümperhaften Diagnosen und Vermutungen über die Verfasserin anzukommen, zumal es sich hier um eine Momentaufnahme handelt.
    Ihr habt die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, auch wenn manche das Bild wohl vermitteln wollen. Schönes Internet.

    14.09.2010, 11:19 von atzepeng
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 6

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare