cumuluswolke 22.07.2007, 23:29 Uhr 7 7

Begegnung mit einem Autisten

Einen kurzen Moment hat sich meine Welt in deinem Tempo weitergedreht, denn du hast gelächelt.

So das Examen in der Tasche und noch 3 Monate Zeit bis zum Anerkennungsjahr.. Zeit um Gliederungspläne für methodisch ausgeklügeltes Zähneputzen zu entwickeln, Zeit um Schafe zu zählen, Zeit um mit dem Fahrrad bis ans Ende der Welt zu klappern... Zeit Zeit Zeit!!

Naja aber erstens kommt es anders usw. : „Aufgrund von momentanen Personalmangel... blablabla...“ Naja Geld kann schließlich jeder gebrauchen und irgendwie ist es ja auch die Arbeit, die mir Spaß macht. Und so fand ich mich einige Tage später in einem Wohnbereich, in dem 16 Menschen mit geistiger und mehrfach Behinderung wohnen wieder. Alles schön und gut und wie das wahrscheinlich irgendwie so meine Art ist, gewann ich die Bewohner sehr schnell, sehr lieb.

Die 78jährige Susanne*, die die schönsten Schimpfwörter kennt, dich mit herrlich viel Trotz in der Stimme als „Bekloppte“ betitelt und fest davon überzeugt ist am Sonntag den netten jungen Kollegen zu heiraten, der die Liebe ihres Lebens ist, die außerdem die Fähigkeit besitzt beim Kreischen genau die Dezibel zu erreichen, um akuten Kopfschmerz auszulösen.

Den gehörlosen Peter, der den Tag damit verbringt auf dem Sofa zu liegen und sich seine Decke möglichst sorgfältig aufs Gesicht zu legen. Er, der es irgendwie immer schafft einen unbeobachteten Moment abzuwarten, um in die, eigentlich immer verschlossene, Küche zu gelangen und beim 'Erwischt werden' das unschuldigste Lächeln im Gesicht hat, was ein Mensch überhaupt haben kann.

Lisa, die ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen und Sensibilität von dir abverlangt, da sie große Schwierigkeiten hat sich für andere verständlich auszudrücken und es verständlicherweise als sehr frustrierend ansieht, wenn du in der Kommunikation mit ihr aufgibst.

Die in ihrer Persönlichkeit sehr durch Borderline beeinflusste Silke. Mit der immer Aufregung da ist. Die, die an meinem ersten Tag schreiend auf dem Boden hockte und sich die Haare ausriss und am zweiten Tag von der Polizei nach Hause gebracht wurde. Die im einen Moment, meine Hand nahm und mir erzählte wie dankbar sie war, dass ich mich um sie kümmerte und mir im nächsten Moment drohte mich abzustechen.

Und die vielen weiteren Persönlichkeiten. Alle individuell, sehr verschieden, teilweise jung und schlitzohrig, teilweise schon älter und gekennzeichnet durch Ablehnung und traurige Erfahrungen. Jeder für sich ein Mensch mit Wünschen, Bedürfnissen und Abneigungen und jeder Mensch für sich auch irgendwie eine Herausforderung.

Und dann bist du da noch. Du... Dein Zimmer erinnerte mich im ersten Moment an einen Käfig, liebevoll eingerichtet, aber ein Käfig. Deine Tür ist stets verschlossen, aber sie hat Löcher, aus denen Du heraussschauen und auch herausgreifen kannst. Du bist Autist. Zu viele Menschen und zufiel Aufregung macht Dich nervös. Nicht nur Dein Zimmer ist ein Käfig. Auch der Mensch in Dir ist gefangen. Gefangen in dem Hüpfball in Dir, der Dich nie still stehen lässt. Gesteuert durch die zahllosen Zwänge, die Deine Mitmenschen verunsichern.

Du wurdest mir als sehr schwierig beschrieben und über das viele Neue der ersten Tage bekam ich erstmal gar nicht so richtig die Möglichkeit Dich persönlich kennenzulernen.

Doch dann kam dieser eine stressige Tag. Silke drohte mal wieder abzuhauen, Susanne umzubringen oder das Haus anzustecken; was Susanne veranlasste mit irgendwelchen Schimpfwörtern dagegen zuhalten. Mit aller Überzeugungskraft, die ich aufbringen konnte, schnappte ich mir die mittlerweile tobende alte Dame, um mit ihr ihr Zimmer sauber zu machen, oder mit anderen Worten ein Unglück zu vermeiden. Ich suchte alles Nötige zusammen und traf die nötigen Sicherheitsvorkehrungen, damit sich keiner die Putzmittel schmecken lassen konnte.

Während Susanne an der Tür stand und ein wenig unwillig verfolgte, wie ich die Möbel aus ihrem Zimmer räumte, um Platz zum Putzen zu schaffen, baute ich Möbelstück für Möbelstück eine Mauer vor Deine Tür, ohne es zu merken.

Susanne unterdessen nutzte die Zeit in der ich mit den Möbeln beschäftigt war, um wieder in Richtung Wohnzimmer zu stapfen. Ich wollte sie zurückholen, als sich irgendwie die Möbelstücke langsam auf mich zu bewegten. Die Bewegung wirkte sanft, irgendwie zaghaft aber auch echt beängstigend, denn in meiner Welt bewegen sich Gegenstände eigentlich nicht!

Ein paar Schreckensmomente später fiel mir dann auf, dass ich Heldin und Superheilerziehungspflegerin in Person Dir gerade die Tür zugebaut hab und dass du verständlicherweise wahrscheinlich einfach ein bisschen auf dich aufmerksam machen wolltest. Mit leicht gerötetem Haupt beeilte ich mich die Möbel schnellstmöglich von deiner Tür wegzustellen und machte mir damit gleichzeitig die Sicht zu Dir frei...

...Die Sicht zu Deinen großen Augen. Du hocktest auf den Boden und schautest zu mir auf. Dein Blick war kindlich und neugierig, aber auch scheu, irgendwie suchend. Ein wenig fasziniert und gefesselt durch Deinen Blick blieb ich einen Moment lang stehen und blickte dir in die Augen. Du löstest in mir was aus... unerklärlich, aber Dein Gesicht setzte Erinnerungen frei. Nicht in Form von Worten oder Bildern, sondern einfach in Form von Gefühlen, die sich in meinem Körper ausbreiteten. Diese Zerbrechlichkeit oder Verletzlichkeit erreichte mich irgendwie und ließ einen Kloß in meinem Hals entstehen. Ein wenig spät wurde mir bewusst, dass du immer noch zu mir aufschauen musst und hockte mich zu dir runter. Leise murmelte ich Dir ein paar Worte zu, worauf du deine Hand ganz langsam und vorsichtig nach mir austrecktest. Genau wie dein Blick war auch diese Geste suchend und neugierig. Mindestens so vorsichtig wie du, strich ich über deine Finger und hob langsam den Kopf um deine Reaktion zu untersuchen und fand ein Lächeln.

Innerhalb diesem kurzen Moment drehte sich meine Welt in deinem Tempo weiter. Ganz ohne Silkes, Susannes oder alles andere Laute, Störende, Hektische. Einen ganz kurzen Moment hatte ich das Gefühl etwas mit dir teilen zu dürfen. Nur ein Lächeln, aber auf faszinierende Art und Weise blieb dieser Moment in mir.

Auch als Susannes Gekreische wieder zu mir durchdrang, auch als ich mich langsam wieder erhob, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Es war der Moment, der mir, mindestens genauso wie von Susanne 'Bekloppte' genannt zu werden, bewies wie sehr ich diese Arbeit liebe und wie goldrichtig meine Berufswahl war. Ein Moment, der mir in der nächsten Zeit nach einer ganzen Menge Gekreische, einiger unschöner Begegnungen mit allerlei Körperflüssigkeiten, ein paar ungeliebter 6-Uhr-Frühdienste und einem regen Wechsel zwischen Morddrohungen und Liebesbekundungen trotzdem die Energie gibt zu Lächeln.

Ich mache den Beruf, um Menschen erreichen zu können, um etwas zu bewirken. Das Examen gerade in der Tasche und voller Engagement und Idealismus... Es tat gut den Moment innezuhalten, um mir wieder bewusst zu werden, dass ich den Beruf auch mache, um erreicht zu werden. DU hast etwas bewirkt, einfach durch ein Lächeln, viel mehr als ich durch 100 Begründungen, Worte und idealistischem Fachgeschwafel je hätte erreichen können.


* Nicht das ich glaube es würde irgendjemand interessieren, aber Namen wurden natürlich alle brav geändert :))!

7

Diesen Text mochten auch

7 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    große gefühle
    großer text
    sehr lesenswert :)

    09.12.2008, 22:22 von vnss
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ja, das erinnert mcih sehr an mein praktikum. warum können uns gerade diese menschen so viel herzlichkeit schenken?

    30.03.2008, 16:06 von fialein
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schön,...nur schade,dass der/die autist/in das ncht lesen kann.
    ich persönlich frage mich immer,wie man gut mit behinderten umgehen kann...manche haben panische angst vor ihnen...sowas finde ich traurig!
    deswegen finde ich es toll zu lesen,wie begeistert du von deinem beruf bist!

    05.09.2007, 18:33 von EnteOhneOhren
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr schön! Erinnert mich verdammt an mein eigenes Praktikum (Artikel "vier Wochen sozial sein...")
    Jeder auf der Gruppe ist anders, hat andere Angewohnheiten oder Seiten, die man irgendwie trotzdem alle anfängt zu mögen...

    26.07.2007, 19:22 von Catherine88
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hallo!
    das ist wirklich ein sehr schöner text - und er spieglet ganz genau das wieder, was du auch beschreibst. toll!
    ich kann dich in deiner situation sehr gut nachvollziehen - besonders wegen dem "problem" welches du im letzten abschnitt erläuterst. ich selbst bin sonderschullehrerin (kurz vor dem zweiten staatsexamen) und bekomme so oft die frage gestellt, wie ich so viel kraft und energie für die schüler aufbringen kann... wenn ich dann antworte, dass ich ja auch etwas von den schülern zurückbekomme, kann das kaum jemand verstehen... vielleicht verstehen sie es nun durch deinen text
    danke dafür!
    mit lieben grüßen von einer gleichgesinnten

    23.07.2007, 20:48 von Kraeuterhex
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare