Based on a true dream.
Eine komische Melodie. Mein Handy vibriert. 6:00 Uhr. Wer bin ich? Ich muss aufs Klo. Dringend. Schlummerfunktion. Weiterschlafen. Noch neun Minuten.
Wir haben uns getroffen, um etwas wahrzunehmen, etwas Großes. Wir, das sind insbesondere eine blonde Frau und ich. Doch da gibt es noch jemanden, einen Mann, wir spüren seine Anwesenheit, er sitzt zu meiner Rechten, an unserem Tisch, in einer Bar, ein stummer Unsichtbarer mit telepathischen Fähigkeiten, dessen Anekdoten gefallen.
Als ich die Bar vor einer guten Stunde betrat, musste ich unweigerlich an die Opiumhöhle aus „Es war einmal in Amerika“ denken, welche dem hiesigen Betreiber offensichtlich als innenarchitektonisches Vorbild diente, mit anderen Worten: der Rauch steht und die Papp-Drachen fliegen. „Kaufst du mir das neue Album von Usher?“ fragt mich die blonde Frau an unserem Tisch, was mich in meinem Beschluss bestärkt, mich heute mal nicht verführen zu lassen. Während ich nicht antworte, entschuldigt sich unser männliche Zeitgenosse und tritt seinen unsichtbaren Gang durch die dichtgedrängte Menschenmenge in Richtung Toilette an. Ich muss auch aufs Klo.
Nach zehn Minuten schnöder Zweisamkeit verspüre ich plötzlich wieder eine euphorisierende Dreisamkeit. Der Mann ist zurück. Und erleichtert, wie er sagt. Keine Ahnung, ob er überhaupt etwas, das man erleichtern könnte, auf die Waage bringt. Egal. Da wir uns momentan lediglich in einer der zahlreichen äußersten Ecken der Bar befinden, beschließen wir, uns einen neuen Tisch zu suchen. Wir versprechen uns von unserem Umzug eine bessere Wahrnehmung. Eine bessere Wahrnehmung des womöglich schon bald wahrnehmbaren Großen.
Direkt im Zentrum der weitläufigen Bar finden wir schließlich ein zufrieden stellendes Plätzchen. Drei rothaarige Sommersprossenmenschen bemerken unser Begehren und räumen ungefragt den ihrerseits besetzten Tisch. Sie hauen einfach ab. Als ob sie den Tisch als rothaarige Sommersprossenmenschen nicht für sich beanspruchen dürften. Wenn das so weitergeht mit der Unterwürfigkeit, wird sich die Prophezeiung einiger Wissenschaftler, dass man rothaarigen Sommersprossenmenschen in naher Zukunft nurmehr im Zuge einer Zeitreise in die nahe Vergangenheit die Sexualpartner wegschnappen kann, wohl tatsächlich erfüllen. Naja.
Wir lassen uns erleichtert auf die leeren Stühle plumpsen. Irgendwie in Zeitlupe. Und irgendwie synchron. Bald werden wir sitzen und die Wahrnehmung des Großen auf tollen Plätzen erwarten. Ob dieser Verheißung schenke ich der blonden Frau auf halber Plumpsstrecke ein entzückendes Lächeln, welches sie mit einem nicht minder entzückenden Lächeln pariert. Doch kurz darauf verdunkeln sich meine Gesichtszüge, denn ich plumpse immer weiter, und weiter, und weiter, und ich lande auch nicht auf einer hölzernen Sitzfläche, nein, ich lande auf einem weichen Bett in einem kahlen Raum, und neben mir liegt die blonde Frau, nackt und erschreckend heißblütig, sie versucht mich zu ergreifen und ich fliehe, aber sie ist flink, flinker als ich, in dieser Welt kann sie niemand aufhalten, die physikalischen Gesetze folgen ihr aufs Wort, sie umarmt mich, presst mich fest an sich, ich schaudere, zapple wie ein Geisteskranker, will dem Griff entfliehen – keine Chance. Sie haucht mir ins Ohr: „Du hast zwei Stunden Zeit, bis Mitternacht. Wenn du mir bis dahin das neue Album von Usher nicht besorgt hast, hol‘ ich dich zurück in mein Bett und lass‘ dich nie wieder los.“ Der unsichtbare Mann kichert unter dem Bett. Ich spüre es.
Zwei Stunden ist eine lange Zeit. Aufgrund dessen halte ich es für absolut vertretbar, meiner Freundin Sarah noch einen kurzen Besuch abzustatten, bevor ich mich mit Usher und seinem neuen Album beschäftige. Dementsprechend mache ich mich mit zuversichtlichen Gedanken und unter Verwendung meines Opels auf den Weg zu Sarahs Wohnung. Dabei kann mich selbst ein unglücklicher Zusammenprall mit einem Krankenwagen nicht aufhalten, nicht zuletzt weil daraus ein lediglich geringfügiger Schaden resultiert: meine Autoantenne stößt nunmehr in regelmäßigen Abständen geysirartige Fontänen Scheibenwischerwasser aus, das ist alles.
Ich treffe Sarah in ihrem Schlafzimmer vor dem Fernseher an, ziehe sie aus, lege sie bäuchlings auf den Küchentisch und mache mich auf die Suche nach einem Meterstab oder einem zweckidentischen Gegenstand. Nachdem ich zehn Minuten in allen erdenklichen Schubladen herumgewühlt habe, muss ich mich letztlich mit einem verdammten Geodreieck begnügen. Es kostet mich folglich große Mühe, die nackte Sarah möglichst exakt abzumessen. Ehe ich in Richtung Elektrofachgeschäft abdüse, vermerke ich: Sarahs Körperlänge beträgt 1,67 Meter.
Ich irre verzweifelt durch die Innenstadt. So viele Geschäfte, aber keine Spur von Ushers neuem Album. Die Zeit verrinnt. Hätte ich doch vorhin bloß nicht noch Sarah abgemessen. Wenn die Geschichte hier in die Hose geht, werde ich meine Freundin nie wieder abmessen können. Das hätte ich bedenken müssen. Stattdessen habe ich einmal mehr die kurzfristige Befriedigung meiner Bedürfnisse gefährlich stark in den Vordergrund gestellt und die möglichen negativen Konsequenzen konsequent vernachlässigt. Dunkle Wolken ziehen auf. Und was sonst noch so passiert, sobald einem das Unheil bis zum zugeschnürten Hals steht. Aber ich gebe nicht auf und klammere mich an den letzten Strohhalm: das Studio von Aggro Berlin. Klar weiß ich, dass Usher mit Aggro Berlin nicht allzu viel am Hut hat, trotzdem erscheint mir ein Besuch des Studios durchaus erfolgsversprechend. Zumindest gibt es da CDs mit nerviger Musik drauf.
Vor der Eingangstür zum Studio erleide ich eine Panikattacke - aus Angst vor Nackenschellen seitens sonnenbebrillter Neandertaler, die Usher-Fans als schwul und damit einiger Nackenschellen würdig erachten. Zur Beruhigung trete ich dreizehn dieser überall herumschwirrenden Unheil-Krähen tot, dann geht’s wieder.
Ich betrete Aggro Berlins heilige Hallen und traue meinen Augen nicht: das Einzige, was man hier vielleicht als annähernd „aggro“ bezeichnen könnte, ist eine mitten im Raum befindliche, winzige Venusfliegenfalle, die ein semmelblonder Hänfling jungen Alters mit schäumender Cola übergießt. An den rot gestrichenen Wänden prangen goldene Schallplatten, der Boden ist flauschig-weich, Möbel existieren nicht, genauso wenig wie Neandertaler, nur der Hänfling und seine fleischfressende Pflanze. Ich huste, um auf mich aufmerksam zu mache - mit Erfolg.
„Hallo, ich heiße Stefan, was kann ich für Sie tun?“ fragt der Hobbygärtner, nachdem er sich an die Tatsache meines Besuchs gewöhnt hat.
„Haben Sie das neue Album von Usher?“ erwidere ich und muss aufs Klo.
Eine komische Melodie. Mein Handy vibriert. 6:00 Uhr. Wer bin ich? Ich muss aufs Klo. Dringend. Schlummerfunktion. Weiterschlafen. Noch neun Minuten.
Stefan meint, es herrsche ein übler Geruch in meinem Wohnzimmer, also stehe ich auf und öffne die Terrassentür. Anschließend geselle ich mich wieder zu Stefan aufs Sofa. Wir schließen die Augen und genießen die frische Luft, die in unseren gebeutelten Lungen für spontane Partystimmung sorgt. Allerdings währt unsere gute Laune - wie so oft in letzter Zeit - nicht lange: ein hektisches Flattergeräusch reißt uns jäh aus unseren sehnsuchtsschwangeren Tagträumen. Als ich die Augen öffne, sehe ich ein flügelschlagendes Wesen, das sich in mein Wohnzimmer verirrt hat und nicht fähig scheint, auf eigene Faust zurück in die Freiheit zu gelangen. Panik macht sich breit. Das Riesending fliegt wild umher und reißt Porzellan sowie Gläser zu Boden, es klirrt und kracht in allen Winkeln. „Unter den Couchtisch!“ rufe ich Stefan zu und verschanze mich eben dort, Stefan folgt mir, ich muss aufs Klo, eine Weile vergeht, ich drücke eine zittrige Hand, ohrenbetäubender Lärm, doch schließlich: Stille. Wohltuende Stille.
Stefan und ich kriechen vorsichtig aus unserem Versteck hervor und da liegt er, der Übeltäter, auf dem Sofa, unter einem zersplitterten Bilderrahmen, in einer Pfütze aus Federn, Scherben und Blut, nurmehr grobmotorisch zuckend – ein halbtoter Mäusebussard mit einer spektakulären Kopfverletzung. „Meine Mutter hat immer gesagt, man soll auf die Wunde pinkeln, wenn man sich verletzt hat“, meint der nun tief betroffene Stefan und ich sage „Na schön!“, stelle mich vor die Couch, öffne die Knöpfe meiner Jeans und lasse einfach laufen. Endlich.





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