LifeInANick 25.10.2016, 09:59 Uhr 17 22

Barbieface

Sie weiß auch nicht, warum sie ihr Leben gern alleine mag. Verfasser der Generation Y-Artikel meinen regelmäßig, sie hätte Bindungsprobleme.

Sie tanzt, etwas galant, hauptsächlich leichtfüßig, frei, aber gekonnt wirkend, sogar mehr noch: als wäre das ihr zweiter Normalzustand, das Tanzen, neben dem nächtlichen Liegen, tagtäglichen Sitzen und gelegentlichem Gehen. Ihr Haar scheint es genau so anarchisch zu lieben wie sie. Überall um ihren lachenden Kopf schwirren die schrillen Haare im Licht der Nacht, ein paar ruhen sich auf dem warmen Schweiß der Stirn aus, andere verdecken wirbelnd ihren Blick.

Sie ist besoffen, endlich wieder, erhascht suchende, leicht schüchterne, begehrende Blicke von adretten, sogar gut gekleideten, Schlafzimmerblicktragenden, vielleicht sogar etwas langweiligen Typen auf der Tanzfläche und cool angewurzelten, am Rand des blinkenden, verrauchten, lauten Raums stehenden. Aber sie will nicht, sie will nur gucken und weg sein, mit ihrer grünen Leggings, ihrem pinken Shirt und silber-glitzernden Schuhen. Nur die Haare, die sind ungefärbt.

Sie hat Freude an Dingen, die die meisten irritieren: am Gehen und der Gefühlskaskade dabei. Gehen aus Beziehungen, aus Anstellungen, Gehen aus Erwartungen und früher aus eigentlich als überwältigend geplanten Vorstellungen. Das verwirrt alle, die Gegenübers und sie selbst.

Sie hält diese Momente innerlich fest, Seelenpolaroid, und sie gehören nur ihr, diese Abgänge. Sie sagt, es ist gar nicht so einfach, einen guten Abgang zu finden, der Eindruck schindet und hinterlässt. Es werde auch immer schwieriger, denn alles geht immer schneller. Altkluge Sätze sind ihr Ding, genau wie gute Abgänge. Sie ist ein Kind der 80er, weiß zwar selber nicht so genau wohin mit dieser Kategorisierung, aber sie ist unverschuldeter Weise nun mal da, alle reden darüber, geben ihr Titel wie die Y-Generation, schimpfen ein bisschen, schreiben vielleicht einen kurzen Text und verschwinden dann wieder von der Bildfläche. Zurück bleibt ein Eindruck, wenn das Gesagte nicht ganz schlecht war, oder at least: ein fahler Beigeschmack, ob die Meinung jetzt auch einen selbst betrifft, oder nicht.

Zu so einem Zeitpunkt hatte sie beschlossen häufiger Abgänge zu haben. Bei Tanzmomenten sind diese besonders; besonders anders, besonders anhaltend, besonders ehrlich, irgendwie. Warum versteht sie selbst nicht so richtig. Wenn sie aufhört zu wirbeln, tanzen und Hand in Hand mit der Musik die Nacht zu durchkreuzen, folgen ihr nicht nur gelegentlich Blicke, sondern auch ihre Besitzer. Das sind solche Momente. Sie ist dann einfach weg. Einfach so. Genau wie sie kam. Findet einer der Besitzer sie wieder, eine andere Nacht, ist der Abgangs-wiedererkennungsblick unbeschreiblich, unbezahlbar, findet sie.

Das sind die harmloseren, von denen sie viele hat.
Sie weiß auch nicht, warum sie ihr Leben gern alleine mag. Verfasser der Generation Y-Artikel meinen regelmäßig und klug-klingend, sie hätte Bindungsprobleme. Aber sie hat nicht mal Bindungsverlangen. Sie mag einfach nur das Gehen. Und, so verstörend es sein mag, das Alleine sein. Was dann ja wieder zusammen passt.

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17 Antworten

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    "Wir wollen uns nicht in eine Schublade stecken lassen"

    "Nein, zusammen wir nicht"
    "Wir wollen nicht definieren, was wir haben, das ist beengend"
    So ein Quatsch...

    14.11.2016, 12:47 von GertaMerta
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    Schließe mich an: guter Text! 

    12.11.2016, 22:22 von Filousoph
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    ' klug-klingend, sie hätte Bindungsprobleme. Aber sie hat nicht mal Bindungsverlangen' -alleine dafür feier ich diesen Text schon.

    12.11.2016, 19:58 von Besinnmich
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    !!!!!

    26.10.2016, 09:33 von quatzat
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      Ich danke dir...

      25.10.2016, 13:46 von sailor
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    • 0

      Das letzte gute Editors Album.

      25.10.2016, 21:35 von riotsk
    • 0

      Hmmmgnnjanöööö...
      In This Light and on This Evening finde ich auch noch... gut. Da ist der Gitarrist ja noch an Bord...

      26.10.2016, 08:58 von sailor
    • 0

      Den Style fand ich schon sehr bemüht. Auf der letzten fand ich "no harm" atemberaubend und den Rest mega öde!

      26.10.2016, 17:07 von riotsk
    • 0

      Bockstark, ich kannte die Band bis gestern gar nicht *Lob

      26.10.2016, 17:44 von LifeInANick
    • 0

      Mega öde trifft's durchaus... Ich meinte eine gewisse coldplayisierung zu verspüren...

      @lian
      Vielen Dank...

      27.10.2016, 05:50 von sailor
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  • 1

    guter text !

    25.10.2016, 12:10 von EC_Lino
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    Sie tanzt, etwas galant, hauptsächlich unbezwungen, frei, aber gekonnt wirkend, sogar mehr noch: als wäre das ihr zweiter Normalzustand, das Tanzen, neben dem nächtlichen Liegen, tagtäglichen Sitzen und gelegentlichem Gehen
     chchch.

    25.10.2016, 11:32 von zeckenweibchen
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  • 1

    (unter abgang kann man auch das verstehen, was man dann später braucht, um weiterhin alleine zu bleiben)

    25.10.2016, 11:30 von libido
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